Ein böses Weib

Im letzten halben Jahr bin ich mehrfach über Blogartikel gestolpert, in denen das Fehlen weiblicher Schurken beklagt wurde. Leider habe ich sie nicht eingemerkt und beim Suchen nur diesen auf Phantawelten wiedergefunden. Aber der Tenor war immer ähnlich: „Wir trauen Frauen das Böse nicht zu. Wir sind genervt, dass die wenigen vorhandenen Schurkinnen auch noch überwiegend durch enttäuschte Liebe motiviert werden, während Männer aus allen möglichen Gründen böse sein „dürfen“. Wir wollen weg vom Klischee, dass alle Frauen im Grunde ihres Herzens Harmoniehäschen sind, die sich nach trautem Heim und Liebesglück sehnen.“

Challenge accepted, kann ich dazu nur sagen, auch wenn ich dieses gut-böse Schema nicht mag. Statt dessen glaube ich fest an die Perspektive und daran, dass selbst Sauron aus seiner Sicht vollkommen gerechtfertigt und vernünftig handelt. Nur wird der Herr der Ringe eben nicht aus seiner Perspektive erzählt.
Aber ich wollte nicht über Sauron schreiben, sondern über meine nächste Geschichte und ihre Protagonistin. Anders als die Glamour-SM-Vampire ist meine Vampirin nämlich wirklich böse. Oder besser gesagt: amoralisch. Ein knallhartes Miststück, das ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Und mit Liebe braucht man ihr schon mal gar nicht zu kommen.

Ich gestehe, dass ich beim Schreiben manchmal selbst ein bisschen zurückzucke und mich frage, ob bestimmte Szenen in dem Genre noch vertretbar sind. Ob eine solche Protagonistin angenommen wird. Oder ob den Lesern am Ende doch ein Harmoniehäschen lieber gewesen wäre.

Aber Kneifen wäre feige.  Außerdem werde ich die Antwort nie erfahren, wenn ich es nicht probiere. Vielleicht findet die Geschichte ja sogar eine ganz eigene Fangemeinde. Ich bin gespannt.


P. S.: Meine Protagonistin sieht natürlich(?) kein bisschen so aus, wie die Frau auf dem Beitragsbild. Ich habe es vor allem deshalb gewählt, weil es eines der wenigen Stockfotos ist, bei denen die Frau hässlich sein darf. Danke dafür an 942987 via Pixabay.

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4 Kommentare zu „Ein böses Weib

  1. Das ist immer genau das, was mich reizt… Ich weiß gerade nicht, ob du „Das Lied von Eis und Feuer“ gelesen hast (die Serie dazu heißt „Game of Thrones“ und dürfte bekannter sein). Cersei ist so ein schönes Beispiel, wir erfahren, wie SIE ihre Taten sieht: Total vernünftig, gerechtfertigt und ach so schlau. Und wie sie bei den anderen ankommen. Schurkisch eben.
    Ein tolles Beispiel.
    Und etwas, was ich generell sehr mag – egal ob bei Mann oder Frau. Wenn wir dazu verführt werden, den Schurken nachvollziehbar zu finden und auf einmal kurz davor sind, für ihn mitzufiebern. Und dann innehalten müssen…

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    1. Klar kenne ich das Lied von Eis und Feuer (jedenfalls den bisher erschienenen Teil). ^^ Und die schöne Cersei ist wirklich ein gutes Beispiel für eine gelungene Schurkin. An die hatte ich gar nicht gedacht – vielleicht, weil es in der Reihe so viele Schurkenrollen gibt.
      Aber mir geht’s wie dir. Wenn einer „Ich bin der VERNICHTER DER WELTEN, das unbeschreibbar BÖÖÖSE“, gröhlt, zucke ich müde mit den Schultern und wende mich ab. Aber jemand, der aus vollkommen rationalen Gründen das vollkommen Falsche tut … Damit packt man mich. Immer.

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      1. Nicht wahr? Ja, es gibt viele (sehr verschiedene) Schurkenrollen, aber gerade Cerseis Innensicht ist in der Hinsicht so toll… Wir durften ja z.B. Tywin leider immer nur bis vor die Stirn schauen.
        Und ja – die Gröhler sind öde :D.
        Ich schreibe ja selbst an so einer Geschichte bzw. bereite sowas vor und kenne daher dieses Gefühl von „Darf ich das überhaupt?“ sehr gut… Aber man schreibt, was man selbst gerne liest 🙂

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  2. Tom Hiddleston hatte mal zurecht gesagt, jeder „Villain“ ist der Held oder die Heldin der eigenen Geschichte. Und das stimmt.

    Seitdem mir das bewusst geworden ist, kann ich es nicht mehr sehen oder hören, wenn der Bösewicht immer sagt, es ist so toll, so böse zu sein, prust. Nein, Danke.

    Aber ansonsten gebe ich Dir recht, es gibt zu wenig weibliche Antagonistinnen, die eine überzeugende Agenda haben. Eiversüchtig, rachsüchtig, die typischen Eigenschaften für eine Klischeefrau. Und jetzt macht mich „Game of Thrones“ doch ein wenig neugierig.

    Und Dein Beitrag lässt in mir einige Ideen aufkeimen 🙂

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