Verlag oder Selfpublishing?

Welcher ist euer Weg und wieso?

Um diese Autorenfrage von Jill Noll entspann sich letzte Woche eine spannende Diskussion auf Twitter. Die grundsätzlichen Pros und Contras sind bekannt und waren entsprechend schnell zusammengetragen. Fast erwartungsgemäß stellte sich heraus, dass die Vorzüge des einen, gleichzeitig die Nachteile des anderen sind.

Vorzüge des einen sind die Nachteile des anderen

  • Für den Verlag spricht natürlich, dass der Verlag das Lektorat und das Cover bezahlt (bei gedruckten Büchern auch den Satz), das Marketing übernimmt und einen Vorschuss zahlt. Ein weiterer Vorteil (bei Print) ist die erhöhte Sichtbarkeit, weil Bücher von Verlagsautoren leichter den Weg in die Buchhandlung finden.
    Für den Verlagsautor heißt das: Mehr Zeit zum Schreiben und kalkulierbare Einnahmen.
  • Für Selfpublishing sprechen vor allem die größeren Gestaltungsmöglichkeiten. Man kann Cover, Klappentext, Schriftart, Preis und Marketingmaßnahmen selber bestimmen. Auch beim Inhalt redet einem niemand rein. Außerdem bekommt man einen deutlich höheren Anteil vom Verkaufspreis und muss sich nicht mit Deadlines rumschlagen.
    Insgesamt genießt man als Selfpublisher deutlich mehr Freiheiten.

Auf die Details kommt es an

An dem Punkt hätte die Diskussion zuende sein können, tatsächlich nahm sie aber erst Fahrt auf, weil jetzt die persönlichen Erfahrungen mit ins Spiel kamen. Vieles, was bei Verlagsautoren als Vorteil gesehen wird, stimmt nämlich nur für die großen Publikumsverlage – und selbst da nur eingeschränkt.

Viel verdienen Autoren meist sowieso nicht. Egal ob SP o. Verlag. (Anja Kiel)

So ist ein Verlagsvertrag durchaus keine Garantie, in den Buchhandel zu kommen. Das liegt nicht unbedingt an den Verlagen, sondern am Buchhandel selbst. Der oft beschworene kleine Buchhändler um die Ecke ist nicht notwendigerweise ein Hort der Kultur oder Reservat für besondere Bücher, sondern meist nur Umschlagsplatz für Schnelldreher. Das ist nicht nur meine Erfahrung, sondern entspricht auch der des Seitenstraßen Verlags, der sie in mehreren Blogbeiträgen geschildert hat (auch die Kommentare sind interessant).
Auch optimales Marketing ist bei einem Verlagsvertrag nicht garantiert. Die großen Publikumsverlage investieren vor allem in die voraussichtlichen Bestseller. Was als „Füllstoff“ ins Programm aufgenommen wird, bekommt oft nur einen Platz in der Vorschau und vielleicht noch eine Autorenseite. Wenn der Autor mehr will, muss er sich selber kümmern. Damit tritt in gewisser Weise eine selbsterfüllende Prophezeiung in Kraft: Der Verlag erwartet wenig und investiert deshalb wenig. Dadurch ist die Sichtbarkeit gering und das Buch hat wenig Chancen wahrgenommen und gekauft zu werden. Die Folge: Es macht nur wenig Umsatz und fliegt nach 2 Jahren aus dem Programm.
Der Autor ist damit doppelt gekniffen: Er verdient wenig, denn natürlich richten sich die Vorschüsse nach den Verkaufserwartungen. Je weniger Umsatz der Verlag von einem Buch erwartet, desto geringer fällt der Vorschuss für den Autor aus. Außerdem hat er einen Flopp produziert; der Verlag wird daher auch in Zukunft wenig von ihm erwarten und sich wenig für ihn einsetzen.

Auf der anderen Seite sieht es beim Selfpublishing keineswegs besser aus. Das erste große Problem des Selfpublishers ist, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Beim SP absolutes Con: Marketing, weil oft das Netzwerk/Zeit fehlt (Bianca Fuchs)

Mit gedruckten Büchern hat man immerhin noch Chancen auf ungewöhnliche Vertriebswege. So hat z. B. Nele Neuhaus ihre ersten Bücher auch über die Fleischfabrik ihres Mannes verkauft. Bei eBooks ist man ganz und gar auf die Listen der Online-Buchläden angewiesen, wo das eigene Buch eines von tausenden ist. Die Chance, als Neueinsteiger wahrgenommen zu werden ist Null, so lange man kein Marketing macht.
Für Marketing braucht man aber Ideen, ein Netzwerk und Zeit – oder Geld. Mit Geld lassen sich Werbekampagnen bezahlen. Aber die wenigsten Selfpublisher haben genug Geld, das zu bezahlen. Also muss man sich selber kümmern. Empfohlen wird, ungefähr 50% der vorhandenen Schreibzeit auf das Marketing zu verwenden.
Geld ist ohnehin so eine Sache: So lange man nichts verkauft, kommt auch nichts rein. Da nützt auch der höhere Anteil am Buchverkaufspreis nichts. Nun sind Selfpublisher in vielen Fällen Idealisten, denen es nicht nur ums Geld geht.

