[Werkstattgeplauder] Die Crux mit den Frauenrollen

Vor ein paar Tagen fragte eine Kollegin, wie alt man sein müsse, um Erfahrung zu haben. Konkret ging es um eine Kräuterfrau Anfang zwanzig. Ob die schon erfahren sein könne?
Das Gespräch entwickelte sich schnell schnell weiter zu einer grundsätzlichen Frage: Warum müssen Heldinnen immer jung und schön sein? Oder anders gesagt: Warum finden sich jenseits von jung und schön nur noch die Hexen, Stiefmütter und die intriganten alten Weiber?

Die Frage hat mich nicht losgelassen und so kam es zu folgendem Zwiegespräch zwischen meinem schreiberischen Ich und dem Über-Ich, das ich hier ungekürzt und in aller Polemik wiedergebe. Zur besseren Übersicht spricht das Ich in grau und das Über-Ich in schwarz.

Das mit junge, schöne Protas vs. alte Hexen ist wirklich so ein Klischee und eigentlich wollen wir ja weg davon. Außerdem wird es in der alternden Gesellschaft vielleicht sogar begrüßt, wenn nicht nur die 16 – 21jährigen Liebesabenteuer erleben, sondern auch mal die, sagen wir, 50plusserinnen ihren Traumprinzen abkriegen?

Stimmt. Allerdings – wieso Traumprinz?

Wer sagt denn, dass Liebesgeschichten immer hetero sein müssen? Es könnte doch auch sein, dass die 50plusserin entdeckt, dass sie gar nicht auf Männer sondern auf Frauen steht.

Gute Idee. Sie findet also die Liebe ihres Lebens und die ist eben nicht überirdisch schön, sondern normal. Also gerne ein bisschen übergewichtig, orangehäutig und auch nicht mehr die sportlichste. Dafür aber, sagen wir: Türkin.
Türkin ist gut. Das bringt Interkulturalität und zusätzliche Konflikte und Konflikte sind immer gut.
Dafür sind beide aber total nett und sympathisch und deshalb fiebern wir natürlich mit, denn das Happy End gehört ja irgendwie dazu.

Das hat was. Aber mal ganz generell gefragt: Warum dürfen Frauen nicht auch mal die Fiesen sein? Also richtig böse Superschurkinnen, die Spaß an Folter, Mord oder dem Zerstören von Welten haben, statt immer nur aus Liebeskummer zu handeln?
Du bringst mich da auf eine geile Idee! Das wäre doch mal ein Superplot: Eine schon etwas ausgelutschte 50plusserin verliebt sich in eine fette, türkische …

Oh, wait!

Huston, wir haben ein Problem!

Lesbische Superschurkin ist nicht. Es gibt so wenige lesbische Protagonistinnen, dass jede als Stellvertreterin für alle Lesben gesehen wird. Wenn ich also eine lesbische Superschurkin habe, die aus Freude am Foltern foltert, dann werden alle denken, du hast was gegen Lesben. Und wenn die dann auch noch Türkin ist, bist du außerdem Rassistin.
Wenn, muss die weiße Kartoffel die Böse sein, dann gleicht sich das vielleicht wieder aus.

Puhhhhhhhh!

Also fette, türkische Lesbe verknallt sich in die schurkische Kartoffel, wechselt auf die dunkle Seite der Macht. Gemeinsam sind sie noch stärker und weiten ihren Geschäftsbereich aus, bis …
Ne, kannste nicht machen. Erstens glaubt das kein Mensch und zweitens ist das wieder Anti-LGBT.
Ok, sie verlieben sich also und kämpfen auf der dunklen Seite der Macht, bis sie werden wie Thelma und Louise …
Halt, stopp! Das ist zwar schon besser, aber wer bringt denn den Untergang? Doch garantiert die Polizei, also im Zweifel Männer. Dabei geht es hier um Frauenrollen, Herrgott, … Verzeihung: Große Mutter nochmal!
Also dritter Anlauf: Die fette Türkin verliebt sich, sieht dann aber ihren Fehler ein, beseitigt die Kartoffel und rettet die Welt.
Das ist mir auch schon wieder zu Mainstreamig. Muss denn der Superschurke immer gleich gekillt werden? Und dann auch noch eine Weiße von einer PoC? Das riecht nach Rassismus.
Den Punkt hatte ich nicht bedacht. Also die supernette Türkin, die natürlich Atheistin ist, überzeugt die Weiße davon, auf die helle Seite zu wechseln. Das hat dann auch noch eine hübsche Konnotation, wenn ausgerechnet die Weiße erst auf der dunklen Seite steht und dann durch die Liebe ihrer dunkelhaarigen Freundin gerettet wird.
Super Plot! Projekt gerettet! Jetzt muss ich nur noch ’ne Story drumrum basteln.

