Sex, Sexismus und Fantasy

Mit dem Sex in der Fantasy ist es ein bisschen wie mit der hohen und der niederen Minne im Mittelalter. In der High Fantasy, wie bei der hohen Minne streiten edle Recken um edle Ziele – da fehlt die Zeit für Sex. Mann hat Besseres zu tun und Frauen kommen, wie beim Herrn der Ringe, überwiegend in der Rolle des edlen Fräuleins oder der tugendhaften Hausfrau daher.
Bei Sword and Sorcery (also der Low Fantasy) geht es nicht so hehr zu, da sind die Sitten rauher und die Ziele nicht ganz so hoch gehängt, so dass mehr Zeit für andere Dinge bleibt. Saufen z. B. Oder Sex. Manchmal. Aber auch da ist das Rollenmuster meist klar: Der Mann ist der Aktive, der Eroberer und die Frau/das Mädchen die Belohnung für seine Heldentaten. Selbst mit einer Frau als Hauptfigur ändert sich an dem Schema kaum etwas, außer, dass sie ihn will. IHN zu bekommen und zu behalten, ist ihr Ziel, das fortan ihr ganzen Denken und Handeln bestimmt.

Dieses Schema hat mir die Vampirromane vergällt, weil es da inzwischen meist nicht um mehr geht, als darum, dass ein Mädchen einen Mann will, den sie nicht bekommt – oder wenigstens nicht gleich. Besonders aufgestoßen ist es mir aber kürzlich bei „Die Begabte“ von Trudi Canavan. Das Buch besteht nämlich aus zwei Handlungssträngen mit jeweils eigenen Protagonisten: einem jungen Magier und einer magiebegabten jungen Frau. Beide haben erst Mal nichts miteinander zu tun. Aber sie erfüllen genau das Klischee: Der junge Mann zieht auf Abenteuer aus; erst freiwillig, dann unfreiwillig, aber immer getrieben von Wissensdurst. Die junge Frau wächst behütet auf, soll in die bessere Gesellschaft einheiraten, verliebt sich aber unstandesgemäß und setzt nun alles daran, ihren Geliebten zu behalten. Ach ja, sie malt auch. Gut sogar. Aber das interessiert sie allenfalls am Rande.

Und damit wären wir beim Sexismus.

Nein, ich meine damit nicht, dass das Mädchen in einer klassisch patriarchalischen Gesellschaft aufwächst. Ich meine noch nicht mal, dass sie sich in „falschen“ verguckt – mir geht es um dieses stupide: „Der Mann zieht hinaus ins Leben, das Mädchen wartet auf den „Richtigen“ und wenn der kommt, hängt am Ende der Himmel voller Geigen und es regnet Rosen und rosa Glitzer.“ Aber genau das exerziert „Die Begabte“ bis zum Erbrechen.
Dabei gibt es durchaus Gegenentwürfe in dieser Geschichte: Mädchen, die nicht tun, was sie sollen. Die sexuell aktiv sind, ohne in jemanden verliebt zu sein. Die es sogar tun, um andere Ziele zu erreichen. Aber, man ahnt es: Das sind die Bösen. Die Gegenspielerinnen, die der Protagonistin schaden wollen.
Und das ist dann schon der nächste Punkt, der mich ankotzt: Diese unterschwellige Botschaft, man müsse sich für „den Richtigen“ aufsparen. Also den, den man heiraten und mit dem man Kinder haben will. Sex nur so ist bäh! Und ganz böse wird es, wenn frau ihn als Machtinstrument einsetzt.

Warum eigentlich? Nehmen wir mal die Situation der Protagonistin: Sie kommt aus einer wohlhabenden Familie, hat aber selber kaum Geld. Als Frau unterliegt sie außerdem noch zahlreichen anderen Beschränkungen. Zum Beispiel kann sie nur bei ihrer Tante Malunterricht nehmen. Aber es gibt einen Maler, dessen Technik sie lernen will. Einen, der gleich bei der ersten Begegnung deutliches Interesse zeigt und der noch nicht mal hässlich ist.
Muss sie sich dann wirklich erst in ihn verlieben, um mit ihm ins Bett zu gehen? Oder wäre es nicht fast logischer, das einzige Zahlungsmittel zu nutzen und ihm Sex in Aussicht zu stellen, wenn er sie unterrichtet? Damit bekäme sie zwar definitiv einen anderen Charakter und die Geschichte auch. Einen, der deutlich weniger „nett“ und „moralisch“ wäre, ihr aber weitaus mehr Profil gäbe und sie in eine Reihe mit den irischen Sagenköniginnen stellen würde, die (obwohl verheiratet) schon mal eine Nacht heißen Sex als Gegenleistung für irgendwelche Gefallen versprachen. Außerdem würde die plötzlich deutlich glaubwürdiger, dass das Mädel nicht nur Talent zum Malen habe, sondern sein Können auch wirklich verbessern will. So wie die Dinge im Buch beschrieben sind, scheinen Talent und Wunsch nämlich nur ein Vorwand, um die Beiden irgendwie zusammenzubringen.

