Die Brautgabe

„Der König wirbt um dich?“
Melisende sah vom Webstuhl auf. „Ja“, entgegnete sie leise.
„Und, freust du dich denn gar nicht? Bedenke doch: Der König!“ Eilika fiel es sichtlich schwer, ruhig zu bleiben.
Der Eifer ihrer kleinen Schwester entlockte Melisende ein Lächeln. „Es erscheint fast, wie im Märchen, nicht wahr? Das Aschenputtel wird zur Königin, trägt Kleider aus Samt und Seide, statt kratzender Wolle und muss nie mehr für das tägliche Brot arbeiten. Was für ein Leben könnten wir haben, du und ich! Denn dich würde ich selbstverständlich mitnehmen.“

Coverentwurf für Belletristica: Bild einer rothaarigen, sehr hellhäutigen Frau mit blauen Augen im Halbprofil. Ihr Blick ist nach oben gerichtet, die Hände sind in Höhe des Halses verschränkt. Auf dem Haar scheint sie einen Kranz aus blauen Beeren zu tragen. Im Bild die Textzeilen: "Die Brautgabe" und "Nike L."

Ihr Blick wanderte über die nackten Steine, die selbst im Hochsommer kühl und ein wenig feucht waren. Einst war dies der behaglichste Raum der Burg gewesen. Bunte Teppiche mit Bildern von Jagden, Einhörnern, Rittern und schönen Damen hatten die Wände geziert, auf den Truhen und in den Fensternischen lagen seidene Polster und das allzeit brennende Feuer vertrieb auch den letzten Hauch von Kälte. Aber das war vorbei. Von all‘ der Pracht waren ihnen nur das Bett, der Webstuhl und ein paar leere Truhen geblieben.

Der Niedergang hatte mit dem Tod ihres Vaters vor fünf Jahren begonnen. Der König hatte sich die Bestätigung des Lehens teuer bezahlen lassen. Schon damals hatten sie sich von den ersten Teppichen trennen müssen. Auch die Hunde, Falken und Jagdpferde hatte ihre Mutter verkauft, um das Geld aufzubringen. Aber arm wurden sie erst, als ihre Mutter zwei Jahre darauf am Sommerfieber starb, das in jenem Jahr besonders heftig wütete.

Fast die Hälfte der Höfe fielen wüst und die wenigen Abgaben der überlebenden Landsassen reichten kaum für die Ernährung der Burgleute aus. Melisende blieb keine Wahl, als auch den Rest ihrer Habe zu verkaufen, um das Lehen ein zweites Mal auszulösen. Jetzt waren sie und Eilika fast so arm, wie ihre Bauern. Immerhin hatte sie die Burg selber halten können, auch wenn in den Hundezwingern Gras wuchs, die Falknerei als Hühnerstall diente und im Pferdestall nur drei magere Kühe standen. Sogar eine Wachmannschaft gab es, wenn auch eine sehr kleine, die zudem aus Männern bestand, die wegen ihres Alters oder ihrer Gebrechen keinen anderen Dienstherren gefunden hatten. Was deren Treue anging, gab sich Melisende keinen Illusionen hin.
Die Heirat mit dem König würde ihren Status zweifellos verbessern. Und dennoch… Melisendes Blick schweifte weiter; zum Fenster hinaus ins Freie und verlor sich in der kristallenen Weite des Himmels.

„Melisende!“ Eilikas Stimme riss sie aus den Gedanken. „Melisende, wieso redest du so seltsam? Du hast ihn doch nicht abgewiesen – oder?“
Melisende sah Eilika in die aufgerissenen Augen. Wie unschuldig und offenherzig sie war. Hoffentlich musste sie nie lernen, sich zu verstellen. „Natürlich nicht“, entgegnete sie sanft. „Ich habe gesagt, dass ich mich durch seine Werbung geehrt fühle und mir drei Tage Bedenkzeit ausbedungen.“
„Bedenkzeit?“, Eilikas Stimme überschlug sich fast. „Aber warum denn?“
„Nun, was zu leicht gewonnen ist, wird selten geschätzt.“ Melisende verbarg ihre Sorgen hinter einem Lächeln. „Und es sind ja nur drei Tage.“
Eilika klatschte in die Hände. „Und dann wirst du Königin. Königin!“, sang sie und machte einige kleine Tanzschritte.
Melisende sah ihr eine Weile zu und sagte dann: „Tu mir einen Gefallen, ja: Geh‘ in den Garten hinunter und pflück ein paar Blumen für die Zimmer unserer Gäste und für den Tischschmuck. Wir mögen arm sein, aber niemand soll sich über mangelnde Gastfreundschaft beklagen können.“

Als Eilikas Schritte verklungen waren, verdüsterte sich Melisendes Mine. Drei Tage nur. Sie starrte auf das Gewebe vor sich, während ihre Gedanken bei dem waren, was sie über den König gehört hatte. Hart sei er, jähzornig und leicht gekränkt. Einer, der seine Bauern auspeitschen lasse, wenn sie sich mit den Abgaben auch nur um einen Tag verspäteten. Einer Witwe habe er den Kopf scheren lassen, weil ihre Schafe nicht genug Wolle gegeben hatten. „Wenn deine Schafe nicht genug Haare haben, musst du eben deine hergeben“, habe er gesagt, bevor er sie barhäuptig vom Marktplatz jagen ließ, während der Pöbel ihr hinterher johlte.
Ob er seine Ehefrau besser behandeln würde? Zwei hatte er bereits gehabt und beide waren jung gestorben. Was ihm fehlte, war ein Erbe. Ohne einen legitimen Nachfolger war es nur eine Frage der Zeit, wann die Fürsten offen um die Thronfolge kämpfen würden. Aber warum hatte der König ausgerechnet sie ausgewählt? Es gab genug Fürstentöchter, die nur zu gerne Königin geworden wären. Warum also sie?
Melisendes Blick ging wieder zum Fenster hinaus. Eine Wolke glitt über den Himmel, eine kleine weiße Schäfchenwolke.

