Klischee, Erzähltradition und Rassismus in Fantasy und Science Fiction

Carola hatte  im Schreibkasten einen Artikel mit der Überschrift „Rassismus: Minderheiten sind … anders“ veröffentlicht, der sich mit der Darstellung des Fremden bzw. Andersartigen beschäftigt. Ihre Beobachtung ist, dass in Filmen und Serien vermehrt die Außenseiterrollen (vor allem Aliens) mit Dunkelhäutigen und/oder Frauen besetzt werden. Die Norm ist aber menschlich, männlich, weiß. Außerdem sagt sie, dass sich nicht-menschliche Völker oft durch ein hohes Maß an Homogenität auszeichnen. Als Beispiel nennt sie Galadriels Gefolge im Herrn der Ringe: allesamt blond.

Das ist natürlich richtig. Anders, als z. B. die Elben in Bruchtal oder die im Gefolge des Waldkönigs im Hobbit sind Galadriel und Celeborns Leute durchweg hellhaarig. Das ergibt erzähltechnisch auch durchaus Sinn: Hier handelt es sich um den letzten Stamm der Calaquendi, jener Lichtelben, die das Licht der zwei Bäume in Valinor noch mit eigenen Augen gesehen haben. Tolkien selber hat sie als besonders „fair“ beschrieben – selbst nach elbischen Maßstäben.
Nun ist „fair“ ein schwieriges Wort. Es kann nicht nur „blond“, sondern auch „hübsch“ bzw. „schön“, „heiter“ und „aufrichtig“ bedeuten (ganz zu schweigen von „Jahrmarkt“ oder „Ausstellung“) genauso aber „mittelmäßig“. Aus dem Kontext kann man aber erschließen, dass Tolkien tatsächlich „hell“ meinte. Blond ist da filmisch schon mal eine gute Umsetzung.

Ist es damit rassistisch? Ich meine, nein.
Für mich ist erst mal nichts dabei, ein Volk vor allem über äußerliche Gemeinsamkeiten darzustellen. Das menschliche Hirn ist darauf aus, alle Beobachtungen zu kategorisieren und da sind äußerliche Gemeinsamkeiten nun mal das, was als erstes auffällt. Außerdem entwickeln sich derartige Gemeinsamkeiten im Laufe des Zusammenlebens. Sei es durch kulturelle Anpassung (Tracht) oder Vererbung. Die Unterschiede im Detail erschließen sich nur dem Eingeweihten, also dem, der dazugehört.
Für einen Europäer mögen Asiaten alle gleich aussehen. Das gilt aber genauso umgekehrt, wie der ich zu meiner Verwunderung erfahren musste. Von einer kurdischen Mandantin bekam ich zu hören, wir Deutschen hätten alle so schöne gelbe Haare. Dabei ist mein Haar eher dunkelbraun. Ok, das ist jetzt zwar gefühlte 100 Jahre her, und inzwischen ist es eher grau-braun gestreift, aber damals war es noch wirklich dunkel. In meinen Augen und den der meisten Deutschen vermutlich auch. In ihren Augen war es genauso gelb, wie bei allen. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.
Ganz grundsätzlich besteht auch kein Unterschied, ob ein Volk nun als durchgängig blond oder karpfenköpfig dargestellt wird. Nur, dass bei den Karpfenköpfen im Zweifel niemandem auffällt, dass keine Makrele darunter ist.

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Bildquelle: tdfugere via Pixabay

Näher am Rassismus ist man, wenn man einem Volk oder einer Rasse ausschließlich gute und der anderen ausschließlich negative Eigenschaften zuschreibt. Also Orks sind hässlich, dunkelhäutig, bösartig, aggressiv – Elben im Gegensatz dazu schön, hellhäutig, gutherzig und friedlich.

