Nachzehrer – Wenn die Toten Hunger haben

b1Foto via Pixabay

Heute möchte ich ein Wesen vorstellen, das heute kaum noch jemand kennt, obwohl es großartige Voraussetzungen für eine Horrorfigur mitbringt: Den Nachzehrer. Nachzehrer sind in gewisser Weise so etwas wie die westliche Variante des Vampirs. Auch sie sind Untote, die sich von der Lebensenergie anderer ernähren.

Anders als Vampire entstehen Nachzehrer jedoch nicht durch einen Biss, sondern durch mangelnde Sorgfalt bei der Beerdigung. Wenn man die Leiche in den Sarg legte, musste man unbedingt darauf achten, dass nicht etwa einen Zipfel des Kragens oder Leichentuchs den Mund der Leiche berührte. Geschah dies doch, konnte es nämlich passieren, dass der Zipfel in den Mund rutschte und der Leichnam daran zu kauen begann. Er fraß dann zuerst das Tuch oder das Hemd. Wenn es ganz verzehrt war, begann er, Kraft aus seiner Umgebung zu saugen, was man durch Schmatzen aus dem Grab heraus erkennen konnte.

Um zu verhindern, dass ein Toter zum Nachzehrer wurde, bediente man sich verschiedener Methoden. In einigen Gegenden wurde ihm ein Blatt Papier unter’s Kinn gelegt. Vielleicht rührt auch das noch heute praktizierte Hochbinden des Kiefers ursprünglich daher (und hat nicht nur ästhetische Gründe).
War jemand nämlich zum Nachzehrer geworden, halfen nur drastische Mittel, ihn aufzuhalten. Man schlug den Leichen z. B. den Kopf ab, rammte ihnen Steine in den Mund, Pflöcke ins Herz, zerstückelte oder verbrannte sie. Alles Maßnahmen, die im krassen Gegensatz zum christlichen Glauben stehen, wonach ein Leichnam für die Auferstehung beim jüngsten Gericht unbeschädigt bleiben muss. Entsprechend traumatisch muss es für die Hinterbliebenen gewesen sein, wenn sich ein Verstorbener als Nachzehrer entpuppte.
Andererseits galt es als absolut unumgänglich, den Nachzehrer aufzuhalten, weil er sonst ganze Dörfer auslöschen konnte.

Eine interessante Variante dieses Glaubens findet sich in kaschubischen Legenden. Dort erzählte man sich nämlich, dass Kinder, die mit einer „Mütze“ zur Welt kommen, automatisch zu Nachzehrern würden, wenn man diese „Mütze“ nicht trocknete, verbrannte und den Kindern binnen sechs Wochen nach der Geburt die mit Muttermilch vermischte Asche einflößt.
Diese Sage ist nicht nur deshalb interessant, weil die „Mütze“ in anderen Gebieten als besonders glücksbringendes Zeichen gilt und deshalb auch als Glückshaube bekannt ist (tatsächlich handelt es sich um in Stück von der Fruchtblase). Ein weiterer Aspekt ist, dass die kaschubischen Nachzehrer besonders gruselige Vertreter ihrer Art sind, die sich nicht mit dem Leichenhemd begnügen. Sie fressen erst ihre eigene Kleidung, dann das Fleisch von Armen und Füßen, bevor sie sich aus dem Grab erheben und sich als Mischung aus Zombi und Vampir auf die Jagd machen. Zuerst fressen sie ihre Verwandten (die nahestehenden zuerst), dann alle anderen und zum Schluss läuten sie die Kirchenglocken,

und nun muß Alles sterben, so weit der Schall der Glocken reicht.

Den Glauben an Nachzehrer und andere Formen des Wiedergängers gibt es offenbar schon seit der Steinzeit. Jedenfalls stoßen Archäologen immer wieder auf Gräber, bei denen in der oben beschriebenen Weise mit Toten verfahren wurde.*

Wenn man so was liest, fragt man sich schon, wie solche Wesen so lange literarisch unbeachtet bleiben konnten, oder?


