Ausgelesen: Der Mitternachtspalast

Als Baby wird Ben im Waisenhaus von Kalkutta abgegeben, obwohl noch mindestens ein Mitglied seiner Familie lebt. Seine Identität wird weisungsgemäß vor ihm und dem Rest der Welt geheimgehalten, bis sich um seinen 16. Geburtstag herum die Ereignisse überschlagen.

Ein Jugendroman – könnte man meinen. Aber wie schon bei Marina, dem Schatten des Windes und anderen Romanen sind zwar die Protagonisten jung, ihre Probleme sind es jedoch nur bedingt. Zafon schreibt allenfalls am Rande über Selbstfindung oder erste Liebe. Sein Thema ist nicht das Erwachsenwerden, sondern das über-sich-Hinauswachsen. Natürlich kann man die Schrecken, die er dabei beschreibt, als Allegorie auf die Pubertät sehen. Man kann seine Bücher aber auch ganz naiv lesen; als eine Wiederbelebung des Schauerromans. Für meinen Teil ziehe ich die zweite Alternative vor.

Als Schauerroman bietet „Der Mitternachtspalast“ sämtliche genretypischen Versatzstücke: finstere Kapuzenmänner, düstere Bauwerke und schreckliche Geheimnisse. Trotzdem und obwohl der Roman Ende der 30er Jahre spielt, haftet ihm nichts altbackenes an. Die Handlung ist ungemein spannend, grausam und schrecklich; enthält aber auch Momente von unglaublicher Schönheit, Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt.
Die Sprache entwickelt einen zusätzlichen Sog. Zafon schreibt ungemein bildhaft, seine Sätze schrammen zum Teil haarscharf am Pathos vorbei – aber er verfällt ihm nie.

Sein Blick glitt zurück über diesen Dschungel marmorner Mausoleen, die in den Jahrzehnten der Verwahrlosung schwarz geworden waren, und nackten Mauern, an deren ockerfarbener, blauer oder gelber Haut der Monsun mit Macht gefressen hatte, bis sie verblasst waren, wie Aquarellfarben in einem See.

Ich kann nur sagen: Ich habe es genossen. Bis zum Ende.


Carlos Ruiz Zafon, Der Mitternachtspalast, Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-03138-2

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2 Kommentare zu „Ausgelesen: Der Mitternachtspalast

  1. Hey~
    Wow. Genossen. Das war echt das letzte Wort, das mir damals dazu eingefallen ist xD Ich fand es fast von vorne bis hinten fürchterlich (und das, nachdem mich Der Fürst des Nebels doch relativ überzeugen konnte). Einzig Zafóns toller Umgang mit Sprache hat mich bei der Stange gehalten. Immer wieder interessant und schön, wie Meinungen auseinander gehen können 🙂

    Yours, Aly ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Den Fürst des Nebels habe ich nicht gelesen. Kommt aber garantiert auch noch dran.
      Mal sehen, wie mir das gefällt. ^^
      Aber du hast schon recht: Die Geschmäcker sind einfach verschieden und manchmal kommt ein Buch einfach im richtigen Moment. Ich glaube, der Mitternachtspalast war so eines.

      Gefällt mir

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