Helden vs. Schurken?

Neben dem Schreiben lese ich auch ziemlich viel. Romane, Zeitung, Twitter, Kochbücher, Schreibratgeber, um nur einige zu nennen. Aktuell lese ich mal wieder Sol Stein, „Über das Schreiben“ (erschienen bei Zweitausendeins). Das Buch ist sowas, wie ein Klassiker unter den Schreibratgebern, zumal Stein sowohl als Autor, als auch als Lektor erfolgreich war, bevor er das Buch schrieb.

Trotzdem stelle ich mal wieder fest, dass ich dieses Buch nicht mag. Nicht nur, weil Sol Stein nach meinem Empfinden ein bisschen sehr auf seinen Erfolgen herumreitet, sondern auch, dass ich manche seiner Behauptungen für falsch halte.
Aktuell geht es z. B. um Protagonisten und Antagonisten. Stein meint dazu, die beiden schwerwiegendste Fehler, der einem Autor unterlaufen könne, seien:

Ein Protagonist, der nicht weiß, was er will und ein Bösewicht, der im Grunde nichts weiter ist, als ein ungehobelter Rüpel.

Hinsichtlich des Protagonisten würde ich wenigstens noch grundsätzlich zustimmen können, wenn Stein nicht wenig später verlangen würde:

Nehmen wir zuerst einmal den „Helden“, der nicht heldenhaft ist, dem die notwendige Energie und zur Willenskraft zur Verfolgung seiner Ziele fehlt. Seien wir ehrlich, die Leser interessieren sich nicht für solche Schwächlinge. Ihr Interesse gilt der Person, die etwas will, die es unbedingt und auf der Stelle will.

He-Man statt Hamlet also. Auch Hobbits, deren Interesse eher der nächsten Mahlzeit, als einem Gewaltmarsch durch Mittelerde gilt, wären damit wohl raus. Trotzdem hat fast jeder den Namen Hamlet schon mal gehört. Bei He-Man würde ich meine Hand dafür nicht ins Feuer legen.
Außerdem finde ich Helden deutlich heldenhafter, wenn sie am Anfang überhaupt keinen Bock haben, vom Sofa runter zu kommen. Ganz abgesehen davon, dass jeder, der unbedingt mit Drachen kämpfen will, in meinen Augen ein Kandidat für die Darwin-Awards ist, weil sein Ende als Grillfleisch absehbar ist. Das Gleiche gilt für alle anderen Gefahrsuchtis. Intelligente Couch-Potatoes sind für mich im Buch wie im Leben deutlich attraktiver.  Hauptsache, sie kriegen ihren Arsch hoch, wenn es wirklich nötig ist. So wie die Hobbits eben.

Aber zurück zu Stein und seinen Vorstellungen zu Charakteren: Ich gebe ihm insoweit recht, dass ein Antagonist, der nur durch schlechtes Benehmen auffällt, eher nervt. Was ich aber nicht unterschreiben würde ist, dass der Antagonist unbedingt ein Bösewicht sein muss. Das Wort „Bösewicht“ in dem Zitat oben ist übrigens weder ein unpassend gewähltes Synonym, noch eine Fehlübersetzung. Stein schreibt am Ende der Passage:

Was die Charakterisierung des Bösewichts betrifft, so ist schlechtes Benehmen viel weniger eindrucksvoll als eine wahrhaft niedere Gesinnung, die diesen Menschen Befriedigung und sogar Freude dabei empfinden lässt, wenn er den Helden verletzt oder daran hindert, sein Ziel zu verwirklichen.

Kann man so sehen. Auf Sauron und Lord Voldemort trifft das bestimmt zu. Aber schon bei Saruman und Severus Snape habe ich da meine Bedenken. Und bei Game of Thrones von J.R.R. Martin wird oder bei der Königsmördertrilogie von Patrick Rotfuss wird es ganz unübersichtlich, wer da „gut“ und wer „böse“ ist.
Letztlich glaube ich auch nicht, dass solche Klischees nötig sind, so lange man starke Figuren mit gegensätzlichen Interessen hat. Das sind jedenfalls die Figuren, über die ich Bücher lesen und deren Geschichten ich erzählen will.

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