[Rezension] Crossroads von Jürgen Albers

Huch, ein Krimi?

Zugegeben: Eigentlich war diese Rezension für ein anderes Blog gedacht, auf dem ich auch gelegentlich schreibe. Andererseits gibt es gute Gründe, Crossroads nicht dort, sondern hier zu besprechen. Bevor ich darauf eingehe, möchte ich das Buch aber kurz vorstellen.

Klappentext

Sommer 1940: Für den erfahrenen Londoner Chief Inspektor scheinen die beschaulichen Kanalinseln keine Herausforderung bereit zu halten. Aber kurz bevor die deutsche Wehrmacht die Inseln besetzt, verliert eine schöne junge Frau ihr Leben.

Auf einer kleinen Insel, abgeschnitten und besetzt vom Feind, muss Norcott erkennen, dass er es mit mehr als einem Gegner zu tun hat. Die Welt scheint voller Masken und auch im hellen Sommersonnenschein bleibt die entscheidende Frage: Hinter welcher Maske steckt ein Freund, hinter welcher der Gegner?

Inhalt

Vom Aufbau her ist Crossroads ein klassischer Who-dunnit im Stil der Landhauskrimis. Ganz am Anfang steht der im Klappentext beschriebene Mord, am Ende die Aufklärung, dazwischen gibt es, wie in jedem guten Who-dunnit jede Menge Verdächtiger und falscher Fährten. Auf blutrünstige Details wird weitgehend verzichtet.
Das erste Opfer ist die lebenslustige Frau des örtlichen Bankdirektors, der deshalb auch schnell zum Hauptverdächtigen avanciert. Allerdings haben auch andere Inselbewohner sehr plausible Motive. Ihnen nachzugehen ist unter den gegebenen Umständen alles andere als einfach. Immerhin ist Krieg. Es wird erwartet, dass die Deutschen demnächst die Kanalinseln besetzen. Die Briten planen nicht, sie zu verteidigen – aber sie wollen es den Deutschen so schwer wie möglich machen und kappen daher jede Verbindung zur Hauptinsel. Damit sind auch die Ermittlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt.
Das ändert sich zwar ein wenig, als die Deutschen die Inseln besetzen, aber natürlich bringt die deutsche Besatzung auch neue Probleme. Inspektor Norcott ist auf die Kooperation mit den ungeliebten Deutschen genauso angewiesen, wie diese auf ihn.
Die Situation verschärft sich, als sich ein weiterer Mord ereignet. Wieder ist eine schöne junge Frau das Opfer und Inspektor Norcott muss sich fragen, ob er etwas übersehen hat.

Stil

Passend zum Sujet, ist der Stil eher zurückgenommen aber keinesfalls eintönig. Er passt zum Landleben, das zwar durch dramatische Ereignisse kurzfristig aufgewühlt wird, aber – zumindest bei oberflächlicher Betrachtung – bald in seinen ruhigen Fluss zurückfindet. Entsprechend sind auch die Figuren angelegt: Jede hat ihre Marotten und Eigenheiten, aber diese wirken nie schrill oder aufgesetzt. Vor allem gibt es kein klares gut-böse Schema. Dadurch erhöht sich einerseits die Glaubwürdigkeit der geschilderten Ereignisse, gleichzeitig gewinnen die Figuren eine gewisse Doppelbödigkeit, was wiederum die Spannung erhöht.

Leider wird der Erzählfluss an den Kapitelanfängen stark abgebremst, da diese zwar in der Erzählgegenwart beginnen, unmittelbar im Anschluss aber eine längerer Rückblende darauf folgt, was in der Zwischenzeit passiert ist. Das ist um so ärgerlicher, weil oft elegantere Lösungen möglich gewesen wären.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die durchgängige Verwendung der Amtsbezeichnung Chief Inspektor. Das liest sich wegen des deutsch-englisch-Mischmasches seltsam. Besser wäre es gewesen, beim Chief Inspector zu bleiben.

persönliche Wertung

Trotz der Kritik haben mir Geschichte und Erzählstil insgesamt gut gefallen. Allerdings muss ich zugeben, Crossroads  als Krimi eher mäßig zu finden. Auf mich wirkten die Ermittlungen nicht wie die Recherche eines erfahrenen Kriminalbeamten, sondern wie  Stochern im Nebel verbunden mit dem schon fast verzweifelten Festhalten an Hypothesen, die auch Norcott nur halbherzig glaubt.

