[Werkstatt] Figuren und Perspektiven

Noch eine Werkstattplauderei zu Figuren, dann lasse ich dich mit dem Thema erst mal in Ruhe – fest versprochen. Aber vorher möchte ich noch einen anderen Aspekt der Charaktererschaffung beleuchten: Den, wie sie ihre Welt wahrnehmen. Das überschneidet sich ein bisschen mit der Grundhaltung, über die ich in diesem Beitrag gesprochen hatte, geht aber noch darüber hinaus.

Um die Perspektive geht es, wenn verlangt wird, man solle sich „in seine Figuren hineinversetzen“. Allerdings ist das gar nicht mal einfach, denn die Perspektive hängt nicht nur mit der Größe einer Figur zusammen, sondern mit ihrer Biographie, ihrem Wissen, ihren Vorurteilen, ihren Ängsten und Vorlieben. Sogar die aktuelle Stimmung kann Auswirkungen auf die Perspektive haben.

Das ist eine Binsenweisheit und ganz einfach, meinst du. Dann guck mal auf dieses Bild.

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Quelle: rikkerst via pixabay

Was siehst du?

  • Eine Blumenwiese im Sonnenschein.
  • Eine Lichtung im Herbst.
  • Einen tollen Ort für ein Picknick oder zum Grillen.
  • Eine guten Platz, um mit Freunden Fußball oder Frisbee zu spielen.
  • Igitt, Naturboden! Das ruiniert meine Pumps/meine rahmengenähten Sneaker.
  • Giftiges Unkraut, das man rausreißen muss, bevor sich die Weide nutzen lässt.

Keine Angst, es gibt hier kein richtig oder falsch. Vielleicht siehst du auch etwas ganz anderes. Das ist genauso o. k., denn alles sind mögliche Perspektiven. Die Erste ist die eines vielleicht etwas naiven Städters, die zweite eher die eines Biologen. Drei und vier gehören zu eventorientierten Charakteren unterschiedlichen Ausrichtungen. Fünf wäre wieder sehr städtisch – und zudem in ungeeigneter Kleidung. Sechs schließlich könnte einer Bäuerin oder einem Pferdewirt gehören; beide wissen, was hier blüht, ihre Gedanken gelten aber vor allem dem Wohlergehen ihrer Tiere.

Das war aber nur ein Beispiel. Die Perspektive entscheidet, ob der Charakter auf dem nächsten Bild einen 2CV sieht, eine Ente oder einfach nur ein altes weißes Auto, das den Blick auf die Boutique dahinter versperrt.

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Quelle: stelmaszykmagda via Pixabay

Deshalb ist der Rat, sich in seine Figuren hineinzuversetzen, nur zur Hälfte richtig. Sie verleitet nämlich dazu, sich zu fragen, was man selber empfinden oder denken würde. Der Trick ist aber, sich zu fragen, was die Figur in dieser Situation sieht, denkt oder empfindet.

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2 Kommentare zu „[Werkstatt] Figuren und Perspektiven

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