Warum ich nicht diskriminierungsfrei schreiben kann und es trotzdem versuche

birdcage-2337188_640Ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Oder besser gesagt: Ich habe ihn geschrieben, weil es mir ein Bedürfnis war, das Thema aufzugreifen und dann lange mit mir gerungen, ob ich ihn veröffentlichen soll. Mir ist schon jetzt klar, dass ich damit Menschen vor den Kopf stoßen werde. Trotzdem ist das hier nun einmal mein Standpunkt, und damit genauso berechtigt, wie jede andere Meinung auch. Also raus damit.

Es geht, wie der Titel schon verrät, einmal mehr um Diskriminierung und Teilhabe. Ich lese viel darüber und es mehren sich die Beschwerden, dass Literatur nicht divers genug sei. Erzählt würde in der Regel aus der Perspektive der weißen, männlichen Mittelschicht. Heterosexualität sei die Norm. Menschen anderer Hautfarbe tauchten allenfalls als Staffage auf und überwiegend in untergeordneten Positionen. Behinderungen seien völlig tabuisiert. Und gerade in der Jugendliteratur falle das Frauenbild noch hinter die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Dass diese Gruppen dadurch marginalisiert und diskriminiert werden, steht außer Frage.
Dementsprechend viele Empfehlungen gibt es, wie Bücher im Sinne der Diversifizierung verbessert werden könnten: eine größere Bandbreite im Aussehen der Protagonisten, mehr Frauen, Behinderte, Schwule, Lesben, Asexuelle – wenn schon nicht in den Haupt-, dann doch wenigstens in den wesentlichen Nebenrollen. Dem stimme ich zwar weitgehend zu, aber manchmal frage ich mich doch, ob man gute Absichten und gute Literatur wirklich gleichsetzen sollte.
Weitaus problematischer finde ich jedoch die oft gleichzeitig erhobene Forderung, das Werk müsse außerdem frei von ableistischen, rassistischen, homophoben und misogynen Begriffen sein – überhaupt von allem, durch das sich irgendwer gekränkt fühlen könnte.
Ich muss zugeben, dass es mich da manchmal schüttelt.

Warum ich es nie allen recht machen werde

Zunächst mal empfinde es als Zumutung, von einem Autor oder einer Schriftstellerin zu verlangen, in jeder Geschichte ein Maximum an Diversität unterzubringen. Das hat mehrere Gründe, die vielleicht den einen oder die andere überraschen.

Diversität ist nicht immer möglich und sinnvoll

Gerade bei historischen Stoffen ist die Forderung nach maximaler Diversität geballter Unsinn. Wie soll man in einer Handlung, die irgendwo zwischen Völkerwanderung und Neuzeit in einem Bergdorf im Schwarzwald oder auf einer Nordseehallig spielt, jemanden mit dunkler Hautfarbe unterbringen? In solchen Gegenden sind Haut- und Haarfarbe über weite Epochen gar kein Thema. Fremd ist, wer mehr als eine Tagesreise entfernt wohnt. Manchmal reicht zum Fremdsein schon das Nachbardorf.
Genauso muss man sich fragen, wie wahrscheinlich die Teilnahme es ist, dass in einer bestimmten Gruppe Frauen oder Behinderte sind. Nehmen wir das Beispiel einer der frühen Weltraummissionen: Von den von Wikipedia aufgelisteten 568 Raumfahrern sind gerade mal knapp 11% weiblich. (Und das auch nur, weil sich Frauen in den USA in den 70ern per Gerichtsurteil das Recht auf Teilnahme an Raumflügen erstritten.) Noch schwieriger ist es nur, jemanden mit Behinderung in die Mannschaft zu bringen, da körperliche Fitness eines der wesentlichen Kriterien für die Teilnahme ist.
Wo soll Homosexualität anklingen, wenn in dieser Zeit nicht darüber gesprochen wurde oder die Ausübung sogar zum Tod führen konnte? Sicher, man kann dann genau das zum Thema machen, aber was, wenn das Thema ein ganz anderes sein sollte?
Warum messen wir der Sexualität überhaupt so viel Bedeutung zu, sie unbedingt einbringen zu müssen – in welcher Spielart auch immer? Wenn der Plot keine Liebesgeschichte erfordert, kommt es dann überhaupt darauf an, ob die Charaktere nun hetero-, homo-, bi-, metro- oder asexuell sind? Wer will das wissen? Wozu?

birdcage-2337188_640

Meine Perspektive ist nicht vorurteilsfrei

Der nächste Punkt sind die Perspektiven: Natürlich habe ich Wahrnehmungsprobleme und blinde Flecken. Meine Welt setzt sich in erster Linie aus den gemachten Erfahrungen zusammen. Genauso, wie ich keinen Infraschall hören und kein UV-Licht sehen kann und deshalb das mir zugängliche Geräusch- und Farbspektrum als das normale zugrundelege, konstruiere ich auch meine Vorstellung von Normalität aus den gemachten Erfahrungen.
Mit anderen Worten: Ich kann mich zwar an die Erfahrungswelt einer Migrantin annähern, indem ich eigene Erfahrungen mit Fremd-Sein und die Erzählungen anderer verknüpfe, werde aber immer an den Details scheitern, weil die Details individuell und nicht verabsolutierbar sind. Genauso werde ich vermutlich an der Darstellung eines Schwulen innerhalb einer der diversen vorhandenen Szenen scheitern, weil mein Blick für Details durch meine Hetenbrille verzerrt ist.
Überhaupt – und das ist auch so ein Thema, das ich auf genau den gleichen Blogs und den gleichen Portalen lese – sollten wir nicht sowieso die für sich sprechen lassen, die aus eigener Erfahrung berichten können? Also die eingeschränkt-agilen, nicht-heterosexuellen, nicht-mittelständischen Nicht-Kartoffeln. Was für eine Anmaßung, zu glauben, deren Erleben angemessen widerspiegeln zu können!*

