Ist das Literatur oder kann das weg?

Wer braucht eigentlich Literatur?

Blöde Frage, oder? Seit wann hat Literatur einen Nutzen?

Niemand braucht“ Literatur. Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie wir Essen oder Trinken brauchen, Kleidung oder Sex. Literatur ist etwas, das wir uns leisten, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind.
Besonders kluge Menschen unterscheiden noch feinsinnig zwischen hehrer E- und billiger U-Literatur und lehren, dass letztere natürlich abzulehnen ist. In ihrer höchsten Form ist Literatur vollkommen zweckfreier Luxus und gerade das adelt sie zur Kunst.

Der böse Eskapismus

Was gute Literatur ausmacht, darüber streiten die Gelehrten. Vermutlich wurde auch Homer vorgeworfen, in seine Gesängen viel zu viel Sex and Blood and Alcohol eingebaut zu haben.
Wo kämen wir auch hin, wenn Lesen Spaß brächte? Wenn Menschen sich in andere Welten flüchten, statt in steter Auseinandersetzung mit dem Elend der Welt an eben jenem Elend zu zerbrechen?

Das ganz große Grausen bricht jedoch aus, wenn die Leser versuchen, jene Welten auch noch zu leben und dabei Symbole verwenden, die den selbsternannten Hütern der Hochkultur fremd sind. So geschehen in der Nachlese des SWR Kulturredakteurs Carsten Otte zur Leipziger Buchmesse.*

Cosplayer als Killerkaninchen

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Quelle: Kukunamu via pixabay

Ausnahmsweise traf der Bannstrahl dieses Mal nicht die Selfpublisher. Vielmehr fühlte sich Herr Otte durch die Cosplayer gestört. Der „Massenauftritt der leicht bekleideten Comicfiguren mit Plüschtier unterm Arm [werde] zum Hohn auf den Rest der Messe“, wetterte Otte, wobei ihm dieser Rest für ihn vor allem in „Diskussionen über die politische Weltlage und die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb“ bestand. Vielleicht haben ihm die „pornographischen Posen“ der „nackten Hasen“, aber auch nur das Willi-Brand-Feeling verdorben, das in ihm aufwallte, als er „Verleger und Autoren mit dem Parteisticker der Sozialdemokraten durch die Messehallen schlendern sah“.

Unter dem Strich

Mit Verlaub: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Parteisticker steht ebenso wenig für qualitativ hochwertige Literatur, wie Kätzchenohren und Kuscheltier oder ein ostentativ getragenes Kreuz. Literatur lebt in Büchern und den Geschichten, die sie erzählen. Man muss sie lesen, bevor man sich zu ihren Inhalten äußern kann.

Natürlich kann man es auch lassen. Literatur lebt zwar davon, gelesen zu werden, aber nicht jeder muss alles gelesen haben. Damit kommt die Literatur prächtig zurecht. Wer sich jedoch um die Geschichten nicht schert, sondern sie aufgrund von Äußerlichkeiten ablehnt, missbraucht Literatur und setzt sich dem Verdacht aus, hinter der vorgeschobenen Kulturpflege stecke nur der hilflose Wunsch, die eigene Existenz in einer unübersichtlich gewordenen Welt zu rechtfertigen.


*Der Beitrag, sowie ein offener Antwortbrief auf die Reaktionen der Cosplayer findet sich hier


Auf den Beitrag bin ich aufgrund eines Artikels von Lena Falkenhagen auf Tor-online aufmerksam geworden. Falkenhagen geht nicht nur auf die Geschichte des Manga ein, sondern kommt auch zu dem Schluss, dass der von Otte geforderte Ausschluss der Manga-Convention genau der Zensur gleichkäme, die er zu bekämpfen behauptet.


