[Werkstattgeplauder] Cliffhanger

Autorinnen* sind fiese Wesen. Wir quälen unsere Protagonistinnen und manchmal sogar die Antagonistinnen, indem wir sie zwingen, an ihre Grenzen zu gehen. Oft sogar ein ganzes Stück darüber hinaus. Auch unsere Leserinnen spannen wir auf die Folter und schicken sie, wo immer möglich, in eine Gefühlsachterbahn, zu der Angst genauso gehört, wie (hoffentlich) befreiendes Lachen.

Eines dieser Stilmittel ist der Cliffhanger, bei dem eine Figur in eine für sie, vor allem aber auch für den Leser aussichtslos erscheinende Situation getrieben und dort allein gelassen wird.

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Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Dieses „Alleinlassen“ kann verschiedene Formen annehmen. Die mildere Variante besteht darin, dass die Autorin einfach einen Punkt und einen Absatz macht und ein neues Kapitel beginnt. Auch das ist schon gemein, denn welche Leserin würde das Buch jetzt noch aus der Hand legen? Die Steigerung besteht darin, dass die Autorin sich fröhlich pfeifend einer anderen Figur zuwendet. Eine geschickte Autorin kann auf diese Weise mit einem halben Dutzend Figuren und sogar noch mehr jonglieren. Aus der Phantastik fällt mir leider gerade kein Roman ein, der sich exemplarisch anführen lässt. Allenfalls Andrzej Sapkowski tut das in seiner Geralt-Saga ansatzweise. Überragend ist Juli Zeh mit Unterleuten.

Damit ist der Cliffhanger eines der Stilmittel, die einen fast zum weiterlesen zwingen, denn natürlich will man wissen, was mit Jaime und Maria, aber auch mit Anne … (die Namen sind mir gerade in den Sinn gekommen, gehören also nicht zu einer konkreten Geschichte).
Wichtig ist, dass das implizite Versprechen der Autorin eingehalten wird, die Szene später aufzulösen. Bleibt diese Auflösung aus, d. h. endet eine Szene mit einem Cliffhanger und ein paar Szenen weiter spaziert die zurückgelassene Figur munter an anderer Stelle durch die Gegend, ohne dass verraten wird, wie sie entkommen ist, fühle ich mich um eine Antwort geprellt und werde ungnädig.
Genauso nerven mich Bücher, in denen die ganz fiese Version des Cliffhangers im Übermaß eingesetzt wird. Die „kleine Variante“, also ein Kapitelende, bei dem die Heldin in Schwierigkeiten steckt, die Handlung aber im nächsten sofort weitergeht, ist noch einigermaßen verträglich. Wenn jedes Kapitel damit endet, dass eine Figur in einer ausweglosen Lage steckt und das nächste mit einer anderen Figur beginnt, wird es lästig. Mir jedenfalls. Das mag daran liegen, dass ich als Autorin natürlich verschiedene Techniken der Spannungserzeugung kenne und erkenne. Andererseits achte ich beim Lesen nicht bewusst auf Techniken, sondern lasse mich in das Buch fallen (bzw. versuche es. Manche Bücher sperren sich dagegen). Also behaupte ich mal ganz dreist, dass eine Technik schon im Übermaß eingesetzt werden muss, um mir auf die Nerven zu gehen. Und wenn sie mir auf die Nerven geht, kann das bei anderen Leserinnen genauso der Fall sein.

Leserinnen auf die Folter zu spannen, ist eine Sache. Sie zu verärgern, ist eine ganz blöde Idee.

