[Fantasy] Ich mach mir die Welt …

Einer der Vorteile des Fantasy-schreibens ist die Freiheit, nicht an die Beschränkungen der Realität gebunden zu sein. Als Autorin ist man frei darin, neue Welten zu erfinden und zu bevölkern. Man kann Gebiete schaffen, in denen der Himmel rosa und das Gras purpur ist, sie in undurchdringliche Finsternis hüllen oder in ewiges Licht tauchen und sie mit allem bevölkern, was Sagen, Märchen, Mythen und Träume hergeben. Man kann aber auch die bestehende Welt nehmen und nur ein kleines bisschen verändern.

Diese Freiheit des Schreibens ermöglicht es auch der Leserin Welten und Gegenden zu bereisen, zu denen es physisch keinen Zugang gibt und in denen die Naturgesetze aufgehoben oder wenigstens gebrochen sind. Sie führt uns in Verstrickungen und Abenteuer, die uns Alltag und Sorgen eine Weile vergessen lassen.

Ja, aber ist das nicht böser Eskapismus? Muss man nicht die Welt zeigen, wie sie ist?

Also, erst mal möchte ich schon bestreiten, dass Belletristik die Welt überhaupt zeigen kann, „wie sie ist“. Belletristik zeigt die Welt immer gefärbt durch die Wahrnehmung der Autorin, der Erzählerinnen und der Charaktere eines Buchs. Im Idealfall ist Belletristik ein Prisma, ein Kaleidoskop verschiedener Perspektiven – aber wann hätte je ein Kaleidoskop oder ein Prisma die objektive Realität wiedergegeben?
Wer eine objektive Weltsicht sucht, sollte sich besser an Sachbücher, Biographien und ähnliches halten.

Und dann möchte ich bestreiten, dass Eskapismus per se etwas Schlechtes ist. Wenn ich mir angucke, welche Wirkung die dauernde Beschäftigung mit oft nur vermeintliche Krisen hat, täte uns allen vermutlich ein bisschen mehr Eskapismus sehr gut.

 

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4 Kommentare zu „[Fantasy] Ich mach mir die Welt …

  1. Ich würde sogar weiter gehen als das.
    Für mich ist (in meinen Augen gute) Literatur per se realer/realistischer als die Realität. Sozusagen eine Hyperrealität. Und zwar auch dann, wenn es dort Einhörner, Vampire oder unsichtbare Schlösser gibt.

    Oder, um es mit Lloyd Alexander zu sagen:
    “Fantasy is hardly an escape from reality. It’s a way of understanding it.”

    Wir alle sind Kinder unserer Zeit. Und als künstlerisch tätige Menschen – behaupte ich mal – sogar ein Stück weit sensibler für die unterschwelligen Stimmungen und Strömungen in den Gedanken der Menschen, als Nichtkünstler.
    Und es ist unmöglich, das beim Schreiben völlig auszublenden. Selbst wenn du keine bewusste Absicht hast, dich politisch oder auch nur kommentierend über die Gesellschaft zu äußern, du tust es.
    Sogar die, die „Millionär trifft armes Hascherl“-Romane schreiben, tun das. Sie stillen damit eine Sehnsucht nach etwas, was ihnen die reale Welt aus irgendeinem Grund nicht geben kann und treffen damit eine Aussage über die Welt selbst.
    Daher ist Eskapismus nur zum Schein ein Entkommen. Am Ende führt der Weg durch den Eskapismus zurück zum Erkennen der Welt und ihrer inneren Zusammenhänge.
    (Das ist der Grund, aus dem ich beispielsweise „Die Tribute von Panem“ für sehr gute Literatur halte – einerseits bin ich vorübergehend aus meinem normalen Alltag entrückt und kämpfe mit Katniss ums Überleben. Andererseits aber erfahre ich beim Lesen so viel Wahres über den gegenwärtigen Zustand der Welt und ihre Strömungen, dass es mich zum Nachdenken bringt.)
    Ergibt mein Geschreibsel Sinn? 😀

    Gefällt 2 Personen

    1. Dein „Geschreibsel“ gibt absolut Sinn.
      Der Aspekt, dass dieser Eskapismus eine Möglichkeit ist, seine Sehnsüchte zu befriedigen und auf indirektem Weg sogar Lösungen für reale Probleme zu finden, war mir beim Schreiben auch schon in den Sinn gekommen. Ich habe dann aber darauf verzichtet, weil ich den Eindruck hatte, es würde zu weit führen und mir meinen schönen Schlusssatz versauen. 😉
      Von daher: Ganz, ganz herzlichen Dank für die Ergänzung! 🙂

      Gefällt 1 Person

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