Eine beleidigungsfreie Sprache ist nicht möglich

Aber es ist die dritte Forderung, die mich vollends auf die Palme bringt: Nämlich die, so zu schreiben, dass sich niemand beleidigt oder sonst wie getriggert fühlt.
Nicht, dass ich unbedingt jemanden beleidigen oder triggern will. Fakt ist aber, dass sich immer jemand finden wird, der sich beleidigt fühlt. Vielleicht nicht sofort, aber in Zukunft garantiert.
Natürlich kann man bestimmte Worte weglassen. Man kann darauf verzichten, „Neger“ zu sagen – das tut nicht mal weh. Man kann darauf verzichten, Menschen, die sich aufgrund Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft anderen überlegen fühlen als Rassisten, Chauvinisten oder Snobs zu bezeichnen, denn gerade die fühlen sich besonders beleidigt, wenn man das tut. Man kann seine Charaktere so weit disziplinieren, dass sie nicht fragen: „Ey, sach mal bist du schwul, Alda?“, sich gegenseitig als Spasten bezeichen oder die Oma eben nicht zum Enkel sagt: „Nun schneid‘ dir aber mal die Haare, Jung! Du siehst ja schon aus wie ein Mädchen.“ Kann man alles machen. Man kann sogar darauf verzichten, Nazis als Nazis zu bezeichnen. Wie gesagt.

Aber wer gibt mir die Garantie darauf, dass nicht in 10 Jahren Tiere als vollwertige Rechtspersönlichkeiten angesehen werden und PETA Massenklagen einreicht, weil Autorinnen und Autoren die Beleidigung „dumme Kuh“ verwendet haben?
Sprache ist immer Ausdruck einer bestimmten Kultur. Kultur kann sich ändern. Damit ändert sich auch, was als beleidigend empfunden wird. Wenn ich heute über jemanden als „das Weib“ spreche, ist das beleidigend. Vor 200 Jahren wäre es normal gewesen. Da war „Frau“ das Synonym für eine Höherstehende.

Nun bin ich als Fantasy-Autorin in der privilegierten Position, den Leuten nicht aufs Maul schauen zu müssen. Ich kann mir noch wesentlich kreativere Beleidigungen und Flüche einfallen lassen. Trotzdem bleibt Sprache Ausdruck einer bestimmten Kultur. Wenn ich meine Völker forme, muss ich im Hinterkopf behalten, wie der Blick der jeweiligen Kultur auf Außenstehende aussieht – und was als außenstehend empfunden wird. Irgendetwas ist es immer.
Das bedeutet aber auch, dass sich das Konzept von „fremd“, „andersartig“ und „abstoßend“ je nach (Sub-)Kultur ändert. Damit ändert sich auch, was als Beleidigung empfunden wird und deshalb ist es nicht der Sachinhalt, der ein Wort zur Beleidigung macht, sondern die dahinter durchscheinende Intention. Die wiederum ist aber etwas anderes, als die Aussage des Textes insgesamt – was bei der Forderung nach einer sauberen (sprich nicht diskriminierenden, niemanden verletzenden) Sprache vollkommen untergeht.**

Ein vorsichtiges Fazit

Im Ergebnis bleibt schon mal festzuhalten, dass schon der Versuch, es jedem recht machen zu wollen, zu einem Eiertanz führt, der nur schief gehen kann. Selbst im besten Fall kommt nicht mehr dabei heraus als eine neue Form der Erbauungsliteratur. Ideologisch unbedenklich, ohne Ecken und Kanten und garantiert keimfrei. Noch reizärmer als eine öffentlich-rechtliche Vorabendserie und mit Figuren ausgestattet, die mit echten Menschen noch weniger zu tun haben als Ken und Barbie mit den Maßen real existierender Mitteleuropäer.
Ob das freiwillig jemand lesen will? Ich glaube nicht. Lesen soll ein Abenteuer sein, das einen an fremde Orte bringt, neue Erfahrungen machen lässt oder wenigstens die Tristesse des Alltags vergessen macht. Wir wollen krasse Helden und Kickass-Protagonistinnen, die Dinge tun, die wir uns nie im Leben trauen und Situationen durchleben, die wir um alles in der Welt zu vermeiden wünschen. Mit Ken und Barbie wird das nichts.

birdcage-2337188_640

Warum ich trotzdem versuche, niemanden zu diskriminieren

Kurz gesagt: Weil das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht heißt, dass man andere abwerten darf und weil gute Bücher vielschichtig sind.
Die Langfassung ist, wie immer, etwas komplexer.

Dabei ist der erste Teil noch relativ leicht. Ich bin sehr für klare Worte und eindeutige, eingängige Formulierungen. Das bedeutet aber keinen Freibrief dafür, andere absichtlich zu verletzten.
Und damit sind wir schon beim diskriminierungsfreien Ansatz, denn nichts anderes bedeutet diskriminieren: Jemanden schlechter zu behandeln als andere oder seinem Ansehen durch negative Äußerungen zu schaden.

Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass es dem Werk gut tut, wenn der Autor oder die Autorin sich aktiv mit seinen/ihren Vorurteilen auseinandersetzt und versucht, sie zu überwinden. Nichts ist langweiliger als die Episteln deren, die in ihrer eigenen Welt gefangen und dadurch gezwungen sind, ewig die gleichen Gedanken widerzukäuen. Deutlich spannender sind die Bücher, derjenigen Autor*innen in der Lage sind, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Das geht nur, wenn man bereit ist, erst mal vom hohen Ross der wohlgeformten eigenen Weltsicht abzusteigen.
Leider ist dieser Akt nicht ganz ungefährlich. Nicht nur, weil der Boden der Tatsachen oft ganz schön dreckig ist. Mehr noch: Mit Pech erkennt man, einer Chimäre aufgesessen zu sein. Das eigene Weltbild gerät ins Wanken und auch alle Kategorien von schön/hässlich, gut/böse, wahr und falsch – kurz alles, was das eigene Leben vorher einfach und übersichtlich gemacht hat. Vorurteile eben. Wir alle haben sie.
Trotzdem lohnt es sich, diesen Schritt zu wagen. Zwar werden wir auch dadurch nie in der Lage sein, unsere Vorurteile vollständig abzubauen, aber er schult die Wahrnehmung, erweitert den Horizont und hilft, sich über Analogienden Erfahrungen anderer anzunähern (die genauso subjektiv sind, wie die eigenen). Damit ist man in der Lage, seine Inhalte zumindest punktuell anzupassen, neue Sichtweisen anzunehmen und sie in Geschichten zu integrieren.

