Das elende Gefühl

Wer kennt es noch, dieses elende Gefühl, nicht genug zu sein. Versagt zu haben, weil …
Ja, warum eigentlich? Bei mir war es vor einigen Tagen, weil ein Essen, das ich mir sehr lecker vorgestellt hatte, am Ende nur mäßig schmeckte. Dazu kam noch, dass wir dank Corona mehr zuhause hocken und uns wenig bewegen, aber den Tag über die gleichen Essensmengen zu uns nehmen, wie sonst auch. Vielleicht auch ein bisschen mehr. Der Kühlschrank ist schließlich nahe und wer Langeweile hat, neigt zum naschen. Kurz gesagt: Niemand hatte wirklich Hunger. Entsprechend wenig Begeisterung wurde meinem Essen entgegengebracht.

Es war zum Heulen.

Warum ich davon erzähle? Weil sich beim Schreiben ganz oft das gleiche elende Gefühl einstellt, nichts zu können. Nichts zu sagen zu haben. Allenfalls mäßig zu formulieren. Zwischen Youtube, Netflix, Instagram, Spotify und Gaming unterzugehen, weil es 1.001 Dinge gibt, die die Zeit vertreiben und Lesen – na sagen wir: nicht das hippste davon ist.
Wofür schreibe ich dann überhaupt? Für wen?
An manchen Tagen kann ich diese Frage nicht beantworten. Dann komme ich mir unglaublich langweilig vor und meine Werke scheinen mir banal. Vor allem wenn ich mich mit den Kolleg*innen vergleiche, die sich in den sozialen Medien darin überschlagen, sich und andere dafür zu loben, wie ungeheuer mitreißend, progressiv, weird, deep, divers, romantisch oder gruselig sie schreiben. Ich kann diese Begeisterung nicht aufbringen. Weder für meine Geschichten, noch für andere – und wenn mich tatsächlich mal ein Buch mitreißt, dann in der Regel aus ganz anderen Gründen.

Es ist zum Heulen.

Ich habe mich nie als Teil einer Avantgarde oder Elite gefühlt. Ich hatte nie eine Botschaft oder Wahrheiten zu verkünden. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, zu hinterfragen, zu beobachten und zu lernen. Meine Geschichten sollen keine Antworten liefern. Sie sollen in erster Linie unterhalten. Wenn sie dann auch noch dazu führen, dass die, die sie lesen, die Welt ein Stück anders sehen, bin ich glücklich.
Das macht mich zum Außenseiter, klar. Aber das ist mir meist egal – oder besser gesagt: Das bin ich gewohnt. Das war ich schon immer. Und wenn man am Rand steht, hat man meistens den besten Überblick.
Nur manchmal, wenn ich wieder halb bewundernd jemanden beobachte, der so völlig von sich und seiner Sendung überzeugt ist, wird mir bewusst, dass man am Rand auch sehr einsam ist. Dann kommt dieses elende Gefühl hoch, nirgends hinzugehören. Unwillkommen zu sein. Überflüssig. Nutzlos.

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Zum Glück ist das nicht die Regel. Normalerweise schmeckt mein Essen nicht nur mir. Und genauso, wie ich weiß, dass ich immer wieder leckeres Essen fabriziere, das begeistert verschlungen wird, genauso weiß ich auch, dass ich schreiben kann. Ich werde vielleicht nie einen Literaturpreis abstauben – aber das ist ja genauso wenig mein Ehrgeiz, wie einen Stern zu erkochen. Ich bin glücklich, wenn ich das Feedback bekomme, dass meine Geschichten gefallen haben.
Dieses Feedback kommt zwar seltener, als ich es mir wünsche, aber bis auf eine waren bisher alle Reaktionen positiv. Und ganz ehrlich: Wenn sich jemand darüber beschwert, dass eine Vampirnovelle kein Roman ist und dazu auch noch Fantasy, muss ich das auch nicht fürchterlich ernst nehmen.

Demnach ist vielleicht doch nicht alles zum Heulen.

