Fantasy – Nichts als Eskapismus?

Vor einiger Zeit gestand eine Bekannte auf Twitter, sie schreibe zwar gerne Fantasy, wolle aber auch mal über relevante Themen schreiben. Der Satz, bzw. die darin implizierte Behauptung, Fantasy eigne sich nicht, um über wichtige Themen zu schreiben, lässt mich seitdem nicht mehr los.

Wenn man sich aktuell auf dem Buchmarkt umsieht, kann man diesen Eindruck bekommen, zumal das Meiste für Jugendliche geschrieben wurde. Da verwundert es nicht, wenn das Erwachsenwerden und Herz-Schmerz die Hauptthemen sind, auch wenn sie mit phantastischen Elementen verbrämt werden.

Aber muss das so sein?
Ich meine nicht. Ich glaube, dass sich in jedem Genre auch gesellschaftlich relevante Themen unterbringen lassen. Also auch in der Fantasy – ganz unabhängig davon, welche Geschichte erzählt wird. In „Harry Potter“ sind verschiedene Hautfarben zwar kein Problem, nichts desto trotz sind die Bestrebungen von Lord Voldemort und seiner Death Eaters um ein Reich reinblütiger Zauberer unverholener Rassismus mit faschistischen Zügen. Harrys Kampf gegen Voldemort ist daher auch ein Kampf für eine freie, „multikulturelle“ Gesellschaft – auch wenn es vordergründig um ganz andere Themen geht. Wesentlich vordergründiger ist Michael Endes Konsumkritik in „Momo“, auch wenn er sie als Auflehnung gegen die grauen Herren tarnt. Sogar im Kinderbuchbereich gibt es Beispiele: „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren behandelt den bevorstehenden Tod und der Angst vor dem Sterben. Das Gleiche gilt für den letzten Band der Narnia Reihe.

Für mich sind das alles Beispiele wichtiger bzw. gesellschaftlich relevanter Themen. Und wenn das im Kinder- und Jugendbuchbereich möglich ist, wieso dann nicht auch in der „erwachsenen“ Fantasy?


Nachtrag:

version1-2-thumpAuch „Steppenbrand“ ist politisch und kann als Parabel auf die aktuellen politischen Entwicklungen gelesen werden, obwohl es lange vorher entstand.
Die Erzählung gibt es als eBook für alle Lesegeräte, sowie als Print.

 

 

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13 Kommentare zu „Fantasy – Nichts als Eskapismus?

  1. Hallo Nike,

    ich glaube nicht, dass es auf das Genre ankommt, wenn man etwas wichtiges zu sagen hat, sondern wie man es verpackt. In jedem Genre würde man wohl das Buch an die Wand klatschen, wenn die Autorin oder der Autor sich (bildlich geschrieben) in die Mitte des Buches hinstellt, den Mahnfinger erhebt und mich als Leserin belehren würde.

    So im Sinne von „Die Moral der Geschichte ist …“

    Wenn Du aber Deine Botschaft in die Geschichte einbettest, sehe ich keinen Grund, warum man nicht überall eine gewisse Moral einbauen kann. Und ich sehe keinen Unterschied dabei, warum auch nicht die „erwachsene“ Form der Fantasy davon profitieren kann.

    lg

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    1. Danke für Deinen Kommentar!
      Dass man „ernste“, „wichtige“ oder meinetwegen auch „gesellschaftliche Themen“ in jedem Genre, d.h. auch in der erwachsenen Fantasy unterbringen kann, ist ja auch meine These.
      Dein Hinweis, dass man das nicht unbedingt mit erhobenen Zeigefinger tun sollte, ist eine wichtige Ergänzung. Dafür ist vermutlich die zeitgenössische E-Literatur besser geeignet. Vielleicht ist das der Grund, warum die im Feuilleton besser ankommen, als auf dem Buchmarkt? 😉

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      1. Gut möglich. Andererseits, vielleicht haben wir auch einfach nicht die Übung die Moral in Geschichten für Erwachsene zu packen und ihnen diese zu verkaufen. Denn viele denken ja, hei, die Erwachsene sollten ja wissen, was gut und was schlecht ist. Also wird die Geschichte erzählt. Zumindest könnte ich mir das jetzt vorstellen.