„Sie ist einverstanden, Hoheit. Aber sie stellt Bedingungen.“
„Bedingungen? Was für Bedingungen?“
„Nun, Hoheit, sie sagt, da sie selbst keine angemessene Kleidung für die Hochzeit hat, müsstet Ihr sie ausstatten.“
„Das ist alles?“ Das Lachen des Königs hallte durch den Thronsaal. „Eine Mitgift? Das soll ihre Sorge nicht sein. Wir wussten doch, dass sie arm ist und haben sie gerade wegen ihrer Armut erwählt; deshalb und weil sie aus einer vollkommen unbedeutenden Familie stammt. So kann keiner Unserer Vasallen einen Vorteil aus der Verbindung ziehen. Aber das muss sie nicht wissen. Richte nur aus, dass sie sich um ihre Ausstattung nicht zu sorgen braucht.“
„Ich fürchte, sie hat recht genaue Vorstellungen.“ Der Bote zog eine Liste aus seiner Gürteltasche und begann vorzulesen: „Da wäre als erstes das Kleid für die Hochzeit. Sie wünscht es aus weißer Seide, an Saum und Ärmeln mit Perlen bestickt.“ Der König hörte sich die Auflistung mit gelangweilter Mine an. Schließlich sagte er unwirsch: „So weit ist daran nichts Ungewöhnliches. Nur dieser Mantel – was hat es damit auf sich?“
Der Bote sah in seine Aufzeichnungen. „Ein blauer Seidenmantel, mit goldenen Sternen bestickt und gefüttert mit dem Vlies der wilden Schafe, die über mein Land ziehen – so lauteten ihre Worte. Sie sagte auch, dass es noch nie gelungen sei, sie zu fangen und zu scheren. Daher sei ein derartiger Mantel etwas Einmaliges, um das sie alle anderen Frauen beneiden würden.“

„Weiber!“ Lachend schüttelte der König den Kopf. „Sie soll ihren Willen haben. Lass‘ überall verkünden, dass die Hochzeit stattfinden wird, so bald die Braut ausgestattet ist. Und sag‘ den Jägern sie sollen sich bereit machen. Wir reiten morgen bei Sonnenaufgang.“

Zwei Tage später standen Melisende und Eilika am Fenster und beobachteten, wie sich der Tross des Königs entfernte. Über ihnen spannte sich der blaue Himmel. Ein paar weiße Tupfen zogen darüber. Wolkenschafe; von keiner Menschenhand berührt und nie geschoren.
Der König hatte gezürnt und geflucht, als er begriff. Aber Melisende hatte auf der Einhaltung seines Versprechens bestanden.
„Warum hast du das getan?“, fragte Eilika, als der Tross im Wald verschwunden war.
Melisende zog ihre kleine Schwester an sich. „Samt und Seide und ein behagliches Heim sind nicht alles, weißt du.“

April, April!

Nein, ich meine nicht das Wetter, auch wenn das gerade die sprichwörtlichen Kapriolen schlägt. In Zeitlupe zwar, aber genauso launisch, wie man es dem April eben nachsagt. Das Thema, über das ich schreiben wollte, war eher launig. Es geht um Humor und da bietet sich der erste April als Aufhänger an. Weil … Na ja, weißt du selbst.

Humor, den man erklären muss, ist taugt nichts. Da sind sich alle einig. Schwierig wird es bei der Frage, was das eigentlich ist: Humor. Was ist witzig daran, sich gegenseitig reinzulegen und einander Streiche zu spielen?
„Guck mal, dein Schnürsenkel ist auf!“
„Hä? Gar nicht!“
„April, April!“
Ist nicht witzig, oder?
Je länger ich mich mit Schreiben beschäftige, desto mehr grüble ich darüber. Was macht einen guten Witz aus? Wann wird er schlecht?

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Ich bin mit Vorstellungen von Humor aufgewachsen, die ich rückblickend zumindest als fragwürdig empfinde. Als witzig galten dicke Männer, die in pinkfarbenen Tütüs ein Ballett imitieren. Überhaupt Männer in Frauenkleidung. Weiße, mit schwarz bemalten Gesichtern und rot geschminkten Wulstlippen, die seltsame Laute stammelten. Sendungen wie Klimbim. Frauen, die dumme Dinge taten oder sagten (Frauen galten eigentlich nur als komisch, wenn über sie gelacht wurde). Die Filme von Stan und Olli (oder Dick und Doof, wie sie damals in Deutschland hießen) … Das alles sollte witzig sein.

Wobei ich Stan und Olli damals schon nicht angucken konnte. Bei den „Späßen“, die in diesen Filmen gerissen wurden, zog sich mir alles zusammen. Das war einfach nur brutal. Das habe ich damals so empfunden und das sehe ich heute noch genauso. Tom und Jerry dagegen habe ich geliebt und trotz aller Brutalität, mit der sie sich bekämpfen, kann ich auch heute noch darüber lachen. Klimbim geht dafür wieder gar nicht. Das ist eine Anhäufig widerlicher, ranzig gewordener Ressentiments, klebriger Anzüglichkeiten und Klischees und ungefähr so lustig wie olo oder ( . )( . ) an eine Klowand zu schreiben (ja, auch solche Sachen galten damals als herrlich anzügliche Witze).

Offensichtlich ist Humor zeit- und kulturabhängig. Aber diese Erkenntnis hilft mir als Autorin genauso wenig, wenn ich versuche, witzig zu sein oder einem Text eine humorvolle Note zu geben wie abstrakte Definitionen. Oder könntest du mit dem Wissen, dass Humor die

Fähigkeit und Bereitschaft ist, auf bestimmte Dinge heiter und gelassen zu reagieren, beziehungsweise die sprachliche, künstlerische o. ä. Äußerung dieser Geisteshaltung

Duden

etwas verfassen, das dieser Definition genügt? Ne, nicht? Ich auch nicht. Da ist der Satz: Humor ist, wenn man trotzdem lacht, schon hilfreicher. Offensichtlich bedingt Humor eine nicht lustige Situation, sowie eine Wendung, durch die sich die Anspannung auflöst oder wenigstens mindert.
Allerdings muss Humor nach dieser Sichtweise nicht unbedingt etwas heiter-gelassenes haben. Er kann auch skurril daherkommen, wie die Geschichten von Loriot. Er kann tiefschwarz gefärbt sein, wie die letzten Szenen aus dem Leben des Brian. Genauso kann Humor aber auch kann spitz und sogar beißend sein.

Wenn Humor ein Mittel ist, um eine Anspannung zu lösen, heißt das im Umkehrschluss aber auch, dass Spott nur dann humorvoll ist, wenn er sich gegen eine mächtige(re) Figur richtet. Jemand ohnehin unterlegenes zu verspotten, ist Quälerei. Es löst keine Anspannung, sondern bestärkt und bestätigt das Machtgefälle.

Hätten Lügen kurze Beine, hätte Trump Hornhaut am Sack.

Klospruch

Vielleicht kann ich deshalb über Tom und Jerry immer noch lachen, denn die Katze ist nur körperlich überlegen. Tatsächlich geben sich beide aber nichts, so dass sich das Machtgefälle immer wieder umkehrt. Dazu kommt natürlich, dass sie als Trickfilmfiguren trotz aller Deformationen keinen wirklichen Schaden erleiden.

