Wie genau ist „historisch“ im Roman?

Das klingt jetzt vielleicht nach einer doofen Frage, aber weil meine nächste Geschichte im frühen Mittelalter angesiedelt ist, wollte ich ein bisschen zum zeitlichen Rahmen schreiben.

Darauf, dass das vielleicht notwendig sein könnte, bin ich durch meine Eltern gekommen, von denen ich vor einer Mittelalterveranstaltung regelmäßig zu hören bekomme: „Ach, gehst du wieder mit deinen Altertumsleuten los“ (meine Mutter) oder „na, dann viel Spaß bei den alten Germanen“ (mein Vater).

Ich habe die Diskussion mit ihnen inzwischen aufgegeben und denke mir meinen Teil.

Aber auch, wenn ich auf einen Mittelaltermarkt gehe, begegnen mir da Kelten (gerne in Form von Schotten im Kilt), Bauchtänzerinnen, Landsknechte, Piraten …
Ja, ich weiß: Mittelaltermärkte sind Spaßveranstaltungen, und ich sollte das alles nicht so genau nehmen, und ich will ja auch gar keinen Rant schreiben. Außerdem umfasst das Mittelalter in den Kategorien des historischen Romans sowieso alles von den Kelten bis zur Französischen Revolution. Nur die Römer müssen leider draußen bleiben.

spielmann-winzigUnd ja, auch im Fluch des Spielmanns habe ich mir einige Freiheiten erlaubt. Zum Beispiel, was die Musikinstrumente angeht. Und wenn Corvin über das Edikt des Königs spricht, zitiert er die Leges Alamannorum. Die passen zeitlich ganz gut und entsprechen auch anderen frühmittelalterlichen Rechtstexten, wie z. B. dem Edictum Rothari. Daher bin ich davon ausgegangen, dass man das auch über den Geltungsbereich hinaus ähnlich gesehen hat. Ähnliches gilt für die in der Geschichte zum Ausdruck kommende Einstellung zur Hexerei. Und nein, es gibt keine Hexenverfolgung durch die Kirche. Das Christentum war damals nur eine Option von vielen und die Hexenverfolgung, wie wir sie kennen, setzte überhaupt erst im Spätmittelalter ein. Vorher war die Kirche viel zu sehr mit der Ausrottung von Häretikern und Ketzern in den eigenen Reihen beschäftigt. Angefangen bei den Arianern (nicht zu verwechseln mit Ariern) bis hin zu den Templern.

Aber letztlich: Eine Geschichte ist Fiktion. Die Historie liefert nur die Folie und ein paar Fakten.

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3 Kommentare zu „Wie genau ist „historisch“ im Roman?

  1. Ich glaube, die blöden Sprüche seitens der Eltern sind teilweise volle Absicht, um dich liebevoll zu ärgern. Machen meine auch immer. Sie wissen ganz genau, dass ich über Vampire schreibe. Trotzdem fragen sie mich regelmäßig, was die „Shybsdyki“ machen – und DAS Wort bedeutet so viel wie „Knirpse“. Wie kommt man von Vampiren auf Knirpse?
    Und mein Vater verballhornt meinen alten Nicknamen „Lady of the light“ (den ich nicht mehr habe xD) regelmäßig zu Lady Night oder Lady Jane. Einfach nur, weil er weiß, dass ich dann erstmal anschwelle wie so ein Luftballon und ihn korrigieren will. Bis ich kapiere, dass er das nur tut, damit ich mich mit ihm kabbel *lach*

    Was historische Fakten angeht – mein Motto ist da „So genau wie möglich, so frei wie nötig“. Bei manchen Sachen recherchierst du dich zu Tode, weil es zu genau DEM Ort in genau DER Zeit halt keine Quellen GIBT (oder zumindest keine, an die du als Normalsterbliche randarfst). Punkt. Da hast du sowieso keine Wahl, als plausibel zu improvisieren 🙂
    Was mich ärgert, sind bewusste Falschinformationen, um eine Geschichte spannender zu gestalten (das HASSE ich wie die Pest, ich lese Historisches immer auch mit dem Hintergedanken, dabei etwas auf unterhaltsame Art zu lernen – da habe ich mich bei einem Buch über die türkische Geliebte von August dem Starken beispielsweise wirklich geärgert >.< ). Oder mangelnde Recherche, wo es im Rahmen des Möglichen wäre, die Wahrheit herauszufinden (die von dir angesprochene Hexenverfolgung).
    Aber das, was du machst, klingt auf alle Fälle, als würdest du dich bewusst mit der Zeit auseinandersetzen und dort, wo du etwas anpasst, es gründlich reflektieren 🙂

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  2. Ich sehe das wie Evanesca, wenn man einen richtigen historischen Roman schreibt, sollte man sich durchaus an die Fakten halten. Hat man aber keine (das habe ich auf der letzten LLC gelernt), dann darf man sich durchaus ein wenig freier bewegen.

    Hat man keine Lust auf Recherche, dann hat man die Wahl einen Fantasyroman zu schreiben oder in einer historischen Parallelwelt die Geschichte anzusiedeln (Steampunk zum Beispiel). Aber das sollte man schon von vornherein klar machen.

    Da bin ich gerade in der Strickmühle. Einerseits will ich genau historisch recherchieren, andererseits möchte ich auch gewisse Freiheiten haben, um meine Idee besser umsetzen zu können. Mal sehen, wofür ich mich am Ende entscheide.

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