Aber warum dann dieses elende Gefühl? Warum immer wieder diese Selbstzweifel?

[Werkstattgeplauder] Tschechows Gewehr

Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.

Anton Tschechow

Diese als Tschechows Gewehr bekannte Regel haben vermutlich viele von uns verinnerlicht. Sie tritt auch in Form eines anderen Zitats auf, das den Sinn vielleicht noch deutlicher macht:

Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben

Anton Tschechow

Ich selbst habe lange daran geglaubt und beides auch vehement vertreten. Heute bin ich mir da, wie bei vielen Schreibregeln längst nicht mehr so sicher. Genau genommen ist die Regel in dieser Absolutheit sogar ziemlicher Quatsch. Das wird schnell deutlich, wenn man das Gewehr durch einen weniger auffallenden Gegenstand ersetzt: einen Blumenstrauß z. B. oder eine Lampe.

Niemand würde bestreiten, dass natürlich irgendwo eine Vase mit einem Blumenstrauß rumstehen kann, ohne dass im weiteren Verlauf mit den Blumen geworfen oder aus der Vase getrunken wird. Genauso wenig bedeutet die Beschreibung einer Lampe, dass diese irgendwann angeknipst wird. Sie kann z. B. auch dazu dienen, über das Setting eine Stimmung zu transportieren oder auf subtile Weise Informationen zu vermitteln.

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Warum sollte das bei einem Gewehr anders sein? Auch ein Gewehr kann einfach vorhanden sein, ohne dass irgendwann ein Schuss fällt. Es kann zum Beispiel zwischen anderen Militaria an der Wand eines reichen Sammlers hängen und im ironischen Gegensatz zu dessen ganz und gar nicht kriegerischer Erscheinung stehen. Oder es wird irgendwann gestohlen und zum Mittelpunkt einer Gaunerkomödie. Eine verrostete Flinte in einer verfallenen Hütte kann darauf hinweisen, dass sich hier einst ein Wildererversteck befand. Genauso kann eine Jägerin ihre eben geputzte Flinte im Waffenschrank einschließen, bevor sie sich dem Besuch zuwendet – ein Hinweis darauf, dass wir es hier mit einer umsichtigen Person zu tun haben.

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Ich glaube daher inzwischen, dass Tschechow etwas anderes gemeint hat. Ich glaube, dass sich dieses Zitat ganz explizit über das Theater bezieht, und dass die Aussage ist, dass man die Bühne nicht mit bedeutungslosem Kram zumüllen soll. Jeder Gegenstand, der auf der Bühne steht, muss eine Funktion erfüllen. Sei es, dass er etwas über den Hintergrund der Figuren verrät oder später direkt zum Einsatz kommt. Ein Gewehr, das nichts davon tut, ist nutzlos. Mehr noch: Es lenkt von den wichtigen Dingen ab und kann deshalb weg.

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Im Roman ist es so ähnlich: Auch hier wird alles, was beschrieben wird, mit Bedeutung aufgeladen – ganz gleich, ob es sich um die etwas verbeulte Keksdose auf dem obersten Küchenregal handelt, den mit Perlen und Rubinen verzierten Dolchgriff der aus der Brust des Opfers ragt oder die kleine dicke Fee am Rückspiegel eines Lkw. Im Idealfall werden sie zu „sprechenden Details“ und verraten etwas, das über ihre bloße Existenz hinausgeht. Das kann die besondere Atmosphäre eines Orts sein, eine Stimmung oder der Charakter einer Figur. Es kann aber auch ein Hinweis auf einen späteren Verlauf der Handlung sein oder (besonders in Krimis) eine geschickt gelegte falsche Spur. Wichtig ist, dass sie in irgendeiner Form relevant werden. Anderenfalls sind sie das literarische Gegenstück zum Nippes: Kleinigkeiten ohne echten Wert, mit denen niemand etwas anfangen kann und die deshalb auch kaum jemand schätzt – außer der Person natürlich, die sie aufgestellt hat.

