Rezensieren – ja oder nein?*

Vor ein paar Tagen lief eine Aktion, bei der aufgerufen wurde, mehr Rezensionen zu schreiben. Grundsätzlich eine gute Sache. Als Käuferin freue ich mich über Rezensionen, weil sie mir bei der Auswahl helfen. Die Argumentation im Aufruf ging aber weiter. Auch wir Autorinnen würden sich über Rezensionen freuen, hieß es da. Nicht nur, weil sie auf unsere Bücher aufmerksam machen, sondern auch, weil sie uns helfen, uns weiter zu entwickeln.

Aber stimmt das?

Ich weiß von einem Fall, wo eine Bloggerin sogar von einem Kleinverlag abgemahnt wurde, weil dem Verlag die Rezension nicht passte. Erst hieß es, ihre Rezension sei eine Schmähkritik gewesen, dann, sie habe den Plot gespoilt.
Eine derart extreme Reaktion dürfte zwar die absolute Ausnahme sein, aber trotzdem … Freut man sich als Autorin wirklich, wenn das eigene Buch öffentlich verrissen wird? Wenn ich an meine eigenen Reaktionen auf Kritik denke, habe ich da meine Zweifel. Und das, was andere Kolleginnen von sich geben, bestätigt diese Zweifel. In vielen Schreib-Communities herrscht sogar die mehr oder weniger stillschweigende Übereinkunft: „Wir haben uns alle lieb und kritisieren uns nur ganz ganz vorsichtig.“ Man lobt, was die anderen geschrieben haben und wird im Gegenzug selber gelobt. In einigen Fällen ähneln die Diskussionen einer Schlacht mit rosa Wattebäuschchen. Und das sind rein interne Diskussionen.
Als Marketinginstrument finde ich das gegenseitige Lob sogar sinnvoll. Natürlich will ich Kolleginnen unterstützen (und hoffe auch selbst auf Unterstützung) Aber immer?

Was, wenn mir etwas gar nicht gefällt, so wie das Buch, das ich gerade angefangen habe? Der Klappentext klang nett, das Teil hat bei amazon immerhin 4 Sterne (bei 48 Bewertungen). So schlecht kann es also eigentlich nicht sein, oder?
Doch, ich finde schon. Stilistisch ist es unbeholfen, die Beschreibungen sind oberflächlich, die Motivation der Figuren ist flach und entsprechend handeln sie.
Ich glaube nicht, dass sich die Autorin freuen würde, wenn ich in einer Rezension schreiben würde, dass ich ihr Buch aus diesen Gründen nicht weiterlesen werde. Erst recht nicht, wenn ich das durch Zitate belege. Andererseits kann ich auch nicht guten Gewissens schreiben, dass ich das Buch ganz toll gefunden hätte.

Jetzt kann man natürlich sagen: „Dann schreib eben nur über Bücher, die dir gefallen haben.“ Genau das empfehlen z. B. die Schreibdilettanten in Folge 218, in der es um Rezensionen geht. Sie gehen sogar noch weiter, indem sie sich einig sind, dass man keine Wertung unter 4 Sternen vergeben sollte.
Mit dem ersten Teil kann ich noch leben. Aber die Einschränkung, nie weniger als 4 Punkte zu geben, geht mir dann doch zu weit. Es gibt Bücher, die sind ok. Man liest sie, ohne wirklich abzutauchen und weiß am Ende schon, dass die Geschichte keine bleibende Erinnerung hinterlassen wird. In einer Rezension würde ich dafür 3 Punkte/Sterne/Blümchen/wasauchimmer geben.Dann gibt es Bücher, die nehmen mich gefangen (wie Blut gegen Blut, über das ich kürzlich gebloggt habe) und solche, die mich restlos begeistern (wie z.B. der Name des Windes). Soll ich die alle gleich bewerten? Über das, das mir nur so la-la gefallen hat, gar nicht schreiben? Oder 4 Punkte geben, obwohl …?

Die Antwort auf die letzte Frage ist eindeutig: Nein. Da hätte ich ein Problem mit der Ehrlichkeit. Genau genommen finde ich es schon schwierig, die Bücher auszulassen, die mir nicht gefallen. Wenn alle nur Positives schreiben, führt das nämlich nicht nur das Argument ad absurdum, die Autorin könne daraus lernen und die Lesermeinung abschätzen. Es macht es auch der Leserin unmöglich, die Qualität eines Buchs vorab einzuschätzen, weil nicht das beste Buch die meisten Stimmen bekommt, sondern das, dessen Autorin am besten vernetzt ist und die meisten Freundinnen, Kolleginnen usw. mobilisieren kann, für ihr Buch zu stimmen. Das einzige Mittel dagegen – und ich sage es nur ungern – sind die Argumente derjenigen, denen es nicht gefallen hat.

Also doch ehrliche Rezensionen – auch auf die Gefahr hin, sich damit unbeliebt zu machen? Oder lieber gemocht und unterstützt werden und dafür die Klappe halten, wenn einem etwas nicht gefällt? Oder, als Mittelweg: Nur über das Bloggen, was gefiel und negative Rezensionen ausschließlich bei den Anbietern (also Buchhandelsseiten, Amazon) veröffentlichen?
Was meinst du?


*heute mal alles in der weiblichen Form, weil ich ausprobieren wollte, wie sich das anfühlt. Aber selbstverständlich sind immer auch Männer mitgemeint, wenn von Autorinnen, Bloggerinnen etc. die Rede ist.

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Ein Kommentar zu „Rezensieren – ja oder nein?*

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