[Fantasy] Ist das Happy End Pflicht?

Auf Tor online ist dieser Tage ein Beitrag erschienen, in dem es um die Umkehrung der Heldenreise geht. Geschichten, in denen nicht das Gute triumphiert, sondern der, der am Anfang gute Protagonist sich zum Bösen wandelt.
In anderen Genres sei das ok, schreibt die Autorin – nur eben nicht in der Fantasy.

Bösewichte gibt es in der Fantasyliteratur jede Menge – aber echte Anti-Helden, denen man beim Bösewerden zuschauen kann, nur wenige.

In der Fantasy trügen die die Bösen entweder immer schon den Keim des Bösen in sich (wie Voldemort, der nie sympathisch gezeichnet wird), ihre Entwicklung werde nicht nachgezeichnet (wie bei den Nazgul) oder sie behielten noch einen Funken Menschlichkeit (wie der Inquisitor in der Mistborn-Trilogie).

Das sei aber auch gut so, meint die Autorin, denn Fantasy sei per se eine Literatur der Happy Ends und der Hoffnung.

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Quelle: Couleur via Pixabay

Wir brauchen einfach das euphorische Ende und den Triumph der Kräfte des Guten, und ein Held, der zum Antihelden wird – das passt da einfach nicht rein.

Wer mich kennt, wird ahnen, dass ich diese Ansicht für grundlegend falsch halte*. Nicht, dass ich die Vorbildwirkung der Heldencharaktere bestreiten will. Beileibe nicht.
Aber was sind das denn für Helden, die immer nur gegen Schurken kämpfen dürfen, denen das Wort „böse“ in Leuchtbuchstaben auf die Stirn tätowiert ist? Wieso soll sich das Gute entwickeln dürfen und das Böse schon von Anfang gesetzt sein? Was ist das überhaupt für ein Bild des Bösen, das da transportiert wird?

Meines Erachtens verharmlost man das Böse, wenn es immer nur in den drei Formen auftaucht: „war schon immer so“, „naturgegeben“ (weil schlechte Anlagen) oder „nicht so schlimm“ (weil Rest von Menschlichkeit bewahrt, der in der Stunde der Bewährung durchbricht, wie bei Darth Vader). Es wird zu einer nicht weiter reflektierten Bedrohung, die mit allen Mitteln beseitigt werden muss. Eine Auseinandersetzung damit, wie diese Bedrohung entstanden ist, findet allenfalls am Rande statt. Die Antagonistin hatte eine schlimme Kindheit oder wurde von ihrem Lover verlassen. Jetzt ist sie eben böse. Punkt.
Ein bisschen wenig, wie ich finde. Im schlimmsten Fall sogar Klischee.

Und ich will auch nicht nur über strahlende Helden lesen, die am Ende die liebreizende Prinzessin küssen und das halbe Königreich einsacken. Auch nicht, nicht wenn es Kriegerprinzessinnen sind, die am Ende die Liebe ihres Lebens finden. Auch das ist für mich Klischee. Kurzum: Ich muss kein Happy End haben.
Deshalb finde ich es toll, dass Tolkien Frodo zuletzt scheitern lässt, indem er ihm die Rückkehr ins alte Leben versagt. Ich warte nägelkauend darauf, dass Pat Rothfuss endlich den dritten Teil seiner Königsmördertrilogie beendet, um Kvotes Scheitern zu erleben.
Genauso interessiert mich der Werdegang der Schurken. Was hat sie zu dem gemacht, was sie sind? Welche Widerstände mussten sie überwinden? Welche Entscheidungen haben sie aus welchen Gründen getroffen? Wie rechtfertigen sie ihr Handeln? Nur Comicschurken handeln, um schurkisch zu sein. Aber was sind die Gründe. Das fände ich durchaus spannend. Ebenso, ob sie ihre Ziele durchsetzen oder ob sie scheitern, wobei ich dann gar nicht sicher bin, welche der beiden Alternativen dann das Happy End wäre.

Wie siehst du das, ist Fantasy per se eine Literatur der Happy Ends und der Hoffnung?


 

*Diese Haltung vertrete ich nicht nur in meinen Blogbeiträgen. Auch meine Erzählungen haben wenig mit klassischem Heldentum zu tun und die einzige Geschichte, die so was, wie ein Happy End hatte, war bisher der Fluch des Spielmanns. Über den Heldenstatus des Protagonisten ließe sich allerdings diskutieren.nohappyendwarnung

Zu O Tannenbaum schrieb ein Leser, ich solle besser eine „no Happy End Warnung“ ausgeben.