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  2. Ein freundliches Hallo unbekannterweise!

    Also ich bin ja Fantastikschreiberin mit Herz, mein Zielpublikum sind aber nicht Kinder und Jugendliche, sondern eindeutig junge und ältere Erwachsene („reife“ Jugendliche nicht unbedingt ausgenommen 🙂 ), die mit ernsteren Themen was anfangen können. Ich bekenne mich auch offen dazu – fast schon mit einer rebellischen Einstellung, weil solche Reaktionen, wie du sie beschrieben hast, habe ich auch noch erlebt.

    Mich erstaunt es ehrlich gesagt, dass in einer Zeit, in der eine Buchreihe wie „Game of Thrones“ zu den erfolgreichsten überhaupt gehört, manche Leute noch glauben, Fantasy sei kindische Träumerei und sonst nichts. War die Mutter aller Fantasy – „Herr der Ringe“ – ja auch nicht, obwohl es im Nachhinein viel mehr Jugendliche als Erwachsene gelesen haben, anders als von Tolkien vorgesehen.

    „Und wenn das im Kinder- und Jugendbuchbereich möglich ist, wieso dann nicht auch in der „erwachsenen“ Fantasy?“

    Hm, also ich denke, dass das auch in der „erwachsenen“ Fantasy stattfindet. Wobei ich persönlich glaube, dass die „ernsten“ Themen tendenziell neben den sexuellen Inhalten verblassen, welche die Fantasy für Erwachsene aufgreift … Vielleicht werden sie deshalb übersehen? O.O

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    1. Hallo Nora und danke für Deinen Kommentar!
      Ja, vielleicht ist es so, dass die „ernsten“ Themen neben den sexuellen Inhalten übersehen werden. Vielleicht ist es aber auch einfach mangelnder Mut, auch solche Themen aufzugreifen – nicht unbedingt auf Seiten der Autoren, sondern auch bei den Verlagen, die ja oft nach dem Motto „mehr vom Gleichen“ agieren?
      Ich weiß es nicht. Aber wie du bin ich der festen Überzeugung, dass es kein Thema gibt, das sich in der Fantasy nicht behandeln lässt.

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  3. Ich denke, es lässt sich jedes Thema in jedem Genre unterbringen. Gerade in Sci-Fi und Fantasy wurden ja auch kritische Themen am Zensor vorbeigeschummelt (DDR, 3.Reich).

    Die Frage ist nur, in welchem Genre man das Thema, das einen beschäftigt, verpacken will. Und welche Geschichte man eigentlich erzählen will.

    Klar könnte ich z.B. Sexismus in Fantasy oder Sci-Fi verpackt erzählen, aber wenn es mir um alltäglich erlebten Sexismus geht, ist dann nicht ein Roman der im Hier und Jetzt unserer alltäglichen Welt spielt nicht „deutlicher“?

    Kann ich in einem Fantasy-Roman Sexismus thematisieren? Na klar, wird ja auch häufig gemacht.
    Muss ich das Thema in einem Fantasy-Setting „verstecken“? Nein. Und ich denke, dass manche wichtigen Themen durch Sci-Fi/Fantasy auch „abgedämpft“ werden und sich leichter wegschieben lassen. Geht ja in dem Buch nicht um Alltagsrassissmus gegenüber den türkischen Nachbarn, sondern darum, das Orks ein Problem mit Elfen haben.

    Das ist jetzt natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt.

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    1. „Sehr vereinfacht ausgedrückt“, sagst du … Aber deutlich genug. Klar, wenn es um die Vorbehalte von Elben gegen Zwerge und umgekehrt geht, kann man sich als Leser sehr erhaben fühlen. DIESE Probleme hat man schließlich nicht, und die Transferleistung, dass man der Familie Ciftlik von gegenüber genauso misstrauisch begegnet, wie der Zwerg den Elben – die muss man erst mal erbringen.
      In einem Krimi (oder auch in einer Liebesgeschichte) lassen sich solche Alltagsthemen deutlich leichter vermitteln, als in der High Fantasy, da gebe ich dir recht. Aber bei Urban Fantasy?
      Ansonsten gebe ich dir vollkommen recht: Es kommt immer darauf an, welche Geschichte man erzählen und wie deutlich man werden will. Unter dieser Prämisse kann ein Genre deutlich geeigneter sein, sie zu erzählen, als ein anderes.
      Danke für diesen tollen Kommentar und die vielen Gedankenstubser!