Deshalb sind Bücher, die mit einem Cliffhanger enden, für mich sowohl als Autorin, als auch als Leserin ein absolutes No-Go.
Für mich beinhaltet jedes Buch das Versprechen einer Geschichte. In Schreibratgebern ist sogar teilweise von einem Vertrag die Rede, den Autorin und Leserin eingehen. Ganz so ernst nehme ich das nicht, aber wenigstens erwarte ich Anfang, Mittelteil und Ende. Ende im Sinne einer Auflösung des Handlungsstrangs, der im Mittelpunkt des Buches steht.
Wenn ich ein Buch mit einem Cliffhanger enden lasse, bringe ich meine Leserinnen um diese implizit versprochene Auflösung.
Als Leserin finde ich solche Bücher frustrierend. Ich habe mich bei der Tintentrilogie wahnsinnig über das fehlende Ende geärgert und auch bei der Geralt-Saga habe ich bei jedem Buch das Gefühl gehabt, einfach aus der Handlung gerissen zu werden und um die Auflösung betrogen worden zu sein. Bei der Geralt-Saga konnte ich auch keinen Grund für die Aufteilung erkennen, so dass sie wie reine Geldschneiderei des Verlags wirkt. Das Schlimmste an Cliffhangern am Ende ist aber, dass ich in solchen Fällen immer den Eindruck bekomme, dass ich manipuliert (nicht verführt!) werden soll, den nächsten Band auch zu kaufen. Solche Holzhammermethoden machen mich sauer. Richtig sauer. Im schlimmsten Fall, tue ich genau das Gegenteil, kaufe den nächsten Band also nicht. Und wenn ich richtig verärgert bin, lasse ich diesen Ärger auch in die Rezension des Gelesenen einfließen.

Bei mehrbändigen Werken ist ein offenes Ende in meinen Augen daher die bessere Lösung. Es ist normal, dass nicht alle Fragen in einer Geschichte geklärt werden können. Außerdem geben die offenen Fragen der Erzählung Weite und Tiefe – man ahnt, dass da mehr ist und wird verlockt, selber weiter zu denken und bei mehreren Bänden auch weiter zu lesen. Das ist auch das Rezept der meisten Erfolgsserien: Pro Folge gibt es eine abgeschlossene Haupthandlung (eventuell mit Nebenhandlungen) und darüber hinaus einen übergeordneten Erzählfaden, der sich durch alle Folgen zieht und sie logisch miteinander verknüpft. Das Muster lässt sich problemlos auf mehrbändige Werke übertragen und sorgt dafür, dass die Leserin am Ende jedes Buchs eine befriedigende Auflösung erhält – aber durch den übergeordneten, offenen Handlungsfaden zum Weiterlesen verführt wird.

Das ist aber nur meine Meinung. Wie siehst du das? Verwendest du Cliffhanger und wann?


*Ich verwende in diesem Artikel ein generisches Femininum, d.h. Männer sind selbstverständlich mitgemeint. Wer das schwierig findet: Willkommen im Club – mir geht es mit dem generischen Maskulinum oft auch.

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4 Kommentare zu „[Werkstattgeplauder] Cliffhanger

  1. Kleinere Cliffhanger nutze ich eigentlich immer. Für den Autoren ist es ein probates Mittel um Spannung zu erzeugen. Gerade wenn ein Dialog auszuufern und in hohlem Geschwätz zu Enden droht, wechsle ich gerne mal die Handlungsebene, nachdem ganz überraschend etwas passiert ist und der Protagonist überrascht hinüberschaut. Aber ich gebe dir Recht. Ein Buch mit einem Cliffhanger enden zu lassen geht gar nicht.

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  2. Da ich meine Geschichte so konzipiere, dass ich immer wieder regelmäßig abwechselnd aus der Sicht einer der beiden Protagonisten schreibe, bietet es sich an, am Ende eines Kapitels einen Cliffhänger zu erzeugen und im nächsten Kapitel das Geschehen aus der anderen Perspektive aufzulösen. Nur ist mir schon bei der Planung aufgefallen, dass ich aufpassen muss, dies nicht jedes Mal auf die gleiche Weise anzugehen, da sich sonst jenes ungeliebte Muster bilden kann, dass du beschrieben hast.
    Grundsätzlich bin ich aber sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen eher ein Fan davon, wenn das Kapitel sinnvoll abschließt. Und das ganze Buch sowieso!

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