*http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/4061657/Die-Angst-vor-den-Untoten/

Die zitierte kaschubische Sage habe ich Wikisource entnommen.

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13 Kommentare zu „Nachzehrer – Wenn die Toten Hunger haben

  1. Ja, Nachzehrer sind schon besonders „leckere“ Gruselgestalten. Eine literarische, im Wortsinne, Bearbeitung ist mir jetzt spontan auch nicht bekannt, aber im Segment des Heftromans tauchen sie einige Male auf. Daher kenne ich sie ursprünglich. Muss ein Vampir-Horror-Roman gewesen sein, oder vielleicht auch ein früher John Sinclair.

    Danke für deinen umfassenden, einordnenden Bericht :-).

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    1. Für Horror eignen sie sich in der Tat ganz prächtig. Dagegen ist der Glamourfaktor eher Null. Als Love-Interests sind ihnen die Vampire deshalb natürlich weit überlegen. Vielleicht ist das der Grund für ihre mangelnde literarische Bekanntheit.

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    1. Ob sich die Nachzehrer wirklich daran gehalten haben? Die Sage aus Rügen spricht dagegen. ^^
      Auch, dass man Nachzehrer für Seuchen und die Auslöschung ganzer Dörfer verantwortlich gemacht hat, ist in meinen Augen eher ein Argument dagegen. Es sei denn, man ginge davon aus, dass alle Menschen eines Landstrichs miteinander verwandt waren.
      Aber letztlich ist es literarische Freiheit, wie man damit umgeht. Bei Tolstoi haben selbst die Wurdalaks (denen man ja nachsagt, sie würden ausschließlich die eigene Familie fressen), haben den Marquis d’Urfe nicht verschmäht.

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      1. Wenn man es rational betrachtet, sind viele damals an der Schwindsucht (Tuberkulose) gestorben. Die war hoch ansteckend. Demnach passt es schon mit der „Entvölkerung“ diverser Dörfer… Was war da einfacher als einem Nachzehrer, Strigoi oder Wurdalak die Schuld in die Schuhe zu schieben.

        Ja, der Marquis… obwohl ja eigentlich Puschkin den Begriff Wurdalak definiert hatte.

        Viel interessanter finde ich es, wie viele Gräber geöffnet wurden, wo Menschen mit diversen Mitteln daran gehindert wurden, wieder auferstehen zu können. Die Rate liegt irgendwo bei 7-10%.

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      2. Deshalb finde ich es ja so spannend, dass die Nachzehrer fast vollkommen in Vergessenheit geraten sind, nachdem die archäologischen Befunde auf eine kontinuierliche Praxis von der Steinzeit bis in die Neuzeit hindeuten.
        Vielleicht hat auch ihnen in gewisser Weise die Hygiene die Lebensgrundlage entzogen. ^^

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      3. Das wäre natürlich möglich.
        Ich kenne Begriffe wie Wiedergänger, Aufsitzer usw. aber auf den Nachzehrer bin ich auch erst vor Kurzem gestoßen.
        Eine interessante Spezies und weit verbreitet wie ich feststellen musste. Zumindest gibt es unzählige Gräber, wo man den Toten Steine in den Mund gestopft oder den Unterkiefer hochgebunden hatte.

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      4. Aufsitzer (Huckaufs) und Wiedergänger kenne ich auch. Überhaupt bieten die Sagen ja ein sehr weites Spektrum an Geschöpfen mit eigenartigen und für uns Menschen nicht immer sehr zuträglichen Vorlieben. Aber bisher hat, so weit ich weiß, nur Andrzej Sapkowski daraus geschöpft – und selbst bei ihm spielen diese Wesen nur Nebenrollen.

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  2. Das klingt echt spannend und ich habe deinen Artikel echt mit riesigem Interesse gelesen. Da gibt es doch also tatsächlich noch Nachtgestalten, die mir nicht bekannt sind! Ein wenig hat mich das schon überrascht, nenne ich doch einige Lexika mit Fantasiewesen mein eigen. Wie bist du denn darauf gestoßen?

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