weggelegt: Rainer Wekwerth, Das Flüstern des Windes

Nachdem ich das Buch gestern bei Twitter als eins der schlechtesten bezeichnet habe, die ich in letzter Zeit gelesen habe, fühle ich mich verpflichtet ein bisschen mehr darüber zu sagen. Zunächst mal: Ich habe 3x überlegt, ob ich das wirklich sagen soll. Einige Menschen, deren Meinung ich sehr schätze, loben Rainer Wekwerth nämlich sehr. Deshalb habe ich auch sofort zugeschlagen, als es das Flüstern des Windes kürzlich bei Amazon umsonst gab.

Vielleicht waren es zu viele Vorschusslorbeeren und meine Erwartungen einfach zu hoch. Jedenfalls haben mich schon die ersten Seiten so enttäuscht, dass mir die Lust zum Weiterlesen vergangen ist. Das Problem ist dabei weniger, dass auf Seite 10 klar war, wie sich die Geschichte entwickeln würde. Im Gegenteil: Ich finde es durchaus spannend, zu lesen, wie andere Autoren mit Masterplots umgehen. Mein Problem war mehr, es so ausdrücklich unter die Nase gerieben zu bekommen, als hielte Wekwerth seine Leser für dumm. Auch stilistisch ist das Buch nicht mein Fall. Die Sätze sind zum Bersten mit Adjektiven und Adverbien vollgestopft. Es wimmelt vor Klischees. Die Figuren sind flach und uninteressant. Dazu kommt noch, dass Wekwerth zwar einen personalen Erzähler benutzt, aber nach Belieben die Erzählperspektive wechselt und die Handlung unmotiviert durch Informationsblöcke unterbricht.

Das einzig gute, was sich über das Buch sagen lässt ist, dass es – jedenfalls am Anfang – reichlich Handlung bietet.

Das ist jetzt eine ziemlich drastische Aussage und deshalb muss ich wohl oder übel wohl mehr Butter bei die Fische tun. Hier also der Anfang kurz zusammengefasst:

In einer finsteren und stürmischen Gewitternacht, bringt die Königin ein Kind zur Welt: Den langersehnten Thronfolger. Sie bezahlt diese Geburt mit dem Leben. Das Kind jedoch, das den gleichen Geburtsfehler hat, wie sein Vater, überlebt. Allerdings hegt der Zwillingsbruder des Königs längst finstere Pläne. Zwei Tage nach der Beisetzung der Königin, meuchelt er den König, während die von ihm bestochene treulose Amme den kleinen Prinzen beseitigen soll. Der einzige Fehler im Plan ist, dass sie das nicht selber tut, sondern einem trunksüchtigen Cousin überlässt, der das Kind im Wald aussetzt. Als der böse Bruder anschließend auch Amme und Cousin beseitigen lässt, ist das Kind noch am Leben – und niemand weiß wo. Es wird knapp nicht von einer hungrigen Wölfin gefressen, weil gerade noch rechtzeitig der Stiefsohn eines fahrenden Scherenschleifers auftaucht. Der gute Knabe nimmt das Kind und trägt es zu seinen Eltern, die beschließen, es bei sich aufzunehmen. (Der Scherenschleifer war übrigens zuvor Elitesoldat, aber das hilft ihm 15 Jahre später auch nicht, als seine Familie überfallen und ausgelöscht wird. Nur der Prinz überlebt und gerät in Sklaverei.)

Und damit du nicht meinst, dass ich übertreibe, hier ein paar Beispiele zu meinen Kritikpunkten:

„Im Thronsaal tanzte der Schein der Fackeln auf den angespannten Gesichtern zweier Männer, warf ihre Schatten an die Wände, so dass sie wie verkrüppelte Tänzer wirkten, die einen grotesken Reigen aufführten.“

Hier ist der Bezug falsch. Grammatikalisch betrachtet steht da, dass die GESICHTER wie verkrüppelte Tänzer wirken. Ja, ich weiß, dass es anders gemeint ist – aber tanzende Schatten sind logisch ebenso ausgeschlossen, wie die nächste Seite enthüllt:

