Die Frau im Wald

Statt Ostereiern, Traditionshasen oder Hefegebäck: eine Geschichte. Sie entstand als Beitrag zur 6. Clue Writing Challenge. Die Aufgabe lautete, einen Beitrag zu diesem Bild zu verfassen:

Die Frau im Wald - Clue Writing
Bildquelle: http://www.cluewriting.de/cwc6/

Die Frau im Wald

Ich bin ein rationaler Mensch. Ich glaube nicht an Homöopathie, Chemtrails und anderen esoterischen Unsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher. Mein Verstand sagt: Geister kann es nicht geben. Andererseits ist da diese Geschichte …
Gut zwanzig Jahre ist das jetzt her. Ich machte damals Urlaub im Harz, in einem kleinen Ort, dessen Name alles andere als einladend klang. Dafür passte er zu dem Zustand, in dem ich mich befand, nachdem Katja sich von mir getrennt hatte, um mit einer anderen Frau zusammenzuziehen. Freunde hatten versucht, mich zu überreden, gemeinsam nach Malle zu fliegen. Sonne und Sangria würden mir den Liebeskummer schon austreiben. Aber ich wollte Ruhe, keine Menschen. Ich brauchte Abstand von Berlin, den Kommilitonen und vor allen Dingen von Katja.
Dafür schien mir der Ort ideal. Abgelegen. Nichts als Natur rundum. Genau richtig, um sich volllaufen zu lassen und anschließend langsam wieder in Tritt zu kommen.

Genau das tat ich dann auch. Die ersten zwei Tage blieb ich im Zimmer, sah nichts außer schlechten Fernsehshows, der Toilettenschüssel und den drei Flaschen Jonny Walker, die mir Gesellschaft leisteten. Am dritten schlich ich in Begleitung eines veritablen Katers nach draußen.
So schlimm, wie der Name suggerierte, war der Ort dann doch nicht. Viele der Häuser waren frisch renoviert. Die umgebenden Gärten quollen über vor schreiend bunten Blumen. Lediglich der Zustand der Straßen war durch den Ortsnamen gut beschrieben. Die trugen dafür so schön klingende Namen wie Straße-der-deutsch-sowjetischen-Freundschaft. Marketingleuten wären vermutlich Worte wie pittoresk und malerisch durch den Kopf gegangen. Vielleicht hätten sie den Ort sogar idyllisch genannt Mein Kopf dagegen brummte. Die Farben, die Sonne, das Vogelgezeter – selbst das Summen der Bienen in den Rosenbüschen vertrugen sich schlecht mit den Nachwirkungen des Gelages mit den drei Jonnys.

Als ich die Koppeln und Felder hinter mir gelassen hatte, die den Ort umgaben und den Wald betrat, wurde es besser. Der Wald bestand aus großen Bäumen, die respektvoll Abstand voneinander hielten. Gleichzeitig standen sie jedoch nahe genug, um mit ihren ausladenden Ästen alles Grelle aus dem Licht zu filtern – ein Umstand, für den ich ihnen ausgesprochen dankbar war.
Bald wurde es mir auf dem Weg zu langweilig. Wege sind für alte Leute. Links und rechts dagegen lockte das Abenteuer. Ich begegnete seltsam geformten Felsen, steckte den Kopf in eine Höhle, aus der es seltsam müffelte, hob Steine als Andenken auf und ließ sie wieder fallen. Als meine Beine müde wurden, machte ein Schläfchen auf einem großen Steinbrocken, der aus irgendwelchen Gründen mitten im Wald lag. Danach war ich so durstig, dass der Kater meinen Schädel als Hamsterrad benutzte. Von innen. Mit ausgefahrenen Krallen. Um ihn zu besänftigen, trank ich Wasser aus einem Bach, was vermutlich sehr dumm war, mir aber in keiner Weise schadete. Irgendwann verließ auch der letzte Jonny meine Adern und nahm den Kater mit.
Ich bekam Hunger.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt stellte ich fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand. Ich war so lange ziellos durch die Gegend mäandert, dass ich nicht einmal eine ungefähre Vorstellung der Richtung hatte, aus der ich gekommen war. Die Bäume sahen alle ziemlich gleich aus. Keine Chance, sich an ihnen zu orientieren. Ich hatte zwar mal gelesen, dass man die Himmelsrichtung an den Stämmen erkennen kann. Dort, wo Moos wächst, ist Norden. Aber entweder kannte das Moos diese Regel nicht, oder ich befand mich irgendwo in der Nähe des Südpols.
In der Ferne hämmerte ein Specht. Es schien mir das einsamste Geräusch auf Erden.
Immerhin war es ein Geräusch. Eins, an dem ich mich orientieren konnte. Und da ich sonst schon keine Orientierung hatte, lief ich in die Richtung, aus der es kam.