So richtig weiß ich zwar immer noch nicht, wie das humorvolle Schreiben eigentlich funktioniert, aber ich werde weiter üben. Und du? Kannst du Humor? Erzähl! Welche Formen liegen dir? Welche Mittel benutzt du?

Und doch

Es ist Freitag. Eigentlich wollte ich heute auf die FFF-Demo. Eigentlich sind die Voraussetzungen bestens: Die Sonne scheint und in der Luft liegt schon eine Ahnung von Frühling.

Aber wir™ haben auch Corona. Genauer gesagt hat einer meiner Söhne Corona. Er hat keine Symptome und bisher ist der Schnelltest bei allen anderen Familienmitgliedern negativ. Aber trotzdem sind wir natürlich in Quarantäne. Das heißt dann auch, trotz des schönen Wetters drinnen zu bleiben. Also ist auch nichts mit demonstrieren, auch wenn die Pandemie im Vergleich zu dem, was uns als Folgen der Klimaveränderungen bevorsteht, harmlos ist.

Ach ja, Krieg ist auch noch. Nicht, dass nicht andauernd sowieso irgendwo Krieg wäre, aber dieser ist nur ein paar Stunden entfernt und damit bedrückend nahe. Auch solche Kriege werden zunehmen. Vielleicht werden sie uns nicht ganz so nahe kommen, aber der neueste Klimaschutzbericht besagt, dass die Hälfte der Menschheit in Gebieten lebt, die als äußerst gefährdet gelten. Es bedarf keiner großartigen Fantasie, sich auszumalen, was passiert, wenn fruchtbares Land, Nahrung und Wasser knapp werden.

Trotzdem weigere ich mich, aufzugeben. Die Hoffnung stirbt zuletzt und ich will sie nicht begraben. Aber darüber schreiben will ich. Über Ängste genauso, wie über Lichtblicke. Manchmal liegt beides dicht beisammen.


Und doch

Es ist Krieg.
Und doch wärmt die Sonne
Und der Himmel ist blau.
Die Kirsche blüht.
Der Holunder treibt Blätter.
Schneeglöckchen nicken am Wegrand.
Eine Amsel flötet.
Stare schnattern.
In der Tanne streiten die Elstern.
Und doch: Es ist Krieg.

Auf dem Wasser treibendes rotes Blatt
Bild von wal_172619 auf Pixabay

[Selfpublishing] Tolino macht Druck

Seit neuestem kann man über Tolino-Media nicht nur E-Books erstellen, sondern seine Werke auch ganz klassisch auf Papier drucken lassen. Damit, und wegen seiner großen Nähe zum Buchhandel ist Tolino doppelt interessant für Selfpublishing geworden. Ein Grund, sich das Angebot näher anzusehen, zumal ich schon von einem anderen Selfpublisher gehört hatte, dass die Qualität sehr gut sei. Diese Info hatte ich aber erst mal nur im Hinterkopf abgelegt, weil die Märchenanthologie, an der ich derzeit arbeite, noch nicht veröffentlichungsreif ist.
Dann jedoch fand ich in meinen Mails die Einladung zum „Tolino-Print-Day.“

Selbstverständlich habe ich das genutzt und bin „hingegangen“. Virtuell, denn die Veranstaltung fand als Lifestream auf Youtube statt. Zunächst gab es eine allgemein gehaltene Einführung darüber, was jetzt alles möglich ist.

Der zweite Teil enthielt einen virtuellen Rundgang über die Plattform. Hierbei konnten dann auch Detailfragen gestellt und geklärt werden. Dabei wurde vor allem deutlich, dass vieles noch im Werden ist.

Für mich entstand der Eindruck, dass Tolino inzwischen alles anbietet, was andere Selfpublishing-Anbieter wie BoD, Amazon oder epubli auch können. Der Teufel versteckt sich wie immer im Detail (oder im Kleingedruckten).
Da ich bisher über BoD veröffentlicht habe, bietet sich der Vergleich mit den dortigen Konditionen an. Beide verwenden ähnliches, wenn nicht sogar das gleiche Papier (90g, weiß oder cremeweiß). Außerdem bekommen die Bücher eine ISBN und werden im Verzeichnis lieferbarer Bücher eingetragen, können also normal über den Buchhandel bestellt werden. Die Verträge sind nicht exklusiv und man behält alle Rechte.

Positiv an Tolino

  • unbegrenzte Vertragslaufzeit: Das war der Punkt, der mich als erstes hat hellhörig werden lassen und der für mich ein wesentlicher Grund für einen Wechsel wäre. Anders als bei BoD, wo man den Vertrag nur über ein Jahr abschließt und das Buch danach aus dem Handel verschwindet, bleibt es bei Tolino so lange erhältlich, bis der Vertrag storniert wird.
  • günstig: Die Gebühr für die Einrichtung des Buchs fällt bei Tolino niedriger aus, als bei BoD. Zwar ist BoD mit 19 Euro im Tarif Classic auch nicht teuer, aber Tolino ist noch mal um ein Viertel günstiger.
  • schnell: Nach dem, was im Stream gesagt wurde, ist Tolino außerdem bei Druck und Auslieferung schneller als BoD. Die Rede war von ca. 5 Tagen. Bei BoD können es schon mal 14 werden. Ob das bei steigenden Auftragszahlen so bleibt, wird sich natürlich noch herausstellen müssen.
  • kundenorientiert: Gut an Tolino gefällt mir auch die starke Kundenorientierung. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Auch BoD ist da super aufgestellt. Aber im Stream fiel eben auch auf, dass sich Tolino aktuell sehr darum bemüht, den Wünschen und Anforderungen gerecht zu werden und Anregungen aufzugreifen.

Nachteile gegenüber BoD

  • kein Impressumsservice: Auch, wenn man mit seinen Werken Ruhm und Ehre eringen will, möchten viele das nicht unter ihrem richtigen Namen tun. Nicht nur, weil wir alle schon von Stalkern gehört haben – es gibt viele gute Gründe für ein Pseudonym. Erst recht dafür, die eigene Anschrift nicht zu veröffentlichen. Leider bietet Tolino-Media – anders als BoD – keinen Impressumsservice.
  • keine Abgabe von Pflichtexemplaren: Von jedem, in Deutschland veröffentlichten Buch müssen zwei Exemplare an die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt und, je nachdem in welchem Bundesland die Veröffentlichung erfolgt, ein bis zwei weitere Exemplare an die jeweilige Landesbibliothek übersandt werden.* Bei BoD erfolgt diese Abgabe von Pflichtexemplaren automatisch. Tolino macht das derzeit nur bei E-Books.
  • keine Rezensionsexemplare: Bei BoD erhält man auf Nachfrage Rezensionsexemplare, wenn man bestimmte Voraussetzungen erfüllt. Bei Tolino ist das zumindest derzeit nicht der Fall.
  • geringere Marge(?): Hier habe ich ein Fragezeichen gesetzt, denn während sich mit dem Preiskalkulator von BoD sehr genau bestimmen lässt, wie viel man an einem Buch verdient, habe ich eine vergleichbare Funktion bei Tolino nicht gefunden. Daher habe ich die Preise für Bestellungen zum Eigenbedarf verglichen. Hier ist BoD dann doch erheblich günstiger.