Wir schreiben ja nicht nur des Geldes wegen… (Andreas Hagemann, Autor der Xerubian Serie)

Trotzdem sollen sie professionell auftreten. Der Markt fordert ein ansprechendes Cover, Lektorat, Korrektorat … Alles Dinge, die auch bezahlt werden wollen, wenn man sie extern von Profis erledigen lässt. Auch das Geld muss man erst mal haben.
Aber als Selfpublisher ist man ja frei und kann natürlich auch beschließen, Covergestaltung, Lektorat und Korrektorat selber zu machen. Das kostet lediglich Zeit. Viel Zeit, um genau zu sein. Ob man es genauso gut macht, wie ein Profi, ist stark von den individuellen Fähigkeiten abhängig.
Man muss sich aber bewusst sein, dass jeder Fehler auf einen selbst zurückfällt. Als Self-Publisher wird man besonders misstrauisch beäugt: Ein Rechtschreibfehler im Manuskript? Ja, klar, Selfpublishing eben. Bei einem Verlagsautor sagt das niemand. Nicht über den Autor und nicht über den Verlag.

So, und nun?

Trotz der Nachteile beim Selfpublishing denke ich, dass meine Entscheidung richtig war. Für mich ist der entscheidende Vorteil als Selfpublisher die größere Freiheit bei den Inhalten und den Formaten.

Mit anderen Worten: Mit Kurzgeschichten brauche ich mich gar nicht erst bei einem Verlag zu bewerben. Schon gar nicht mit Fantasy-Kurzgeschichten. Anders als im englischsprachigen Raum, haben Kurzgeschichten in Deutschland keine eigenständige Tradition. Bestenfalls traut sich mal ein Verlag, eine Anthologie herauszubringen. Aber auch das sind wenig geschätzte Nischenprodukte.
Aus Gesprächen mit Lesern weiß ich aber, dass sie durchaus „Geschichten für zwischendurch“ zu schätzen wüssten. Insofern sehe ich da durchaus eine Marktlücke. Nicht im Print, aber als eBook. Beim Print wären die Produktionskosten schlicht zu hoch.
Dass ich damit nicht reich werde, ist mir klar. Für viel mehr, als 0,99 € kann ich für die Geschichten nicht verkaufen. Davon kommen weniger als 0,30 € bei mir an. 0,19 € behält der Staat, den Rest der Handel.
Genauso ist mir klar, dass ich nie einen Bestseller landen werde. Das Projekt wird, wenn überhaupt, langfristig funktionieren. Meine Hoffnung ist, mir durch regelmäßige Veröffentlichungen und virales Marketing auf Dauer einen Leserkreis aufzubauen, der nach und nach auch die älteren Geschichten liest. Dementsprechend produziere ich im Moment aber eher quick and dirty. Wenn das Projekt ins Rollen kommt, werde ich in zuerst in ein professionelleres Cover und später vielleicht auch in Korrektorat und Lektorat (in dieser Reihenfolge) investieren.

 

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3 Kommentare zu „Verlag oder Selfpublishing?

  1. Kleiner Einschub: Seit dem 1. April d.J. bin ich Selfpublisherin. Von 2007 – 2016 hatte ich einen Kleinverlag. Und ja, ich habe ihn nach neun Jahren voller Zweifel, Auf und Abs und nervtötendem Papierkram abgemeldet. Denn all das konnten die ziemlich gut laufenden Ballettromane einfach nicht wettmachen.

    Auch nicht unerheblich sind die Kosten, die ein Verlag zu tragen hat, selbst wenn er nur E-Books publiziert. Was viele nicht wissen: Wer einen eigenen ISB-Nummernkreis hat, zahlt dafür nicht nur die einmaligen Anschaffungskosten, sondern auch jährlich Lizenzgebühren zzgl. Grundgebühren, die die MVB Agentur letzte Woche rückwirkend zum 01.01.2016 erhöht hat. Das können auch mal locker um die 2-300 € pro Jahr zusätzlich sein.
    Auslieferungen, also Firmen, die die Bücher an den Buchhandel ausliefern, verlangen ebenfalls Gebühren oder prozentuale Beteiligungen pro Versand ab ca. 10 % vom Verkaufspreis (wozu auch die Remissionen gehören). Wer keinen Vertrag mit einer Auslieferung schließt und somit nicht den geforderten „elektronischen Lieferschein“ vorweisen – eigentlich auch nur ein Klick in einer Bestellmaske -, kann zwar auch über den sog. IBU-Manager mit dem Buchhandel in Kontakt kommen. Aber hier scheitert es ausgerechnet wieder am Buchhandel, der gerade bei Kleinverlagen nicht in der Lage ist, über den IBU-Manager etwas zu bestellen, obwohl er direkt mit dem VLB verknüpft ist und der sprichwörtliche Klick genügt. Und präsenter ist man mit diesem Hilfsmittel im Buchhandel auch nicht.
    Als Verlag ist man selbst für die Datenpflege verantwortlich und kann abgemahnt werden, falls man einen Fehler nicht selbst findet und an einen Abmahnkünstler gerät.
    Verlag = Gewerbe = monatliche Umsatzsteuervoranmeldung = wiederkehrender Papierkram.
    Und – und – und …

    Fazit: Seit Verlagsaufgabe habe ich definitiv mehr Zeit zum Schreiben und für Werbung, da ich den administrativen Kram, immerhin 40-60 %, anderen überlassen kann. Letztlich ist das „Wie“ entscheidend, nicht die Geschäftsform.

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  2. Die kreative Freiheit ist das große Plus beim Selbstverlag und für mich auch das entscheidende. Das ist natürlich auch mit einem gewissen finanziellen Risiko verbunden, aber darüber muss man sich im klaren sein, wenn man den Indie-Weg bestreitet.

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