realistische Vampire (4) – das Gebiss

Das klassische Vampirgebiss

Wenn man sich Vampirbilder durchsieht, besteht in einem Punkt Einigkeit: Der typische Vampir hat verlängerte Eckzähne im Oberkiefer.  So, wie diese Dame hier:

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Quelle: RondellMelling via Pixabay

Dieses Prachtexemplar zeigt sogar entsprechende Gegenstücke im Unterkiefer.

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Quelle: Wikimedia via Pixabay

Interessant ist, dass diese unteren Fänge offenbar ausschließlich von männlichen Exemplaren gebildet werden. Jedenfalls ist mir bei der Bildersuche kein einziger weiblicher Vampir begegnet ist. Vielleicht, liegt es daran, dass solche Hauer einen Vampir noch martialischer und gefährlicher wirken lassen?

Ein richtiges Raubtiergebiss eben.

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Quelle: Ausschnitt eines Fotos von Pexels (via pixabay)

Eine Fehlkonstruktion?

So ein Gebiss passt prima zu allen Carnivoren. Auch zu Werwölfen. Aber zu Vampiren? Wie sinnvoll sind solche Hauer, wenn man sich ausschließlich vom Blut seiner Opfer ernährt?
Laut Wikipedia dienen die Fangzähne dazu, die Beute festzuhalten und „vitale Teile des Körpers der Beute zu zerstören.“ Ein Löwe kann damit selbstverständlich auch die Schlagader oder Halsvene seines Opfers aufreißen. Nur gibt das eine ziemliche Sauerei, weil die Zähne nicht nur auf der einen Seite rein, sondern auf der anderen Seite gleich wieder raus gehen. Die Folge ist ein starker Blutverlust. Also genau das, was ein Vampir eigentlich nicht will.

Ein Vampir will eine begrenzte Wunde, so groß, dass er bequem trinken kann, aber klein genug, dass das Blut nicht in alle Richtungen wegspritzt. Wer will schon vom Boden essen?
Nun könnte man natürlich einwenden, dass Vampirzähne spitzer sind, und Vampire gezielter und vorsichtiger zubeißen, als ein Löwe. Aber: Musste dir beim Arzt mal Blut abgenommen werden? Dann überleg‘ mal, wie dünn die Kanülen sind, die dafür verwendet werden (jedenfalls im Vergleich zu so einem Fangzahn). Und die MTAs geben sich auch alle Mühe, gut zu zielen und richtig zu treffen. Trotzdem tun sie es bei mir in der Regel erst im zweiten oder dritten Versuch und selbst wenn sie beim ersten Mal treffen, habe ich am nächsten Tag einen riesigen blauen Fleck um die Einstichstelle, weil sie die Vene auch an der anderen Seite angeritzt haben.
Aber ein Vampir soll das hinbekommen? Ich glaube nicht, zumal der Zwischenraum zwischen meinen Eckzähnen ungefähr 4 cm beträgt (für die Freunde präziser Zahlen: Es sind 3,8 cm, ich habe es nachgemessen). Damit präzise eine Vene treffen? Ausgeschlossen.

Als Zwischenergebnis lässt sich schon mal festhalten, dass das klassische Vampirgebiss zwar beeindruckend aussieht, aber für deren Ernährungsweise ungeeignet ist, wenn man davon ausgeht, dass Vampire kein Interesse daran haben, ihre Beute umzubringen.

Wie könnte ein Vampirgebiss dann aussehen?

Auf Facebook wurde vorgeschlagen, die Vampirzähne könnten „wie Dachrinnen“ geformt sein und es den Vampiren auf diese Weise erlauben, das Blut abzusaugen. Ich finde den Ansatz interessant und auf den ersten Blick sogar einleuchtend. Erst nach einer Weile ist mir aufgefallen, dass das die Nahrungsaufnahme zusätzlich verkompliziert, denn das Blut muss nicht nur durch den Zahn gesaugt werden, sondern irgendwie auch in den Magen kommen. Also bräuchte es zusätzliche Kanäle im oder über dem Gaumen.
Außerdem bleibt das Problem mit der Treffsicherheit.

Ich bin den anderen Weg gegangen und habe mir die Gebisse von Vampirfledermäusen (Desmodontinae) angesehen.
Auch diese zeichnen sich durch zwei hervorstehende spitze Zähne aus – allerdings sitzen diese Zähne nicht seitlich, sondern vorne im Kiefer. Leider kann man auf dem Bild ihre Gegenstücke im Unterkiefer nicht erkennen, aber da sind welche*.