Fazit: Tschechows Gewehr ist nicht wörtlich zu nehmen. Es ist eine Metapher dafür, dass man sich überlegen sollte, welche Gegenstände auf einer Bühne Platz haben sollten. Übertragen auf den Roman bedeutet das, nur die Dinge zu beschreiben, die im Rahmen der Geschichte Relevanz gewinnen sollen.

Mehr Liebe für Mary Sue

Bevor irgendwelche Missverständnisse aufkommen: Dies hier ist keine Liebesgeschichte, nicht mal eine Liebeserklärung, sondern die vorsichtige Annäherung an ein literarisches Trope. Ursprünglich hatte ich nicht mal gedacht, den Begriff erklären zu müssen, aber nachdem in einer Unterhaltung zwischen Kolleginnen gefragt wurde: Der Begriff „Mary Sue“ stammt ursprünglich aus der Fanfiction-Szene und bezeichnet eine übermäßig perfekte weibliche Figur.

Eine Mary Sue kann grundsätzlich alles. Ihr Charakter ist engelgleich, denn auch wenn sie eine unbesiegbare Kämpferin, magisch begabt, wundersam musikalisch, zum niederknien klug, eine begnadete Köchin, über die Maßen schön und gnadenlos gut ist, ist sie doch nicht im geringsten eingebildet. Nie würde sie Aufhebens um ihren perfekten Teint machen, um die großen Augen, die seidigen Haare oder die weiche Haut. Das ist schließlich alles naturgegeben. Sie bemerkt es genauso wenig wie die perfekten Brüste, die langen Beine, die ideale Taille oder den zum Küssen einladende Mund. Sie versteht nicht einmal, was die anderen Figuren an ihr bemerkenswert finden. Sie selbst findet sich nämlich eher durchschnittlich.

Quelle: aiilolo via pixabay

Und weil die Mary Sue sich selber für durchschnittlich hält, ist sie selbstverständlich auch nicht eingebildet. Im Gegenteil: Sie ist der offenste, unvoreingenommenste Mensch, den sich die Autorin überhaupt vorstellen kann. Wenn ihre Mary Sue einen Charakterfehler hat, dann einen harmlosen. Zum Beispiel, dass sie nicht singen kann. Vielleicht ist sie auch ein Tolpatsch – aber von der liebenswerten Art. Jemand, der höchstens kleine Dinge von zweifelhaftem Wert zerstört; nie etwas wirklich Teures, das anderen etwas bedeutet. Ein anderer Charakterfehler könnte sein, dass sie ständig isst. Natürlich nur moralisch einwand- und kalorienfreie Dinge. Äpfel zum Beispiel oder Karotten. Keinesfalls würde sich eine Mary Sue in Exzesse aus Schokolade, Chips oder Alkohol stürzen. Nie würde sie auch nur ein Gramm Fett zu viel ansetzen. Und selbstverständlich ist eine Mary Sue nie so besoffen, dass sie lallend bei der Laterne entschuldigt, die sie eben noch vollgekotzt hat.

Großzügig, großmütig, klug, begabt und schön, wie die Mary Sue ist, ist sie natürlich auch ungemein beliebt. Ihr Charme bezaubert Jedermann und sogar manche Frauen, obwohl bei Frauen gewisse Rivalitäten entstehen können. Hier kann es sogar zu Eifersüchteleien kommen (die aber selbstverständlich nie von Mary Sue ausgehen, sondern immer von der Gegenspielerin und die immer unbegründet sind!). Es sind diese Rivalinnen, die dem Lebensglück der Mary Sue im Weg stehen, wobei die besseren von ihnen am Ende bekehrt und zu guten Freundinnen werden, während die anderen ihrer gerechten Strafe entgegensehen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel lassen grüßen.

Quelle: FOTORC via pixabay

Kurzum: Mary Sues sind wandelnde Wunschträume. Sie verkörpern das ideale Ich der Schreiberin* (also ihr Selbst, wie es wäre, wenn nicht Gesellschaft, Natur und Schwerkraft sich gegen sie verbündet und sie in diesen höchst unzureichenden Körper gesetzt und in dieser unzulänglichen Umgebung ihrem faden Schicksal überlassen hätten).

