[Schnipsel] Sorgen und Nöte moderner Großstadtvampire

Sie achtete darauf, sich unauffällig zu verhalten, kleidete sich dezent, grüßte höflich im Vorbeigehen und zahlte vorbildlich Steuern, Abgaben und Fahrkarten. Geldsorgen hatte sie trotzdem keine. Jetzt, da sie eine eigene Wohnung besaß, reichte das Geld aus den Brieftaschen ihrer Opfer, um die laufenden Kosten zu decken.
Dass sie ein ganz anderes Problem hatte, merkte sie im August 1985, als sie eine neue Jahreskarte kaufen wollte und die Frau hinter dem Schalter ihren Ausweis mit der Bemerkung zurückgab: »Der ist leider abgelaufen. Den müssen sie erst verlängern, Vorher kann ich ihnen keine neue Fahrkarte ausstellen.« Sie warf einen Blick auf Silke. »Aber immerhin müssen Sie kein neues Foto machen. Sie sehen ja noch keinen Tag älter aus, als auf dem Bild hier.«
Bei einem Mann hätte Silke vielleicht an Schmeichelei und einen Flirtversuch geglaubt und den Ausweis unbesehen eingesteckt. So aber schrillten sämtliche Alarmglocken. Das Bild war zehn Jahre alt und unter der peinlichen Frisur guckte tatsächlich noch genau das gleiche Gesicht hervor, das ihr jeden Tag aus dem Spiegel entgegenblickte.

Aus: Biss zum nächsten Akt – demnächst als eBook erhältlich!

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3 Kommentare zu „[Schnipsel] Sorgen und Nöte moderner Großstadtvampire

      1. Goethe bewahre, dass ich jemals erlebe, was ich meinen Charakteren antue…
        Aber ich habe schon oft Freund*innen, die zu Besuch haben, auf ein Spiel eingeladen. Es gibt ein Foto von mir, auf dem ich mit 10 vor dem Weihnachtsbaum sitze und das wir in A3 entwickeln ließen. Und irgendwie hat es sich eingebürgert, dass jedes Schulfoto von mir in A6-Format ebenfalls in diesen Rahmen reingewurschelt wird, sodass um das Foto meines zehnjährigen Ichs sich Fotos von mir mit 11 und 13-18 tummeln. Und ich mache mir einen Witz daraus, die Leute schätzen zu lassen, in welcher Reihenfolge sie entstanden sind.
        Außer, dass das mit dem Weihnachtsbaum das Älteste sein muss, haben die wenigsten was richtig. Außer man kennt mich länger und weiß ungefähr, wann ich meine Haare wie getragen habe oder ab wann ich Klamotte soundso besaß.

        Gefällt 1 Person

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