Und Steppenbrand tut genau das, was Fantasy angeblich nicht macht: Es zeichnet den Werdegang eines Antagonisten nach. Daran hat sich bisher allerdings kein Leser gestört.

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5 Kommentare zu „[Fantasy] Ist das Happy End Pflicht?

  1. Auch wenn ich selbst ein Happy-Ender bin, ist eine so ausschließliche Zuordnung zum Genre natürlich Quatsch. Auch im Krimi sind Protagonisten wie Mr. Ripley extrem selten. Im Fantasy-Bereich fällt mir etwa „Das Lied der Dunkelheit“ von Peter Brett ein – da changiert Gut/Böse recht stark. Stimme Dir also vollkommen zu – und wünsche ein schönes Wochenende 🙂

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  2. Hallo Nike,

    toller Beitrag und ich kann Dir nur zustimmen. In meinen Augen ist kein Genre per se ein Happy End Genre. Gut, vielleicht der Liebesroman, aber selbst darüber könnten wir noch diskutieren.

    Das bedeutet für mich, dass man sich hinstellt und per se behauptet, dass Fantasy ein Happy End Genre ist, dass finde ich persönlich viel zu einengend. Einerseits für mich als Leserin, zugleich aber auch für mich als Autorin.

    Denn warum soll man nicht zeigen, wie aus einem Helden oder einer Heldin zu jemand bösen wird? Und das mit nachvollziehbaren Gründen? Natürlich kann es sein, dass irgendetwas mit der Person nicht stimmt und diese per se einfach nur ein A****** ist. Aber das trifft nun wirklich nicht auf alle zu.

    Selbst bei Vold … ich meine … Du weißt schon wer, hat sicherlich seine Gründe, warum er so tief fällt. Und dieses Bild nachzuzeichnen finde ich durchaus interessant.

    Aber überhaupt finde ich es interessanter, wenn man mehr vom Klischeeroman wegkommt (eben der strahlende Held oder die Kriegerprinzessin) und mehr die Zwischencharaktere nachzeichnet. Immerhin bietet gerade der Fantasybereich so viele Möglichkeiten sich auszuprobieren, das würde ich nicht damit einschränken, dass alles nach einem bestimmten Schema geschrieben werden soll.

    Darüber werde ich mir noch einmal ein paar Gedanken machen ❤

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für deinen Kommentar! ♥
      Weg vom Klischee finde ich immer gut, auch wenn sich eine Geschichte nach Schema F natürlich leichter erzählt und größere Chancen hat, den Geschmack der Leser zu treffen. Ich gebe der Autorin des Titels sogar recht, dass Happy-End-Geschichten in der Regel gefälliger sind. Als ich zur Schule ging, musste eine Geschichte tragisch enden, um als lesenswert zu gelten. Ganz hoch im Kurs standen Stoffe, bei denen der Protagonist an der Gesellschaft und ihren Widrigkeiten scheiterte. Spaß am Lesen? Übler Eskapismus! Die Literatur hatte die Aufgabe ihre Hand an den eiternden Nerv der Zeit zu legen (oder so ähnlich). Das Ergebnis war nicht weniger klischeehaft, als heute – nur deprimierender.
      Es ist immer die Mischung, die es macht und wenn auf zehn Happy-Endings ein Scheitern kommt und auf zwanzig Erzählungen über positive Protagonisten eine mit einem hinreißenden Schurken, bei dem man nicht weiß, ob man ihm Sieg oder Niederlage wünschen soll, dann bin ich schon vollkommen glücklich. ^^

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  3. Na klar, wenn man nach Schema F schreibt, dann schreibt man nach Gewohnheit. Das bedeutet für mich, dass wir damit die Erfahrungen der LeserInnen ansprechen, die eben die Erfahrung gemacht haben, dass jede Fantasygeschichte ein Happy End hat. Fehlt dieser, dann haben sie ein Problem. Es stellt sich ein seltsames Gefühl ein, dass da etwas nicht stimmt.

    Das ist/war auch bei Frodo so. Wieso durfte er kein Happy End haben? Warum musste er seine Freunde verlassen? Und so weiter. Das fällt aus dem Rahmen, das ist anders und damit missfällt es uns letztendlich.

    Klar, darüber will ich auch nicht diskutieren. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht nach und nach aus dem Schema nicht ausbrechen kann und sollte. Denn die Vielfalt macht es doch letztendlich aus. Damit kann man ungemein vielmehr Geschichten schreiben und mehr damit darstellen. Aus diesem Grund finde ich es besser, wenn man sich mehr trauen würde.

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