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite ist die Mary Sue eines der am meisten gehassten Tropes. So beliebt sie innerhalb ihrer eigenen Geschichte ist, so unbeliebt ist sie außerhalb.

Eigentlich seltsam, wenn man genauer darüber nachdenkt. Im Grunde verkörpern Mary Sues nämlich sämtliche sogenannten weiblichen Tugenden und erfüllen außerdem noch den Imperativ, dass die Heldin anders sein muss als andere Frauen. Besser. Schöner. Nicht eingebildet. Nicht um ihre Schönheit besorgt. Eben nicht so frauentypisch.
Eigentlich macht die Mary Sue also alles richtig. Trotzdem mag sie keine*r außer ihrer Schöpferin. Schon merkwürdig, oder?

Noch merkwürdiger wird es, wenn man sie mit ihrem männlichen Gegenstück dem Gary Stue vergleicht. Gary Stues sind genauso klischeehaft wie Mary Sues – nur eben was männliche Rollenerwartungen angeht. Mit anderen Worten: Gary Stue ist selbstverständlich gut aussehend, mit markantem Kinn und Waschbrettbauch gesegnet. Er verfügt mindestens über ein gutes Einkommen, ohne viel dafür tun zu müssen. Er ist Experte in irgendwas wie Karate, Hochfinanz oder altsumererische Liebeslyrik – nur bitte keine profanen Dinge, bei denen man sich vielleicht noch die Hände schmutzig macht. Er nimmt sich was er will, hat ständig Sex, fährt schnelle Autos und lebt gefährlich. Ein Leben auf der Überholspur, um das ihn andere Männer beneiden und für das ihn Frauen bewundern.
Kommt dir der Typ bekannt vor? Richtig. James Bond, Triple X, Robert Langdon und praktisch jeder Superheld sind Gary Stues. Wort und Bild gewordene feuchte Männerträume. Und sie sind beliebt. Ach was – sie sind Megastars.

Warum eigentlich?

Meines Erachtens wird es höchste Zeit, beide gleich zu behandeln. Das heißt konkret: Weniger Aufmerksamkeit für die Gary Stues und etwas mehr Liebe für die Mary Sues.

Was meinst du? Die Kommentare sind offen. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.


*Ich habe hier ganz bewusst die weibliche Form gewählt, denn zumindest mir ist noch keine Mary Sue untergekommen, die nicht von einer Frau geschrieben wurde.

[Was ich noch zu sagen hätte] Warum der alte weiße Mann endlich sterben sollte

Vor ein paar Tagen habe ich im Kulturteil des Deutschlandfunks eine Buchbesprechung gehört, die mich so nachhaltig verärgert, dass ich beschlossen habe, darüber zu bloggen. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um das Buch selber, sondern nur um dessen Rezeption. Alles, was ich über den Inhalt weiß, habe ich dieser einen Buchbesprechung entnommen. Es kann daher durchaus sein, dass das Buch selber ganz großartig ist. Meines Erachtens lässt nämlich sogar die Besprechung eine ganz andere Deutung zu als die, für die sich der verantwortliche Journalist entschieden hat.

