Steppenbrand (Leseprobe)

Wenn Baranu no’Sonak geahnt hätte, welches Leid das dritte Kind seiner Frau Nourja über die Stämme der Khon bringen würde, hätte er den Jungen nach der Geburt in die Steppe hinausgetragen. Weit entfernt vom Lager hätte er das Neugeborene auf einen Stein gelegt und sein Schicksal der Sonne, den Zähnen der Schakale und den Schnäbeln der Geier überlassen. Niemand, nicht einmal Nourja no’Arhan hätte sein Verhalten missbilligt. Im Gegenteil: Obwohl geschwächt von der Geburt, hätte sie das Kind eigenhändig erstickt, wenn ihr Mann nicht getan hätte, was getan werden musste.
Aber niemand sah das kommende Unheil. Ein Grund mochte sein, dass die Geburt schwer gewesen war und sich so lange hinzog, dass man um das Leben von Mutter und Kind bangte. Um so größer war daher die Freude, als beide sie heil überstanden. Die Freude steigerte sich noch, als offenbar wurde, dass der kräftige Knabe eine Glückshaube trug; und als er die Welt begrüßte, stimmten die Frauen um Nourjas Bett mit Freudentrillern in sein Schreien ein.
Als bestes Omen galt jedoch, dass der Junge genau zu Beginn der Regenzeit geboren wurde.

Der Regen hatte gleichzeitig mit den Wehen eingesetzt. Er begann als leichtes Tröpfeln, nahm beim ersten Schrei Nourjas zu und steigerte sich mit den stärker werdenden Wehen. Er löschte die Schutzfeuer und trieb die Sonakari in die Zelte. Dunkelheit fraß die Sonne; der Mittag wurde Nacht. Blitze zuckten wie Arhanvipern über den Himmel und von den Hügeln dröhnte der Donner, als käme von dort eine Armee gezogen.
»Hütet euch! Das sind die Bronzetrommeln der goldenen Reiter«, tuschelten die Alten.
Entsetztes Schweigen war die Antwort. Jeder kannte Legenden über die Reiter. Doch man hütete sich, sie im Dunklen zu erzählen. Es hieß, sie seien die Geister gefallener Feinde; gestorben in jenem Krieg, in dem die Khon die Weiten des Grasmeers eroberten. Die Gebeine der Helden, die in diesem Krieg gekämpft hatten, waren längst zerfallen, sie selber zurückgekehrt in den Kreis des Lebens. Anders die Seelen der goldenen Reiter: Sie fanden keinen Frieden. Über die Ursache gab es viele Mutmaßungen, aber alle Geschichten stimmten darin überein, dass sie Dhalori waren. Unheilbringer.
Daher griff der Geistseher nach seiner Trommel und stimmte einen Gesang an, der beruhigen und das Böse bannen sollte. Trotzdem tasteten die Sonakari nach ihren Waffen. Sie alle lauschten in den Sturm hinaus, der mit Regenpeitschen auf die aus Ziegenhaaren gewebten Zeltbahnen einhieb.
Auch die Frauen, die Nourja no’Arhan beistanden, fürchteten sich. Keine von ihnen, ausgenommen Alizarde, die Älteste, hatte schon einmal so ein Unwetter erlebt. Alizarde bemühte sich, einen klaren Kopf zu behalten, beschäftigte die Jüngeren mit sinnlosen Aufträgen und sprach allen Mut zu.
»Das ist ein gutes Zeichen, ein sehr gutes«, versicherte sie immer wieder. »Dieses Kind ist gesegnet. Merkt euch meine Worte.« Doch auch sie schielte ein ums andere Mal verstohlen zur Zeltdecke und betete stumm um ein rasches Ende dieses Segens.
Endlich bäumte sich Nourja in einer letzten Anstrengung auf. Der Schrei, den sie dabei ausstieß, glich dem einer Löwin und übertönte sogar den Donner. Im nächsten Augenblick flutschte der Junge in Alizardes Arme.
»Wie ein Fisch«, erzählte die später dem Geistseher. »Wie ein Dharuk kam er herausgeschossen. Ich konnte ihn gerade noch auffangen.«
Mit dem ersten Schrei des Neugeborenen legte sich das Unwetter, als habe er es vertrieben. Die Arhanschlangen zogen sich hinter die Hügel zurück. Die Bronzetrommeln verloren sich in der Ferne. Der Regen ließ nach, wurde zu Niesel und hörte auf. Die Sonne fraß die letzten Wolken. Als der Junge gewaschen und in ein neu gewebtes Tuch gehüllt, aus dem Zelt getragen wurde, glitzerten die Pfützen golden.

»Die Zeichen verheißen Wohlstand, Schlachtenglück und ein langes Leben«, verkündete der Geistseher, nachdem er das Neugeborene lange betrachtet und über die Umstände seiner Geburt meditiert hatte. »Dieses Kind ist im Zeichen des Wassers geboren. Nicht des gebundenen Wassers, sondern des fallenden. Welcher Name wäre angemessener, als Dejasir?«
Das war ein in guter Name, den jeder mit Stolz tragen konnte. In der Sprache der Khon bedeutete er »starker Regen«. So ein Regen füllte die Flüsse und Wasserlöcher, ließ das Gras sprießen und machte die Herden fett. Daher bedeutete »starker Regen« im übertragenen Sinne auch »Reichtum.«
Entsprechend stolz trug Baranu no’Sonak seinen Jüngsten durch das Lager. Vor jedem Zelt blieb er stehen, um ihn zu vorzeigen. »Er heißt Dejasir und der Geisterseher hat ihm Wohlstand und ein langes Leben vorhergesagt!«
Die Vorhersage sollte sich erfüllen. Allerdings nicht in der Weise, wie alle glaubten.

