[Werkstatt] Über Charakterbögen (#Autorenwahnsinn die 2.)

Beim Autorenwahnsinn, der von Schreibwahnsinn ausgerufenen Challenge lautet die Frage diese Woche: Benutzt du Charakterbögen, um deine Charaktere zu entwickeln?

Kurz gesagt: Nein.

Jedenfalls nicht zur Entwicklung von Charakteren.

Früher habe ich es getan und dadurch auch eine ganze Menge über Figurenentwicklung gelernt. Inzwischen bin ich davon aber abgekommen.

Warum ich Charakterbögen sinnvoll finde

Das sollte ich vermutlich erklären, also fange ich mal mit den Vorteilen von Charakterbögen an. Für mich sind das im Wesentlichen drei Punkte:

  • Charakterbögen helfen vielschichtige Figuren zu entwickeln
    Der erste Vorteil eines Charakterbogens ist schon mal, dass er Anstöße gibt, sich tiefere Gedanken über seine Figuren zu machen. Ich weiß ja nicht, wie es dir beim Schreiben deiner ersten Geschichte ging, aber ich habe mir anfangs kaum Gedanken zu meinen Figuren gemacht. So lange ich noch Fanfictions über existierende Charaktere geschrieben habe, war das kein größeres Problem, aber meine ersten eigenen Figuren gerieten unerträglich flach.
    Charakterbögen können dabei helfen, einen vor solchen Fehlern zu bewahren, weil sie einen dazu bringen, die Figuren vor dem Schreiben zu durchdenken. Gute Charakterbögen enthalten immer auch Fragen zum sozialen Hintergrund, Vorlieben, Abneigungen und Phobien, sowie besonderen Stärken und Schwächen.
  • Charakterbögen helfen, die Handlungen der Figuren nachvollziehbar zu machen
    Wenn man einen ausgearbeiteten Charakter mit Stärken und Schwächen hat, der entsprechend seinen Vorlieben und Abneigungen handelt, wirkt er „rund“ und seine Handlungen sind für den Leser nachvollziehbar. Nicht durchdachte Figuren tun dagegen nur, was für die Handlung gerade erforderlich ist. Das macht sie vorhersehbar, gleichzeitig aber auch sprunghaft und insgesamt wenig glaubwürdig.
    Indem man sich vorher Gedanken zu seinen Figuren macht, bewahrt einen der Charakterbogen auch davor, die Figur Dinge tun zu lassen, die nicht in ihrer „Natur“ liegen und Handlungsalternativen zu finden, die für diesen Charakter stimmig sind.
  • Charakterbögen helfen, die Übersicht zu behalten
    Hieß die Kollegin der Protagonistin nun Kirstin oder Kerstin? Mayer oder Meyer? Hat der blöde Nachbar von gegenüber blaue oder graue Augen? Wie hieß noch mal der elbische Kampfstil, den der Protagonist …?
    Wenn man einen Roman schreibt, tauchen solche und ähnliche Fragen unweigerlich auf und irgendwann werden es einfach zu viele, um sie alle im Kopf zu behalten. Da sind entsprechende Listen unglaublich hilfreich. Deshalb legt man sich am Besten von Beginn an Verzeichnisse von Orten, Gegenständen oder Personen (aka Charakterbögen) an, in denen man im Bedarfsfall nachschlägt.

Natürlich hilft das alles nur, wenn man sich auch daran hält und gelegentlich mal in seinen Charakterbögen nachschaut, ob das denn so stimmt, was man sich zu einer Figur überlegt hat.

Warum ich trotzdem keine Charakterbögen zur Figurenentwicklung nutze

Die Figuren anhand von Charakterbögen zu entwickeln, hat für mich zwei ganz entscheidende Nachteile.

  • Fixierung auf Äußerlichkeiten
    Fast jeder Charakterbogen fängt mit Äußerlichkeiten an und meist nehmen Äußerlichkeiten auch einen breiten Raum innerhalb des Charakterbogens ein. Das ist insofern logisch, weil das Äußere das ist, was man zuerst an einer Person wahrnimmt. Ich habe aber festgestellt, dass das Äußere beim Schreiben so ziemlich das Unwichtigste an einer Figur ist. Ob die betreffende Person nun groß, klein, alt, jung, braunhaarig oder grünäugig ist, spielt für die Geschichte meist keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist ihre Haltung, wie sie tickt, was sie im Innersten antreibt, wie sie sich unter Stress verhält. Das sind aber Dinge, die sich mit einem Charakterbogen nur schlecht bis gar nicht entwickeln lassen.
  • Fehlplanungen
    Ein anderes Problem, das ich bei der Entwickung von Figuren anhand von Charakterbögen habe, besteht darin, den Charakter ohne Rücksicht auf seine Funktion in der Geschichte zu entwickeln. So können tolle Figuren entstehen, keine Frage. Aber was nützt mir ein supersensibler Künstler, der hart daran arbeitet, seinen Vaterkomplex zu überwinden, wenn ich für den Fortgang der Geschichte jemanden brauche, der einen reißenden Fluss überwindet, um ein wertvolles Artefakt aus dem Nest des Vogels Rokkh zu stehlen?
    Natürlich lässt sich das Problem überwinden, indem man ihn ganz unbekannte Seiten an sich entdecken lässt oder noch jemanden in die Geschichte reinschreibt, der den Helden aus der Patsche befreit. Nur bedeutet das, dass auch an anderen Stellen ganz viele Stellschrauben verändert werden müssen, damit das Ergebnis wieder „passt“.
    Für Discoverywriter stellt sich dieses Problem vermutlich nicht. Aber für mich, als Plotterin, die immer auf ein bestimmtes Ziel hinschreibt bedeutet das mehr Arbeit, mehr Nerv, größere Unzufriedenheit.