Wie lange ich gelaufen bin, weiß ich nicht. Die Sonne sank tiefer zwischen die Bäume – und dann, als sie sich schon fast auf Höhe meiner Augen befand, sah ich SIE.
Sie saß auf einem Baumstumpf, ein Bein über das andere geschlagen, und schrieb mit einem gelben Bleistift in ein Notizheft. Weiß der Teufel, warum mir dieser Stift so auffiel, denn es gab viel mehr an ihr zu beschreiben. Das lange, braune, zu einem lässigen Pferdeschwanz gebundene Haar zum Beispiel. Der große Mund. Die dunklen Wimpern. Vor allem aber diese Haltung. Der Ausdruck vollkommener Konzentration auf ihrem Gesicht, während sie den Stift über ihr Notizheft bewegte.
Ich hätte mich gerne geräuspert, sie gefragt, wo es zum Ort ging und ob sie vielleicht Lust hätte, später mit mir ein Bier trinken zu gehen – oder einen Kaffee oder eine Limonade oder was auch immer man in Käffern wie diesen trank, wenn es eine Kneipe oder ein Café oder etwas in der Art geben sollte. Aber ich traute mich nicht. Also ging ich weiter.
Nach einiger Zeit.
In einem kleinen Bogen.
Jedes Mal, wenn ich mich umwandte, sah ich sie dort sitzen, über ihr Buch gebeugt. Sie sah nicht einmal auf.

In der Abenddämmerung kehrte ich ins Dorf zurück, allerdings aus einer vollkommen anderen Richtung als der, in die ich es verlassen hatte. Ich fand mein Hotel, bekam ein hervorragendes Abendessen und legte mich schlafen.
Damit könnte die Geschichte zu Ende sein.
Sie wäre es vermutlich auch, wenn ich nicht mit dem Wunsch aufgewacht wäre, die Frau aus dem Wald wiederzusehen. Jetzt, am anderen Morgen, ärgerte ich mich über meine Feigheit. Schließlich konnte ich kaum zur Rezeption gehen und fragen: »Sagen Sie – ich habe da gestern im Wald eine Frau gesehen. Ungefähr mein Alter, schlank, braune Haare, Pferdeschwanz … Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer sie sein könnte?«
Man würde mich zu Recht für verrückt halten.
Dann erinnerte ich mich an den Stift und plötzlich kam mir eine Idee zu einer List, mit der ich ihren Namen vielleicht doch herausfinden konnte. Damit sie funktionierte, musste ich allerdings nach Wernigerode. Hier im Dorf hätte sich der Schwindel sofort herumgesprochen.
Trotz meiner Ungeduld genoss ich den Ausflug. Wie ein echter Tourist ließ ich mich von der Harzquerbahn nach Wernigerode schuckeln. Dort angekommen, bewunderte ich die hübschen Häuser, ging in einige hübsche Geschäfte, kaufte hübsche Andenken, ein paar hübsche Ansichtskarten und einen Stift, setzte mich in eins der hübschen Cafés und schrieb Ansichtskarten an jeden, der mir einfiel; sogar an Katja. Genau genommen sogar vor allem an Katja, denn ganz besonders sie sollte wissen, dass ich mich hervorragend amüsierte.

