Selfpublishing: Mehr als Drama, Humor und Happy End

Die Selfpublishing-Branche in Deutschland boomt“, wusste Die Zeit vor ein paar Tagen zu berichten. Was danach folgte, war allerdings mehr oder weniger der Pressemappe des Kindle-Storyteller-Awards entnommen: Viel über Poppy J. Anderson alias Alexandra Graham alias Carolin Bendel, die erste deutsche Selfpublisherin, deren Bücher die Millionenmarke überschritten haben. Ein bisschen KDP, ein bisschen über den Kindle-Storyteller-Award und sehr viel Amazon. Dazwischen noch zwei andere Autorennamen und ein kräftiger Schwung Platitüden über das, was angeblich den Selfpublisher ausmacht: „Drama, Humor und Happy End.“

Man weiß nicht recht, ob man das Popcorn rauskramen, sich lachend abwenden oder sich über so viel Klischee leise weinend ins Eck verkriechen soll.

Klar gehen Drama, Humor und Happy End immer. Das weiß man spätestens seit dem Aufkommen der Heftromane im 19. Jahrhundert. Noch heute übertrifft ihre Auflage die der „ernsthaften Belletristik“ bei weitem, ohne dass irgendein Redakteur auf die Idee kommt, deshalb vom Boom des Buchmarkts zu sprechen. Geschweige denn, dass man den gesamten Printsektor dahingehend verallgemeinert, Bücher seien seichte Unterhaltung voller Klischees, „die Emotionen und Unterhaltung pur versprechen“.

Bei eBooks wird mit genau diesen Verallgemeinerungen hantiert. Da ist Die Zeit ganz auf einer Linie mit Wolfgang Tischer vom Literaturcafe, der selbstveröffentlichte eBooks ausschließlich als „Markt für das Minderwertige“ sieht.
Von so einer renommierten Zeitung, wie der Zeit hätte ich mehr Differenzierung erwartet. Vor allem aber mehr Recherche.

Von fehlender Recherche zeugt schon die Tatsache, dass Selfpublishing praktisch mit Amazon (bzw KDP) gleichgesetzt wird, obwohl im Printbereich diverse Anbieter existieren und auf dem eBook-Sektor die Tolino Media GmbH praktisch gleichauf liegt.

Ich hätte auch erwartet, dass auch außerhalb der Pressemappe nach Autorennamen gesucht und berichtet wird – und wenn es nur diejenigen wären, die ihre Bücher zum Kindle-Storyteller-Award angemeldet haben.
Aber selbst abseits davon wäre man mit wenig Aufwand schnell fündig geworden und dann wäre vielleicht aufgefallen, dass es jenseits von Drama, Humor und Happy End durchaus mehr zu finden gibt: Autoren, wie Jens Michael Volckmann zum Beispiel, dessen Novelle „Neunundneunzig Namen“ ganz hervorragende Gegenwartsliteratur ist – die aber kein Verleger ins Programm nehmen wird, weil deutsche Verlage keinen Markt für Novellen und Kurzgeschichten sehen. Man könnte auch über Nina C. Hasse schreiben, deren Steampunk-Krimi „Ersticktes Matt“ vor einiger Zeit einen so furiosen Start hingelegt hat, dass der Titel es sogar in die Top Ten der Twitter-Hashtags geschafft hat. Man könnte über Autorenvereinigungen, wie die BartBroAuthors oder Quindie schreiben, über Plattformen wie Neobooks; darüber was Amazons Konkurrenten Tolino und Kobo anders machen oder, oder, oder.
Möglichkeiten gäbe es genug. Wenn man denn über Selfpublisher schreiben will.

Wenn es dagegen darum ging, über den Kindle-Storyteller-Award und Poppy Andersson zu berichten, ist der Artikel durchaus gelungen, segelt aber unter falscher Flagge und bewirkt damit ebenfalls eine Desinformation des Lesers, denn wie schon gesagt, haben Selfpublisher deutlich mehr zu bieten, als Schmonz und Klischee. Darin unterscheiden sie sich um nichts vom normalen Buchmarkt.

Advertisements

6 Kommentare zu „Selfpublishing: Mehr als Drama, Humor und Happy End

  1. Ohne die ZEIT in irgendeiner Weise in Schutz nehmen zu wollen, muss man aber auch festhalten, dass es für „Außenstehende“ extrem schwer ist, einen wirklich objektiven Zugang zur Selfpublisherszene zu finden. Das ist ja nicht einmal für die leicht, die mittendrin stecken oder sich zumindest mit diesem Bereich tagtäglich beschäftigen. Du nennst selbst Beispiele, indem du Quindi und die BartBroAuthors nennst. Dass es Letztgenannte gibt, das weiß ich, weil ich auf Twitter aktiv bin. Weil ich den Selfpublisher gelesen habe, weiß ich grob, was sie verbindet. Aber darüber hinaus irgendwas drüber erzählen, das könnte ich nicht.

    Und da muss man dann wohl leider festhalten, dass das Thema Selfpublishing NOCH (!) nicht groß genug ist, um eine wirklich in diese Tiefe gehende Recherche eines Journalisten zu rechtfertigen, dessen Job es nun einmal ist, zu irgendeinem von der Chefredaktion hingeworfenen Stichwort möglichst schnell etwas Druckbares abzuliefern. Dass es schön gewesen wäre, ein wenig differenzierteres Quellenstudium zu betreiben, als nur bei Amazon abzuschreiben, da sind wir uns einig.