Ja, nicht so schnell: Müssen die sich unbedingt verlieben? Wer sagt eigentlich, dass sich Frauen unbedingt verlieben müssen?
Müssen sie ja gar nicht. Sie können zum Beispiel auch Nachbarinnen sein, die sich aber nicht leiden können …
Nein, das geht auch nicht, wir wollen positive Frauenrollen. Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Keinen Zickenkrieg, das ist nicht nur ein böses Wort, sonder auch so ein Klischee, das es zu bekämpfen gilt.
Also: Sie sind Freundinnen.
Ja, und der Konflikt? Wo bleibt der Konflikt? Du weißt, dass du einen brauchst.
Der Konflikt ist natürlich die Gesellschaft. Sie sind beide über 50, übergewichtig und lesbisch. Aber die Gesellschaft erwartet von ihnen, dass sie jung, hübsch und hetero sind. Außerdem ist eine auch noch Türkin. Das ist doch Konfliktstoff, oder?
Stoff schon, aber noch kein Konflikt. Da brauchst du mehr. Vor allem müssen sie aktiv sein und etwas tun. Aktivität ist schließlich das, was eine gute Protagonistin auszeichnet.
Gut, was hältst du davon: Sie eröffnen gemeinsam eine interkulturelle Konditorei, oder warte, besser: ein Hammam! Eins, wo nur Frauen Zutritt haben! Und alle Frauen sind natürlich total begeistert, auch weil sie mit einem ganz neuen Körpergefühl rauskommen, auch wenn es natürlich auch Gegner gibt. Ich stelle mir da zum Beispiel so eine alte, vertrocknete Lehrerin vor …
Achtung! Ganz dünnes Eis, meine Liebe! „Alte, vertrocknete“ ist Bodyshaming! Und nichts gegen Lehrerinnen!
Die Lehrerin ist ja nur am Anfang dagegen, aber nachdem sie das Hammam einmal besucht, ist sie hin und weg und hilft den beiden Lesben gegen ihren ärgsten Widersacher, so einen echten Widerling …
EINEN MANN? Sag mal, willst du jetzt die Männer diskriminieren?


An dem Punkt habe ich die Diskussion mit meinem Über-Ich abgebrochen und mich darauf besonnen, dass ich ohnehin erst die Geschichte glattziehe, bevor ich mir Gedanken über die Besetzung mache. Aber natürlich bleibt das Grundproblem erhalten: nämlich welche Figuren wir als Autor*Innen und Leser*Innen eigentlich wollen.
Und bevor jetzt irgendwer auf die Idee kommt, das sei ein Problem des Genderns oder des Feminismus: Das Problem, gute Figuren zu schaffen, existiert keinesfalls nur für Frauen. Ich kann das gleiche Fass problemlos auch für Männer aufmachen. Die Konstruktion des idealen Superhelden wäre auch sehr spaßig.


Als Ergänzung hier noch ein Artikel der Edition F, über den ich eben auf Twitter gestolpert bin. Andere Perspektive aber das gleiche Problem.