Als weiter Punkt ließe sich noch einfügen, dass man alles, was man einer Figur angedichtet hat, gerne auch in der Geschichte unterbringen will – bis hin zum traumatischen Verlust des geliebten Meerschweinchens. Dass ich es nicht getan habe, liegt daran, dass man immer überflüssigen Kram erfinden muss, um seine Figuren besser kennen zu lernen, vollkommen unabhängig davon, ob man nun einen Charakterbogen benutzt oder nicht.
Und vermutlich erzähle ich auch niemandem etwas Neues, wenn ich sage, dass man diesem Wunsch besser nicht nachgibt, so lange die Information die Geschichte nicht vorantreibt.

Wofür ich Charakterbögen immer noch benutze

Wie schon oben gesagt, sind Listen unabdingbar, wenn man bei längeren Texten die Übersicht behalten will.

Genau dafür benutze ich Charakterbögen. Der Charakterbogen startet als leeres Dokument, aber so bald ich an einer meiner Figuren eine Eigenschaft entdecke, wird sie im Charakterbogen notiert bzw. mit den älteren Einträgen abgeglichen. Natürlich halte ich dort auch biographische Details fest, die in der Geschichte auftauchen. So wächst der Charakterbogen der jeweiligen Figur parallel zur Geschichte.

Oder besser gesagt: Die Figur entwickelt sich mit der Geschichte. Umgekehrtes Discoverywriting, sozusagen, bei dem man als Autor nicht die Geschichte entdeckt, sondern die Charaktere, die sie vorantreiben.
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Bildquelle: quimono via pixabay

Ähnlich, wie ein Schachspieler verfolge ich einen Plan – die Geschichte. Um sie zu erzählen, benötige ich die Figuren. Und wie der Schachspieler muss ich versuchen, ihre Stärken optimal auszuspielen.
Da die Figuren am Anfang jedoch noch ganz auf einige wenige, aber grundlegende Attribute reduziert sind, stelle ich genau das sicher. Da ich als Autorin aber auf beiden Seiten des Bretts sitze, sorge ich gleichzeitig dafür, Druck auf die Figuren aufzubauen und zwinge sie, sich mit ihren Schwächen auseinanderzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass sich in diesem offenen Verfahren eine größere Dynamik entwickelt, als das bei „vorgefertigten“ Charakteren der Fall ist.

Natürlich kann es sein, dass Lücken bleiben. Im Fluch des Spielmanns ist z. B. nur das Äußere der beiden Frauen näher beschrieben, weil das ganz maßgeblich den Verlauf beeinflusst. Über Pater Gion erfährt man noch, dass er ein bärtiger Greis ist; aber wie der Protagonist und der schöne Pirmin aussehen, ist ganz der Fantasie des Lesers überlassen. Tatsächlich habe ich dazu auch keine Notizen, abgesehen von einer groben Altersangabe bei Pirmin.

Ich würde gerne auch die Charakterbögen verlinken, die ich benutze (es sind mehrere, die ich nach Bedarf kombiniere). Dabei besteht allerdings das Problem, dass ich sie selbst irgendwann mal aus dem Netz runtergeladen habe und nicht mehr weiß, von wem.
Sie jetzt als meine zu reklamieren, empfände ich als extrem unfair. Deshalb lasse ich das. Außerdem, wer weiß, vielleicht gibt es längst bessere, ich habe lange nicht mehr geguckt.


Das Titelbild ist ein Screenshot von www.schreibwahnsinn.de

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4 Kommentare zu „[Werkstatt] Über Charakterbögen (#Autorenwahnsinn die 2.)

  1. An diesen Charakterbögen hatte ich mich auch mal versucht, es aber schnell wieder aufgegeben, weil ich damit nicht klar gekommen bin. Mir sind die zu unpersönlich und zu steril. Ich lasse meine Figuren u.a. lieber Tagebuch schreiben, dadurch lerne ich sie viel besser kennen, bekomme ein Gefühl für sie, weiß, wie sie reden, wie sie ticken.
    Dazu erstelle ich für jede Figur noch ein Sketchnote. Damit habe ich einen guten Überblick, den ich nach Bedarf ergänzen kann. 🙂

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