Um es noch mal klar zu sagen: Sexismus heißt für mich nicht, dass die Gesellschaft nicht patriarchalisch geprägt sein darf. Im Gegenteil: Das Schöne an der Fantasy ist, dass sie Raum für ganz viele Gesellschaftsentwürfe bietet, ob das jetzt Matriarchate, Oligarchien, patriarchale Clanstrukturen, lesbische Amazonenheere oder gegenderte Basisdemokratien sind.
Sexismus ist für mich das starre Festhalten an irgendwelchen Rollenklischees. Das heißt nicht, dass Frauen nur noch starke Kriegerinnen und Männer nur noch sanft säuselnde Heiler sein dürfen und es heißt ganz sicher nicht, dass in jedem Buch unbedingt ein Quotenschwuler dabei sein muss (Der gerät sonst nämlich genauso zum Klischee, wie das Mädchen, das unbedingt ein Junge sein will in den Büchern von Enyd Blyton).
Aber wenn es um Liebe und Sex geht, sollten schon ein bisschen mehr drin sein, als dieses biedermeierliche Getue im Geiste von Hedwig Courths-Mahler und der Gartenlaube.

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3 Kommentare zu „Sex, Sexismus und Fantasy

  1. Einige Gedanken kann ich auf jeden Fall so unterstützen. Es macht Sinn, dass Frauen nicht immer nur als wartende Geliebte etabliert werden. Was ich aber auch als Trope nicht immer anwendbar finde ist das Bezahlen mit Sex. Natürlich ist es vertretbar und je nach Charakter vielleicht auch passend, aber es klingt immer noch so Transaktion, als wäre der einzige Grund warum eine Frau Sex mit jemand erwägen würde der, dass sie etwas dafür bekommt, statt Lust, Gelegenheit, oder einfach Schwärmerei, die dann auch nie eine große Romanze wird.

    Ich weiß außerdem nicht, was das mit dem Einbringen von LGBTQIA+-Charakteren zu tun hat. Gerade WEIL die Tropes im Heterobereich so prävalent sind, greifen sie auch als Klischee auf Homosexuelle Charaktere über, obwohl das nicht einmal Sinn ergibt. Diese Charaktere sind deshalb meiner Meinung nach eher die „Opfer“ schlechter Schreibe und von Klischees, genau wie Frauen, statt ein halbherzige Versuch, Klischees aufzubrechen.

    Außerdem denke ich nicht, dass man seinen Wunsch nach mehr Diversität in den Charakteren damit verteidigen muss, dass man das „schlimme“ Bild von sämtlichst aktiven Frauen vs. sanfte, emotionale Männer als Extrem an die Wand malt. Was, wenn man mal genau so einen Roman schreiben würde? Sanfte Frauen sind ja nicht deshalb als Charaktere schlecht, weil sie Überhaupt existieren, sondern weil es manchmal so scheint als wäre jeder Charakter so. Was fehlt, ist Vielfalt, und wer das uminterpretiert in „Du willst doch, dass ALLE Frauen stark und heroisch sind“, der versucht eigentlich nur sie Diskussion mit einem Strohmannargument abzuwürgen. Auf sowas muss man denke ich nicht reagieren 😉