Das vorangeschickt zum Inhalt, den ich, wie schon gesagt, nur aus dieser Rezension kenne. Das Buch behandelt die Begegnung zweier Männer: Harry, ein empfindsamer junger Schriftsteller aus Hamburg trifft „in Afrika“, genauer gesagt in Tansania, auf „den Charlie“. „Der Charlie“ kommt aus Bayern und ist ein gestandenes Mannsbild, das seine besten Jahre schon hinter sich hat. „Der Charlie“ ist ein „echter Zausel“ und außerdem todkrank (später in der Besprechung erfährt man, dass er Aids hat), aber das nimmt ihm nicht die Lust am Leben. Das kann der Kommentator gar nicht genug herausstreichen. Genauso wie die herrliche politische Unkorrektheit*, die „der Charlie“ an den Tag legt und die so weit geht, dass er die Schwarzen freimütig als N*ger bezeichnet. Außerdem säuft „der Charlie“ wie ein Loch. Er schmeißt mit Geld um sich und von Frauen will er sowieso „nur das Eine“. Aber „der Charlie“ weiß eben, wie das Leben „in Afrika“ läuft. Er hat nämlich Bushaltestellen in Tansania gebaut. So viel Weltläufigkeit beeindruckt nicht nur den jungen Schriftsteller Harry, der überlegt, ob „der Charlie“ nicht doch mehr vom Leben hat, als er, sondern auch den Rezensenten. Dies sei kein Buch für gendernde Feministinnen, schließt er seine Besprechung, obwohl gerade sie es vielleicht lesen sollten. Vor allem aber bedauert er, dass die Politik nicht mehr auf solche Typen, wie den Charlie hört.


Auch jetzt, wo ich das schreibe, habe ich wieder den dezenten Geschmack von Erbrochenen im Mund. Nicht nur, weil der Rezensent von Afrika als einem Land redet. Nicht nur, weil er „dem Charlie“ vollkommen unreflektiert abnimmt, dieser habe durch den Bau von Bushaltestellen einen tiefen Einblick in die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge eines Kontinents bekommen. Das ist zwar naiv, wie man schnell feststellt, wenn man das Ganze auf Europa überträgt und annimmt, „der Chalie“ habe die Bushaltestellen z. B. in Polen gebaut. Damit wüsste er immer noch nichts über das Leben in Portugal oder Irland. Aber wenn man in Geographie nicht so firm ist, kann so etwas vermutlich schon mal passieren.

Was mich nachhaltig verstört ist, wie offen auf einem öffentlich-rechtlichem Sender ein Weltbild gefeiert wird, das Frauen und Schwarzen die Menschenwürde abspricht (Schwarzen Frauen vermutlich sowieso). Mich schockiert, dass eine Redaktion einen Beitrag abnickt, der Rassismen und Sexismen als erfrischende politische Unkorrektheit bezeichnet. Mich ärgert, dass offensichtlich niemandem aufgefallen ist, dass sich hinter dem Kampfbegriff der „politischen Inkorrektheit“ ein Euphemismus für eine Geisteshaltung verbirgt, die Frauen nur als Fickfleisch ansieht und Schwarze in bester kolonialistischer und rassistischer Tradition auf eine Stufe mit Tieren stellt. Dass öffentlich betrauert wird, dass Leute wie dieser Charlie, ein verwarloster alter Säufer, der einen Fick auf die Interessen anderer gibt und trotz Aids fröhlich alles vögelt, was nicht rechtzeitig wegrennt – kein größeres Gehör in der Politik finden. Dass so einer als Vorbild gefeiert und gleichzeitig bedauert wird, als handle es sich um eine besonders schützenswerte Art. Als gäbe es in der Politik nicht genug innerlich wie äußerlich verwahrloste alte weiße Männer, die ihre Eigeninteressen über das Wohl anderer stellen und glauben, mit Geld alles regeln zu können.


Wie gesagt: Ich beziehe mich auf die Buchbesprechung. Ob das Buch dieselben Wertungen trifft, wie die Rezension, ist eine andere Frage. Allerdings habe ich nach dieser Buchbesprechung auch keine Lust es zu lesen.
Dem Charlie wünsche ich ein rasches Ableben. Das Männerbild, das er vermittelt, taugt nichts. Es wäre besser für uns alle, wenn diese alten weißen Männer aus den Geschichten und den Köpfen verschwänden. Wir brauchen andere Vorbilder – gerade, was Männer und das Bild von Männlichkeit betrifft. Deren Geschichten wären es weitaus eher wert, erzählt, gelesen und rezensiert zu werden.


(*) Ich hoffe, es ist deutlich, dass das nicht meine Wertung ist, sondern die des verantwortlichen Journalisten.