*In Österreich existiert eine ähnliche Regel.


Fazit

Das Angebot von Tolino klingt erst mal durchaus attraktiv, wobei der größte Pluspunkt die unbegrenzte Vertragsdauer ist. Nicht jedes Jahr verlängern zu müssen, ist nicht nur organisatorisch ein großer Vorteil. Auch die schnellen Lieferzeiten sprechen für Tolino (wenn sie denn eingehalten werden). BoD punktet demgegenüber mit größerer Transparenz bei der Preisgestaltung, höheren Margen und – zumindest derzeit noch – besserem Service. Bei letzterem kann es sein, dass Tolino da noch nachlegt.

Alles in allem bin ich daher ganz froh, jetzt noch keine Entscheidung treffen zu müssen, sondern noch etwas abwarten zu können.


Wie siehst du das? Was ist für dich bei einem Anbieter wichtig?

Gute Vorsätze – 2022er Edition

Als ich meinen Kalender für 2021 angelegt habe, habe ich ihm das Motto „Es kann nur besser werden“ vorangestellt. Das war ein Irrtum. 2021 wurde eins der bleierndsten Jahre, das ich je erlebt habe. Es ging fast nichts. Der Werwolf ist irgendwo im Wilden Westen eingeschlafen. Meine Sozialkontakte sind bis auf wenige Ausnahmen genauso. In meinen Mittelalterklamotten haben Motten Fressgelage veranstaltet. Mir fehlt die Kraft, das eine neu zu knüpfen und das andere neu zu nähen. So gesehen könnte ich mir diesen Artikel vermutlich sparen.

„Dann lass es doch!“

Das rät auch meine Intuition, und fügt hinzu, dass jeder Vorsatz sinnlos ist. „Das Karma macht dir sowieso einen Strich durch die Rechnung, und am Ende kommt alles unerwartet und ganz anders als geplant.“ Außerdem hätte ich schon so viele Pläne gefasst und beerdigt, oder – noch schlimmer – nicht mal ernsthaft mit der Umsetzung begonnen. Da müssten jetzt nicht auch noch neue dazukommen. Und überhaupt sei das neue Jahr auch nur ein willkürlich gesetztes Datum ohne tiefere Relevanz. Wenn ich unbedingt gute Vorsätze fassen wollte, könnte ich das zu Ostern genauso tun.

Aber …

Aus irgendeinem Grund hält mein dummes Herz daran fest, dass „anders und unerwartet“ auch sehr schön sein kann. Selbst wenn der Werwolf-Western nichts geworden sei, hätte ich immerhin fünf Kurzgeschichten fertiggestellt. Eine sei in einer Anthologie veröffentlicht, die anderen beiden würden vermutlich im Lauf des nächsten Jahres drankommen.

Zwei stünden hier im Blog. Und eine davon sei sogar vertont worden. Außerdem seien da noch das Unsinnsprojekt, das langsam aber stetig weiterwüchse und die zu 2/3 fertige Märchenanthologie. Nichts davon sei Anfang 2021 absehbar gewesen!

In seinem Optimismus setzt es dann noch hinzu, dass Pläne zwar scheitern können, aber der Misserfolg garantiert sei, wenn man keinen Plan habe. Ein Mensch ohne Plan sei ein Floß ohne Ruder; ein Blatt im Wind und ein Herd ohne Feuer.

Also doch!

Ich kapituliere! Bevor es noch mehr Kalendersprüche hagelt, mache ich, was alle anderen um diese Jahreszeit auch tun: Ich schreibe meine guten Vorsätze nieder. Vielleicht erinnere ich mich am Ende des Jahres sogar daran und kann ein Resume ziehen.
Ich will:

  • Die Märchenanthologie „Der Atem des Drachen“ herausbringen.
  • Wieder regelmäßiger bloggen. 1x im Monat scheint ein erreichbares Ziel zu sein.
  • Am Unsinnsprojekt weiterschreiben. Nicht nur just for fun, aber auch.
  • Das Konzept für den Werwolf-Western überdenken, gegebenenfalls überarbeiten und das Ding zuende schreiben.
  • Die Zeit für Social Media begrenzen bzw. zielgerichteter nutzen.
  • Wieder mehr lesen. Vielleicht auch anfangen, die Leseeindrücke festzuhalten. Mal sehen. Aber in jedem Fall mehr lesen!
  • Wieder kreativer werden, d. h. mehr basteln, malen, zeichnen, handarbeiten.
  • Offline soziale Kontakte pflegen. Und sei es nur, dass ich in diesem Jahr auch mal Weihnachtskarten verschicke. Im Idealfall selbstgebastelte.
  • 2022 überleben und so gut wie möglich dafür sorgen, dass keiner meiner Lieben verloren geht.
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Klingt jetzt nicht übermäßig ambitioniert und sollte sich daher machen lassen. Was meinst du? Hast du auch Vorsätze für’s neue Jahr oder hältst du das alles für Unsinn?

Frohes Fest

Sehr passend zu den kommenden Feiertagen, hat Klaus Neubauer meine Kurzgeschichte „Engelszähne“ eingelesen und auf seinem Podcast klausgesprochen, dem Kurzgeschichtenpodcast veröffentlicht.

Ich fühle mich sehr geehrt und wünsche dir im Vorgriff auf die Weihnachtstage ein himmlisches Vergnügen mit Engelszähne.

Glitzernde Weihnachtsdekoration in der Form eines fliegenden Engels mit weit ausgebreiteten Flügeln, der eine lange Schleppe aus blauen Lichtern hinter sich her zieht.
Photo by Yelena Odintsova on Pexels.com

Wenn du die Geschichte noch einmal nachlesen willst, findest du sie hier.

Ein Buch, ein Schlüssel und ein Beutel voller Ratten

Mit dieser Geschichte bin ich in der Crossover-Anthologie „Herzensdieb“ der Herausgeberin Emma N. vertreten. Hauptthema ist die Liebe in all ihren Facetten – aber immer mit einem Abstecher in andere Genres.

