[Werkstatt] Aller Anfang ist schwer

Anfänge scheinen mir ein gutes Thema für meinem ersten Schreibwerkstatt-Artikel. Wo fängt man an? Wann fängt man an? Womit fängt man an?
In der Vorstellung meiner Familie läuft das so: Der Autor hat eine Idee, setzt sich hin und schreibt sie auf. Fertig ist das Buch. Aber jeder, der sich schon einmal ernsthaft mit Schreiben beschäftigt hat, weiß, dass das in der Regel nicht so läuft.

Wenn wir ehrlich sind, starten wir mit einer Idee, die sich im Kopf ganz toll anfühlt. Das Problem beginnt in dem Moment, wo wir versuchen, sie aufzuschreiben. Kaum setzen wir uns hin, verkriecht sie sich in der hintersten Hirnwindung und macht sich ganz klein. Mir geht es jedenfalls so. Ein weißes Blatt Papier oder ein leerer Bildschirm haben eine unglaublich abschreckende Wirkung auf jeden noch so gloriosen Einfall. Wendungen, die im Kopf grandios klangen, wirken niedergeschrieben nur noch hohl, fad und lahm.

Anzufangen ist Schwerstarbeit. Immer. Wenn jemand ein Rezept hat, es leichter zu machen: Immer her damit. Ich kenne nämlich keins, außer: Zähne zusammenbeißen und durch. Es ist wie beim Anschieben eines Autos. Man muss sich unglaublich anstrengen, um die Kiste in Bewegung zu setzen – aber wenn sie erst mal rollt, wird alles einfacher.
recite-1jx0bvdDeshalb würde ich auch davon abraten, der oft gegebenen Empfehlung von Faulkner zu folgen, den ersten Satz so zu schreiben, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will.
Der Tipp ist gut, wenn es ums Überarbeiten geht. Beim Schreiben hält er nur auf. Anders gesagt: Je länger ich brauche, um den ersten Satz zu formulieren, desto länger brauche ich auch, um überhaupt zum zweiten zu kommen, der mit der gleichen Sorgfalt formuliert werden muss, damit der Leser auch den Dritten … Verstehst du, was ich meine? Auf diese Weise dauert es unendlich lange, um in Schwung zu kommen. Wenn man überhaupt in Schwung kommt und nicht spätestens bei Satz fünf das Gefühl hat, dem Ganzen nicht gewachsen zu sein und frustriert aufgibt. Es mag Menschen geben, die so arbeiten können. Meiner Meinung nach, ist das einer der sichersten Wege in die Schreibblockade.

Und wo ich gerade dabei bin, würde ich empfehlen gleich noch einen in Schreibratgebern oft gegebenen Rat mit in die Tonne zu treten. Nämlich den, immer möglichst spät in eine Szene einzusteigen. Wenn du Zeit brauchst, dich auf eine Szene einzustimmen, dann nimm sie dir. Wenn es dazu nötig ist, erst die Vergangenheit deiner Heldin, das Gefühlsleben deines Helden oder die nähere Umgebung in allen Einzelheiten zu beschreiben, dann tu es. Es ist vollkommen ok, sich erst mal warmzuschreiben. Wenn es Mist ist, ist es eben Mist, aber das muss dich in dem Moment nicht kümmern. Hauptsache, du schreibst.

Überarbeiten kannst du immer noch. Solltest du auch. Aber das ist ein anderes Thema. Jetzt, wo ich mich mit diesem Blogpost warmgeschrieben habe, werde ich mit der Vampirgeschichte weitermachen. Und du? Was schreibst du heute?

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3 Kommentare zu „[Werkstatt] Aller Anfang ist schwer

  1. Schöner Text – meinen herzlichen Dank. Besonders das Bild mit dem „Auto anschieben“ hat mir gefallen 🙂 Ich glaube, das „Warmschreiben“ ist tatsächlich der Schlüssel. Ich habe nie kapiert, warum manche AutorInnen meinen, beim ersten Entwurf schon den endgültigen ersten Satz zu meistern. Wozu auch? Das blockiert nur. Genauso ist es beim „Einstimmen“ in die Szene. Auch da stimme ich Dir zu: Warum nicht? Streichen läst sich später ja noch genug. Das Problem wäre auch da eher, das sich der Schreibende so in seine Sätze verliebt, dass er sie nicht mehr missen will …
    Und zur eigenen Praktik: Ich wälze meine Anfänge ein paar Wochen im Kopf herum, bevor ich wirklich lostippe. Dann habe ich zumindest eine klare Szene und meist auch schon einige Formulierungen im Kopf. Dann schreib ich einfach drauflos. Und schreibe später mindestens zehnmal um 🙂

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  2. Ich gebe dir vollkommen Recht: Den ersten Satz kann man immer noch bearbeiten, Hauptsache, man fängt erstmal überhaupt irgendwie an.
    das mache ich zB grundsätzlich bei meinen Hausarbeiten fürs Studium: Ich beginne grundsätzlich mit dem Hauptteil und schreibe erst zum Schluss, wenn alles steht, die Einleitung. Sonst scheitere ich schon an den ersten Sätzen.
    Manchmal bekommt man ja auch erst mit der Zeit die zündende Idee, wie ein toller Einstieg aussieht. Dazu braucht man manchmal einfach schon Text, um sich einzufühlen.

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