Nachtrag:
Ich wollte den Beitrag zuerst nicht verlinken, um ihm keine zusätzliche Reichweite zu verschaffen. Nach etwas Überlegen habe ich ihn aber doch in der Mediathek des DLF ausfindig gemacht, damit jede*r sich ein eigenes Bild davon machen kann.
Dabei ist mir aufgefallen, dass ich den Namen vom Charlie falsch geschrieben habe. Im Buch heißt er offenbar „Tscharli“. Passiert, wenn man etwas phonetisch wiedergibt.

Der Bann des Bösen

Seit Tagen kann ich mich kaum von meiner Twitter-Timeline trennen, weil sich die Ereignisse überschlagen. Immer neue Meldungen aus den USA. Grausame Videos von Polizeiübergriffen auf friedliche Demonstranten, Bilder von Plünderungen, Solidaritätsaufrufe, ein geifernder Präsident, der noch Öl ins Feuer gießt. Ausschreitungen, die von Undercoverpolizisten initiiert wurden.

Brände, die – wie sich später herausgestellt hat – wenigstens von Rassisten gelegt wurden, um die Proteste zu diskreditieren.

Bilder von Rassisten, die mit Strumgewehren posieren und in den sozialen Medien ihre Bereitschaft zum Losschlagen verkünden. Pressestimmen, die die USA am Rand eines Bürgerkriegs sehen. Währenddessen jährt sich der Tod von Walter Lübcke. Auch hierzulande werden fast täglich Menschen wegen ihrer Religion oder Hautfarbe angegriffen, aber wir führen Diskussionen über die Gewalttätigkeit „der Antifa“.

Ich habe das Gefühl, am Rand eines Abgrunds zu stehen. Ein Abgrund, in den man nicht hineinsehen muss, um seinen gierigen Blick zu spüren.

Es ist die Entwicklung, die ich bereits vor Jahren in Steppenbrand skizziert habe. Es ist der gleiche fürchterliche Verlauf, der sich hier abzeichnet. Wobei ich Steppenbrand natürlich nicht als Allegorie auf die USA geschrieben habe. Mir ging es darum, die Korrumption eines Anführers und den daraus resultierenden Niedergang einer Gesellschaft nachzuzeichnen.

Nun sind die Khon denkbar ungeeignet, die in sich tief gespaltene amerikanische Gesellschaft zu repräsentieren und ganz gewiss ist Dejasir no Sonak kein Trump. Im Gegensatz zu Trump ist Dejasir nicht sexuell übergriffig, kein Lügner und kein Rassist. Dejasir ist ein Scheusal, aber er strebt zumindest am Anfang noch danach, Gutes zu bewirken.
Eines habe beim Schreiben nämlich nicht bedacht: Dass es Menschen gibt, einem Scheusal folgen, weil es sie befriedigt, zuzusehen, wie anderen Schaden zugefügt wird. Vielleicht war ich einfach zu naiv. Vielleicht hänge ich aber auch an der Hoffnung, dass sich am langen Ende die Mitfühlenden durchsetzen; diejenigen, die einander helfen, die zusammenstehen und kooperieren, statt auf Kampf und Konkurrenz zu setzen.

In jedem Fall wünsche ich den Amerikanern ein leichteres Schicksal als den Khon.

Thoughts and prayers!

Lasst uns über den Tod reden

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle etwas darüber schreiben, warum es in so vielen meiner Bücher Tote gibt. Wegen der Corona-Epidemie habe ich das Konzept aber geändert und bin ein bisschen grundsätzlicher geworden.
Das Virus, die exponentiell wachsenden Infektionsraten und die steigende Zahl der Toten bringt uns nämlich etwas ins Bewusstsein, das wir oft ziemlich erfolgreich verdrängen: Wir alle sind sterblich. Wir alle werden irgendwann sterben und vermutlich kennen wir auch mindestens eine andere Person im Umfeld, die … Wie sagt man jetzt?