Das garantiert nicht, dass sich nie jemand beleidigt fühlen wird. Eine derartige Garantie ist schon deshalb unmöglich, weil dieser Ansatz darauf verzichtet, bestimmte Worte in den Giftschrank zu stellen. Dieser Ansatz garantiert aber, dass man sich damit auseinandersetzt, was man sagt und welche Worte man in welchen Zusammenhängen verwendet.
Vielleicht wird man dadurch ein besserer Mensch. Vielleicht auch nicht. Ich glaube aber fest daran, dass man so die besseren Geschichten schreibt.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass es das wert ist.


*Der Widerspruch zu Punkt 1 wird leider nicht bemerkt oder jedenfalls nicht angesprochen und dementsprechend auch nicht aufgelöst.
**Den Punkt habe ich schon in den Artikeln „Das Schreckgespenst der gegenderten Sprache“ und „Alles auf die Goldwaage?“ angesprochen, daher will ich ihn hier nicht vertiefen.


Bildquelle: johhsonlu via pixabay

Advertisements

24 Kommentare zu „Warum ich nicht diskriminierungsfrei schreiben kann und es trotzdem versuche

  1. Schön, dass jemand die wichtigen Punkte mal zusammenfasst!

    Solange wir über Belletristik reden, dürfen und müssen sich alle Charaktere so verhalten, wie es ihrer Rolle in der Geschichte entspricht. Sonst wird der Text im besten Falle lächerlich, im schlechtesten unglaubwürdig. Beides schadet meiner Meinung nach der Sache. Der Leser, dem ich einfach einmal eigene Intelligenz unterstelle, wird sehr schnell merken, dass bestimmte Aspekte einer erzählten Geschichte eben nicht so sind, wie sie in einer zivilisierten realen Welt sein sollten. Und somit hat auch ein belletristischer Text eine gesellschaftliche Wirkung. Die er nicht hätte, wenn er „entschärft“ oder auf „politisch korrekt“ getrimmt wird. Bei Mark Twain gab es Nigger und bei Astrid Lindgren Negerkönige. Wer das nicht wahrhaben will, der sollte sich, meiner Meinung nach, auf Bilderbücher konzentrieren.
    Ich halte den Diskurs über den auch verbalen korrekten Umgang miteinander für wichtig, lehne es aber ab, das literarische Esoteriker sich die Deutungshoheit anmaßen, welche Worte in belletristischen Texten Unworte zu sein haben.
    Meine Texte jedenfalls enthalten genau die Personen, die benötigt werden, und keine „Quoten-Irgendwas“. Und sie verhalten sich so, wie es zum Fortgang der Handlung notwendig ist. Alles andere wäre Zensur.

    Ich reite auf dem Wort „Belletristik“ herum. Denn es gibt auch andere Texte. Texte, in denen der Autor klar seine politische Überzeugung zum Ausdruck bringt mit dem Ziel, dass andere Menschen sich dieser Überzeugung anschließen. Dass ist ebenfalls legitim, solange es klar erkennbar ist. Aber hier findet die Meinungsfreiheit ihre Grenzen in den Rechten anderer Menschen. Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist und, zu Recht, Einfluss auf die Wahl der Worte haben muss.

    Gefällt 1 Person

    1. Mark Twain und Astrid Lindgren sind zwei schöne Beispiele, weil sie die unterschiedliche Wertigkeit von Worten zeigen. Bei Mark Twain tut die Verwendung des Wortes „Nigger“ weh, weil Jim ein guter, freundlicher Mensch ist (ganz im Gegensatz zu Hucks Vater und dessen Kumpanen). Dadurch unterstreicht es die Ungerechtigkeit der Behandlung, die Jim widerfährt. Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch mit einem Restfunken Empathie nicht auf seiner Seite stehen könnte.
      Ganz anders bei Lindgren. Bei ihr ist der Negerkönig nur eine Bezeichnung für den Anführer eines dunkelhäutigen Volkes. Mich triggert das erst mal gar nicht, aber ich bin halt auch der „kaukasische Hauttyp“. Was ich aber schon als Kind seltsam gefunden habe, ist, dass die Kinder der Insel Pippi für ihre helle Haut bewundern und traurig sind, dass sie selbst so dunkel und hässlich sind. In diesen paar Sätzen kommt für mein Empfinden viel mehr Rassismus zum Ausdruck, als im Wort „Negerkönig“. Deshalb ist es für mich auch nur eine kosmetische Änderung, den durch einen Südseekönig zu ersetzen.

      Gefällt 1 Person

      1. Ich finde deine Argumente sehr gut, denn sie zeigen das Problem. Wir können weder Mark Twain fragen, ob er damit zum Ausdruck bringen wollte, das Menschlichkeit keine Frage der Hautfarbe ist, noch Astrid Lindgren, ob sie entweder unterschwellig rassistisch war oder mit dieser Dissonanz zum Denken anregen wollte. Stellen wir uns einfach einmal vor, beide Texte wären – bei lebenden Autoren – in einem professionellen Lektorat gelandet. Wahrscheinlich würde es zu Mark Twains Text ein erklärendes Vorwort geben, und bei Astrid Lindgren wäre tatsächlich diese Schönheitskorrektur gemacht worden. Was für mich in Ordnung wäre. Nicht in Ordnung ist für mich, Texte nach dem Tode des Autors zu lektorieren, da das den Geschmack einer Absicht hinterlässt, die der Autor möglicherweise nicht hatte.