„König Asthael, groß, hager, mit weißem Bart und buschigen, grauen Augenbrauen saß auf seinem Thron, während sein Bruder Canai, ein schlanker, muskulöser Mann mit schwarzen Haaren, die im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden waren, davor kniete und zu ihm aufsah.“

Damit wissen wir jetzt auch, wer die beiden sind. Das hätte ich persönlich für wichtiger gehalten, als der Schein von Fackeln auf irgendwelchen Gesichtern, aber das ist vielleicht Geschmackssache. Was mir aber keiner erzählen kann, ist dass die Schatten eines auf einem Thron sitzenden Mannes und seines knieenden Gegenübers irgendeine Ähnlichkeit mit verkrüppelten Tänzern haben.

Zwischen diesen Textstellen passiert übrigens nicht mehr, als dass der Thronsaal beschrieben wird, insbesondere eine dort aufgestellte Ork-Rüstung, die an dieser Stelle überhaupt keine Relevanz für die Handlung besitzt.
Immerhin liegt die Königin in den Wehen und die Sorge des Königs gilt eigentlich ihr.

„Die bleichen Züge des Königs verhärteten sich noch mehr, als er das Leiden seiner Gemahlin hörte und ein gequälter Schimmer überzog seine grauen Augen.“

Das erfährt man dann auf Seite drei, obwohl ihre Schreie schon im ersten Satz durch das Schloss ziehen (nicht etwa hallen oder gellen). Für meinen Fall finde ich diese Reihenfolge ebenso seltsam, wie die späte Vorstellung der beiden Charaktere. Sogar der vorherige Eigentümer der Ork-Rüstung hatte noch vorher einen Namen. Man fragt sich unwillkürlich, wer hier wichtiger ist.

Nebenbei bewegt den König aber auch der Ausgang der Geburt, denn die Königin ist „nicht mehr die Jüngste“ und die Ärzte haben mitgeteilt, dass dies die letzte Chance auf einen Thronfolger sei. Dementsprechend teilt der König seinem Bruder mit:

„Das Schicksal hat es nicht gut mit mir gemeint. Alle unsere Söhne starben schon im Kindbett.“

Abgesehen von der Ich-Bezogenheit im ersten Satz, stört auch hier wieder die ungenaue Sprache: Auch wenn ein Kind kurz nach der Geburt stirbt, sagt man nie, es sei im Kindbett* gestorben. Der Begriff bezieht sich immer nur auf die Mutter. Das nervigste ist aber, dass er total unglaubwürdig ist. Für den König gab es keinen Grund, seinem Bruder zu sagen, dass die Kinder früh gestorben sind – das wusste der Bruder (wie der König wusste) sehr gut. Tatsächlich richtet sich dieser Satz auch gar nicht an den Bruder, sondern an den Leser. Aber Dialoge in dieser Weise zur Informationsweitergabe zu nutzen, ist einfach plump.
Richtig geärgert habe ich mich aber erst, als der König später auch der Amme mitteilt, die seine Kinder aufgezogen hat:

„Alle männlichen Knaben vor ihm starben schon im Kindbett.“

Für wie blöd muss der sie halten? Und vor allem: Für wie dumm hält der Autor seine Leser, wenn er meint, das innerhalb weniger Seiten fast wörtlich wiederholen zu müssen?

Und welcher Lektor hat den Pleonasmus durchgehen lassen? Oder diese Kindbettgeschichte? Ganz zu schweigen von einer missratenen Überleitung, von der Geburt zur Beerdigung, die dazu führt, dass die Beerdigung zwei Tage vor der Geburt stattgefunden haben müsste. Wieso hat sich niemand gefragt, warum die angeblich so geliebte Königin nie beim Namen, sondern nur in ihren verschiedenen Funktionen benannt wird?

Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, das Buch nicht zu harsch zu beurteilen. Ich habe es sogar nach längerer Pause noch mal in die Hand genommen und weiter gelesen, nachdem mir im Krankenhaus der Lesestoff ausgegangen ist. Aber auf die hektische Aktivität am Anfang folgt Langeweile. Selbst die Verschleppung des Prinzen in die Sklaverei ist nicht viel mehr als eine Aufzählung von Orten und Namen, unterbrochen von gelegentlichen Peitschenhieben. Ich mag nicht mehr.

