Warum der deutsche Buchhandel gegen Amazon verlieren wird

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Wer mich kennt, weiß, wie wenig ich von Amazon halte. Die Arbeitsbedingungen sind Dauerthema, die fehlende Bereitschaft, Steuern zu zahlen genauso. Und dass Amazons Selfpublishing-Angebote nur dazu dienen, um „Verlage zu jagen wie Gazellen“ und sich selbst eine Monopolstellung zu sichern, dürfte sich nur unter den naivsten Selfpublishern noch nicht herumgesprochen haben.

Trotzdem werden Verlage und der Buchhandel gegen Amazon verlieren, weil sie einfach nicht aus dem Quark kommen. Ja, es gibt Tolino. Nach immerhin 10 Jahren haben es Verlage und Teile des Buchhandels geschafft, sich so weit zusammen zu raufen, um dem Kindle Konkurrenz zu machen. Aber das war es dann auch. Seither tut sich nichts mehr. Allenfalls werden dem Tolino ein paar neue Features verpasst. Oder man bringt eine neue Hülle heraus. Aber das eBook ist und bleibt unbeliebt.

Vor kurzem hatte ich schon einmal darüber gebloggt, was ich mir von Tolino wünsche, weil ich den Reader inzwischen einfach gern benutze. Heute muss ich mal wieder den Frust über das Finden von Büchern loswerden.
Anlass dafür ist folgende Meldung bei Buchreport: „Thalia stattet die Verkäufer auf der Fläche mit Tablets aus.“ Wenn man das liest, zuckt man erst mal mit den Schultern. Neue Computer für die Filialen – na und? Aber die eigentliche Meldung ist eine andere. Thalia hat eine App entwickelt, die zur Beratung in den Geschäften eingesetzt werden soll. Diese App bietet Recherchemöglichkeiten und greift dabei u. a. auf die Empfehlungen des Buchhandels sowie der Buchbewertungen zu. Das ist erst mal keine schlechte Idee, aber sie richtet sich an die falschen Adressaten. Im stationären Handel sollte man eigentlich erwarten, von jemandem beraten zu werden, der eine entsprechende Ausbildung gemacht hat, gerne liest und sich dementsprechend mit Büchern auskennt. Eigentlich müsste niemand weniger auf eine „Beratungs-App“ angewiesen sein, als ausgerechnet das Verkaufspersonal im stationären Buchhandel.

Ganz anders sieht es in den Online-Buchländen aus. Was mich bei allen eBook-Stores stört, ist die fehlende Fantasie der Betreiber. Bei jedem springen mich die gleichen Angebotskategorien an. Ganz oben „Schnäppchen“ und „Bestseller“ und irgendwo ganz hinten ein paar lieblos zusammengestoppelte Genres. Ich kenne dieses Aussehen eigentlich nur von 1€-Ramschläden.
Aber kein Buchladen, den ich kenne, so aufgebaut. Die meisten haben zwar eine Wand an der die Werke nach irgendwelchen Bestenlisten sortiert sind und manchmal gibt es auch einen Wühltisch. Aber daneben gibt es Abteilungen und Unterabteilungen, Thementische, Empfehlungen und Personal, das einen (im Idealfall sogar kompetent) berät.
Online-Buchhandlungen haben nichts davon.

Dabei wäre gerade in Online-Shops eine Beratung sinnvoll. Eine, die einem die Richtung weist und beim Stöbern hilft. Aber statt diesen Weg zu gehen, hat man sich bei Thalia offensichtlich entschieden, beim Personal zu sparen. Zur Bedienung einer App muss niemand eine Ausbildung machen. Es reicht, wenn er oder sie die richtigen Schaltflächen berührt. Die Verkäufer sind nach kurzer Schulung einsetzbar und entsprechend billig.
Was die Kundschaft davon hält und wie viel Kompetenz man solchem Personal zutraut, ist eine andere Frage. ‚Für meinen Teil, kann ich sie so beantworten, dass ich nicht aus dem Haus gehen muss, um jemandem zuzugucken, wie er auf einem Bildschirm herumtippt. Dann suche ich lieber von zuhause aus und mit meinem eigenen Rechner.
Gleichzeitig gehe aber auch davon aus, dass Amazon seine KI weiterentwickeln wird, um Kunden das eigene Beratungsangebot zu verbessern. Und damit beantwortet sich auch die Frage, wo die Kunden, die nicht mehr aus dem Haus gehen, künftig einkaufen werden.

Wenn sich nicht ganz schnell etwas im Denken ändert, werden die Buchläden der Tolino-Allianz immer weiter abgehängt. Online, wie offline.
Der große Hai Amazon wird überleben. Vielleicht auch die kleinen, spezialisierten Buchläden. Diejenigen, die ihre Nische kennen und ihren Kunden wirkliche Beratung bieten können. Aber diejenigen, die nur auf Masse setzen, haben Amazon aktuell nichts entgegenzusetzen. Soweit sie ihr Geschäftsmodell nicht radikal ändern, werden sie untergehen und mit ihnen vermutlich ein paar Verlage*. Immerhin: Es wird ein verdienter Untergang sein und sie werden ihn sich hart erarbeitet haben.


* Die Verlage, weil sie eBooks nach wie vor wie die anrüchige Konkurrenz der „eigentlichen Bücher“ behandeln.

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3 Kommentare zu „Warum der deutsche Buchhandel gegen Amazon verlieren wird

  1. Liebe Nike, „leider“ gehe ich Deine kritische Einschätzung gegenüber dem stationenären Buchhandel im Vergleich mit Amazon mit. Allerdings scheint mir die in dem Artikel vorgestellte App nicht ganz so schlecht. Da steht: Der Kunde kann mithilfe dieser App direkt in der Fläche bezahlen und muss nicht mehr an die Kasse gehen. Wer nur zu Stoßzeiten in den stationären Buchhandel kann, weiß, dass das ein hilfreiches Feature ist. Die Sache mit den Bewertungen erscheint mir ähnlich wie bei den Reisebüros eine „Kapitulation“ vor den Nutzungsgewohnheiten der Leute. Leser schauen sich Online-Bewertungen an, warum dann nicht gleich im Geschäft, wenn ein – hoffentlich – geschulter Buchhändler daneben steht … Ansonsten bin ich aber bei Dir, und erweitere das auch gerne um Verlage, es braucht neue Ansätze im Buchgeschäft …

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    1. Danke für deinen Kommentar. Ich wünschte ja auch, die Einschätzung wäre eine andere …^^
      Über die App weiß ich zu wenig, um beurteilen zu können, wie gut sie ist. M. E. ist aber die Zielrichtung falsch gewählt. Und ob es in Stoßzeiten schneller geht, einen Verkäufer zu finden, der mit einem ans Tablett geht um zu zahlen, als sich in die Schlange an der Kasse einzureihen – das wird die Zeit zeigen. 🙂

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  2. Ich habe in den USA bei Borders gearbeitet, das war so zu sagen das amerikanische Thalia. Die haben die gleichen Fehler gemacht und sind pleite gegangen. Die kleinen spezialisierten Buchhandlungen haben, trotz fehlender Buchpreisbindung, ueberlebt.

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