In meinem Beitrag geht es um einen Heist: Die Vorbereitung und Durchführung eines Diebstahls. Das Objekt der Begierde ist ein ganz besonderes Buch, das in der Nationalgalerie ausgestellt wird. Aber ist die Liebe zwischen der Berliner Göre Hetti und der Freiin Amalia von Greiffenstein dieser Belastungsprobe gewachsen? Und wieso braucht man einen Beutel Ratten, um ein Buch zu klauen?

Cover des Buchs "Herzensdieb": Vor orangem Hintergrund sind auf der linken Seite eine in lila gezeichnete Frau im viktorianischen Kostüm und rechts ein ebenfalls lilafarbener Mann mit Monokel zu sehen. Beide stehen auf kurzen Säulen (ebenfalls lila). Zwischen ihnen erhebt sich eine dritte lila Säule auf der ein glitzerndes Herz thront. Darüber steht in Glitzerschrift der Buchtitel.
Herzensdieb gibt es als Taschenbuch und E-Book exklusiv bei Amazon.

„Kostbarkeiten kommen abhanden, Abstimmungen werden manipuliert, oder gar Leichen gefunden. Und all das, weil noch Wertvolleres auf dem Spiel steht: die Liebe! Denn hätten sie die Liebe nicht, dann wäre ihnen alles nichts.

Engelszähne

Wusstest du, dass das, was wir hier unten auf der Erde als „Hagel“ bezeichnen, in Wahrheit Engelszähne sind? Nein?

Dann nimm‘ dir etwas zu trinken und höre gut zu!

Natürlich verlieren Engel ihre Zähne nicht so einfach – schon gar nicht in solchen Mengen. Engel haben auch keine Milchzähne, wie kleine Kinder. Das ergäbe ja auch gar keinen Sinn, da sind wir wohl einig. Wir sind uns wohl auch darüber einig, dass man zum Harfe spielen oder um im Himmelschor mitzusingen, einen Körper benötigt. Klar, für einige andere Dinge auch. Sogar als Engel. Aber das lassen wir mal außen vor.

Jedenfalls bekommt jede neu durch das Himmelstor getretene Seele einen Körper, den sie sich nach dem Baukastensystem selbst zusammenbauen darf. So behalten die Engel ihre Individualität, obwohl sie aus Normbauteilen bestehen. Selbstverständlich sind diese Körper perfekt (selbst, wenn sie nicht unbedingt humanoid aussehen, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Schließlich ist im Himmel alles perfekt.

Zu einem perfekten System gehört auch das Recycling von Rohmaterialien. So bald eine Seele den Himmel verlässt, um wiedergeboren zu werden, kommen die Engelskörper daher in die Werkstatt, wo sie auseinandergenommen werden. Die Einzelteile werden anschließend generalüberholt und in Kisten gelagert, damit die neuen Seelen darauf zugreifen können.

Wie man sich vorstellen kann, ist dieses Lager ziemlich groß und die Kisten mit den Zähnen stehen ziemlich weit hinten. Daher kommt es manchmal vor, dass ein schusseliger Transportengel oder eine besonders tollpatschige Seele eine dieser Kisten umschmeißt. Wenn das passiert, hagelt es hier unten Engelszähne. Weisste Bescheid!


Die Geschichte entstand heute spontan auf Twitter als nach einem Synonym für „Hagelkorn“ gesucht wurde. Danke an @ME_Lee_Jonas für die schöne Inspiration!

Thematische No-Goes

Meine 5 Cent zum #Autor_innensonntag

Mal ganz abseits der allgegenwärtigen Debatten darüber, was man angeblich nicht mehr sagen und worüber man angebliche nicht mehr schreiben dürfe: Natürlich gibt es Dinge, über die ich nicht schreiben will. Dazu gehört zuerst mal alles, was in den Bereich blood and guts oder gore fällt, also die sehr detaillierte Darstellung exzessiver Gewalt um ihrer selbst willen. Damit will ich nicht sagen, dass meine Bücher gewaltfrei sind. Das sind sie absolut nicht. Aber ich gehe selten in die Details und wenn doch, dann nur, weil es notwendig ist. Aber durchgehend Gewalt zu schildern, weil es edgy oder weil es ein effektives Mittel ist, bei den Lesenden Gefühle auszulösen (und sei es „nur“ Ekel), halte ich für grundfalsch.

Genauso falsch finde ich es, Menschen in Gruppen zu kategorisieren. Männer sind vom Mars, Wikinger breitbrüstige brünstige Barbaren, Frauen verstehen nichts von Technik, Rothaarige sind temperamentvoll, Menschen mit Sternzeichen Waage … Nein! Einfach nein. Menschen sind zunächst mal Individuen und als solches kann eine Frau auch nichts von Technik verstehen und jemand mit Sternzeichen Waage besonders ausgeglichen sein. Oder anders herum. Aber das sind erstens nur Charaktereigenschaften unter vielen anderen und zweitens besagen sie nichts über die Fähigkeiten anderer Menschen gleichen Geschlechts, Sternzeichen, Haarfarbe oder Schuhgröße.


Die Flut

Ein Märchen

Es war einmal, vor langer Zeit, da lebte ein König in seinem Schloss, hoch über dem Meer. Oft stand er auf den Zinnen des Nordturms, sah hinaus auf die rollende See, zählte die Segel seiner Handelsflotte und der vielen kleinen Fischerboote. An anderen Tagen erfreute er sich vom Südturm aus am Anblick des fruchtbaren Lands zu seinen Füßen. Wälder wechselten sich dort mit Wiesen, Weiden und wohlbestellten Felder. Dazwischen lagen Dörfer und kleine Städte. Der König sah es mit Wohlgefallen.
So vergingen Wochen, Monate und Jahre. Das Land gedieh, das Volk war zufrieden und alles war gut.

