#WirSchreibenDemokratie – Weil wir uns erinnern wollen!

Krieg, das scheint hier, im sicheren Deutschland etwas, das nur andere angeht. Höchstens diejenigen, die in winzigen Booten über das Mittelmeer kommen, erinnern vielleicht noch daran. Aber viele scheinen nicht erinnert werden zu wollen.
Denen ist es vielleicht ganz recht, dass auch die letzten wegsterben, die noch von Krieg, Flucht und Vertreibung erzählen können – und vielleicht auch von der Zeit davor. Es erlaubt, sich von ihnen zu distanzieren und sie gleichzeitig zu verklären.

Auch in meiner Familie gibt es niemanden mehr, den ich dazu befragen könnte. Weder zu den Bombennächten in Hamburg noch zur Flucht aus Ostpreußen. Die Großeltern sind tot und meine Eltern waren damals selbst noch Kinder. Bei Kriegsende war mein Vater gerade mal sechs, meine Mutter drei.
Viel erzählt haben die Großeltern aber auch zu Lebzeiten nicht. Es gab nichts zu erzählen, denn das waren keine Zeiten, an die man sich gern erinnerte. Nicht nur wegen der Toten. Über die wurde noch am Meisten gesprochen. Auch, wenn mein Opa mütterlicherseits so früh starb, dass von ihm nicht einmal ein Name blieb. Sein Leben reichte für eine schnelle Heirat und zwei Heimaturlaube, in denen er jeweils ein Kind zeugte. Kurz nach dem zweiten Urlaub traf eine Bombe sein Schiff. Den Schilderungen der überlebenden Kameraden nach, muss sie ihm fast auf den Kopf gefallen sein. Aber da seine Leiche nie gefunden wurde, galt er lediglich als vermisst. Meine Oma bekam nicht einmal Witwenrente.
Mein Opa väterlicherseits starb im Jahr meiner Geburt. Dank einer kriegswichtigen Position in den Göring-Werken musste er nicht an die Front. Aber als überzeugter Deutsch-Nationaler hat er auch nichts dagegen unternommen, als sein ältester Sohn zum letzten Aufgebot gegen die heranrückende Rote Armee eingezogen wurde. Die Möglichkeiten hätte er gehabt. Sie nicht genutzt zu haben, hat er den Rest seines Lebens bereut. Von meinem Onkel Lothar gibt es genauso wenig ein Grab, wie von meinem namenlosen Opa. Der eine blieb auf See, der andere verschwand irgendwo im Samland.

Was blieb, sind ein paar Anekdoten. Von der Ur-Oma, die mit Oma und den beiden kleinen Kindern aus dem ausgebombten Hamburg ins Umland evakuiert wurde, wo sie die Familie mit Kartenlegen durchbrachte. Von meiner Mutter, die bis heute keinen Kohl und keine Steckrüben riechen kann. Erzählungen über den Hungerwinter, in dem morgens die steifgefrorenen Leichen aus den Nissenhütten getragen wurden. Die Geschichte, als meine Oma hinter einem Busch pinkeln gehen wollte und den Kessel mit dem schwarz geschlachteten Schaf im Knick fand.
Die Anekdote von der Uhr, die die Russen meiner anderen Oma gestohlen haben und dass sie daraufhin zum Kommandanten ging; sich beschwerte: als Ärztin sei sie auf eine Uhr angewiesen, wie sonst solle sie den Puls messen? Und dass sie daraufhin eine neue Uhr bekam. Meine Tante, die sich beklagte, zur Konfirmation ein Kleid aus Fallschirmseide bekommen zu haben, das so kalt war, dass sie auf dem Rückweg kaum noch gehen konnte. Dass im Garten der Familienvilla in der sie zu der Zeit lebten (meine Großeltern väterlicherseits hatten mehrere davon), Kartoffeln angebaut wurden. Und dass meine Tante noch bis in die 80er Jahre Angstzustände bekam, wenn sie jemanden russisch sprechen hörte.