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    1. Danke für Deinen Kommentar. Vieles davon unterschreibe ich sofort und wenn in meinem Text rüber kommt, dass Bezahlung mit Sex die einzige Option ist, habe ich mich falsch ausgedrückt. Es ist eine unter vielen. Dass ich es als Beispiel aufgeführt habe, liegt daran, dass ich mich so wahnsinnig über dieses Buch aufgeregt habe. Genau gesagt: Über die zwanghafte Verwicklung der Protagonistin in eine Liebesbeziehung, die fortan ihr alleiniger Lebensinhalt ist. Also eben nichts mit spielerisch, Lust, Gelegenheit oder folgenloser Schwärmerei – das ist für die „bösen Mädchen“ reserviert, die durchweg als negative Gegenbeispiele zur tugendhaften Protagonistin fungieren. Also wirklich Klischee und ganz platte Charakterzeichnungen. Dagegen wirken die Charaktere in den Romanen von Jane Austen (die ich sehr schätze, obwohl es da nur um Heiraten und geheiratet werden geht) geradezu frivol.
      Jetzt bin ich aber irgendwie vom Thema weg. ^^ Also, um es noch mal klar zu sagen: Mich stört nicht, dass sich eine Hauptfigur verliebt. Mich stört, dass gefühlt 98% der Fantasyromane, die ich in letzter Zeit gelesen habe, nach einem der beiden folgenden Schemata ablaufen:
      A) weiblicher Hauptcharakter: Hübsches Mädchen verliebt sich und muss um den Bestand der Liebe oder den Geliebten kämpfen. Lohn der Mühe: Die Liebe siegt, beide sind glücklich und sie darf ihn bis an ihr Lebensende anschmachten.
      b) männlicher Hauptcharakter: Wird vor eine schwierige Aufgabe gestellt, verstrickt sich in Abenteuer und lernt dabei, was für ein toller Typ er doch ist. Belohnung: mindestens Selbstbewusstsein und Ruhm (und oft genug eine wunderschöne Frau, die ihn anschmachtet).
      Und dieses Buch von Canavan enthielt nun auch noch beide Klischees in Reinform. Da musste ich mich einfach mal auskotzen.
      Dass dabei auch die Frage nach den „Quotenschwulen“ mit reingeraten ist, lag schlicht daran, dass ich in der letzten Zeit viele Diskussionen mitbekommen habe, in denen entweder die Dominanz von Cis-Heten beklagt oder darüber gejammert wurde, dass man sich jetzt auch noch in der Fantasy mit LGBTQIA+-Charakteren rumschlagen müsse. Eine Autorin hat in ihrem Blog aber auch tatsächlich vorgeschlagen, bei jeder Geschichte zu überdenken, ob man nicht einen LGBTQIA+-Charakter einfügen kann. Leider habe mir den Blognamen nicht gemerkt, sonst hätte ich ihn schon im Post verlinkt. Aber von ihr stammen (in anderem Kontext) auch die lesbischen Amazonen. Mit deiner These, durch halbherzige Versuche nur weitere Klischees zementiert würde, stimme ich aber vollkommen überein. Meines Erachtens bedingen sich Charakter und Geschichte, wobei Geschlecht und sexuelle Orientierung nur zwei von vielen Eigenschaften eines Charakters sind und nicht mal unbedingt eine Rolle spielen müssen. In einigen Geschichten können Blutgruppe oder Schuhgröße (Aschenputtel) wichtiger sein.
      Ich glaube, wenn man darauf achtet, kommt man automatisch zu mehr Vielfalt – bei den Charakteren, wie bei den Geschichten. Und dann müssen wir uns auch nicht mehr mit Klischees und dummen Diskussionen rumschlagen. 🙂

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  2. Hallo Nike,

    danke für Dein Kommentar und den Link zu Deinem Beitrag.

    Viele Dine in Deinem Beitrag kann ich sofort unterschreiben. Häufig ist es wirklich so, dass Frauen reine Jungfrauen sein müssen, um überhaupt akzeptiert und respektiert zu werden. Sie darf die Liebe finden, aber keine Abenteuer. Und wenn, dann stimmt etwas mit ihr nicht so ganz.

    Glücklicherweise gibt es durchaus Gegenbeispiele. Aber leider haben wir immer noch genügend Romane, die wirklich nur daraus bestehen, dass sie ein Kerl bekommt. Nicht umsonst hat Stephen King mal (sinngemäß) gesagt, dass Twilight nur darum geht, dass sie einen Kerl bekommt. Das spricht ja für sich.

    Die Marvelserie „Jessica Jones“ (leider noch nicht gesehen, will ich aber definitiv noch nachholen) soll sich wohl darum drehen, dass sie einfach nur Sex hat, weil es ihr eben Spaß macht. Aber sie schmachtet dann Luke Cage nicht hinterher, wenn er das Bett verlässt. Sondern es gehört eben zum Leben dazu. Basta.

    Und ich wünsche mir auch solche Geschichten. Soll die Heldin und der Held doch einfach nur deswegen Sex haben, weil sie Spaß daran haben. Mehr nicht. Sex macht Spaß und gut ist. Aber ich denke Mal, da sind wir leider noch ein bisschen entfernt.

    lg
    Carola

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