Doch dann, eines Tages geschah es, dass die Oberste Seherin vor den König trat und sagte: „Hört mich an, Majestät! Das Reich ist in Gefahr. Die Berechnungen haben ergeben, dass uns eine Flut nie gekannten Ausmaßes droht. Lasst unverzüglich die Deiche erhöhen und die Hafentore schließen.“
Bevor der König antworten konnte, mischte sich sein ältester Sohn, Prinz Beilfried ein. „Es liegt mir fern, an Eurer Weisheit zu zweifeln Hochehrwürdige“, sagte er. „Aber wenn wir jetzt die Hafentore schließen, wird unsere Handelsflotte nicht mehr ausfahren können. Also lasst uns nichts überstürzen, sondern abwarten. Wenn es wirklich so kommt, wie ihr sagt, sind die Tore schnell geschlossen.“
„Auch lassen sich die Deiche nicht so einfach erhöhen“, sprach des Königs älteste Tochter, Prinzessin Irmengarda. „Wo sollten wir den Sand hernehmen und die Arbeitskräfte? Gerade wird jede Hand auf den Feldern gebraucht, um zu pflügen, zu eggen und um die Saat auszbringen!“
„Es wird keine Ernte geben, wenn Ihr nicht handelt“, prophezeite die Oberste Seherin düster. „Das Meer wird sich das Land holen, bis allein der Felsen übrig ist, auf dem dieses Schloss erbaut wurde.“
„Nun übertreibt Ihr aber!“, protestierte Prinz Lodegar, der den Beinamen „der Fromme“ trug. „Der Herr der Meere und die Herrin der Winde sind uns wohlgesonnen, seit wir ihre Namen in Ehren halten und alle Opfer zu den vorgeschriebenen Zeiten erbringen. Nie würden sie uns schaden!“
Der König wiegte sein Haupt und strich sich über seinen Bart. Er wollte weder die Warnung der Obersten Seherin in den Wind schlagen, noch seinen Kindern widersprechen, deren Einwände ihm ebenfalls begründet erschienen.
„Was ziehst du für ein ernstes Gesicht, lieber Vater?“, erklang da die liebliche Stimme von Prinzessin Leontine, seiner jüngsten Tochter. „Dazu noch an einem so schönen Tag wie heute. Stell’ dir vor: Als ich eben in den Hof treten wollte, geriet ich ins Stolpern und noch während ich mich zu fangen versuchte, klatschte neben mir ein Vogelsch…“ Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund, als wolle sie das unfeine Wort zurückdrängen. Dann aber fuhr sie lachend fort: „Man sagt, es bringe Glück, nicht wahr? Aber ich finde, dass ich schon Glück hatte, von dem Batzen nicht getroffen worden zu sein. Meinst du nicht auch? Mein Kleid wäre verdorben gewesen und damit auch der ganze Tag!“ Sie ergriff die altersfleckige Hand des Königs und küsste sie. „Und da mein Tag gerettet ist, ist es deiner auch. Egal, was auch immer diese hässliche alte Krähe dort sagt! Mit deiner Erlaubnis werde ich sie herausbefördern.“ Und ehe der alte König etwas sagen konnte, hatte sich die Prinzessin schon der Obersten Seherin zugewandt. „Schusch!“, machte sie und wedelte mit den Armen. „Mach, dass du wegkommst!“
Nun liebte der König unter all‘ seinen Kindern ausgerechnet seine jüngste Tochter am meisten, auch wenn er diese Zuneigung nicht einmal sich selber eingestand. Sie mochte im Kopf nicht die Hellste sein, aber sie hatte so ein sonniges Gemüt, dass er ihre Unarten oft und gern verzieh. Doch dieses Mal ging ihr Verhalten zu weit, deshalb tadelte er sie scharf und befahl ihr, sich bei der Obersten Seherin zu entschuldigen. Nachdem das geschehen war, ergriff er selber das Wort und bedankte sich bei der Obersten Seherin für ihre frühzeitige Warnung. „Ihr sollt wissen, dass ich dies sehr ernst nehme. Wenn eintrifft, was Ihr sagt, stehen wahrlich schlimme Zeiten bevor! Jedoch kann kein König es sich leisten, nur auf eine Meinung zu hören“, fuhr er fort. „Ihr selber habt gehört, was meine Kinder vorzubringen hatten. Und wenn ich Eure Warnung gegen ihre Einwände abwäge, ist festzustellen, dass es nur eine Stimme für das Schließen der Tore und das Erhöhen der Deiche gibt, hingegen aber vier dagegen.“
„Die kommende Flut sind Mehrheiten egal“, entgegnete die Seherin. „Wenn Euch euer Volk und Euer Land am Herzen liegt, müsst ihr jetzt handeln!“
Doch nichts vermochte, den König umzustimmen. „Ihr habt Eure Pflicht getan und mir Eure Bedenken vorgetragen. Aber es ist an mir zu entscheiden, wie ich mit solchen Warnungen umgehe, Hochehrwürdige.“ Ein harter Ton schlich sich in seine eben noch sanfte Stimme. „Und meine Entscheidung steht fest. Ihr könnt gehen.“