Am Morgen des nächsten Tages ging ich wieder spazieren. Wieder im Wald, weil ich insgeheim hoffte, die Braunhaarige wiederzusehen. Auch, wenn die Chancen mehr als schlecht standen. Aber das machte nichts. Ich hatte ja meinen Plan.
Am Mittag war es endlich Zeit, ihn umzusetzen.
Mir war ein bisschen flau, als ich zur Rezeption ging und den Bleistift herausholte, den ich seit gestern in der Jackentasche trug. »Vorhin im Wald, da war eine Frau, die hat den hier verloren. Ich würde ihn gerne zurückgeben, aber sie war schon außer Rufweite.« Wie dümmlich sich das anhörte, wurde mir erst bewusst, als die Worte schon raus waren. Das war vermutlich die idiotischste Ausrede, auf die je jemand verfallen war.
Die Frau hinterm Tresen zuckte nur mit den Achseln. »Und was soll ich da tun? Ich glaub nu’ auch nicht, dass jemand zur Polizei geht, um den als verloren zu melden.«
»Ich dachte, sie könnten mir vielleicht helfen, wenn ich die Frau beschreibe«, sagte ich lahm. »Sie war ungefähr so alt wie ich. Schlank. Braune Haare. Pferdeschwanz.«
Das Gesicht der Frau blieb ausdruckslos.
»Graue Jacke«, versuchte ich es weiter. »Jeans. Chucks … also so Baseballschuhe, rot mit weißen Kappen und einem Stern an der Seite.«
Etwas zuckte im Gesicht der Frau. Ihre Augen verengten sich. Die Brauen zogen sich zusammen. Der Mund wurde erst zu einem blassen Strich, dann spuckte sie mir entgegen: »Findest du das etwa witzig? Was für ein Spiel versuchst du mit mir zu spielen?«
Erschrocken wich ich zurück und versicherte hastig, dass ich überhaupt keine Spiele spielen würde, sondern dass das mein voller Ernst sei. »Ich habe sie gesehen – allerdings schon vorgestern. Nur das mit dem Stift … Das habe ich erfunden. Ich brauchte doch einen Vorwand.«
»Vorgestern …« Die Frau sackte in sich zusammen und begann zu schluchzen. »Vorgestern. Das war ihr Todestag.«
Ich glaubte, nicht richtig zu hören.
Sie aber sah mich an, die Augen voller Tränen. »Auf den Schreck brauche ich einen Schluck. Und dann musst du mir alles erzählen!«

Sie nötigte mich in das, um diese Zeit leere Restaurant, griff zwei Longdrinkgläser und eine Flasche aus der Bar und schenkte uns beiden ein. Wodka. Sie trank ihr Glas in einem Zug aus und füllte es gleich wieder. Dann begann sie zu erzählen. Ich kam gar nicht zu Wort.
Sie erzählte von ihrer Tochter Sandy, die so schön zeichnen konnte. »Sie wollte Kunst studieren. In Berlin. Im Oktober wollte sie wegziehen. Bis dahin hat sie jede freie Minute und jeden Sonnenstrahl genutzt, um im Freien zu zeichnen.«
Bis sie eines Tages nicht zurückgekommen war. Zwei Tage hatte man nach ihr gesucht, bis man sie im Wald fand. Erwürgt. Ihr Notizblock und ihr Zeichenstift blieben verschwunden.
»Sie hatte genau die Sachen an, die Sie beschrieben habe. Die Schuhe waren ganz neu. Aber es war der Bleistift, der mir den Rest gegeben hat. Sandy hat immer diese gelben Bleistifte benutzt. Genau solche, wie den, den Sie ihn mitgebracht haben.«

Noch am gleichen Abend bin ich abgereist. Ich konnte den Blick nicht ertragen, die stummen Fragen, auf die ich auch keine Antwort hatte. Bis heute nicht.
Was ist passiert an jenem Nachmittag? Habe ich einen Geist gesehen? Bin ich in eine Paralleldimension gestolpert und habe die letzten schönen Minuten im Leben einer Frau gesehen? Hätte ich den Mörder gesehen, wenn ich gewartet hätte? Oder ist das Ganze nur ein großer Zufall? Es gibt so viele junge Frauen mit braunen Haaren. Chucks sind auch nicht gerade selten. Warum sollte nicht irgendeine Studentin, im Wald Ruhe gesucht haben, um zu schreiben, zu zeichnen oder was auch immer zu tun?
Wie gesagt: Ich bin ein durch und durch rationaler Mensch. Ich glaube weder an Homöopathie, noch an Chemtrails oder irgendeinen anderen esoterischen Blödsinn. Nur bei Geistern – da bin ich mir nicht ganz sicher.

Advertisements

5 Kommentare zu „Die Frau im Wald

    1. So lange nicht zu viel verraten wird. ^^ Die Idee war, die Geschichte gleich am Anfang so auszurichten, dass man die Information im Hinterkopf behält und sich beim Lesen immer fragt, wann denn nun der Geist kommt. 😉
      Und danke für das Lob!

      Gefällt 2 Personen

  1. Ich komme ursprünglich aus genau dieser Region und hatte gerade beim Lesen eine sehr bildliche und konkrete Vorstellung. Es war mir gerade so, als ob ich genau in diesem Ort in diesem Waldstück entlang laufe. 🙂
    Liebe Grüße, Anja

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s