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8 Kommentare zu „[Werkstattgeplauder] Die Crux mit den Frauenrollen

  1. Über dieses Thema habe ich mir schon viele Gedanken gemacht und ich bin begeistert, dass du etwas dazu geschrieben hast, weil ich nie wusste, wie ich dieses Thema angehen kann, ohne dass gleich „Rassist“ oder „Sexist“ geschrien wird. Ich bin mal so frei, etwas zu ergänzen:

    Ich habe mir bei meinen eigenen Figuren immer Sorgen gemacht, was sie über mich aussagen (dunkelhäutiger Charakter ist böse = rassistisch etc.) und ich bin nach vielem Überlegen zu folgendem Schluss gekommen.

    *Jeder* in meinen Geschichten darf böse sein und *jeder* darf gut sein. Oder schön oder hässlich, oder alt oder jung. Wichtig ist dabei nur: Die Motivation und die Situation müssen stimmen!
    Ich finde, es ist grundsätzlich falsch eine ganze Gruppe von Menschen (z.B. LGBT) von einer bestimmten Rolle auszuschließen nur weil man Angst hat, dass von einem Charakter auf alle Personen der Gruppe geschlossen wird.

    Trotzdem sehe ich natürlich die Problematik, die entstehen kann, wenn z.B. die wenigen LGBT Charaktere, die in der Geschichte vorkommen, dann auch noch die Bösewichte sind. Dagegen hilft nur LGBT (und andere Minderheiten) in Büchern zu normalisieren, aber auch das ist einfacher gesagt als getan.

    LG Sina

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    1. Danke für deinen Kommentar, Sina!
      Ich gebe dir übrigens vollkommen recht: Das Problem lässt sich nur dadurch lösen, dass jede Rolle mit allen Eigenschaften gekoppelt sein kann. Haut- und Haarfarbe sagen genauso wenig über den Charakter wie Geschlecht und sexuelle Orientierung.
      Das Ganze wird, glaube ich, vor allem dann ein Problem, wenn man seine Charaktere vorher zu sehr festlegt. Dann läuft man genau in diese Falle: Selbst mit dem Wissen im Hinterkopf, dass alle Figuren helle und dunkle Seiten haben müssen, möchte die Protas ja möglichst gut machen. Die hat man schließlich lieb! Und andere sollen sie auch mögen.
      Und ich glaube, dass man damit in die Falle läuft. Der Versuch, es allen recht zu machen, klappt nicht. Deshalb finde ich es auch schwierig, wenn z. T, gefordert wird, in Filmen und Büchern müsste unbedingt mindestens ein LGBT-Char, eine PoC und möglichst auch noch jemand mit Behinderung auftauchen. Genau das fürt in meinen Augen nämlich dazu, dass diese Charaktere dann als Vertreter „ihrer Art“ gesehen werden. Da finde ich Lösungen, wie in „Unstern“ von Katrin Ils viel genialer, wo es lapidar heißt: „Der Mann des Wirts war ein guter Koch.“ So geht Normalität.

      LG Nike

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      1. Ich finde diesen Zwang, dass überall ein LGBT, eine PoC und/oder jemand mit Behinderung dabei sein muss auch ganz schrecklich. Diese Figuren zu einem Aushängeschild zu machen, führt bei mir nur dazu, dass ich von ihnen genervt bin und von ihnen nichts hören will.

        Wie Katrin Ils das in Unstern geschrieben hat, finde ich genau richtig!

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  2. Ach Nike 😀
    Ich gebe zu, die Sorge treibt mich ja echt oft genug um. Ist das feministisch genug? Divers genug? Habe ich versehentlich eine rassistische Botschaft drin? Darf ich meine LGBT+-Figuren auch töten oder ist das dann auch böse?
    Und manchmal hält mich sowas nächtelang wach.
    Es tut gut, zu wissen, dass ich damit nicht alleine bin ❤ – als ich über deinen Artikel gelacht habe, lachte ich auch über mich und das tat echt gut.
    Danke.

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    1. Hallo Evanesca,
      freut mich, dass ich dich zum Lachen gebracht und dir gut getan habe. Die Rückmeldung tut auch mir gut, wie übrigens die anderen Kommentare auch. Ein bisschen hatte ich nämlich befürchtet, dass der Artikel missverstanden und genau auf der falschen Seite für Beifall sorgen würde.

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