realistische Vampire (5) – Sozialstrukturen

Mit dem letzten Teil meiner Serie über realistische Vampire begebe ich mich auf sehr dünnes Eis, aber es geht nun mal um das, was mich an modernen Vampiren mit am Meisten stört: Der Mythos hierarchisch aufgebauter Vampirgesellschaften. Vampir A beißt einen Menschen und macht ihn damit nicht nur zum Vampir, sondern auch zu seinem Untergebenen. Einer Art Sklaven, der sich wieder eigene Sklaven erschafft, die natürlich ihrem Meister gehorchen müssen, aber auch dessen Herren.

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Bild: ilaria88 via Pixabay

Zusammen mit dem „Vampire-sind-so-heiß-und-überlegen-Hype“ finde ich das eine sehr ungesunde Mischung, um es diplomatisch auszudrücken. Damit werden Sklaverei und Abhängigkeit nämlich nicht nur quasi als Naturgesetz verkauft, sondern auch noch als ganz großartig.
Von Auflehnung und Aufstand ist nur in den wenigsten Fällen etwas zu merken. Schon bei Anne Rice sind die „Obervampire“ die Heißesten, Härtesten und Großartigsten von allen. Lebendige Götter.

Mit den alten Vampirlegenden, in denen der Vampir eine zerstörerische Kraft war, die es zu vernichten galt, ist das nur schwer zu vereinbaren. Die Nachzehrer, Wurdalaks und wie sie noch genannt wurden, hatten überhaupt kein Interesse, irgendwelche Geheimgesellschaften zu erschaffen.
Selbst Dracula war – von seinem Harem abgesehen – ein Einzelgänger. Sein übergeordneter Stand resultierte aus seinem Titel, nicht daraus, wen er gebissen hatte.

Möglicherweise kommt die heute bestehende Verknüpfung von Vampirismus und Rangverhältnissen in der romantischen Verbrämung einer Zeit, in der jeder wusste, wo „sein Platz“ war. Das sorgt immerhin für klare Verhältnisse.

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Bild: Jo-B via Pixabay

In der modernen Gesellschaft sind derartige, auf Geburt beruhende Über-und-Unterordnungsverhältnisse dagegen nur schlecht zu rechtfertigen. Noch weniger verstehe ich sie bei Vampiren.
Gut, wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch dadurch zum Vampir wird, dass er Vampirblut trinkt, ließe sich immerhin die vergleichsweise Schwäche der neu entstandenen Vampire gegenüber den Alten erklären. Allerdings ist hier meiner Meinung nach schon die Prämisse schwach, will sagen: Es ist unverständlich, warum das Blut diese Wirkung haben sollte. Außerdem sind die körperlichen Unterschiede noch kein Grund, von einem Abhängigkeits- oder Über-/Unterordnungsverhältnis auszugehen.
Wenn man, wie ich, von einem Virus als Überträger ausgeht, ist eine derartig Rangordnung sogar noch schlechter begründbar. Hier fällt schon die Überlegenheit der Urvampire weg. Sie sind zwar der Infektionsherd aber die Wirkung der Grippe wird ja auch nicht schwächer, wenn man sich bei jemandem anderen ansteckt.

Überhaupt passt dieser ganze Rangordnungskram eigentlich viel besser auf eine andere Gattung von Fantasy-Wesen. Und zwar ausgerechnet auf die, die sich angeblich seit je her im Krieg mit Vampiren befinden. Ich spreche natürlich von Werwölfen.

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Der Werwolf – nur das haarige Gegenstück zum eleganten Vampir?

Ausgerechnet die werden, jedenfalls in ihrer Wolfsform, oft als hirnlose Bestien skizziert – und das, obwohl gerade Wölfe sehr ausgeprägte Sozialstrukturen haben. Eine Geheimgesellschaft von Werwölfen könnte ich mir daher sogar ausgesprochen gut vorstellen.
Wenn aber Vampire und Werwölfe in ewiger Feindschaft verbunden sind, also, um das Sprichwort zu bemühen „wie Hund und Katze“ – wäre es da nicht glaubhafter, wenn Vampire sich auch in ihrer Lebensart deutlich von Werwölfen unterschieden? Was, wenn Vampire im Gegensatz zu Werwölfen Anarchisten wären? Freigeister, die nur dem eigenen Willen gehorchend, wie Katzen – würde das Vampire weniger attraktiv machen?


Für alle, die neu eingestiegen sind, oder aus anderen Gründen einen der älteren Beiträge noch einmal lesen möchten, habe ich sie hier noch einmal verlinkt:
Teil 1: Wie wird man eigentlich Vampir?
Teil 2: Was macht (meine) Vampire aus?
Teil 3: Die Ernährungsfrage
Teil 4: Das Gebiss

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4 Kommentare zu „realistische Vampire (5) – Sozialstrukturen

  1. Meine gehen vor allem in der Moderne Zweckgemeinschaften ein :D. Eine ist eine begnadete Hackerin, sie kann die anderen aus Datenbanken löschen oder Überwachungsvideos verschwinden lassen. Aber dafür will sie als Gegenleistung wiederum etwas, was jemand von den anderen gut kann…
    Meine Prämisse geht allerdings vom 21. Jahrhundert aus, in dem es schlicht schwer wird, sich zu verstecken. Man wird fortlaufend dokumentiert und vom Radar zu verschwinden, wird immer schwieriger. Also muss sich mein verstrittener Haufe zusammenraufen, um sich bedeckt halten zu können. Auch wenn sie einander teilweise bis aufs Blut nicht ausstehen können.

    Gefällt 1 Person

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