#Autorinnenzeit: Der Mai wird weiblich

Quelle: https://www.rawpixel.com

Den nächsten Monat wird es hier im Blog ausschließlich Beiträge über Autorinnen und ihre Bücher geben.

Warum?

Weil Literatur immer noch eine Männerdomäne ist. Zwar sind die Zeiten zum Glück vorbei, in denen es für Frauen als unschicklich galt, zu schreiben. Trotzdem finden Autorinnen im Literaturbetrieb immer noch weniger Anerkennung, als ihre Kollegen.

Das beginnt damit, dass Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, signifikant seltener im Schulunterricht verwendet werden*.
Das ist um so bemerkenswerter, weil der Kinder- und Jugendbuchsektor zu den Bereichen gehört, in denen Frauen dominieren. So tauchen in der Liste „Empfehlenswerte deutsche Kinder- und Jugendbuchautoren“ bei Lovelybooks vorwiegend Autorinnen auf. Interessanterweise schlägt sich das aber nicht in den Unterrichtsempfehlungen nieder. So hat die ebenfalls bei Lovelybooks geführte Liste „Die beliebtesten Schullektüren“ praktisch keine Überschneidungen mit der zuvor genannten.

Es setzt sich damit fort, dass von Männern geschriebene Bücher deutlich öfter rezensiert werden. Die Zahlen schwanken je nach Magazin und Land, sind jedoch immer zu Gunsten der Autoren, wie z. B. Nina George im Börsenblatt feststellte.
Das doppelt spannend, weil es immer wieder heißt, dass die Mehrzahl der Bücher von Frauen gelesen und gekauft würden, und dass Frauen Protagonistinnen wünschten, Männer aber vor allem für und über Männer schrieben.

Schließlich werden auch Literaturpreise signifikant häufiger an Männer vergeben.

Mehr Beispiele gefällig? Dann empfehle ich das Interview von Janet Clark bei Literaturschock.

Vielleicht schreiben Männer einfach besser?

Vielleicht tun sie das. Aber warum werden dann im Bereich Kinder- und Jugendbuch vorwiegend Autorinnen empfohlen? Und warum schafft es praktisch keine dieser Autorinnen in den Schulunterricht? Weil die Lesergemeinde zu dumm ist und nur die Schulbehörde den Durchblick hat?

Ich bin inzwischen der Meinung, dass das Problem die unterschiedliche Sichtweise auf Männer und Frauen ist. Wenn Charlotte Roche über Intimrasur und Pickel am Po berichtet, ist das „Schweinkram“, über den man sich selbst dann trefflich echauffieren kann, wenn man Schoßgebete nicht gelesen hat. Dagegen schrieb Günter Grass natürlich hohe Literatur – auch das weiß man, ohne es je gelesen zu haben und deshalb hinterfragt auch niemand, was daran literarisch ist, wenn Mädchen wichsende Jungen und ihr schäumendes Sperma bewundern (Katz und Maus).

Das ist natürlich ein sehr krasses Beispiel. Aber ich habe ganz allgemein den Eindruck, dass Männerphantasien akzeptierter sind als ein allzu weiblicher Blick auf den eigenen Körper. Der Mann ist die Norm, die Frau immer noch Das andere Geschlecht und wehe, ihre Weltsicht stimmt nicht mit seiner überein. In diesem Fall setzen fast automatisch Abwehrmechanismen ein, die den Status quo sichern sollen.**

Ein Monat nur Autorinnen, diskriminiert das nicht die Männer?

Bitte was? Wenn du das ernsthaft meinst, solltest du dir vielleicht noch mal das unter der Überschrift „Warum?“ Gesagte durchlesen. Fakt ist, dass das derzeitige System ganz klar Autoren bevorzugt. Anders gesagt: selbst wenn ich einen Monat nur über Autorinnen schreibe, ist das bestenfalls ein schwacher Ausgleich des herrschenden Ungleichgewichts. Deshalb möchte ich mit einem Zitat von Sven Hensel schließen, der die Aktion Autorinnenzeit ins Leben gerufen hat:

Es wird Zeit, sich solidarisch zu zeigen, gemeinsam für die Vielseitigkeit des Literaturbetriebes einzutreten, anzuerkennen, dass auch Frauen tolle Arbeit leisten und das Scheinwerferlicht zu teilen. Die literarische Bühne bietet uns allen Platz!

