[Werkstatt] Die Grundhaltung der Figuren als Charaktermerkmal

Letzte Woche hatte ich im Zusammenhang mit der Frage, wie mit Charakterbögen umzugehen sei, in einem Nebensatz geschrieben, dass es bei der Charakterisierung von Figuren in erster Linie auf ihre Haltung ankäme. Damit meine ich nicht die Körpersprache, also ob jemand schnell geht, aufrecht steht oder niemandem in die Augen sieht. Alle genannten Eigenarten sind zwar ebenfalls wunderbar geeignet, eine Figur zu charakterisieren, aber sie rühren aus einer inneren Haltung, um die es hier gehen soll.

Mit dieser inneren Haltung meine ich zunächst die Grundstimmung einer Figur: Ist sie optimistisch, ängstlich, feindselig, nervös, neugierig … Das zu bestimmen, fällt am Anfang nicht immer leicht, ist aber ungemein wichtig, denn diese Grundstimmung ist das, was in Krisensituationen durchschlägt (und ein Buch besteht, wie wir alle wissen, vor allem aus kleineren und größeren Krisen). Sie bestimmt das Verhalten der Figur in der Krise und verändert sich im Lauf einer Geschichte nicht.
Du* meinst, das stünde im Widerspruch zu allem, was in Schreibratgebern steht? Nämlich, dass Figuren im Verlauf der Geschichte eine Wandlung durchmachen sollen?
Stimmt.
Und stimmt doch nicht.
Aber der Reihe nach.

Zunächst mal lässt sich dieses Phänomen auch bei „realen“ Menschen beobachten. Obwohl die Entwicklungspsychologie inzwischen davon ausgeht, dass „Persönlichkeit“ nichts ist, das sich zwischen 16 und 25 fixiert und fortan nicht mehr ändern lässt*, bauen die meisten Menschen danach nur noch ihre Marotten aus. Vielleicht lernen sie auch mit gewissen Schwächen umzugehen. So kann ein chaotischer Mensch ein gewisses Maß an Ordnung in sein Leben bringen, indem er Hilfsmittel wie To-Do-Listen verwendet. Aber anders, als bei einem Ordnungsfanatiker werden bei ihm immer unsortierte Bereiche bleiben, in denen das Chaos die Oberhand behält. Mit anderen Worten: Reale Menschen ändern schon etwas, aber im Normalfall bleibt ihre Persönlichkeit im Kern gleich. Es muss schon ein sehr großer Anstoß von Außen kommen, damit sich die Persönlichkeit grundlegend ändert. Solche Anstöße können u. a. Traumata, spirituelle Erlebnisse (Nahtoderfahrungen, Offenbarungen etc.), aber auch psychiatrische Behandlungen sein.

Für literarische Figuren gilt das Gesagte um so mehr, da sie sich zwar ändern sollen, ihre Handlungen aber für den Leser nachvollziehbar bleiben müssen. Genau das erreicht man am Besten indem man ihnen eine Haltung mitgibt, die bis zum Schluss unverändert bleibt, auch wenn die Figur vielleicht lernt, mit den daraus resultierenden Problemen umzugehen. Ron Weasleys Angst vor Spinnen ist ein schönes Beispiel: Er wird in den verschiedenen Harry-Potter-Bänden immer wieder auf verschiedene Weise mit ihr konfrontiert. Manchmal ist das Ergebnis witzig (wie bei dem Irrwicht), aber immer muss er seine Angst zugunsten eines höheren Ziels überwinden und schafft es auch. Trotzdem würde er unglaubwürdig werden, wenn er eine noch so winzige, flaumige Spinne plötzlich „niedlich“ fände.

Wie kommt man nun zu dieser Grundhaltung?
In der Fantasy ist das vergleichsweise leicht, weil hier die Grundhaltung oft schon durch Rasse und Charakterklasse vorgegeben ist. So sind Tolkiens Elben immer großherzig, dem Schönen zugeneigt und gleichzeitig so vergangenheitsfixiert, dass man sie schon fast reaktionär nennen könnte. Hobbits sind gutmütige Genusswesen, Orks zerstörerisch und nur dem Recht des Stärkeren gehorchend. Bei den Charakterklassen haftet Dieb, Assassine und Spion immer Verschlagenheit an, während Ritter gerecht sind und Heiler (im Gegensatz zu Schamanen) Fürsorge verkörpern.
Klischees?
Klar sind das Klischees. Niemand sagt, dass du dich daran halten musst. Aber diese Klischees geben einen guten Eindruck davon, was ich mit „Grundhaltung“ meine.