Sieben Wochen später, als schon niemand mehr an die Prophezeiung dachte, stieg die Flut. Drei Tage rollte sie gegen die Deiche und brandete gegen die hastig geschlossenen Hafentore. Als sich das Wasser endlich zurückzog, hatte das Meer ein Viertel des Landes verschlungen.
Nun war die Bestürzung groß. Noch größer aber wurde sie, als die Oberste Seherin erneut vor den Thron trat und sagte, dies sei nicht die eigentliche Katastrophe gewesen. „Ihr müsst die Deiche erhöhen lassen, Majestät!“, mahnte sie eindringlich.
„Wozu den Aufwand?“, widersprach Prinz Beilfried. „Wegen ein bisschen Küste? Was ist denn schon passiert, außer dass paar Steine ins Meer gestürzt sind? So etwas ist in der Vergangenheit passiert und es wird wieder geschehen. Kein Grund, sich deshalb Sorgen zu machen!“
„Das Meer wird sich noch weit höher erheben“, prophezeite die Seherin. „Glaubt mir Majestät: Ihr müsst die Deiche erhöhen. Eure Hafentore sind stark, sie werden widerstehen. Aber das alles nützt nichts, wenn Eure Deiche zu schwach sind. Daher dürft nicht untätig bleiben, sonst wird sich das Meer Euer Land holen, bis nur noch der Felsen übrig bleibt, auf dem Euer Schloss erbaut ist.“
„Deiche lassen sich nicht so einfach erhöhen“, erklärte Prinzessin Irmengarda. „Ich dachte, diesen Punkt hätten wir bereits geklärt! Außerdem haben unsere Deiche bisher immer gehalten – selbst beim großen Sturm vor 100 Jahren. Es gibt wirklich gar keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie auch dieses Mal widerstehen werden.“
Der König wiegte sein Haupt und strich über seinen Bart. Die Worte der Obersten Seherin hatten ihn beunruhigt. Aber sie ging zu weit, ihn so zu bedrängen! Sie hätte ihm die Entscheidung überlassen sollen, was zu tun sei. Alles andere untergrub seine Autorität. Wenn er tat, was sie empfahl, würde es in den Augen seiner Kinder und des Volkes wirken, als hätten ihre Worte ihm Angst eingejagt. Das war nicht falsch, aber als Regent durfte er diese auf keinen Fall zeigen. Er musste die gleiche Gelassenheit und Ruhe ausstrahlen, wie Prinzessin Irmengarda und gleichzeitig entschlossen und tatkräftig wirken. Was also tun?
Noch während er nachdachte, betrat Prinzessin Leontine den Raum. Sie war in Begleitung eines hochgewachsenen, schlanken Mannes, dessen rollender Gang ihn als Seemann auswies. „Das, Papa, ist Kapitän Pequod. Ich habe ihn auf dem Ball neulich kennengelernt und als ich sah, dass die alte Krähe“, sie streckte der Obersten Seherin die Zunge heraus, „wieder da ist, habe ich beschlossen, ihn mitzubringen. Er kann dir sagen, wie es auf dem Meer wirklich aussieht!“
Der Kapitän verbeugte sich schneidig, bevor er zu erzählen begann. Er befehlige einen großen Frachter, der auf der Südroute eingesetzt sei. Den Sturm habe man aufziehen sehen, aber trotz anfänglicher Besorgnis sehr gut überstanden. „Das Wesentliche ist jedoch, dass diese Überschwemmung etwas Einmaliges war“, versicherte er. „Das Meer ist wieder vollkommen friedlich. Es wird keine Fluten wie diese mehr geben.“
Seine Worte erfüllten den König mit großer Erleichterung, auch wenn eine leise Stimme ihm zuflüsterte, dass eine Zufallsbekanntschaft einer seiner Töchter vielleicht nicht der beste Gewährsmann wäre und es daher besser sei, auf die Warnungen und Ratschläge der Obersten Seherin zu hören. Um diese lästige Stimme zum Verstummen zu bringen, aber auch, um allen zu zeigen, dass immer noch er es war, der die Entscheidungen traf, ordnete der König an, dass dennoch Maßnahmen zur Vorsorge getroffen werden sollten. „Die Geschichte lehrt uns, dass es immer wieder zu Fluten kommt“, sprach er gravitätisch. „Daher wäre es fahrlässig uns nicht zu wappnen, wenn wir schon gewarnt werden.“ Andererseits bestehe kein Anlass, die Dinge zu überstürzen, fuhr er fort. Unmittelbare Gefahr drohe nicht, darauf hätten sowohl der Kapitän als auch Prinzessin Irmengarda hingewiesen. Er habe daher beschlossen, eine Kommission einzuberufen. „Sie wird eine Untersuchung der Deiche einleiten und danach entscheiden, in welchem Maße eine Verstärkung notwendig ist und Empfehlungen erarbeiten, in welcher Reihenfolge sie vorgenommen werden sollte.“ So bald die Ergebnisse vorlägen, werde man darüber beraten, welche Mittel dafür bereitgestellt werden müssten, um dann unter Abwägung der anfallenden Kosten zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen.
„Das ist zu spät“, rief die Oberste Seherin. „Viel zu spät! Euch mag das Meer ruhig erscheinen, Majestät, aber ich sage Euch: Die Flut kommt!“

Doch wie schon beim ersten Mal, hörte auch jetzt keiner auf sie. Daher war niemand vorbereitet, als das Meer wieder stieg.
„Noch könnt Ihr etwas unternehmen, Majestät!“, drängte die Seherin. „Lasst Eure Bauern Erde in Säcke füllen und auf die Deichkronen legen. Das wird uns Zeit verschaffen, Mensch und Vieh von der Küste auf die Hügel im Süden zu bringen.“
„Wo kommen wir hin, wenn wir wahllos Löcher graben lassen!“, rief Prinz Beilfried. „Am Ende fällt noch jemand hinein und verletzt sich.“
Auch Prinzessin Irmengarda zeigte sich entsetzt. „Wir können die Menschen nicht einfach von der Küste wegbringen“, erklärte sie. „Sie werden hier gebraucht. Wer soll sich dann um die Felder kümmern? Zudem steht die Schafschur bevor. Wir können es uns nicht leisten, eins davon zu vernachlässigen! Wie soll das Königreich prosperieren, wenn wir keine Wolle für den Handel und kein das Getreide als Nahrung haben?“
Die Oberste Seherin wollte einwenden, dass es kein Königreich mehr geben werde, wenn nicht unverzüglich Maßnahmen getroffen würden, wurde aber sofort von Kapitän Pequot unterbrochen, der darauf hinwies, dass das Meer immer wieder mal steige. „Das nennt sich Tidenhub, Verehrteste!“
Sie sei mit dem Wechsel der Gezeiten vertraut, besten Dank auch, wollte die Oberste Seherin erwidern, wurde jedoch von einer Handbewegung des Königs zum Schweigen gebracht. „Wir sollten uns nicht aus Furcht zu überstürztem Handeln hinreißen lassen“, sagte er. „Die Kommission tut ihre Arbeit. Sie wird zu gegebener Zeit ihre Ergebnisse vorstellen. Bis dahin sind wir alle sicher.“
Damit beendete er die Audienz, denn er war der vielen Stimmen müde. Trotzdem stand er an diesem Tag lange an seinem Ausguck auf dem Nordturm. Das Meer glitzerte blau und silbern zu seinen Füßen. Die Sonne hüllte ihn in wohlige Wärme. Alles war gut. Er hatte entschieden. Sein Herz füllte sich mit Ruhe.
Doch in der Nacht kam erneut Sturm auf. Das aufgewühlte Wasser stieg und hörte nicht auf zu steigen. Drei Tage brandete das Meer gegen die Deiche und schwappte über die Kronen. Am vierten Tag brach es durch. Schlammfluten überrollten die Felder und die panisch gen Süden fliehenden Menschen. Sieben Tage dauerte der Sturm. Als er sich endlich legte, gab es keine Deiche mehr und das Königreich war um ein weiteres Drittel kleiner geworden. Nur die Hauptstadt hatte die Überschwemmung weitgehend unbeschadet überstanden, weil der Hafenmeister vorsorglich die Hafentore geschlossen hatte.