        Gefällt 1 Person

  2. Ist natürlich immer ein schmaler Grat, auf dem man da wandert, aber ich stimme dir in allen Punkten zu. Es gab ja auch vor einigen Jahren Gegenwind gegen die Entscheidung, dass aus dem Buch „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ das Wort „Nigger“ gestrichen werden müsse. Und da frage ich mich halt auch, was das überhaupt soll. Klar, ich latsche nicht durch die Gegend und nenne jeden Schwarzen, der mir begegnet einen „Nigger“. Aber Sprache ist eben auch immer ein Spiegel des Umfelds und wenn die Geschichte nun mal in einem Milieu spielt, wo bestimmte Worte gebräuchlich sind, sollte man das auch beibehalten. Wenn in einem Quentin Tarantino Film das Wort „Nigger“ gefühlt achttausendmal fällt, regt sich darüber ja auch niemand auf. Erinnert mich ein bisschen an die teils grausigen Synchronisationen aus den 80ern und 90ern bei Filmen, wo dann Worte wie „Motherfucker“ oder „Asshole“ mit sowas wie „Blödmann“ übersetzt wurden, was der ganzen Szene dann einfach mal die Intensität nimmt. Durch solche unnötigen Änderungen verfälscht man einfach die ganze Geschichte. Und auf der anderen Seite regen sich die Leute dann darüber auf, dass Hermine in einem Theaterstück ja unbedingt weiß sein müsse, weil die Geschichte das so vorgegeben hätte. Nein, hat sie nicht. Selbst wenn das mal irgendwo in irgendeinem Nebensatz erwähnt wurde, ist es einfach scheißegal, welche Hautfarbe sie hat, denn es hat auf die Geschichte nicht die geringste Auswirkung.

    Und bei Charakteren kann ich mich als Autor ja schlecht dazu zwingen, nur aufgrund der Diversität zum Beispiel einen Behinderten einzubauen. Was bringt das denn bitte, wenn ich dann mit dem Charakter einfach nichts anzufangen weiß? Was nützt es denn, wenn ich da einen homosexuellen Asiaten im Rollstuhl rumsitzen habe, der aber absolut nichts zu tun hat, weil die Aufgaben, die ich den Charakteren auferlege von ihm nicht wirklich schaffbar sind. Der kann halt eher schlecht den Mount Everest besteigen, wenn die Geschichte das fordert. Zumal ich mir zur sexuellen Gesinnung und vor allem Hautfarbe ohnehin wenige Gedanken mache bei meinen Geschichten. Ich habe noch nie die Hautfarbe in einer Geschichte erwähnt. Da kann sich ja dann jeder selbst entscheiden, ob der Charakter weiß, schwarz, blau, grün-pink-gestreift oder wasauchimmer ist. Ich würde das halt nur erwähnen, wenn es für die Geschichte wichtig ist, wie bei allem anderen auch.

    Und ist nicht genau das das wunderbare am Lesen, dass im eigenen Kopf das Bild entsteht und man sich so seine eigene Welt aus den Vorgaben des Autors formt? Wenn ich meine, dass der Hauptcharakter schwarz ist, dann ist er es. Und wenn ich meine, dass er nur einen Arm hat, dann ist das so. Solange die Autorin mir nichts anderes erzählt, kann der Charakter alles sein, was ich in ihm sehe. Und wenn es ein Alien vom Planeten Gluecroton VII ist, dann ist er eben vorhin mit seinem UFO gelandet. Diversität kann eben auch im Kopf des Lesers stattfinden. Dazu braucht man keine expliziten Erwähnungen vom Autor, sondern einfach seine Fantasie. Und genau die wollen wir als Leser doch so gerne nutzen. Genau wie eben als Autor.

    Diversität ist natürlich immer schwierig und als weißer hetero Mann vermutlich um so mehr, weil wir nun mal am wenigsten wissen, wie scheiße wir eigentlich sind. Ich versuche im besten Fall zumindest (meiner Meinung nach) starke Frauenfiguren zu schreiben, die nicht nur da sind, damit der Held sie retten kann. Aber auch da muss es eben in die Geschichte passen. Wenn nicht, dann gibt es eben keine. Sobald ich mir irgendwas aufzwängen lasse, kann ich es auch gleiche sein lassen. Denn dann ist es nicht mehr meine Geschichte. Und wenn ich „meine“ Geschichte nicht schreiben kann, dann wird es einfach nur Müll (mal unabhängig davon, dass die Gefahr natürlich schon ohne Zwänge immer besteht).

    Gefällt 1 Person

    1. Ich stimme dir absolut zu. Auch, weil die Besetzung von Rollen nach irgendwelchen Quoten fast automatisch dazu führt, diese Charaktere auf ihre Sexualität, Hautfarbe oder Geschlecht zu reduzieren. Sie werden dann nur noch als „der Schwule“ oder „die Asiatin“ wahrgenommen und fast automatisch stellvertretend für alle homosexuellen Männer bzw. alle Asiatinnen wahrgenommen.

      Ja, man muss gerade bei den Hauptrollen aufpassen, dass nicht alle nach Schema F konstruiert sind. Aber wenn man sich daran hält, entwickeln sich diverse Charaktere fast von selber (jedenfalls bei mir). Die erzählen einem dann schon, ob sie Mozart oder Motörhead hören und welche anderen Vorlieben sie noch haben. Wenn man sie lässt. Und wenn es für die Geschichte wichtig ist, verwendet man diese Informationen.

      Gefällt mir

      1. Bei mir ist das auch auf jeden Fall so, dass sich die Charaktere quasi von selbst entwickeln. Klar, ich weiß vorher schon so einiges über die Personen, aber da ich meine Geshichten vorher nicht großartig durchplane ändert sich das Verhalten im Verlauf der Geschichte dann oftmals durch die Situationen und die Charaktere werden doch zu ganz anderen Personen als ich es geplant hatte. Aber die Hautfarbe oder Ähnliches hat dabei bisher eigentlich nie eine Rolle gespielt.

        Gefällt 1 Person

  3. Ich möchte nur ganz kurz etwas schreiben, im Grunde schließe ich mich dem Artikel und den Kommentaren an. Eine politisch-korrekte Weißwäsche ist weder sinnvoll und wünschenswert. Ich bemühe mich, soweit es geht, in meinen Geschichten gegen Vorurteile anzugehen, nicht gerade aus Rassisten Helden zu machen etc. Man kann eine Menge tun und sollte es auch tun. ABER… großes Aber… wenn ich in eine Geschichte der 1950er weibliche Führungskräfte einbauen soll (Gendergerechtigkeit) oder ein Bobby der 50er nicht mehr ‚Paddy‘ zu Iren sagen soll, dann geht das an der historischen Wahrheit vorbei und ist schlicht falsch. Ebenso wie der körperbehinderte schwule Farbige, der im Schwarzwalddorf des Mittelalters auftaucht. Im Übrigen… eines habe ich gelernt und verinnerlicht. Es kommt nie auf die Bezeichnung an, immer nur auf die Einstellung. An den Einstellungen müssen wir arbeiten und uns nicht so furchtbar viel an den Bezeichnungen aufhalten.

