Was darf Literatur?

Vor nicht ganz hundert Jahren stellte Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel in der Weltbühne die Frage: Was darf Satire? Ich habe in der Vergangenheit verschiedene Diskussionen zu Buchinhalten und zur Autorenverantwortung verfolgt, die mich dazu brachten, mich mit der oben gestellten Frage zu beschäftigen: Was darf Literatur?

Wenn einer bei uns einen guten Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Literatur scheint eine durchaus negative Sache. Sie wühlt auf. Sie stänkert gegen das Altvertraute. Literatur stellt infrage, beißt, lacht über und pfeift auf alles, was stockt und träge ist.
Dabei ist Literatur eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller. Nirgends zeigt sich Gewissenlosigkeit deutlicher als dort, wo Autor respektive Autorin keine Verantwortung für die Wirkung ihrer Werke übernehmen, wo nur „für den Markt“ geschrieben wird und Verlage nur das veröffentlichen, von dem sie sicher zu meinen wissen, dass es sich verkauft.

Im Gegensatz zu diesen Kommerzprodukten ist Literatur ihrem Wesen nach idealistisch. Sie will die Welt gut haben, findet sie aber schlecht und rennt nun gegen das Schlechte an. Ein wenig könnte man sich an Don Quichotte und die Windmühlen erinnert fühlen. Vielleicht auch an Sisyphos und seinen Stein. Und vielleicht ist das sogar das bessere Beispiel. Don Quichotte kennen wir als Ritter der traurigen Gestalt. Sisyphos haben wir uns als glücklichen Mann vorzustellen (laut Sartre*).

Frau Vockerat: „Aber man muß doch seine Freude haben können an der Kunst.“
Johannes: „Man kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.“
(Gerhart Hauptmann)

Auch die Literatur könnte sich vermutlich in diese Rolle einfinden, wenn nicht immer der gleiche Fehler gemacht würde, das Dargestellte mit dem Darstellenden zu verwechseln. Ob es nun darum geht, die Folgen der Obdachlosigkeit aufzuzeigen oder gegen Armut, Drogen und Sexismus anzukämpfen, geht das nicht mit schönen Worten. Es nützt gar nichts, den Obdachlosen zum Wohnungssuchenden umzulabeln oder das Wort „behindert“ aus dem Wortschatz zu streichen. Im Gegenteil, nur indem die Dinge beim Namen genannt werden, lichtet sich der Begriffsnebel.
Ja, es kann sein, dass dabei Dinge zum Vorschein kommen, die verstören. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Aber damit sind wir wieder bei dem, was die Literatur will. Sie will ja aufrütteln, um die Dinge zum Besseren zu wenden. Das geht nun mal nicht, wenn man alles in Harmoniesauce ertränkt.

brennendes Buch
Quelle: DariuszSankowski via pixabay

Übertreibt die Literatur? Natürlich tut sie das. Literatur muss übertreiben, um ihre Anliegen deutlich zu machen. Sie muss polarisieren. Sie muss die Schatten schwärzer und die Gräben unüberwindlicher scheinen lassen. Literatur kann gar nicht anders, als die Gerechten mit den Ungerechten leiden zu lassen. Erst dadurch schafft sie die Brüche, durch die das Licht hereinscheint.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst.

Und da ist es wieder das Dilemma der Literatur. Einerseits wird mehr Diversität gefordert. Die Literatur solle sich nicht nur um die weiße Mittel- und Oberschicht kümmern. Mehr Farbe wagen, mehr Lebensmodelle aufzeigen.
Aber bitte positiv! In positiven Worten. Einen nach Pisse stinkenden Penner zu erwähnen – ein Unding! Bloß niemanden verstören. Auf keinen Fall triggern.

Das ist unzweifelhaft gut gemeint, würde die Literatur zu einem ständigen Eiertanz zwischen Interessengruppen, Konfessionen und immer neuen Empfindsamkeiten. Das mag auf den ersten Blick graziös scheinen, führt aber zu blutleeren Klischees oder im schlimmsten Fall: Traktaten. Die echte Literatur dagegen ist wie frischer Wind für den Geist. Sie zwingt zur Auseinandersetzung und sorgt dafür, uns selbst in Frage stellen zu können. Sie hält uns einen Spiegel vor. Das Bild darin mag verzerrt sein. Hässlich. Aber es wäre falsch, der Literatur die Schuld zu geben, wenn wir uns dort nicht in die Augen sehen können.

Was darf Literatur?

Alles.


Alle nicht gesondert gekennzeichneten Zitate stammen aus dem verlinkten Artikel von Tucholsky.


*Das Zitat stammt natürlich Camus und nicht Sartre, wie ein aufmerksamer Leser auf Facebook bemerkte.

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4 Kommentare zu „Was darf Literatur?

  1. Nein Literatur darf nicht alles, ich habe ein Strafverfahren am Laufen, weil ich in meinem letzten Werk kein Blatt vor den Mund genommen habe.

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