Allerdings muss man dabei auch berücksichtigen, dass diese Gegenüberstellung von gut und böse eine alte Erzähltradition hat. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir vom „strahlenden Helden“ sprechen, der gegen die „Mächte der Finsternis“ antritt. Selbst in den alten Western ist es so, dass die Schurken Schwarz tragen, während der Lonesome Cowboy in helles Beige gewandet ist. Licht und Dunkel eben. Aus diesem Grund würde ich hier auch nicht von Rassismus sprechen, sondern von Klischee. Als Autorin ist einem natürlich klar, dass auch solche Klischees von Übel und daher zu vermeiden sind. Wenn wir eine Erzähltradition aufnehmen, dann, um sie lustvoll an geeigneter Stelle zu brechen. Also präsentieren wir wunderschöne Elben und starke Krieger im Kampf gegen schurkische Orks – und lassen die im Dutzend über die Klinge springen, während der eigentliche Sieg von kleinen, pelzfüßigen Wesen herbeigeführt wird, deren größte kulturelle Errungenschaft der Tabakanbau ist. Hatten wir schon? Ok, denken wir uns also etwas Neues aus!
Eine Möglichkeit, diese Klischees aufzubrechen, wäre z. B. mehr Mischlinge in die eigenen Geschichten einzubauen. Elb und Mensch ist bereits ein gängiger Topos, aber warum nicht mehr in diese Richtung? Gut, Elb und Zwerg finde ich das zwar schon wegen des Größenunterschiedes, der verschiedenen Lebensgewohnheiten und Habitate schwierig – aber warum nicht Hobbit und Zwerg? Beide mögen Höhlen und gutes Essen. Und es gibt wenige Zwergenfrauen …
Erst recht sind Völker keine starren Einheiten. Man sollte sie also auch nicht als solche behandeln.

Das Problem mit dem Rassismus ist m. E. aber ein anderes. Genauer gesagt: Es gibt zwei Bereiche, in denen sich Rassismus manifestieren kann: Einmal in der Geschichte selber und dann in der filmischen Umsetzung. Beide muss man m. E. auseinander halten.
Rassistisch sind Geschichten, die eine Minderwertigkeit bestimmter Völker oder Rassen postulieren und alleine mit dieser Minderwertigkeit die Unterdrückung oder sogar Vernichtung dieser Kreaturen rechtfertigen. Als Beispiel fallen mir aktuell vor allem Vampirgeschichten ein, bei denen die Vampire als in allen Bereichen überlegen geschildert werden und in denen diese Überlegenheit sich u. a. darin äußert, dass sie sich (menschliche) Blutsklaven halten (die diese Überlegenheit „natürlich“ anerkennen und gar nicht auf die Idee kommen, sich aufzulehnen).
Das andere ist die filmische Umsetzung; genauer gesagt: die Vergabe der Rollen. Da stimme ich Carolas Beobachtungen voll und ganz zu: Die Hauptrollen werden mit weißen Männern besetzt. Für die Darstellung der „Anderen“ (d. h. die Sidekicks der Helden, die Aliens etc.) dürfen es dann auch Farbige (oder Frauen) sein. Man will sich ja nicht dem Vorwurf aussetzen, Minderheiten zu benachteiligen. (Als ob Frauen eine Minderheit wären.)

Abgesehen von den bereits genannten Vampirgeschichten fällt es mir aber schwer, Beispiele für rassistische Fantasy- oder Science-Fiction-Romane zu finden. Vielleicht habe ich einfach die falschen gelesen, aber das Meiste, was mir untergekommen ist, hatte entweder einen emanzipatorischen Ansatz, d. h. es ging um Auflehnung gegen eine als ungerecht empfundene Herrschaft oder war eine Variation des ewigen Kampfes gut gegen böse. Das Einzige, was mir nach langem Grübeln eingefallen ist, ist die Foundation-Trilogie, wobei es hier nicht um Rassen oder Völker geht, sondern um eine kleine Elite, die das Schicksal der Menschheit qua überlegenem Wissen lenkt.
Was mir an Fantasy eher aufstößt, ist ihre Hirarchiefixierung und ihr Festhalten an überkommenen Rollenmustern. Aber da.

 

 

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