    Gefällt 1 Person

    1. Das sehe ich genauso – und das ist auch eines der großen Probleme, die ich mit vielen zeitgenössischen historischen Romanen habe: Da ist zwar alles düster und schmutzig, aber die Figuren sind so gut, edel und aufgeklärt, dass sie geradezu leuchten. Die glauben (selbst bei einem Setting im Mittelalter) weder an Gott, noch Teufel oder Dämonen, sondern höchstens an ominöse „alte Götter“, die noch gütiger sind als sie selber. Die lehnen Sklaverei ab oder behandeln ihre Sklaven wenigstens als Gleichgestellte und lassen sie so bald wie möglich frei. Und so weiter.
      Und auch bei den beiden letzten Sätzen gebe ich dir aus ganzem Herzen recht.

      Gefällt 1 Person

  4. Kudos an deine Offenheit bei diesem sensiblen Thema, Nike! 🙂

    Besonders beeindruckt hat mich deine Passage „Meine Perspektive ist nicht vorurteilsfrei“ – denn ja, wir alle tragen Vorurteile, egal, welche Herkunft wir haben, inhärent in uns. Das sich einzugestehen, zu reflektieren und Raum für Diskussion und Kritik zu lassen ist eine große Stärke, die ich in vielen hitzigen Diskussionen heute vermisse.

    Ein paar inhatlliche Ergänzungen von meiner Seite, vor allem zur historischen Authentizität: Hier muss man m. E. aufpassen, sich nicht auf „Das war damals so!“ als Ausrede zu berufen. Wenn ich mich im literarischen Diskurs umschaue, passiert das öfter als man glaubt und auf Basis von Vermutungen (ich nenne sie gerne „Volksmythen“), die nicht historisch recherchiert und von AutorIn belegt sind, sondern einfach mal aufgeschnappt, angenommen, für Wahrheit gehalten.

    Zum Beispiel Frauenrolle und sexuelle Gewalt im Mittelalter – klar, ich würde da nicht leben wollen! Deswegen ist es genauso wenig realistisch, anzunehmen, es hätte damals keine Form mächtiger Frauen gegeben, oder, überspitzt formuliert: Mann konnte sich nicht frei von allen Vorurteilen der christlichen Gemeinschaft durch die Gegend vergewaltigen, als wäre es nix. So wird es aber gerne in mittelalterlicher Literatur dargestellt oder in mittelalterlich angehauchtem Fantasy legitimiert, wo es besonders wenig Sinn macht, da Fantasy. (Man siehe hier z. B. Diskussionen um die Vergewaltigungen in Game of Thrones. So sehr ich die Serie mag, ich werde es immer fragwürdig finden, wie häufig und explizit Martin Vergewaltigungen an Frauen darstellt, sexuelle Gewalt an Männern dagegen tabuisiert, sich sogar drüber lustig macht und bei seiner einzige Kanon-homosexuellen Beziehung gerade mal Eier für ein Schreiben zwischen den Zeilen hat.)

    Solche Annahmen haben zum Teil sogar die Wissenschaft verfälscht, wie wir heute immer mehr erfahren. Erst neulich gab es da den totalen Schock mit einem berühmten Wikinger-Krieger, der sich im Nachhinein als Frau herausgestellt hat – Jahrzehnte lang unbemerkt! Weil man bis dahin davon ausging, Wikinger hätten total patriarchalisch gelebt, Frauen eher eine Zweitrolle gespielt, allenfalls als Schildmaiden im Krieg dabei … Jetzt muss man davon ausgehen, es war ganz anders: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/schweden-wikinger-krieger-von-birka-war-eine-frau-a-1166985.html

    Kurz noch das Beispiel mit „Pippi Langstrumpf“ und dem „Negerkönig“: Ich sehe es sooo oft in literarischen Diskursen um Rassismus, und wenn es auch auf den ersten Blick schlüssig erscheint – so einfach ist es nicht. Erstens, Lindgrens Original ist in Schwedisch, das Wort „Negerkönig“ also eine Übersetzung, Interpretation. Es ist keine 1 zu 1 Übersetzung aufgrund des Sprachunterschieds. Zweitens wurde „Pippi Langstrumpf“ mit der Übersetzung ohnehin stellenweise geändert, was für Kinderliteratur üblich war und immer noch üblich ist – zielgruppengerichtetes Denken und so. Z. B. wurde in der deutschen Version die Stelle herausgeschnitten, in der Pippi Fliegenpilze konsumiert und anschließend berauscht ist. Drogenmetaphern wollte man für die deutschen Kinder nicht haben, „Neger“ dagegen waren voll okay. Dass niemand sich in dieser Hinsicht über „Zensur“ beschwert, sagt auch viel über unsere Gesellschaft aus.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine Ergänzung, dass der „Negerkönig“ natürlich eine Übersetzung und als solche immer schon Folge von Interpretation ist. Das unterstreicht, was ich schon in einem anderen Kommentar schrieb, nämlich dass ein Beharren auf der Bezeichnung sinnlos ist und der Ausdruck problemlos ersetzt werden kann. (Viel problematischer sind andere Dinge, die aber selbst bei den Kritikern nie Thema sind.)

