Die leidige Sache mit den Protagonisten – 5 Wege Sympathien zu wecken

Wenn du in einen Schreibratgeber schaust, wirst du als eine der ersten Regeln finden, dass du deine Protagonisten sympathisch rüberbringen sollst. Wenn selbst die Antagonisten noch eine positive Seite brauchen, gilt für Protagonisten ganz offensichtlich die Regel, dass das nette Menschen sind, die nette Dinge tun. Natürlich dürfen sie auch eine düstere Seite haben, aber im Wesentlichen müssen sie nett sein.

Oder?

Bei mir stelle ich gerade fest, dass meine Protas* zum Gegenteil tendieren.
Dejasir no’Sonak aus Steppenbrand war am Anfang immerhin ein netter (wenn auch arroganter), gutaussehender Kerl mit den besten Absichten. Im Gegensatz zu ihm ist Corvin, der Protagonist aus „Der Fluch des Spielmanns“, der Geschichte, an der ich gerade arbeite, zu Beginn der Geschichte aber bereits um die 40 und nicht nur ich möchte ihm am liebsten gelegentlich eine kleben. Dabei ist er nicht wirklich unsympathisch – aber eben auch kein netter Mensch, der nette Dinge tut.
Das Gleiche lässt sich über die Dryade in der geplanten Weihnachtsgeschichte für den Codex Aureus und den Protagonisten in der Weihnachtsgeschichte sagen, die ich als Gastautorin für Clue Writing schreiben werde.
Alle nicht unbedingt nett. Weder im Wesen, noch ihrem Handeln nach. Trotzdem beruhen meine Sympathien für sie nicht nur darauf, dass sie meine geistigen „Kinder“ sind.

Tatsächlich gibt es fünf Wege, Sympathien für deine Protas zu wecken.

  1. Die Ziele

    Seit je her haben Helden hehre Ziele: Drachen töten, Prinzessinnen retten oder wenigstens einen Mörder dingfest zu machen. Je mehr wir mit diesen Zielen übereinstimmen, desto sympathischer ist uns der Held (oder die Heldin).

  2. Die Handlungen

    „Gut ist, wer andern Gutes tut“, wusste schon Jean de La Bruyère, ein französischer Moralist aus dem 17. Jahrhundert. „Wenn er dafür leidet, daß er Gutes tut, so ist er noch besser.“ Genauso funktionieren Geschichten. Wer seine Höhenangst überwindet, um das ängstlich miauende Kätzchen vom Baum zu holen, hat unsere Sympathien.

  3. Die Schwächen

    Wir leiden mit den Underdogs. Egal, ob Hobbits auf dem Weg zum Schicksalsberg oder Wanderhure: Je größer das Missverhältnis ist, zwischen der Bedrohung und dem, was die Protagonistin ihm entgegenzusetzen hat, desto mehr leiden wir mit ihr.

  4. Der Verstand

    Erinnert sich noch jemand an MacGuyver? Ich erwähne den jetzt nicht nur, weil die Serie neu aufgelegt werden soll. Er ist auch ein schönes Beispiel dafür, für die Sympathie, die jemand weckt, der in der Lage ist, sich nur mit Hilfe seines Verstands und eines schwetzer Taschenmessers aus jeder Situation zu befreien. Intelligenz macht eben sexy, das gilt auch für Protagonisten.

  5. Der Humor

    Ok, ich gebe zu, dass es sauschwer ist, wirklich humorvolle Charaktere zu schreiben. Aber dafür ist ein Protagonist, der in der selbst in schwierigen Situationen mit einem originellen Spruch kontert, fast unwiderstehlich.

  6. Das Aussehen

    Der schwächste Aspekt, aber trotzdem: Wir hegen automatisch mehr Sympathie für die schöne Müllerstochter, als für das buckelige Rumpelstilzchen. Deshalb sind aggressive Aliens und andere Schurken im Film oft auch ausgesprochen hässlich, während die Protagonistinnen überwiegend jung und ausgesprochen hübsch anzusehen sind.

Je mehr dieser Attribute deine Protas mitbringt, desto höhere Sympathiewerte erzielen sie im Ergebnis. Wenn du nicht gerade Kitsch schreibst, solltest du ihnen aber auch Schattenseiten mitgeben, weil sie sonst so strahlend und moralisch einwandfrei daherkommen, dass sie wieder langweilig werden oder den Leser anöden.


*Ich benutze die Abkürzung lieber, weil sie auf männliche und weibliche Charaktere gleichermaßen passt.

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6 Kommentare zu „Die leidige Sache mit den Protagonisten – 5 Wege Sympathien zu wecken

  1. Danke für diesen schönen Reminder in Sachen Charakter-Handwerk. Ich habe bei jedem Kommentar euphorisch genickt, bis auf den fünften – der stimmt für mich nur manchmal 🙂

    Tatsächlich denke ich, dass das Aussehen in Verbundenheit mit „Schwäche“ einen genauso sympathischen Charakter schaffen kann. Nehmen wir zum Beispiel den Glöckner Quasimodo aus der Disney-Verfilmung von „Der Glöckner von Nôtre Dame“ – schlimmer gehts nimmer mit dem Aussehen! Und doch war er die sympathischste Figur des Films, und man litt richtig mit ihm mit, dass er nicht Esmeralda bekommen hat, sondern der olle Ritter Phoebus (der natürlich unglaublich gut aussah), weil man das einfach unsagbar unfair fand.

    Oder nehmen wir Tyrion Lannister aus der Serie „Game of Thrones“. Ich könnte noch sehr viele andere Beispiele aufzählen, die mich inzwischen glauben lassen, dass der „schöne Ritter“ überholt ist, bzw. sehr gezielt eingesetzt werden muss, damit er nicht einfach nur langweilig wirkt 😉

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    1. Liebe Nora, mit deiner Einschätzung, dass „der strahlende Ritter“ ein ausgelutschter Topos ist, gebe ich dir vollkommen recht. Auch darin, dass Tyrion Lennister und Quasimodo zwar nach herkömmlichen Maßstäben hässlich sind, aber durch ihre Schwäche punkten, gebe ich dir recht. Aber mit dieser Beobachtung bestätigst du meine Eingangsthese: Wir brauchen keine strahlend schönen, moralisch einwandfreien Protas. Sie dürfen körperliche oder moralische Makel haben, so lange sie auf mindestens ebenso vielen anderen Feldern unsere Sympathien gewinnen. ♥

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      1. Wunderschön geschrieben ^_^ Natürlich sind hübsche Helden nach wie vor gefragt. Meine persönliche Erfahrung ist, dass die nur mehr als anderen Charakteren menschliche Schwächen brauchen, sonst kann man ja nicht mit ihnen fühlen … und es ist doch mehr als spannend, mit den jeweiligen Punkten, die du genannt hast, Spannungsfelder aufzubauen!

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