ausgelesen: Das Nibelungenlied

Natürlich kann man sich fragen, ob es sinnvoll ist, ein vor 800 Jahre geschriebenes Buch zu besprechen, das außerdem immer wieder als das deutsche Nationalepos bezeichnet wird. Meiner Meinung nach, ist das Erste kein Hinderungsgrund und das Zweite eher ein Argument, den Inhalt genauer unter die Lupe zu nehmen. Goethe selbst prognostizierte, dass der Text noch Jahrhunderte später die Gemüter beschäftigen würde (behauptet jedenfalls der Klappentext).

Wenn er das tatsächlich gesagt hat, gebe ich ihm recht. Das Nibelungenlied ist auch heute noch eine großartige Geschichte voller Gewalt, Intrigen, Verrat und unsterblicher Liebe. Nur die Form ist etwas ungewöhnlich. Aber daran gewöhnt man sich.

Und warum Nationalepos?

Eine gute Frage, die ich mir beim Lesen auch immer wieder gestellt habe. Grob zusammengefasst und auf moderne Begrifflichkeiten gebracht, geht die Geschichte nämlich so:

Worms und Umgebung wurde von den Burgundern regiert. Nomineller Chef war der König, Gundahar oder etwas einfacher: Gunther. Tatsächlich hatte aber sein oberster Berater, Hagen, das sagen. Ein Mann über dessen Herkunft nichts bekannt ist (nur, dass er eben kein Burgunder war) und der seinen Rang seiner Klugheit und Gerissenheit verdankte.
Gunther hatte außerdem noch zwei Brüder (Gernot und Giselher) die für die Geschichte aber keine Rolle spielen und eine Schwester, Krimhild.
Krimhild war nicht sonderlich klug, aber wunderhübsch und auch sonst ein nettes Mädchen. Nur mit Männern hatte sie nichts am Hut, denn sie hatte einen dummen Traum gehabt und seitdem wusste sie, dass sie entsetzlich leiden würde, wenn sie sich je verliebte.
So lebten sie glücklich und zufrieden, bis eines Tages eine Horde Hooligans in den Hof geritten kam. Ihr Anführer, Sigfrid von Xanten wurde seinem schlechten Ruf auch gleich gerecht, indem er Gunther zubrüllte: „Du komm runter da, Alda, ich mach dich Krankenhaus!“ Was man als Hool in solchen Situationen eben brüllt.
Aber dann sah er Krimhild und wurde plötzlich ganz friedlich. Sigfrid war vielleicht nicht die größte Leuchte im Kandelaber, aber sogar ihm war vermutlich klar, dass es nicht der beste Weg in das Herz einer Frau ist, erst ihren Bruder umzubringen. Und er wollte Krimhild. Mehr als alles andere.
Von dem Moment an waren Sigfrid und Gunther (der niemandem böse sein konnte) die besten Freunde – sehr zum Missfallen Hagens, der jetzt zwei Trottel unter Kontrolle halten musste, was natürlich schief ging. Gunther und Sigfrid schlossen nämlich einen Pakt: Wenn Sigfrid Gunther half, Brunhilde, die schöne Königin von Weit-Weit-Weg zu heiraten, sollte er als Belohnung Krimhild heiraten dürfen. Auf Brunhilde war Gunther nämlich schon lange scharf. Nur traute er sich nicht, ihr einen Heiratsantrag zu machen, denn Brunhilde hatte an die Heirat gewisse Bedingungen geknüpft und wer die nicht erfüllte musste sterben.
Sigfrid fand den Vorschlag fair und sagte seine Hilfe zu. Dass er mit Brunhilde so gut wie verlobt war, fand er nicht so erwähnenswert. Kurze Zeit später brach man nach Weit-Weit-Weg auf. Sigfrid hielt sein Versprechen und brachte Brunhilde mit ein paar magischen Tricks zu der Überzeugung, Gunther wäre sein Chef und vor allem stärker als er und damit der viel bessere Ehemann.
Dummerweise war Brunhilde nicht blöd und durchschaute die Intrige, als sofort nach der Rückkehr die Verlobung von Sigfrid und Krimhild bekannt gegeben wurde. Es war aber auch nicht sehr subtil von Sigfrid, bei der Hochzeitsfeier aufzustehen und zu Gunther zu sagen: „So, Bro, ich hab dir geholfen, nun bist du dran!“
Danach war Brunhilde ziemlich angefressen, weshalb die Hochzeitsnacht für Gunther zu einer sehr unerfreulichen Angelegenheit wurde. Trotzdem hätte sich die Sache mit der Zeit vielleicht eingerenkt, wenn sich Gunther nicht am nächsten Tag bei Sigfrid ausgeheult hätte. Der versprach wieder seine Hilfe und so kam Gunther am Ende zu dem, was er für sein eheliches Recht hielt. Was genau sich abspielte, ist nicht ganz klar, aber in jedem Fall war es übel für Brunhilde, die sich nun nur noch damit trösten konnte, wenigstens die Frau vom Chef zu sein.
Bis ihr aufging, dass Sigfrid nichts für Gunther tat und auch keine Abgaben zahlte. An diesem Punkt wäre es gut gewesen, wenn sie sich mit Hagen beraten hätte, aber auf die Idee kam sie nicht. Statt dessen lud sie Sigfrid und Krimhild zum Familientreffen ein. Dabei eskalierte der Versuch, Krimhild auszuhorchen. Krimhild pachte Beweise aus, dass nicht nur Gunther keineswegs Sigfrids Chef war, sondern Brunhilds Ehe vermutlich ungültig und ihr Sohn eventuell sogar Sigfrids Bastard war.
Natürlich versuchte Brunhilde zu retten, was zu retten war. Aber das einzige, was geholfen hätte, wäre ein öffentlicher Widerruf von Sigfrid gewesen und der sagte nur: „Nö!“, während Gunther tat, was er am besten konnte, nämlich nichts. An seiner Stelle handelte Hagen und am Ende war Sigfrid tot. Die Situation schien bereinigt.
Nur Krimhild reagierte nicht, wie erwartet. Statt mit der Leiche nach Xanten zu den Schwiegereltern zu entschwinden, nahm sie sich ein Haus in Worms und fing an, nach Auftragskillern zu suchen. Als der Plan fehlschlug, suchte sie Verbündete im Ausland und fand Attila, den König der Hunnen. Der hatte keine Ahnung, dass er Mittel ihrer Rache sein sollte, sondern meinte, eine gute Partie zu machen. Er hatte zwar ein halbes Weltreich erobert, aber noch nicht gesichert und Krimhild hatte Verbindungen und sah immer noch fantastisch aus. Auch Gunther fand das eine prima Idee, um seine Schwester auf andere Gedanken zu bringen und so zog Krimhild ab nach Ungarn.
Der Rest ist bekannt: Es gab noch ein weiteres Familientreffen, das nur Attila überlebte.

Wenn das das deutsche Nationalepos sein soll, dann wäre das mehr Selbstironie, als ich meinen Landsleuten zutraue. Intelligent handeln hier vor allem die „Ausländer“, d. h. Hagen, Brunhilde und Attila (letzerer zeichnet sich außerdem durch eine anachronistisch anmutende Aufgeklärtheit hinsichtlich der Religion aus) und ausgerechnet der deutsche Held Sigfrid erscheint als hirnloser (wenn auch manchmal lieber) Muskelberg, der die Hose nicht zulassen kann.

Mein Fazit:

Nationalepos? Nein. Lesenswert? Auf jeden Fall!

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2 Kommentare zu „ausgelesen: Das Nibelungenlied

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