      Von der Vorstellung, Wissenschaft sei in irgendeiner Form objektiv, muss man sich sowieso verabschieden. Das gilt sogar für Naturwissenschaften, noch mehr aber für Geisteswissenschaften und wird spätestens klar, wenn man sich den Wandel des Germanenbildes vom 18. Jahrhundert bis heute anguckt. Von „dreckige Wilde“ über „edle Wilde“, die „überlegene Rasse“ bis zu „ähm, nun ja, als Sammelbegriff verschiedener Stämme, mit jeweils eigener Kultur, die sich einen geographischen Großraum teilen, bedingt tauglich“.
      Ähnlich ist es mit der Zuordnung eines Geschlechts anhand von Grabzugaben. Lange war klar, dass ein Grab mit Waffen ein Männergrab sein musste. Dann kamen die Anthropologen und plötzlich wurden in den alemannischen Kriegergräbern auch Frauen gefunden. Dann wurde auch das Ergebnis durch die DNA-Analyse wieder in Frage gestellt. Allerdings blieb (so ist jedenfalls mein aktueller Wissensstand) mindestens ein alemannisches Kriegergrab, in dem eindeutig eine Frau bestattet wurde. Zudem gibt es Gesetzestexte aus dieser Zeit, die die Annahme stützen, dass auch Frauen gekämpft haben.
      Daher fand ich das Wikingergrab gar nicht so spannend. Viel spannender finde ich die Interpretationen. Es ist eine Frau mit Waffen und einem Strategiespiel begraben worden: Hurra, wir haben eine Heerführerin! Wir müssen unser ganzes Wikingerbild über den Haufen schmeißen!
      Ernsthaft jetzt? Wir haben ein Grab (unter vielen), in dem Waffen, ein Spiel und ein Frauenkörper lagen. Wir können davon ausgehen, dass da irgendein Zusammenhang besteht – welcher ist aber Interpretationssache. Fakt ist nämlich auch, dass wir verdammt wenig über die Gesellschaft der „Wikinger“ (auch das ist so ein Sammelbegriff, der in sich schwierig ist) wissen und noch weniger über ihre Jenseitsvorstellung. Basierend auf den Schilderungen von Ibn Fadlan ist auch denkbar, dass die Frau eine Art Sendbotin fungieren und die Sachen einem anderen überbringen sollte. Vielleicht war sie aber auch eine Art Burrnesha, wie die albanischen Mann-Frauen und hat es als solche zu einem hohen Rang gebracht. Dann hätte sie zu ihrer Zeit aber als Mann gegolten.
      Was ich sagen will ist: Es sind ebenso Vorurteile, die jetzt eine HeerführerIN konstruierenund einen völlig neuen Blick auf die Wikinger fordern, wie es Vorurteile waren, die vorher aus dem gleichen Befund einen Krieger gemacht haben.
      Man muss aufpassen, sonst findet man immer nur die eigenen Vorstellungen bestätigt.
      Dass die rund tausend Jahre Mittelalter trotzdem kein dunkles Zeitalter unter dem Joch der Kirche waren, in dem Männer alles und Frauen nichts durften, steht auf einem ganz anderen Blatt. 🙂 Auch wenn Mythos, Mittelaltermärkte und historische Romane es gerne so hinstellen.

      Gefällt 1 Person

      1. Danke für deine eigenen historischen Ergänzungen! Da wusstest du noch einiges mehr als ich, sehr interessant und lehrreich 😀

        Ich unterstreiche absolut, dass auch der Begriff der „Kriegerin“ einen Mythos wachruft, den man sich genauso betrachten sollte. Ich finde es dahingehend wichtig kritisch mit Geschichte umzugehen und nicht gewisse Dinge grundsätzlich auszuklammern.

        Frauenrecht, Diversität & Co. scheinen Begriffe, von denen einige meinen: Das wurde erst mit der Moderne, allerfrühestens mit der Aufklärung aktuell! Aber so viel wissen wir doch, dass es Menschen außerhalb der Norm und ihre Kämpfe immer in der Gesellschaft gegeben hat – teils offener, als wir manchmal vermuten. Für mein neues Galgenmärchen arbeite ich mich gerade in die Geschichte des Cross-Dressings ein, und es ist faszinierend, dass es hier zum Teil jahrtausendealte Belege gibt, durch so viele Kulturen hinweg. Man denke an die Volksheldin Mulan oder den französischen Chevalier D’Eon, der in seiner Rolle als Geheimagent vornehmlich als Frau tätig war. (Absolut lesenswert ist hier auch die Geschichte queerer Identitäten – für viele indigene Völker waren Geschlechter neben Mann und Frau zum Beispiel nichts Ungewöhnliches.) Es gibt da irre viel zu entdecken, auch für die eigenen Geschichten, und wenn es nur nebenbei erwähnt wird.

        Die nicht-parteiische Seite der Wissenschaft wird übrigens vielleicht Thema für meine Bachelor-Arbeit(en). Mich interessiert schon längere Zeit, inwiefern die großen Philosphen der Aufklärung (Namen wie Voltaire und Kant) rassistische und sexistische Diskrimierungslegenden in unsere Gesellschaft mit eingeschrieben haben. Ein ziemlich dunkles und teils bedrückendes Thema, wenn man sich gewisse berühmte Texte und Vorlesungen anschaut, aber ebenfalls etwas, das einen näheren Blick wert ist.

        Gefällt 1 Person

      2. Die Bachelorarbeit würde ich gerne lesen.
        Ich zitiere hier mal Marie v. Ebner-Eschenbach: „Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.“
        Warum sollte das bei den großen Philosophen anders (gewesen) sein. Natürlich hatten sie auch ihre Vorurteile – und vielleicht sind sie gerade deshalb zu „großen Philosophen“ geworden, weil sie sie so formuliert haben, dass sie den Nerv der Zeit am besten trafen.
        Ich glaube, das ist sogar einer der Kardinalfehler, auf den wir immer wieder reinfallen: Nur weil ein „Großer“ irgendwas gesagt hat, muss es nicht wahr sein. Auch Koryphäen können irren. Außerdem besagt die Tatsache, dass jemand eine Koryphäe auf irgendeinem Gebiet ist, noch lange nicht, dass er ein guter Mensch ist. Wenn diese Koryphäe aber nebenbei rassistisch, pädophil, ableistisch oder was auch immer ist, wird sie versuchen, diese dunklen Seiten zu verheimlichen oder, sofern das nicht möglich ist, in irgendeiner Form zu legitimieren. Klar, dass das zur Bildung von Diskriminierungslegenden beiträgt.