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Quelle: Uwe Schmidt – File:Desmo-scan.tif and File:Desmo-boden.tif, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48367424

Mit diesem Zahnpaar stanzen Vampirfledermäuse laut Wikipedia  ein rundes Loch in die Haut, ähnlich wie Pferdebremsen bei uns.

Die so entstehende Wunde ist rund drei bis zehn Millimeter breit und einen bis fünf Millimeter tief. Der Speichel der Tiere enthält ein Betäubungsmittel, mit dem die Bissstelle lokal unempfindlich wird.

Verlängerte Schneidezähne halte ich auch bei menschlichen Vampiren für plausibel. Sie würden einen präzisen Biss ermöglichen und – soweit sie scharf genug sind – mit etwas Übung Haut und Adern lediglich anritzen. Aber selbst wenn die Ader durchtrennt wird, bleibt die einzelne Wunde verhältnismäßig klein und könnte (ein entsprechendes Enzym im Speichel vorausgesetzt) schnell wieder verheilen.
Der einzige Nachteil ist, dass ein angreifender Vampir damit eher einem verärgerten Karnickel ähnelt als einem gefährlichen Raubtier.

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Quelle: Alexas_Fotos vial Pixabay

Bei Filmen oder schon bei Buchcovern und Illustrationen würde ich es mir deshalb vermutlich dreimal überlegen, ob so viel Realismus gut ist. In der aktuellen Geschichte brauche ich das Thema zum Glück gar nicht anzusprechen.
Was meinst du/Was meinen Sie: Darf ein Vampir so aussehen?


*Es gibt Fledermausarten mit deutlich imposanteren Gebissen, die dem Klischee des Vampirgebisses deutlich näher kommen, wie z. B. die Langzahnzwergfledermaus. Allerdings ernähren sich diese Arten von Insekten oder Früchten.


Für alle, die neu eingestiegen sind, oder aus anderen Gründen einen der älteren Beiträge noch einmal lesen möchten, habe ich sie hier noch einmal verlinkt:
Teil 1: Wie wird man eigentlich Vampir?
Teil 2: Was macht (meine) Vampire aus?
Teil 3: Die Ernährungsfrage

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7 Kommentare zu „realistische Vampire (4) – das Gebiss

  1. Mit dem Problem plage ich mich auch immer herum :D. Da bin ich ehrlich. Meine haben trotzdem zugespitzte Eckzähne (oben und unten) bekommen. Und außerdem einen etwas spitzeren Zahn direkt hinter den Eckzähnen. Aber da dienen die auch eher dazu, reinzugleiten, anzuritzen und dann trinken sie einfach mit verstärkter Zugkraft.
    Und es SOLL die Gefahr bestehen, dass sie dabei dem Opfer versehentlich die Kehle rausreißen und dann nichts von dem ganzen Blut haben :D. Wenn du deinen Vampiren also absichtlich eine Startschwierigkeit verpassen willst… ^^

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    1. Technik ist alles!
      Bei meinen Vampiren besteht die Startschwierigkeit darin, überhaupt auf den Trichter der richtigen Ernährung zu kommen und sich dann über eventuell noch vorhandene moralische Vorbehalte hinwegzusetzen. ^^

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      1. Moralische Vorbehalte haben bei mir die Jungen auch oft (ich habe irgendwo einen Text darüber geschrieben, welche Traumata allein mit der Verwandlung einhergehen, unabhängig vom sonstigen psychologischen Background der Leute – also rein für mich, aber es gibt ihn), weshalb ich mal eben postuliert habe, dass einige die ersten Jahrzehnte/das erste Jahrhundert nicht überleben. Aus moralischen Gründen.
        Ach, ich freue mich so darauf, deine Geschichte zu lesen, wenn sie fertig ist. Dir beim lauten Nachdenken zuzusehen, ist irgendwie mundwässrigmachend (pun intended.)

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  2. In einem Kommentar auf Facebook wurde darauf hingewiesen, dass auch bei den Vampiren in Nosferatu nur die oberen Schneidezähne spitz und verlängert gewesen seien. Zu meiner Schande muss ich gestehen, die beim Schreiben des Artikels gar nicht im Kopf gehabt zu haben. Um so dankbarer bin ich Katrin Auer für den Hinweis.
    Leider kann ich aus urheberrechtlichen Gründen keine Fotos verlinken, weil die Filmbilder in Deutschland erst 2018 gemeinfrei werden.

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