Zum Schluss zur Klarstellung: Ich mag Mangas nicht sonderlich, da sie mich ästhetisch nicht ansprechen. Trotzdem gucke ich seit neuestem mit meinen Söhnen Assasination Classroom und muss zugeben, dass die Serie nicht nur witzig gemacht ist, sondern auch einen ernsthaften Unterbau hat.
Cosplay ist ebenfalls nichts für mich, weil zu wenig praxisorientiert. Nur zu posen finde ich langweilig. Aber das ist Geschmackssache und vermutlich könnten die Cosplayer auf Anfrage sehr viel zu ihrer Figur und der Rolle erzählen, die sie in den Geschichten spielt, aus denen sie entlehnt ist. Es würde mich wundern, wenn es anders wäre als in der Living-History-Darstellung, die ich betreibe.
Was mich an den Äußerungen Ottes stört, ist zum einen die ungeheuerliche Überheblichkeit, die dahinter steht. Zum anderen aber auch, dass Freiheit, Demokratie und Menschenrechte deutlich mehr durch rechte und extremistische Agitatoren bedroht sind als durch ein paar Kuscheltiere und Menschen in merkwürdigen Kostümen. Auch diese Agitatoren hatten Stände auf der LBM, ihre Werbematerialien waren omnipräsent. Vielleicht ist dieser Umstand, Otte aufgrund zu viel offensichtlicher, nackter Haut aber entgangen.


Aktualisierungen:
Auch auf PhantaNews gibt es einen sehr lesenswerten Beitrag: Haltet die Buchmesse sauber!
Auf SPON schreibt Margarete Stokowski: Auch nackte Hasen sind politisch

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18 Kommentare zu „Ist das Literatur oder kann das weg?

    1. Danke! Ich fand zwar auch das eine oder andere Röckchen ein bisschen arg knapp, aber hey, who cares?
      Wenn das schon zu geistigen Ausfällen führt, sollte man besser zuhause bleiben. ^^

      P. S.:
      Der Kommentar von Margeaux weiter unten hat mir klar gemacht, wie falsch meine Äußerung rüberkommt. Deshalb zur Klarstellung: Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand in ultrakurzen, knappen Röcken rumläuft. Nur selber würde ich es nicht tun.
      Aber nur, weil ich mich darin nicht wohlfühlen würde, ist das überhaupt kein Grund, andere deshalb zu verurteilen. Jede/r sollte selbst entscheiden können, was er oder sie trägt und wie viel Haut dabei frei wird.

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      1. Klar, die gab es auch. Aber sie waren, nach dem, was ich gesehen habe, doch in der Unterzahl.

        Ich finde vor allem den Link zwischen den Cosplayern und der politischen Gesamtlage etwas sehr bemüht und konstruiert. Die LBM lebt auch von ihrer multikulturellen Ausrichtung – und damit sind nicht immer verschiedene Nationalitäten gemeint.

        Aber ich denke, dass wir uns da einig sind.

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      2. Sorry, aber wie kurz ein Röckchen sein darf oder nicht – das zu entscheiden liegt _allein_ im Aufgabenbereich derjenigen, die es trägt! Höchstens bei Minderjährigen sehe ich da ein Vetorecht der Erziehungsberechtigten (nicht, dass ich auf meinem Besuch der Buchmessen schon mal Minderjährige gesehen hätte, auf die das zugetroffen wäre).
        Aber, mit Verlaub, wer einer erwachsenen Frau vorschreibt, wie viel Haut sie zu bedecken hat, um „züchtig“, „anständig“ oder „ehrbar“ zu sein, der weist ihr die Rolle eines unmündigen Kindes zu.
        Gleichzeitig sexualisiert er den Anblick unbedeckter weiblicher (und nur weiblicher) Haut, die im Endeffekt dann dazu führt, dass Frauen unter Stoffhüllen verschwinden.

        Das macht mich wütend!

        Wenn ein Mann ein Problem damit hat, dass der Anblick von weiblichen Körpern ihn aus dem seelischen Gleichgewicht bringt, dann soll er seinen Kopf abwenden und ggf. kalt duschen.

        Was ich aber überhaupt nicht verstehen kann, ist wenn Frauen mit dem Finger auf andere Frauen zeigen und sich zu urteilen erlauben, was „arg knapp“ sei und was nicht.
        Ich muss nicht selbst vorhaben wollen, nachts um 1 splitterfasernackt durch den Stadtpark spazieren zu wollen – aber ich stelle mich vor jede Frau, die das vorhat und durchzieht.
        Kein Mann hat seine Finger an sie zu legen und keine Frau mit ihren Fingern auf sie zu zeigen.