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      1. Ja, genau diese Transferleistung meine ich. Da saust die Thematik nämlich oft gefühlte drei Meter über den Köpfen der Leser hinweg.
        Urban Fantasy ist natürlich eine ganz eigene Sache. Ich muss zugeben, dass ich an die gar nicht gedacht habe. Darüber muss ich jetzt mal eine Runde nachdenken. 😉

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  4. Hi Nike,

    ein Beitrag, in den ich mich auch liebend gern einmische! 🙂
    Für mich ist Fantasy kein Genre, in das man „auch“ wichtige, z.T. hochaktuelle politische, gesellschaftliche, religiöse etc. Themen einarbeiten kann.

    Nein, es ist DAS Genre, in dem man so etwas tun kann und sollte.
    Es gibt kaum ein Genre, anhand dessen man der eigenen Gesellschaft besser den Spiegel vorhalten kann. Und genau so nutzen viele (ernstzunehmende) Fantasyschriftsteller dieses Genre auch.

    Sie erschaffen Parallelwelten – die manchmal mehr, manchmal weniger Ähnlichkeit mit der unseren haben – und nutzen diesen Hintergrund geschickt, um die Leser zum Nachdenken anzuregen.

    Funktioniert verständlicherweise nicht bei jedem Thema und Leser gleich gut, und es gibt gerade zur Zeit leider auch sehr viele „Fantasyautoren“, die damit nun wirklich nichts am Hut haben.
    Aber ich denke auch eher an Autoren wie Philip Pulman, Peter S. Beagle, Tony DiTerlizzi, Tamora Pierce, Suzanne Collins.
    In all deren Werken finden sich sehr aktuelle Problematiken wider und dann auch noch so behandelt, dass sie weder den Zeigefinger erheben, noch sich ausschließlich an die Erwachsenenwelt richten.

    Vor diesem Hintergrund würde ich Fantasy nie als „irrelevant“ oder „nicht ernstzunehmend“ beschreiben oder verstehen.

    lg

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    1. Hi auraskari,
      danke für deinen Beitrag und die Ergänzung der Leseliste. Inhaltlich stimme ich mit dir voll überein, auch wenn ich mich schwer tue gute Literatur daran festzumachen, ob sie rein unterhaltend oder auch aufklärend ist. Beides hat m. E. seine Berechtigung.
      Als problematisch sehe ich allerdings, dass aktuell oft längst überholte Rollenmodelle propagiert werden. Aber im Grunde zeigt sogar diese Diskussion, dass Fantasy nichts von seiner potentiellen Sprengkraft verloren hat.
      LG
      Nike

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      1. Hi Nike,

        das kann stimmen was das Gros der aktuellen, deutschen Fantasyliteratur angeht, allerdings kann ich auf dem Gebiet auch kaum mitreden.
        Die Bücher und Autoren, die ich lese, sind nicht unbedingt Mainstream und bewegen sich i.d.R. fernab von Stereotypen und „Rollenmodellen“.

        Gute Literatur hat für mich auch nichts damit zu tun, dass sie aufklärend ist. Unterhaltend, ja, denn warum sollte man ein Buch lesen wollen, das seine Leser nicht zu unterhalten weiß?
        Ich mag es einfach, wenn Autoren neue Denkweisen aufzuzeigen versuchen. Alles darüber hinaus würde für mich zu sehr in Richtung des schon erwähnten erhobenen Zeigefingers gehen.

        lg Aura

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      2. Hi Aura,
        da gebe ich dir unbedingt recht. Bücher, die unterhaltend, aber nicht in Rollenklischees und alten Denkweisen gefangen sind, sondern dazu anregen, aus solchen Mustern auszubrechen, mag ich auch am liebsten.
        Und den Satz: „warum sollte man ein Buch lesen wollen, das seine Leser nicht zu unterhalten weiß“, kann ich voll und ganz unterschreiben.
        LG
        Nike

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