        In meinen Büchern thematisiere ich solche Denkfallen ja auch immer wieder, auch wenn es in der Haupthandlung oft um etwas ganz anderes geht. So geht es im Subtext vom „Spielmann“ z. B. um Vorurteile gegenüber Fahrenden und im nächsten Buch wird es u. a. um Rassismus und Religion als Machtinstrumente gehen. Diese „ernsten“ Themen sind so etwas, der Motor der Geschichte, der unsichtbar unter dem glänzenden Chassis der Handlung arbeitet. 😉

        Gefällt 1 Person

  5. Wow.
    Ich hab es jetzt doch zu Ende gelesen, und bin echt ein bisschen erschüttert.
    Ich meine. Du hast erkennbar gute Absichten und alles.
    Aber der Artikel hier ist schlimm für mich. Der hat sehr weh getan. Ich find das echt nicht in Ordnung.
    Falls du drüber reden magst, würde ich gerne wissen, ob du tatsächlich eine Quelle nennen kannst, in der jemand verlangt, was du in deinem Text als Forderung beschreibst:
    „Zunächst mal empfinde es als Zumutung, von einem Autor oder einer Schriftstellerin zu verlangen, in jeder Geschichte ein Maximum an Diversität unterzubringen.“
    Weil das für mich eigentlich der Kern dessen ist, was mich an deinem Text so stört. Ich halte das für einen Strohmann genau der gleichen Art, wie ihn auch Leute benutzen, die gerne weiter Zigeunerschnitzel und Mohrenkopf sagen wollen, und für mich ist diese Haltung so schwer verständlich und so ärgerlich, dass ich mich echt schwer tue, damit freundlich und konstruktiv umzugehen.
    Aber ich versuchs trotzdem.

    Gefällt mir

    1. Nun, was soll ich sagen? Ironischerweise bestätigt dein Kommentar genau die Kernthese des Artikels: Es ist unmöglich so zu schreiben, dass sich niemand getriggert fühlt.
      Inhaltlich beschränkst du dich auf den Vorwurf, ich würde einen Popanz aufbauen, um ihn zu zertrümmern. Dazu kann ich dir nur sagen, dass das nicht stimmt. Der Artikel ist, wie im Text beschrieben, eine Reaktion auf Veröffentlichungen in anderen Blogs, die zumindest in meiner Blase als richtig und wichtig gefeiert wurden. Das kannst du mir glauben oder nicht, die Quellen werde ich trotzdem nicht nennen, weil dann die Gefahr bestünde, dass sich die Diskussion von der Sachebene auf eine persönliche verlagern würde. Das möchte ich auf jeden Fall vermeiden und deshalb werde ich alles lassen, was auch nur annähernd als „er/sie war’s“ verstanden werden könnte.
      Dann lasse ich mir lieber Spiegelfechterei unterstellen, denn allein die Tatsache, dass das möglich ist, zeigt, dass die Artikel auf die ich mich beziehe, bei weitem nicht die Reichweite und den Einfluss haben, den ich ihnen zugeschrieben habe.

      Gefällt mir

      1. „Ironischerweise bestätigt dein Kommentar genau die Kernthese des Artikels: Es ist unmöglich so zu schreiben, dass sich niemand getriggert fühlt.“
        Ich kann natürlich nicht leugnen, dass mein Kommentar vielleicht unfreundlicher als nötig gewesen sein könnte, aber dass du jetzt gleich von Triggerung sprichst und damit beiläufig meine Position abwertest, ist auch nicht unbedingt eine sympathische Reaktion.

        Was den Rest angeht, wird es dann natürlich schwer, weiter drüber zu reden. Ich denke, ich habe ungefähr erläutert, was mein Einwand ist, und wir haben nun noch eine weitere kleine Bestätigung, dass wir wohl nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Umgang her nicht so gut kompatibel sind. Wahrscheinlich muss es dabei bleiben.
        Danke trotzdem, und beste Wünsche.

        Gefällt mir

      2. So ist es. Ich habe das auch bemerkt und kann deinem Artikel weitestgehend zustimmen. Bemerkenswert an solchen Artikeln wie „Erste Schritte zum diskriminierungsfreien Schreiben“ ist, dass sie zwar betonen, niemandem etwas vorschreiben zu wollen, aber in jeder Zeile klarmachen, dass sie jeden, der ihnen nicht zustimmt, für einen Rassisten, Homophoben usw halten. Und damit die Leute de facto doch nötigen wollen so zu handeln, wie sie es ihnen überhaupt nicht vorschreiben wollen.
        Und ja, es wird immer Leute geben, die sich angepi**t von irgendetwas fühlen. Oder wie man früher sagte: „Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst die Niemand kann“.
        Witzigerweise ist mir bei all diesen Artikel, die sich selbst als moralisch höherstehend ansehen, aufgefallen, dass eine Diskriminierung nie Thematisiert wird, die sogar mir als Frau auffällt: Die Abwertung von Männern und die Bagatellisierung von Gewalt an selbigen, auch im Fall von häuslicher Gewalt durch „positive“ weibliche Figuren – sei es in Krimis, Liebesromanen oder „humoristischer“ Literatur. Hätte man wohl Bücher mit Titeln wie „Nur eine tote Fraue ist eine gute Frau“ oder „Suche sterile Frau fürs Leben“ verfilmt bzw was wäre da los gewesen?

        Gefällt 1 Person

      3. Danke für deinen Kommentar!
        Hast du denn konkrete Beispiele, die ich irgendwo besichtigen könnte, um mir ein Bild davon zu machen, was du meinst?
        Darüber hinaus finde ich ja, dass es im Ergebnis keine Rolle spielt, was in anderen Texten steht. Es ist für mich einfach ein Erfordernis guter Literatur, dass sie sich … sagen wir mal: ihrer selbst und ihrer Wirkung und der dahinter und davor stehenden gesellschaftlichen Probleme bewusst ist und eine reflektierte Haltung dazu hat.

        Gefällt mir

      4. Ja, das ist ein weiterer Punkt. Diese schwarz-weiß-Malerei nach dem Motto: Wenn das Eine falsch ist, muss das Gegenteil gut und richtig sein. Nein, muss es nicht.
        Die Tatsache, dass die Inquisition der frühen Neuzeit grausam und menschenverachtend mit den Angeschuldigten umgegangen ist, bedeutet nicht, dass diese durch die Bank harmlose, unschuldige Opfer waren. Und natürlich hängt es weder am Geschlecht, noch an Hautfarbe, Musikgeschmack oder Schuhgröße, ob wir uns zu guten oder schlechten Menschen entwickeln. Jedenfalls nicht allein.