Allerdings – und das ist auch der Grund, warum ich Crossroads hier im Blog rezensiere -ändert sich die Bewertung sofort, wenn man Crossroads nicht als Krimi, sondern als historischen Roman liest,  in dem nun mal ein Mord passiert.
Unter diesem Aspekt ist Crossroads tatsächlich hochspannend. Jürgen Albers hat hervorragende Recherchearbeit geleistet und bringt das auch rüber. Ich kenne keinen deutschsprachigen Autor, der diesen Teil des 2. Weltkriegs so intensiv beleuchtet – und dann noch aus britischer Perspektive. Jürgen Albers hat viel Zeit und Energie in die Recherche gesteckt und die Fakten zu einem detailreichen, lebendigen Bild zusammengefügt. Ob es nun die Probleme eines wegbrechenden Markts für Tomaten sind oder die Schwierigkeiten der Kommunikation: Ich habe sehr viel über diese Zeit im allgemeinen und über das Leben auf den Kanalinseln im Besonderen erfahren. Spannend fand ich auch die Entdeckung, dass das Hamburger Franzbrötchen möglicherweise auf einem französischen Kuchen beruht, der bei Inspektor Norcott großen Anklang findet. Aber das ist meine private Spekulation und hat mit der Handlung nur am Rande zu tun.
Sehr gut hat mir außerdem gefallen, dass die Charaktere zwar im Denken ihrer Zeit verhaftet sind, Jürgen Albers aber nicht der Versuchung eines Gut-Böse-Schemas erlegen ist. So sind die Deutschen zwar Gegner aber genauso wenig abgrundtief böse, wie die Engländer, Iren und Franzosen als übermäßig gut oder heldenhaft geschildert werden.
Wenn es an den Charakteren etwas zu meckern gibt, dann allenfalls bei den Frauen, die für mein Dafürhalten ein bisschen zu wenig Eigendynamik entwickeln. Damit meine ich nicht so sehr, dass sie sich im Wesentlichen auf Männer ausrichten – das mag der Zeit geschuldet sein. Wenn eine vorteilhafte Ehe und die Gründung einer Familie als höchstes Lebensziel propagiert werden, ist diese Haltung kein Wunder. Aber dass diese Frauen überhaupt keine positiven Beziehungen zu anderen Frauen haben, sei es zu Freundinnen, Schwestern, Müttern, Nachbarinnen, sondern praktisch ausschließlich in Beziehung zu männlichen Konterparts geschildert werden, das erstaunt dann doch. Eine rühmliche Ausnahme ist die französische Ärztin, die zwar nur ein Nebencharakter ist, aber auf sehr anrührende (und tragische) Weise eigenständig.

Fazit

Wer englische Landhauskrimis mag, wird vermutlich auch Crossroads trotz der gelegentlichen Schwächen gerne lesen. Besonders empfehlenswert ist das Buch aber für diejenigen, die endlich mal wieder einen gut recherchierten historischen Roman suchen. Als solchen kann ich Crossroads wirklich empfehlen!

Rezi Cover Crossroads (2)
Bildquelle: Eigene Aufnahme

 

„technische“ Daten:

Titel: Crossroads – Ein Inspektor Norcott-Roman
Autor: Jürgen Albers

Taschenbuch: 616 Seiten
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform;
ISBN-10: 1545357617
ISBN-13: 978-1545357613

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[Schnipsel] Werwolf-Western

Beim Werwolf-Western tut sich was. Wahrscheinlich werde ich den gesamten Anfang umschreiben. Aber erst, wenn der Rest der Geschichte aus meinem Kopf auf die Festplatte gewandert ist.

Schnipsel1 Gespenster
Foto: werner22brigitte via pixabay

 

Warum der deutsche Buchhandel gegen Amazon verlieren wird

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Wer mich kennt, weiß, wie wenig ich von Amazon halte. Die Arbeitsbedingungen sind Dauerthema, die fehlende Bereitschaft, Steuern zu zahlen genauso. Und dass Amazons Selfpublishing-Angebote nur dazu dienen, um „Verlage zu jagen wie Gazellen“ und sich selbst eine Monopolstellung zu sichern, dürfte sich nur unter den naivsten Selfpublishern noch nicht herumgesprochen haben.

Trotzdem werden Verlage und der Buchhandel gegen Amazon verlieren, weil sie einfach nicht aus dem Quark kommen. Ja, es gibt Tolino. Nach immerhin 10 Jahren haben es Verlage und Teile des Buchhandels geschafft, sich so weit zusammen zu raufen, um dem Kindle Konkurrenz zu machen. Aber das war es dann auch. Seither tut sich nichts mehr. Allenfalls werden dem Tolino ein paar neue Features verpasst. Oder man bringt eine neue Hülle heraus. Aber das eBook ist und bleibt unbeliebt.

