Codex Aureus: Es brennt!

Gestern habe ich die Schlüsselszene für eine der kommenden Geschichten im Codex Aureus geschrieben. Die Idee zu dieser Geschichte trage ich schon ziemlich lange spazieren, aber bisher hat sie sich nicht so weit konkretisiert, dass ich sie einfangen und aufschreiben konnte. Bis mich gestern diese Szene überfiel:

Die Sonne malt goldene Linien in die staubige Luft. Der kleine Junge spielt auf dem Scheunenboden, zeichnet Kreise und Striche in den Staub. Mama, Papa, Vilia, Ernie. Hufschlag im Hof, der Kleine beachtet ihn nicht, malt noch eine Figur. Sich selbst. Stimmen draußen, erst leise, dann lauter. Böse. Die Nackenhaare des Kleinen sträuben sich.
Er presst das Gesicht gegen das rauhe Holz. Späht durch einen Spalt nach draußen. Sieht Reiter. Viele. Er versucht sie zu zählen, aber bei fünf gehen ihm die Zahlen aus. Sie reiten vor dem Haus auf und ab, schwenken Gewehre, Pistolen und Fackeln und rufen Papas Namen. Nur einer ist still. Ein schwarzer Reiter auf einem schwarzen Pferd.
Jetzt kommt sein Vater aus dem Haus. „Was wollt ihr?“ Papas Stimme ist laut, ruhig, kraftvoll. Nichts kann ihn je aus der Ruhe bringen.
„Dich!“
Der kleine Junge kann nicht erkennen, wer gerufen hat.
Lassos zischen durch die Luft. Einem kann Papa ausweichen. Aber das nächste fängt ihn und dann sind da auch schon zwei, drei andere. Ein Spinnennetz aus Tauen, das ihm die Arme an den Körper schnürt. Sein Vater ist ein kräftiger Mann. Fast hätte er einen der Männer vom Pferd gerissen, aber ein anderer holt mit seinem Gewehr aus und versetzt ihm einen Schlag gegen den Kopf. Papa fällt auf die Knie. Sein Kopf blutet.
Mama, denkt der kleine Junge. Wo ist Mama? Und wo sind Vilia und Ernie?
Papa sagt etwas. Es klingt wie eine Bitte. Aber der Mann mit dem Gewehr schlägt noch einmal zu und danach sagt Papa gar nichts mehr.
Sie schleifen ihn zum Brunnen, ziehen die Abdeckung beiseite und stoßen ihn hinein. Dann setzen sie die Abdeckung wieder drauf, die verhindert, dass ein Kind reinfällt.
Der kleine Junge will schreien, zum Brunnen laufen, Papa helfen, aber seine Angst ist zu groß. Leise winselnd rollt sich zu einem Bündel zusammen und hofft, dass die bösen Männer bald verschwinden.

Etwas kracht, er riecht Rauch. Rauh. Beißend. Der Junge zuckt hoch, will weglaufen, aber überall ist Feuer. Die Flammen lodern aus den Wänden, sie fauchen und brüllen. Fressen die Balken die krachend zerbersten. Und in der Mitte des Infernos ein kleiner Junge, der verzweifelt nach seiner Mutter schreit.

Das ist natürlich noch eine Rohfassung, aber ich finde sie stilistisch nicht mal so schlecht. Ahnst du schon, wo die Geschichte spielt?

Bis zur Veröffentlichung wird es aber noch etwas dauern, denn als nächstes steht eine Geistergeschichte an (passend zu Halloween) und danach brauche ich etwas mit einer Protagonistin, damit nicht der Eindruck entsteht, im Codex Aureus würden nur Geschichten mit Männern in der Hauptrolle veröffentlicht.

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10 Kommentare zu „Codex Aureus: Es brennt!

  1. Howdy, Fremder, also wenn das nicht im wilden Westen spielt, dann will ich nicht länger Sam Hawkins heißen (und hätte mich ausnahmsweise doch mal geirrt, wenn ich mich nicht irre).

    Gefällt mir gut, schön atmosphärisch. Ein wenig bin ich über den Perspektivwechsel im letzten Satz gestolpert, aber wie du schon sagst, es ist ja eine Rohfassung :-).

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      1. Der Groschen fiel spätestens, als das Feuer ausbrach, wobei das Gewehr schon ein Fingerzeig war. Aber beim Feuer hatte ich spontan die Karl-May-Filme vor Augen, wo gefühlt in jedem Streifen irgendeine Ranch abgebrannt wird.

        Solange es kein Crossover „Cowboys gegen Aliens“ wird … wobei „Cowboys gegen Vampire“ auch eher nur was für Trashfans war. Jedenfalls jeweils die filmische Variante.

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  2. Gefällt auch mir sehr gut. Ich finde den Perspektivenwechsel, diesen letzten Satz, sehr stark. Müsste natürlich nur per Absatz oder so getrennt sein. Was mich störte waren dagegen die sich sträubenden Nackenhaare. Ich denke, ein kleiner Bis-5-Zähl-Junge hat da erstens noch keine Haare, zweitens sind’s eher die Haare auf dem Kopf, die sich ganz leicht aufzustellen scheinen, wie unter Strom, bei Gänsehaut, ein Kribbeln auf der Kopfhaut eben.

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