Frauengeschichten vom Krieg und der Zeit danach. Es waren keine Männer übrig, um ihre Sicht zu erzählen, bis auf Onkel Volker, der ein solcher Widerling war, dass niemand freiwillig mit ihm sprach.
Trotzdem war selbst uns Kindern damals, in den 70ern klar, was der Krieg Menschen antut. Wir hatten es ja täglich vor Augen. Damals gab es sie schließlich noch, die Kriegskrüppel (oder die „Versehrten“, wie sie pietätvoller genannt wurden. Political correctness ist keine neue Erfindung).
Links von uns wohnte ein alter Nazi mit nur einem Bein, der soff, um die Erinnerungen los zu werden. Tagsüber mag das geklappt haben, aber nachts hörten wir ihn manchmal schreien. Sogar noch durch die Wände hindurch. Ich war mit seiner Tochter befreundet und am Wochenende fuhren wir manchmal raus ins Grüne, wo er uns Schießen beibrachte (er war Jäger und die Waffen waren legal. Ob er sie uns geben durfte, ist eine Frage, die ich mir damals nie gestellt habe).
Auf der anderen Seite wohne ein Sozi mit nur einem Arm. Die Gerüchteküche besagt, er habe ein Strafbataillon überlebt, aber er selber sprach nie darüber. Sein leerer linke Hemdsärmel steckte in der Hosentasche, damit er nicht im Weg war. Wundersamerweise war er trotzdem handwerklich sehr geschickt und hat vieles im Haus selber gemacht. Uns Kindern hat er beigebracht, wie man Fahrräder repariert.

Es gab noch mehr solche Leute in der näheren und weiteren Umgebung. Halbblinde, Lahme, Einarmige. Man zeigte nicht auf sie. Jeder wusste, woher die Verletzungen kamen. Aber man sprach nicht darüber. Nur nichts aufwühlen.
Nur einmal hat meine Mutter meine Oma nach der Zeit „davor“ gefragt. Warum denn keiner etwas gesagt oder getan habe.
„Aber wir wussten doch von nichts“, hat meine Oma geantwortet und normalerweise wäre das Thema damit wieder begraben gewesen.
Aber dieses eine Mal hat meine Mutter nachgebohrt. Hat gesagt, dass sie das nicht glauben kann; dass man es doch merken muss, wenn die Nachbarn verschwinden.
„Wir wussten nichts“, hat meine Oma wiederholt. „Man durfte doch nichts wissen. Jeder wusste doch, was mit denen passiert, die zu viel wissen oder zu viele Fragen stellen!“

Warum ich das hier schreibe? Weil gerade eine Partei in den Bundestag eingezogen ist, die die Meinung vertritt, man solle diese Omertá wieder einführen. Das alles vergessen. Stolz sein auf die Leistungen einer Armee, die fremde Länder überfallen und damit unsägliches Leid über Europa gebracht hat.

Aber ich will nicht vergessen. Die Erinnerung ist kostbar. Trotz der Toten, der Krüppel und des Leids. Ohne solche Erinnerungen sind wir wurzelloses Gestrüpp, wie dieses Tumbleweed-Kugeln, die immer durch die Westernszenarien rollen. Vergessen führt nicht in eine bessere Zukunft. Im Gegenteil: Ohne solche Erinnerungen laufen wir Gefahr, die Fehler unserer Vorfahren zu wiederholen.
Deshalb schreibe ich das hier auf. Weil ich es kann. Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der man neugierig sein darf. In der man nicht abgeholt, eingesperrt oder sogar erschossen wird, weil man zu viel wusste und das auch noch ausgesprochen hat.  Ich schreibe es auf, weil man sich seine Geschichte so wenig aussuchen kann, wie die Familie, in die man hineingeboren wird. Gegen das Vergessen. Für Demokratie und Freiheit.


WirSchreibenDemokratie
Grafik: Elenor Avelle und Anne Colwey

#WirSchreibenDemokratie ist eine Aktion des Nornennetzes.
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5 Kommentare zu „#WirSchreibenDemokratie – Weil wir uns erinnern wollen!

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