    Gefällt 1 Person

    1. Wenn Die Zeit eine Tageszeitung wäre, würde ich dir vielleicht zustimmen. Aber bei einer Wochenzeitung dürfte der Zeitdruck deutlich geringer sein. Außerdem ist Die Zeit eben kein Käseblättchen, sondern legt Wert darauf, als differenziert berichtendes Medium wahrgenommen zu werden. An diesem selbst gesetzten Ziel muss sie sich messen lassen.
      Abgesehen wäre der Artikel unter einer anderen Überschrift durchaus ok gewesen, wenn er sich auf den Storyteller Award und/oder Poppy Andersson beschränkt und die Verallgemeinerungen auf andere Selfpublisher weggelassen hätte.

      Gefällt 1 Person

      1. Ich glaube nicht, dass der Zeitdruck so viel geringer ist. Schließlich muss man es mal so sehen: Eine Tageszeitung würde ein solches Thema schlicht und ergreifend überhaupt nicht, oder nur als Vollzitat, aufgreifen, weil es unter dem Radar durchfliegt und/oder außerhalb der Möglichkeiten liegt.

        Dazu kommt noch, wie gesagt, dass der Blickwinkel immer aus dem persönlichen Erfahrungshorizont resultiert. Wenn ich versuche, mich mit Dritten über das Selfpublishing zu unterhalten, dann lande ich zwangsläufig auch immer schnell bei Amazon, weil niemand etwas von Diensten wie epubli, neobooks oder dergleichen gehört hat. Selbst die Tolino-Allianz kommt ja nur ganz langsam im Bewusstsein der Menschen an.

        Amazon hingegen kennt jeder. Und damit auch die von Amazon besonders protegierten Autoren.

        Gefällt mir

      2. Von jemandem, der nichts mit dem Literaturbetrieb zu tun hat, erwarte ich auch kein Hintergrundwissen. Von jemandem, der mit dem Anspruch, andere zu informieren darüber schreibt, schon. Und wenn er es bisher nicht hatte (was legitim ist), erwarte ich, dass er sich dieses Wissen verschafft.
        Ich bin mir bewusst, dass es in einigen Bereichen des Journalismus anders läuft. Dass Journalisten von dem Unternehmen, dass die Pressemappe herausgibt, dafür bezahlt werden, diese umzuschreiben und in einen nach Unabhängigkeit klingenden Artikel umzuschreiben. Aber wir reden hier nicht über den Bereich Lifestyle und Gesundheit in der Yellow Press, sondern über Die Zeit, die für sich Seriosität in Anspruch nimmt. Und wenn sie sich nicht an diesen Ansprüchen messen lassen soll, woran dann?
        Deshalb habe ich in diesem Fall kein Verständnis für Huddelei und lasse Ausreden wie Zeitdruck etc. nicht gelten.

        Gefällt mir

      3. Schade, dass du glaubst, ich sei auf der Suche nach Ausreden, zumal ich mich gemeinhin nicht als unkritischen Zeitgenossen sehe. Dass wir unterschiedliche Sichten sowohl auf das Standing der Zeit haben, als auch hinsichtlich dessen, was an Recherche für einen von vielen Artikeln, die in ihr erscheinen, möglich ist, ist auch so deutlich geworden. Das Renommee der Zeit resultiert aus ihrer Geschichte und hat schon lange nichts mehr mit der Realität zu tun. Das hat sie mit vielen anderen Publikationen (leider) gemein. Auch das Feuilleton der FAZ ist z.B. schon lange nicht mehr das, was es einmal war.

        Na ja, ob wir uns darüber in die Haare kriegen oder nicht, wird daran leider nichts ändern können. Zumal ich das Blatt im Übrigen genauso „häufig“ lese wie andere Printmedien ;-).

        Gefällt 1 Person

  2. Die Berichterstattung der Medien erinnert mich an die Berichterstattung über Rock und Metalkonzerte in meiner Jugend. Da konnte ich mich drauf verlassen: das Konzert war saugutt gewesen, alle hatten Spaß gehabt, die Stimmung toll, die Musiker motiviert, und zuverlässig kam am nächsten Tag ein Verriss in der Zeitung, der den Niedergang der Kultur beklagte und sich über Aussehen oder Inhalt der Band lustig machte. Ich hab mich immer gefragt, wie sowas möglich war, bis eine Freundin von mir ein Praktikum in der Zeitung machte und einen positiven Bericht schrieb. Der Bericht wurde nicht veröffentlicht, weil er nicht in die allgemeine Linie passte (nicht meine Worte.)
    Genauso ist es mit Selfpublishing. Die Thesen der Medien dazu sind derzeit:
    – Selfpublishing klappt, Leute machen damit Geld.
    – Alles Selfpublishing kommt von Amazon.
    – Selfpublisher und Amazon sind das gleiche und haben identische Ziele
    – Selfpublisher ist gleich Groschenromane
    – Anspruchsvolle Werke wird man per Definition NICHT bei SP finden.
    – Nur bei Verlagen können anspruchsvolle Werke entstehen.

    Naja, und diese Thesen werden halt in jedem Artikel mehr oder weniger unreflektiert durchgerödelt. Wenigstens sind sie von der einen These mittlerweile abgerückt, dass im SP nur schlechte Bücher entstehen mit tausend Rechtschreibfehlern.
    Und wenigstens hab ich in diesem Artikel nicht das Gefühl, dass der Verfasser SP aktiv verabscheut. Es ist halt ein hingeworfener Artikel, ohne großen Mehrwert. Aber so als allererste Info für Leute, die sich damit nie beschäftigt haben hab ich schon wesentlich Schlimmeres gelesen…

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s