Vor kurzem hatte ich schon einmal darüber gebloggt, was ich mir von Tolino wünsche, weil ich den Reader inzwischen einfach gern benutze. Heute muss ich mal wieder den Frust über das Finden von Büchern loswerden.
Anlass dafür ist folgende Meldung bei Buchreport: „Thalia stattet die Verkäufer auf der Fläche mit Tablets aus.“ Wenn man das liest, zuckt man erst mal mit den Schultern. Neue Computer für die Filialen – na und? Aber die eigentliche Meldung ist eine andere. Thalia hat eine App entwickelt, die zur Beratung in den Geschäften eingesetzt werden soll. Diese App bietet Recherchemöglichkeiten und greift dabei u. a. auf die Empfehlungen des Buchhandels sowie der Buchbewertungen zu. Das ist erst mal keine schlechte Idee, aber sie richtet sich an die falschen Adressaten. Im stationären Handel sollte man eigentlich erwarten, von jemandem beraten zu werden, der eine entsprechende Ausbildung gemacht hat, gerne liest und sich dementsprechend mit Büchern auskennt. Eigentlich müsste niemand weniger auf eine „Beratungs-App“ angewiesen sein, als ausgerechnet das Verkaufspersonal im stationären Buchhandel.

Ganz anders sieht es in den Online-Buchländen aus. Was mich bei allen eBook-Stores stört, ist die fehlende Fantasie der Betreiber. Bei jedem springen mich die gleichen Angebotskategorien an. Ganz oben „Schnäppchen“ und „Bestseller“ und irgendwo ganz hinten ein paar lieblos zusammengestoppelte Genres. Ich kenne dieses Aussehen eigentlich nur von 1€-Ramschläden.
Aber kein Buchladen, den ich kenne, so aufgebaut. Die meisten haben zwar eine Wand an der die Werke nach irgendwelchen Bestenlisten sortiert sind und manchmal gibt es auch einen Wühltisch. Aber daneben gibt es Abteilungen und Unterabteilungen, Thementische, Empfehlungen und Personal, das einen (im Idealfall sogar kompetent) berät.
Online-Buchhandlungen haben nichts davon.

Dabei wäre gerade in Online-Shops eine Beratung sinnvoll. Eine, die einem die Richtung weist und beim Stöbern hilft. Aber statt diesen Weg zu gehen, hat man sich bei Thalia offensichtlich entschieden, beim Personal zu sparen. Zur Bedienung einer App muss niemand eine Ausbildung machen. Es reicht, wenn er oder sie die richtigen Schaltflächen berührt. Die Verkäufer sind nach kurzer Schulung einsetzbar und entsprechend billig.
Was die Kundschaft davon hält und wie viel Kompetenz man solchem Personal zutraut, ist eine andere Frage. ‚Für meinen Teil, kann ich sie so beantworten, dass ich nicht aus dem Haus gehen muss, um jemandem zuzugucken, wie er auf einem Bildschirm herumtippt. Dann suche ich lieber von zuhause aus und mit meinem eigenen Rechner.
Gleichzeitig gehe aber auch davon aus, dass Amazon seine KI weiterentwickeln wird, um Kunden das eigene Beratungsangebot zu verbessern. Und damit beantwortet sich auch die Frage, wo die Kunden, die nicht mehr aus dem Haus gehen, künftig einkaufen werden.

Wenn sich nicht ganz schnell etwas im Denken ändert, werden die Buchläden der Tolino-Allianz immer weiter abgehängt. Online, wie offline.
Der große Hai Amazon wird überleben. Vielleicht auch die kleinen, spezialisierten Buchläden. Diejenigen, die ihre Nische kennen und ihren Kunden wirkliche Beratung bieten können. Aber diejenigen, die nur auf Masse setzen, haben Amazon aktuell nichts entgegenzusetzen. Soweit sie ihr Geschäftsmodell nicht radikal ändern, werden sie untergehen und mit ihnen vermutlich ein paar Verlage*. Immerhin: Es wird ein verdienter Untergang sein und sie werden ihn sich hart erarbeitet haben.


* Die Verlage, weil sie eBooks nach wie vor wie die anrüchige Konkurrenz der „eigentlichen Bücher“ behandeln.