Vielleicht liegt es an mir. Immerhin ist Rainer Wekwerth mehrfach ausgezeichneter Verlagsautor; das Flüstern des Windes läuft bei Amazon unter Top Fantasy und hat 29 überwiegend sehr gute Bewertungen. Die Rezensenten benutzen zur Beschreibung Worte, wie wunderbar, fesselnd, spannend und lebendig – offenbar gibt es also Leser, die genau so etwas schätzen. Und wie gesagt, sind auch unter meinen Bekannten einige, die Wekwerth sehr loben.

Und trotzdem: Nach meiner eigenen, höchst unmaßgeblichen Meinung ist dieses Buch hingeschluderter Mist.


*Kindbett ist die Schonzeit für die Wöchnerin nach der Geburt, siehe Wikipedia. Damit nicht zu verwechseln ist der Tod im Kinderbett.

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6 Kommentare zu „weggelegt: Rainer Wekwerth, Das Flüstern des Windes

    1. Hallo Wolfgang,
      danke für deinen Kommentar. Du nimmst mir damit eine große Last von den Schultern, denn ich hatte die Befürchtung, die Kritik könnte trotz (oder gerade wegen) der ausführlichen Zitate missverstanden werden.
      LG
      Nike

      Gefällt mir

  1. Hallo Nike,

    ich muss zugeben, ich bin gerade etwas überrascht. Vor einigen Jahren habe ich nämlich einen Kurs bei ihm besucht und da wirkte er durchaus kompetent (auch wenn er einige Sachen lobte, die ich im nachhinein eher schlecht fand, meine andere Schreibtrainerin dann auch, aber sei dahingestellt).

    Aber die Textstellen, die Du hier aufgeführt hast, die sprechen doch sehr für sich, leider. Daher würde ich das Buch, so gesehen, mir auch nicht kaufen. Das schreckt mich auch eher ab, als dass ich mir sage, hei, klasse, das muss ich aus Trotz lese (so im Sinne, der lieben Nike gefällt es nicht, ich lese es mir trotzdem durch).

    In dem Fall könnte man das Buch schon fast als Negativbeispiel nehmen, wie man einen Roman nicht schreibt. Schade eigentlich.

    Aber vielen Dank für Deine offenen und ehrlichen Worte 🙂

    Liebe Grüße
    Carola

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Carola,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar. Deine Überraschung kann ich verstehen, denn ich habe von Wekwerth auch zuerst im Zusammenhang mit Schreibkursen gehört und da wurde er allgemein sehr gelobt. Aber jedenfalls der Buchanfang enthält so ziemlich jeden Fehler, den man als Autor machen kann. So gesehen war es in jeder Hinsicht Negativwerbung, dieses Buch kostenlos bei Amazon anzubieten.
      Andererseits will ich auch niemanden mies machen oder ihm das Geschäft verderben. Deshalb war ich wirklich unsicher, ob ich dieses Buch überhaupt rezensieren soll – zumal es ja auch viele zufriedene Leser gegeben hat.
      Dein Kommentar gibt mir aber zumindest die Sicherheit, dass meine Rezension nicht als Schmähkritik ankommt. Dafür noch mal ganz vielen Dank!
      Liebe Grüße
      Nike

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Nike,

    ich sehe das so, solange Du Deine persönlichen Eindrücke anhand von Beispielen belegen kannst und zudem Du erklärst, dass es eben Deine persönliche Meinung ist, sehe ich das nicht als Schmähkritik. Auch ein großer Autor wie er (zumal eines seiner Bücher sogar verfilmt werden soll, was ich mal vor einiger Zeit gelesen habe), muss damit umgehen können.

    Und wie überall, es gibt Leute die ein Buch mögen und andere eben nicht. So ist halt die Welt 🙂

    Liebe Grüße
    Carola

    Gefällt 1 Person

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