Tatsächlich mag ich Charaktere, die gegen das Klischee gebürstet sind. Als Discovery Writer würde ich daher vermutlich hergehen und mir überlegen, welche Eigenheiten meine Figuren haben sollen, ihnen eine interessante Aufgabe geben und dann sehen, wie sie damit zurecht kommen.
Nun bin ich aber Plotter, d. h. ich plane meine Geschichten durch, bevor ich anfange zu schreiben. Das bedeutet auch, dass ich zumindest eine grobe Vorstellung vom Inhalt der Geschichte habe, bevor ich mir Gedanken über die Figuren mache. Dementsprechend läuft auch die „Rollenbesetzung“ ein bisschen anders. Wer jetzt an ein Casting für einen Film denkt, liegt gar nicht mal verkehrt.
Es gibt ja so eine Schreibtheorie, wonach alle Geschichten in „story driven“ oder „charakter driven“ einsortiert werden. Also danach, ob die Spannung eher aus der Handlung entsteht oder ob die Charaktere im Vordergrund stehen. In aller Unbescheidenheit möchte ich behaupten, dass die besten Bücher beides sind. Meiner Meinung nach lassen sich Charakter und Handlung nicht trennen. Der Charakter einer Figur beeinflusst ihre Handlungen, was Prozesse in Gang setzt, die neue Handlungen erfordern, die wieder auf dem Charakter beruhen. Wäre Bilbo nicht aus dem Haus gegangen, wäre er Gollum nicht begegnet und auch keinem Drachen. Hätte Galadriel den Ring genommen, wäre Frodo nicht über Lothlorien hinausgekommen.
Wenn ich also überlege, wie ich eine Rolle besetzen will, überlege ich als erstes, welcher grundlegende Charakterzug meine/n Prota antreibt und die Geschichte am Laufen hält. Bei O Tannenbaum war das die bedingungslose Hingabe der Dryade an ihren Baum. Bei Fluch des Spielmanns ist es die verbotene Liebe zur schönen Hulda und bei Steppenbrand Dejasirs Gier nach Macht und Reichtum.
Diese Grundhaltung muss natürlich durch zusätzliche Facetten ergänzt werden, damit die Figuren glaubwürdig agieren. Teilweise können diese Facetten sogar im scheinbaren Widerspruch zur Grundhaltung stehen. Faramir ist hier ein schönes Beispiel (der Buchcharakter noch stärker, als der im Film): Er würde alles tun, um die Gunst seines Vaters zu gewinnen; er riskiert dafür sogar sein eigenes Leben. Aber als ihm der Ring in die Hände fällt, bleibt er sich und seinem Charakter treu, obwohl er weiß, dass sein Vater ihn dafür nur noch mehr verachten wird.

Jetzt bin ich gespannt: Wie entwirfst du deine Charaktere?
Ich freue mich über jeden Kommentar.


 

*Das „du“ ist nicht despektierlich gemeint. Ich habe mich für diese informelle Anrede entschieden, um den informellen Charakter dieser Werkstattgespräche zu betonen.

** Das Leben ist eine Baustelle, Interview mit der Psychologin Ursula Staudinger, Karriere-Spiegel 29.08.2013

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3 Kommentare zu „[Werkstatt] Die Grundhaltung der Figuren als Charaktermerkmal

  1. Ich merke gerade, wie hilfreich Tipps von dir als Fantasy-Autorin für mich, die alles, was in ihren Erzählungen geschieht, in der echten Realität, idealerweise im aktuellen Jahr, geschehen lässt.
    Gerade den Bezug zu Faramir sehe ich als gelungen an und übertrage deine Gedanken gerne mal auf mein System.

    Bisher verfahre ich wie folgt:
    Ich überlege, wie die Geschichte vonstatten gehen soll und was für eine Person ich brauche. Und schwupps, der Protagonist ist da. Während ich die Beziehungen zwischen Charakteren und deren eigenen Entwicklungsgeschichten während des Romans ausdenke, ergibt sich die Hintergrundgeschichte sowie Grundhaltung von selbst. Die trage ich dann nachträglich in Charakterbögen ein und versuche, beim Weiterschreiben drauf zurück zu kommen.
    Hört sich doof an, aber unter den Discovery Writers bin ich wohl wirklich sehr discovernd… 😀

    Gefällt 1 Person

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