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Quelle: carloscuellito87 via pixabay

*Die Lektüreliste für Gymnasien des Landes Baden-Württemberg nennt beispielsweise 236 deutschsprachige Werke, die „im Unterricht gewinnbringend gelesen werden können“. Von diesen 236 Werken stammen 216 von Männern und nur 20 von Frauen. Quelle: hier

**Das Gleiche lässt sich zum Thema Rassismus feststellen. Auch hier gilt: Wer selbst in einer privilegierten Stellung ist und die als Norm setzt, wird blind für die eigene Ungerechtigkeit. So jemand wird jede Form der Kritik als ungerecht und Gefahr für die eigene Position und Stellung empfinden.

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12 Kommentare zu „#Autorinnenzeit: Der Mai wird weiblich

  1. Toller Artikel!
    Hab noch nie wirklich das Geschlecht der Autoren beachtet, von denen ich die Bücher lese. Aber wenn ich so darüber nachdenke … ich lese auch fast nur von Männern! o_O
    Da werde ich in Zukunft ein Auge darauf haben!

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  2. Es gibt auch eine durchaus weibliche Seite des Buchmarktes. So sind nicht nur die Mehrzahl der Leser und Leserinnen weiblich, viele Frauen kaufen auch die Bücher für ihre lesenden Männer. Im Buchhandel sind die Beschäftigten mehrheitlich weiblich. Auch im Verlag. Das Lektorat als Berufsstand ist weitgehend in Damenhänden. Bedauerlicherweise sind die Frauen in der Verlagsleitung weniger präsent. Im niedergelassenen Buchhandel sind aber andererseits sehr viele Unternehmerinnen zu finden. Erfolgreiche Unternehmerinnen.

    Damit will ich die Beobachtungen des Artikels nicht in Abrede stellen. Doch Rezensionen der Kulturseiten, Buchpreise, Schullektüre … das alles ist weniger das lebendige Leben des Buchmarktes als vielmehr der Ball im Elfenbeinturm der selbsternannten Kulturwächter. Schön wäre es, wenn dieser Graben zwischen Markt und Turm nicht so breit und tief wäre.

    Was Buchblogs angeht, so sind die fast ausschließlich weiblicher Hand und hier wird das Geschlecht des Autors meiner Meinung nach sehr weit hintangestellt. Da kommt es auf die Geschichte an. Nicht auf den Inhalt der Unterhose.

    Dennoch: Es ist alles richtig, was der Beitrag oben bemerkt. Und ein Blog, der sich einen Monat nur den Frauen in der Literatur widmet, ist sicher ein sinnvolles Zeichen – kein Schaden.

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  3. Irgendwie fühle ich mich jetzt dezent unwohl …

    Nein, natürlich nicht, ich kann ja weder was dafür, noch kann ich was dran ändern. Und ich gebe dir in so ziemlich allem Recht, was du geschrieben hast. Besonders das mit den Schulen finde ich auch bedenklich. Wo war, zum Beispiel, in meiner Generation Gudrun Pausewang, die man in so vielen Fächern hätte besprechen können?

    Eine kleine Einschränkung möchte ich aber machen, wenn ich darf. Und ich hoffe, dass mir das nicht negativ ausgelegt wird. Was Charlotte Roche schreibt ist zwar definitiv kein Schweinkram (den Begriff verwende ich nicht), aber dennoch keine gute Literatur (was immer das nun wieder ist). Waren die Pickel nicht in „Feuchtgebiete“? Ist ein wenig her, dass ich das gelesen habe.

    Ich freue mich auf deine weiteren Artikel zum Themenmonat!