Dejasir wuchs auf, wie alle anderen Kinder der Khon. Nachdem er Nourjas Tragetuch entwachsen war, wechselte er auf die Packlast eines Esels, bis seine Beine lang genug für den Pferdesattel waren. Er überstand die üblichen Krankheiten, tobte mit den Kindern seines Alters durch das Lager und brach sich beim Versuch, eines der Jungpferde zu reiten, den linken Arm. Mit fünf Jahren erhielt er ein scharfes Messer und mit sieben sein erstes Fohlen, das er unter der Anleitung seines Vaters ausbildete, bis es ihm folgte, wie ein treuer Hund. Gleichzeitig begann Baranu no’Sonak, ihn an den Waffen auszubilden. Dejasir lernte rasch. Was ihm an Größe und Reichweite fehlte, machte er durch Ehrgeiz und Schnelligkeit wett. Später behaupteten manche, hier hätte er erstmals die Anlagen gezeigt, die so verhängnisvoll für die Khon werden sollten. »Ein Teufel, wenn es ums Fechten ging«, erzählten sie. »Kaum ein Jahr und er besiegt seine Schwester im Schwertkampf. Hat ihr fast das Ohr abgeschnitten. Es war ein Omen! Baranu und Nourja hätten es erkennen müssen.«
Aber Baranu und Nourja maßen sie dem Vorfall keine Bedeutung bei. Sie wussten, dass ihre Tochter Simhadija die Nadel geschickter schwang als ihr Schwert. Und auch Simhadija tat die Angelegenheit mit einem Lächeln ab. So etwas komme eben vor, sagte sie, wenn man sie auf den Verband ansprach. Sie habe nicht aufgepasst. Außerdem sei es nur ein Kratzer.

Dejasirs Kindheit endete, als sein Fohlen eingeritten war. Alle Sonakari sahen zu, wie er den jungen Wallach sattelte und drei Mal um das Lager ritt; zuerst im Schritt, danach im Trab, zuletzt im Galopp. Bei jeder Runde wurde ein Gegenstand auf den Boden gelegt, der für das Erwachsensein stand und den er aufheben musste. Das Erste war eine warme Decke aus bunter Wolle, die ihn nachts warm halten sollte. Als Zweites kamen ein Bogen samt Pfeilköcher. Den Abschluss bildete ein kleiner Bronzekessel als Zeichen, dass er von nun an für sich selber sorgen musste.
Dejasir schnallte die Decke hinter den Sattel, hängte sich Bogen und Köcher über den Rücken und den Kessel an den Sattelknauf. Damit war er ein Loshazaru, ein Hüter. Von nun an, war sein Platz bei den Herden. Er würde sie bewachen, zu den Wasserstellen leiten und vor Raubtieren und anderen Dieben schützen, bis er eine Frau fand, die mit ihm in eines der schwarzen Zelte zog. Aber die Loshazari waren nicht nur Hirten, sondern auch Krieger, die bei Stammesfehden und Auseinandersetzungen mit den Sesshaften in die Schlacht zogen, während die Asjeanari, die verheirateten Khonari, das Lager verteidigten.
Zu Ehren seiner neuen Stellung gab es ein Festessen, bei dem Dejasir das erste Mal Wein trinken durfte. Er mochte den Geschmack nicht und nur der Anstand hielt ihn davon ab, das saure Zeug auf der Stelle auszuspucken. Auch der leichte Schwindel, der ihn bald darauf befiel, war ihm unangenehm. Dafür gefielen ihm die Träume dieser Nacht um so mehr. In ihnen trat er an die Stelle der mythischen Helden, über die die Sänger bei der Feier gesungen hatten. Was er in ihnen erlebt, erschien ihm als Omen, als Vorzeichen großer Taten, die er für seine Familie und den Stamm vollbringen würde.

Das Hochgefühl machte ihm den Abschied von Eltern und Geschwistern leicht. Obwohl er wusste, dass er sie lange nicht wiedersehen würde, jubelte sein Herz. Jetzt war er ein Mann. Frei wie der Wind im Gras, bereit zu großen Taten. Lächelnd schwang er sich in den Sattel und ritt an der Seite seines Bruders Sajazaru in die Steppe hinaus. Den ganzen Tag hielt Dejasir den Blick auf den Horizont gerichtet, wo das Leben lag, das ihn erwartete. Wenn er zurück kam, würde er ein Held sein.
Die erste Nacht im Freien brachte die Ernüchterung. Himmel und Steppe waren beängstigend hoch und weit und die Nacht angefüllt mit unbekannten Geräuschen. Dejasir fehlte das beruhigende Dunkel und die Enge des Zeltes, das vertraute Schnarchen seines Vaters und die warmen Körper der jüngeren Geschwister. Immer wieder zuckte er aus unruhigen Träumen hoch und musste sich vergewissern, Bogen und Dolch in Griffweite zu haben.
Entsprechend müde war er am Morgen. Er bekam kaum mit, was beim gemeinsamen Frühstück gesprochen wurde. Erst, als Arhanadin, eines der älteren Mädchen ihn an der Schulter packte und aufforderte, sein Pferd zu satteln, begriff er, dass es um die Aufteilung der Aufgaben gegangen war.
»Kann ich nicht mit Sajazaru reiten?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Sajazaru ist bei den Großen.«


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