Das Entsetzen im Königreich war groß. Der König rang verzweifelt die Hände, während Prinz Lodegar im Thronsaal auf und ab stolzierte und laut ausrief, das alles sei eine Strafe der Götter dafür, dass man dem Herrn des Meeres und der Göttin des Windes nicht ausreichend gehuldigt habe. „Ein kleines Opfer – wäre das etwa zu viel gewesen? Aber statt sich ihrer Gunst zu versichern, haben wir uns von ihnen abgewandt. Statt uns in ihre Hand zu begeben, haben wir uns abgewandt und wollten Deiche errichten, die sie ausschließen.“ Er stemmte die Hände in die Hüften und blieb vor Prinzessin Irmengard stehen. „Ist es da ein Wunder, dass sie uns dann erst recht ihre Macht spüren lassen?“, fragte er herausfordernd.
„Die Götter sind mir gerade ziemlich egal“, erwiderte sie. „Aber die Wirtschaft! Wie sollen wir noch Handel treiben, nachdem das Meer Land, Vieh und Ernte weggerissen hat?“ Sie seufzte tief. „O Vater, was sollen wir nur tun?“
Der König aber wusste auch keinen Rat.
„Was macht ihr alle für ernste Gesichter“, ertönte da von der Tür her die Stimme der Prinzessin Leontine. „Die Gefahr ist vorbei. Kapitän Pequot hat gesagt, es wird keine weitere Welle mehr kommen! Draußen scheint die Sonne und das Meer glitzert herrlich in der Sonne!“ Sie machte ein paar fröhliche Tanzschritte auf den Thron zu. „Komm mit mir Vater! Und ihr anderen auch! Ihr müsst mit hinauskommen und es selber ansehen, statt hier drinnen Trübsal zu blasen.“

Aber als sich der König erhob, fand er sich der Obersten Seherin gegenüber. Ungehört und ungesehen hatte sie die große Halle betreten; so unbeachtet, dass es schien, als sei sie dem Boden selbst entwachsen. Ihr Haar war wirr. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und ihre Stimme klang rau und brüchig. „Zwei Mal habe ich Euch gewarnt, Majestät!“, sagte sie. „Zwei Mal ist eingetreten, was ich prophezeite. Wollt Ihr dieses Mal auf mich hören? Es ist noch nicht vorbei. Am siebenten Tag von heute an, wird eine weitere Welle kommen und sie wird gewaltiger sein als beide vorher. Daher rate ich Euch: Schickt alles Volk ins Landesinnere auf die Hügel! Lasst sie das Vieh mitnehmen und Boote. Von ihrem Besitz so viel, wie sie tragen können, doch keine Wagen, denn dafür wird der Platz nicht reichen. Die Stärksten und schnellsten aber sollen aus den Häusern und allem, was darin ist Wälle bauen und Wurten aufschütten. So werdet ihr vielleicht nicht euer Land, aber wenigstens das Volk retten und könnt einen Neuanfang wagen, wenn das Wasser gefallen ist.“ Ihre Stimme brach.
Augenblicklich begannen die Prinzen und Prinzessinnen zu reden.
„Was ist das für ein Unsinn?“, verlangte Prinz Beilfried zu wissen. „Boote ins Landesinnere! Wer hat davon schon einmal gehört?“
„Mensch und Vieh auf die Hügel?“, empörte sich Prinzessin Irmengarda. „Bei aller Ehrbietung Hochehrwürdige, aber das ist ausgeschlossen! Sie werden auch das letzte bisschen Saat zertrampeln.“
„Und wofür? Das ist doch alles Panikmache!“, erklärte Prinzessin Leontine. „Kapitän Peyquot hat genau dargelegt, dass das Meer nicht mehr steigen wird!“
Prinz Lodegar nickte eifrig. „Genau so sehe ich es auch und dafür sollten wir dem Herr des Meeres und der Herrin der Winde Dankbarkeit zeigen. Da trifft es sich gut, dass in genau sieben Tagen das Opferfest ist. Statt das Volk in die Hügel zu bringen, wo es nur alles zerstört, sollten wir dazu aufrufen, an diesem Tag besonders zahlreich an den Strand zu gehen. Nichts verbindet mehr als die Riten. Nichts entschädigt mehr für die Verluste und nichts wird die Götter mehr besänftigen als diese Bestätigung unseres tiefen Glaubens und unserer Verehrung.“
„So schließt wenigstens die Hafentore“, sagte die Oberste Seherin matt. „Vielleicht rettet Ihr dann mit etwas Glück wenigstens noch die Hauptstadt.“
„Die Hafentore schließen?“, schrie Prinzessin Irmengarda entsetzt. „Die Läger sind voll und der Handel ist das Einzige, was uns in unserer Lage noch bleibt.“
„Keinesfalls können wir die Tore schließen“, bestätigte Prinzessin Leontine. „Kapitän Pequot hat heute Morgen Segel gesetzt und wird in sieben Tagen zurückkehren. Auf keinen Fall lasse ich zu, dass er auf dem offenen Meer Anker werfen muss!“
„Ich kann euch nur sagen, was ich gesehen habe“, erwiderte die Oberste Seherin. „Es bleibt Euch überlassen, daraus Schlüsse für Euer Handeln zu ziehen, doch wahrlich, ich sage Euch: Wenn ihr so handelt, wie beabsichtigt, wird von Euch allen nichts bleiben als blanke Knochen. Euer Schloss wird noch eine Weile über dem Meer aufragen. Doch mit der Zeit wird es ebenso zerfallen wie Euer Reich und seine bröckelnden Mauern werden nur noch den Möwen als Wohnsitz dienen. Ihre Schreie werden zwischen den Mauern hallen wie die Schreie derer, die durch Euer Zaudern ertrunken sind.“ Sie warf sich die Kapuze über und schlurfte aus dem Saal.
„Und wenn wir die Tore nur ein Stück weit schließen?“, rief der König ihr nach. „Und fleißig messen?“
Doch er erhielt keine Antwort.

Nachdem die Oberste Seherin den Saal verlassen hatte, begab sie sich zum Hafen, wo sie ein Boot bestieg, das sie in ein fernes Land brachte, in dem sie noch viele Jahre glücklich lebte.
Dem König und seinen Kindern aber war weniger Glück beschieden. Sieben Tage nach Abreise der Obersten Seherin brach die Flut nachts donnernd über das Land herein. Eine Weile hörte man oben im Schloss noch die Schreie der ertrinkenden Menschen und das Brüllen des Viehs. Als sie verstummten, füllten nur das Brausen des Windes und das Tosen der Wogen die Dunkelheit.
Dann folgte Stille. Schwer wie ein bleiernes Tuch lag sie über dem Schloss. Sie erstickte das Schluchzen der Bewohner, die einige Tage, wie hohläugige Geister durch die Räume irrten, bis sie sich, von Durst und Hunger entkräftet, hinlegten, um nie wieder aufzustehen.

So erfüllte sich die Weissagung der Seherin. Noch heute steht das Schloss oben auf dem Felsen, hoch über dem Meer. Es ist schwer zu erkennen, denn seine Mauern sind längst zerfallen. Nur Wind und Möwen hausen dort – aber die Fischer, die sich wieder in diese Gegend wagen, schwören, gelegentlich die Geister der Ertrunkenen schreien zu hören.

Klippen im Meer
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