        Gefällt mir

  6. Danke für den Artikel.
    Nicht nur Astrid Lindgren hat das Wort Neger (oder das schwedische Äquivalent dazu) verwendet, sondern auch zahlreiche andere. Unter anderem hat Martin Luther King von „Negroes“ gesprochen und geschrieben, Leopold Sedas Senghor, Präsident des Senegals war Anhänger der „Negritude“, einer Denkrichtung, der viele Afrikaner anhingen.
    Dass „Neger“ eine Beleidigung und Diskriminierung ist, ist eine neue Entwicklung, wie viele Worte hat es die Bedeutung gewechselt.
    Und niemanden beleidigen? „Wenn jemand einen guten Witz macht, sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und ist beleidigt“ wusste schon Tucholsky. Du kannst keine Satire machen, ohne jemanden zu beleidigen. Die Zeichnung Mohammeds mit der Bombe im Turban ist sicher beleidigend. Aber leider ist sie eine genaue Abbildung der Vorstellungen, wie sich Dschihadisten Mohammed vorstellen. Und das gilt auch für zahlreiche andere Karikaturen und Satiren.
    Weswegen die PC-Fans auch in der Regel absolut humorbefreit sind.
    Herzliche Grüße, Hans Peter

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Hans-Peter und danke für deinen Kommentar!
      Der olle Tucholsky, der war ja nun selbst gut im Beleidigen, Dem Vernehmen nach aber auch im Einstecken. Und mit manchen seiner Sprüche hat er bis heute recht behalten. Trotzdem glaube ich nicht, dass ein guter Witz auf Kosten anderer gehen muss. Eher im Gegenteil.
      Bei Satire ist das anders. Da gebe ich dir wieder recht.
      Andererseits ist es schon wieder interessant, wer sich durch was getroffen fühlt. Ich erinnere mich z. B. an einen Titel der Titanic: „undichte Stelle beim Papst gefunden“. Ich habe Tränen gelacht, meine (in keiner Weise katholische) Mutter hat sich gewunden, weil es ihr so peinlich war. Aber das hatte mit PC überhaupt nichts zu tun. In ihren Augen war einfach eine Grenze des guten Geschmacks überschritten worden.
      Es muss also nicht unbedingt mit PC zu tun haben, sondern kann auch andere Gründe haben, dass jemand einen Witz abscheulich findet.

      Aber auch abgesehen davon tue ich mich schwer, Menschen, die niemanden verletzen wollen (nichts anderes verbirgt sich ja hinter der Abkürzung PC) den Humor gänzlich abzusprechen. Denn das hieße ja, dass nur Humor hat, der über die Missgeschicke anderer lachen kann. Diese Definition von Humor fände ich zumindest eigenwillig. Aber vermutlich wolltest du das auch gar nicht sagen. 🙂

      Gefällt mir

  7. Ich bin mit dem Vorkommentator gar nicht (mehr) befreundet, aber Ihr „Trigger-Argument“ finde ich intellektuell unredlich. Er kritisiert an dem Text ja, neben seinem Inhalt als solchen (so verstehe ich das), die wiederum unredliche Argumentation. Er fühlt sich also, ich nenne es mal, schlechte Argumentation (und, wie ich vermute, politische Richtung, die diese impliziert) getriggert und nicht durch irgendeine From diskriminierenden Schreibens, was Sie ja unterstellen. Es mag ja sogar sein, dass es Menschen gibt, die fordern, dass in Mittelalterromanen, die in Thüringen spielen, mehr Menschen aus Bangladesh auftauchen. Die Mehrheit der Menschen, die eine diskiminierungsfreiere, integrierendere Sprache fordern, tun das allerdings nicht. Sie suchen sich mithin, bewusst oder unbewusst, ein wirklich mit Abstand überdurchschnittlich dumme Forderung der Befürworter*innen einer diskriminierungsfreieren Sprache aus. An der Sie sich dann abarbeiten. Das dürfen Sie natürlich. Sie verzichten aber meines Erachtens gleichzeitig darauf, sich mit besseren Argumenten für eine solche Sprache auseinanderzusetzen und auch mit Forderungen, eine solche umzusetzen, die realistischer sind.

    Im Ergebnis haben Sie ja übrigens sogar recht. Es ist nicht möglich, diskriminierungsfrei zu schreiben. Zum Beispiel weil wir in diskriminierenden Strukturen leben, davon geprägt sind auch unterbewusst und es gibt viele Gründe mehr. Meines Erachtens wäre aber die Frage, wie wir möglichst diskriminierungsfrei schreiben können, und warum das wichtig ist, viel interessanter, als das, was Sie in Ihrem Artikel tun.

    Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich so viele negativ konnotierte Adjektive gebraucht habe, und betonen dass ich mich damit nicht auf Sie als Person, sondern nur Ihren Text beziehe.

    Gefällt 1 Person

    1. Um es vorweg zu sagen: Ihren Text habe ich ausschließlich als sachbezogen verstanden. Ob der Ihrer Vorkommentatorin es ebenfalls war, kann man sicher verschieden sehen. Aber die Aussage: „[…] bin echt ein bisschen erschüttert. […] der Artikel hier ist schlimm für mich. Der hat sehr weh getan. Ich find das echt nicht in Ordnung“, hat für mich wenig mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu tun. Für mich ist das ausschließlich persönliche Betroffenheit. Deshalb das „getriggert“.

      Nun aber zum Inhalt: Der Artikel beschäftigt mit zwei Aspekten der Diskriminierung in der Belletristik: der Diskriminierung durch die Marginalisierung bestimmter Gruppen, indem sie einfach nicht angesprochen werden und der Diskriminierung durch die Sprache. Es sind unterschiedliche Aspekte mit unterschiedlicher Problematik aber sie gehören thematisch zusammen.
      Deshalb empfinde ich es auch legitim, sie in einem Artikel zu behandeln.
      Andererseits sind sie innerhalb des Artikels in verschiedenen Unterpunkten angesprochen und damit durchaus separat erfasst. Daher sehe ich nicht, dass irgendwelche Argumente vermischt oder ein Popanz aufgebaut wird.

      Worin ich Ihnen recht gebe, dass eine Sprache, die klar ist, ohne jemanden zu diskriminieren mehr als wünschenswert wäre. Allerdings fehlt mir aus den Gründen, die ich im Artikel darlege der Glaube, dass das möglich ist. Das heißt aber nicht, dass ich nicht trotzdem gern darüber diskutiere.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s