        Ihre Freiheit ist die Freiheit von uns allen. Frauen und Männern. Und sie ist zu wertvoll, um sie unter Stoffbergen zu begraben.

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      3. Margeaux, ich gebe dir vollkommen recht. Das „arg knapp“ in meinem Kommentar war so gemeint, dass ich mich so nicht zeigen würde, weil ich mich unwohl fühlen würde. Das sollte aber keine Wertung gegenüber anderen sein.
        Ich habe mich nur schlecht ausgedrückt. Jede Frau hat das Recht, so rumzulaufen, wie sie es für richtig hält. Ob nun im Niquab oder nur mit Bikini-Slip. Und wer damit ein Problem hat, soll bitte weggucken oder gleich ganz zuhause bleiben.

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      4. Solange wir uns darauf einigen können, dass sogenannte Freiheit, begraben unter Stoffbergen, hießen sie nun Niqab, Burka, Tschador oder Türbanli (es sagt viel über den Einfluss einer gewissen monotheistisch-patriarchalen Wüstenreligion auf unsere Gesellschaft aus, dass solche Begriffe es in meinen aktiven Wortschatz geschafft haben) keine Freiheit ist, gehe ich mit dir d’accord.
        Besten Frühlingstag, der danach schreit, knapp bekleidet den Vitamin-D-Bedarf zu decken!

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      5. Nein, können wir nicht. So lange es die freie Entscheidung der Trägerin oder des Trägers ist, kann jeder Mensch anziehen, was er oder sie will.
        Zur Freiheit des Einzelnen gehört das Recht, sich unter Stoffbergen zu begraben ebenso, wie der erwähnte kurze Rock. Und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer – nur, um das auch kurz klarzustellen.

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  1. Insgesamt würde ich mich aber nit darüber aufregen. Ich meine, dieser Otte ist zwar erst 45, aber offensichtlich ein „alter“ Kulturkonservativer. Und als solcher hat er natüüüüüüürlich gar nichts gegen Comics 🙂 Egal ob Videogames immer nur auf das Killerspiel-Problem runtergebrochen oder Unterhaltungsliteratur als unerheblich dargestellt wird – lasst sie doch ihren Kulturmurks machen. Im Gegensatz zu früher, als jemand wie Reich-Ranicki tatsächlich noch die Macht über Erfolg und Misserfolg eines Autoren hatten, sind heutige Kultur-Konservativ-Fuzzis letzlich kaum mehr prägend. Insofern … Und immerhin hat er sich doch ganz nett „entschuldigt“.

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    1. In meinen Augen ist das das gleiche Streben nach Kulturhegemonie wie bei den Identitären – nur eben aus der anderen Richtung. Und am langen Ende bedeutet das Eine wie das Andere Zensur und Beschneidung persönlicher Freiheiten.
      Das ist eher mein Problem. Nicht, ob ein Frosch sich aufbläht oder ob ein älterer Herr seine Hormone nicht im Griff hat.

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      1. Versteh‘ ich. Aber da finde ich eben, dass dieser (bitte das betonen zu dürfen nur) mittel(!)ältere Herr eben keinerlei Macht mehr hat, was Zensur, Beschneidung und Meinungsbildung angeht. Das war in Marcels Zeiten tatsächlich anders.

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  2. Ich schätze, dass die LBM sich hüten wird, etwas gegen die Cosplayer zu tun und diesen Teil der Messe abtrennen. Der deutliche Besucherzuwachs ist nach meinem Empfinden nämlich zum größtem Teil dem Zuwachs an Cosplayern und Besucher der Manga-Comic-Con geschuldet.
    Wer schneidet sich schon ins eigene Fleisch?
    Und überhaupt: Gilt nicht der Grundsatz „Hauptsache, sie lesen“?
    Vielleicht sollte Herr Otte seine Meinungen einmal in Form eines Mangas herausbringen …

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  3. Ich würde ja sagen, der Veranstalter entscheidet, was geht und was nicht. Es gab ja erstaunlich umfangreiche Regeln. Muss ja sein, wenn man an die ganze Waffenproblematik denkt.

    Vielleicht könnte man Herrn Otte in den sprichwörtlichen Elfenbeinturm sperren?

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