    (PS: Ich habe ja eine Excel-Datei, in der ich meinen Kindle-SuB verwalte. Immerhin 90 von 221 Büchern stammen von Frauen. Ich erlaube mir, mich ein wenig wohler zu fühlen 😉 )

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Michael,
      danke für deinen Kommentar. Zum Unwohlsein besteht kein Anlass. Wer wäre ich, zu behaupten, alles zu wissen und immer richtig zu liegen. Alles, was ich will, ist, ein paar Denkanstöße zu liefern.
      Ich muss zugeben, dass ich bisher nichts von Charlotte Roche gelesen habe, weil ihre Themen einfach nicht meine sind. Daher hast du vermutlich recht, dass die Pickel und die Intimrasur aus den Feuchtgebieten stammen. Das war immerhin ihr Erstling und (so weit ich mitbekommen habe) auch der größere Aufreger. Weil ich sie nicht gelesen habe, kann ich über die Qualität ihrer Bücher auch keine Aussage treffen. Es gibt aber eine ganze Menge Menschen, die sie genauso wenig gelesen haben und allein aufgrund der Erwähnung von Intimrasur, Menstruation u. ä. ganz genau wissen, dass das „Schweinkram“, „eklig“ und „Mist“ ist.
      Von Günter Grass habe ich immerhin die Blechtrommel und Auszüge aus „Katz und Maus“ gelesen und muss zugeben. Über deren literarischen Wert will ich nicht reden (ich fand beides nicht so dolle) Was ich nur spannend finde ist, dass sich niemand daran zu stören scheint, dass sowohl Blechtrommel als auch Katz und Maus streckenweise ziemlich eklig waren und von pubertären Wichsphantasien wimmeln. Man redet nicht drüber bzw. verklärt es als Realismus. Grass ist eben Literatur. Und ein Mann.
      Eine Xanthippe, wer Arges dabei denkt. ^^

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      1. Das mit den Denkanstößen klappt hervorragend, liebe Nike 🙂 .

        Bei Charlotte Roche hast du, finde ich, nicht viel verpasst. Dann würde ich eher zu den Büchern ihrer „Kollegin“ Sarah Kuttner greifen.

        Und was Grass angeht … man muss sich auch anschauen, wann der Mann zu Literatur erklärt wurde. Der Status ist ihm geblieben. Der „späte“ Grass hätte es anhand seiner Werke vielleicht auch nicht in dieses Pantheon geschafft. Mann hin oder her. Begeistert hat er mich im Übrigen auch nicht. Eher so gar nicht.

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  4. Ich habe im vergangenen Jahr auch festgestellt, dass die Männer in meinem Bücherregal in einer deutlichen Überzahl sind. Daraufhin habe ich angefangen, alle Bücher zu lesen, die mal auf der Shortlist für den Baileys Prize for Womens‘ Fiction waren (ehemals Orange Prize). Ich bin gefühlt bei acht von viertausend… Sollte die Auswahl dich interessieren: https://schiefgelesen.net/womens-prize-for-fiction/
    Sehr empfehlen kann ich in dem Kontext übrigens auch den Blog der Bücherphilosophin https://eineigeneszimmer.com/, auch wenn der zur Zeit leider ruhen muss.
    Viel Spaß wünsche ich mit der Autorinnenzeit, ich guck auf jeden Fall noch mal rein!

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    1. Danke für deinen Kommentar und die Links. Deinen Blog kannte ich bisher genauso wenig, wie den der Bücherphilosophin (den ich schon wegen des Titels spontan liebe). Ab jetzt verfolge ich euch beide. Dein Tipp mit der Shortlist ist nämlich Gold wert. 🙂 Dafür noch ein ganz herzliches Dankeschön extra!

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  5. Ein schöner Beitrag, Nike. Ich habe den Hashtag gerade erst entdeckt und hätte ich es gewusst, sähe auch bei mir der Mai bisher anders aus. Unbewusst behandele ich bisher auch primär Literatur von männlichen Betriebsvertretern und gelobe Besserung bzw. Ausgleich.
    Auch der Part zur unterschiedlichen Behandlung von Werken von männlichen und weiblichen Autoren und Sexuellem oder körperbezogenen Äußerungen gefällt mir sehr. Egal ob Hesse, Grass oder Houellebecq, omnipräsent sind sexuelle Vorlieben, Sexismus etc. Manchmal fällt es mir schwer, das Sujet daneben noch zu finden oder mich nicht fortwährend über die frauenbezogene Wortwahl aufzuregen, aber das Feuilleton umschifft das Thema meist elegant …
    Also, alles in allem danke für die Schritte in die richtige Richtung!

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