Damit beginnen die Probleme. Wir reden nicht über den Tod. Wir konsumieren ihn nur und das nicht zu knapp. Der Tod begegnet uns auf unzähligen Kanälen. Wir erleben ihn im Film, in Büchern, in Computerspielen. Der Krimi lebt davon, erst recht der Thriller. Im Splatter kann er gar nicht blutig genug sein. In der Fantasy ist er oft heroisch, ein Opfer für die höhere Sache (gebracht von einem entbehrlichen Sidekick) – es sei denn, es geht gegen die „Monster“, bei dem es selbstverständlich und alternativlos erscheint, sie abzuschlachten. Noch extremer wird es beim Endkampf gegen den Antagonisten. Sein Tod wird zum Symbol des endgültigen Siegs des Guten.
Aber unabhängig von Genre und Medium sind es immer die Tode anderer. In Kunst verwandelt und ästhetisiert, berühren sie uns allenfalls für einen Moment, aber sie betreffen uns nicht. Das Leben geht ja weiter.

In der Realität klammern wir den Tod weitgehend aus. Viele Menschen gehen sogar so weit, nicht einmal den Gedanken zuzulassen. Erst recht nicht, wenn es um die eigene Sterblichkeit geht.
Vielleicht sind das die gleichen Leute, die sich jetzt noch in den Cafés drängen oder sich im Park treffen, weil sie „sich das Leben nicht nehmen lassen“ wollen. Vielleicht sind es die gleichen Menschen, die von Achtsamkeit reden und damit meinen, dass sie keine Nachrichten verfolgen, weil das Leid sie zu sehr aufwühlt.

Das ist natürlich eine Strategie. Man kann den Kopf in den Sand stecken. Man kann alles Schlimme und alle Schrecken ausblenden, die das Leben bietet – seien sie nun real oder fiktional. Man kann darauf achten, sich nur mit Dingen abzugeben, die einem guttun. Wir leben in einem reichen Land, in dem das weitgehend möglich ist.
Aber es ist eben auch nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Irgendwann kommen die Schrecken und das Schlimme doch. Irgendwann werden wir krank und irgendwann müssen wir sterben. Oder es trifft unsere Freunde. Unsere Eltern. Unsere Kinder. Es ist eine schlimme Wahrheit, aber: Krankheit und Tod gehören zum Leben. Es hilft nichts, die Augen zuzukneifen, sich die Ohren zuzuhalten und laut zu singen. Man kann sich vor beidem nicht verstecken, man kann vor ihnen höchstens weglaufen. Aber nur eine kleine Weile. Am Ende holen sie einen doch ein.

Und dann?

Dann stehst du da, vollkommen unvorbereitet. Allein mit deiner Angst, deinem Schmerz, der Verzweiflung und all‘ den anderen negativen Gefühlen, die du bisher so erfolgreich verdrängt hast. Ohne jeden Plan, wie du damit umgehen kannst. Ohne Idee, wie es weitergehen soll.
Genau dafür bräuchtest du nun die Informationen, die du bisher so achtsam vermieden hast. Du bräuchtest Vorbilder, zum Umgang mit Schmerz und Angst, aber du hast keine weil du alles Schmerzhafte, Angstbesetzte von dir gewiesen hast.

Deshalb: Lasst uns über den Tod reden. Lasst uns über Ängste reden. Lasst uns den Schmerz zulassen. Mit allem anderen belügen wir uns nur selber. Ein Leben ohne Verlust, Schmerz und Angst mag erstrebenswert scheinen. Tatsächlich ist es eine Illusion. Es ist nicht gut und alles andere als „wholesome“, weil es nur ein halbes Leben ist. Eines, das uns von einem Teil der Gefühle abtrennt und uns kleiner macht als wir sein könnten.
Tatsächlich wachsen wir daran, uns unseren Ängsten zu stellen. Wir wachsen daran, Schmerz und Verzweiflung zuzulassen. Und bis zu einem gewissen Grad wachsen wir sogar daran, dem Tod ins Auge zu sehen, denn alles das ermöglicht es uns, Verantwortung zu übernehmen. Für andere, aber auch für das eigene Leben.

Welche Heldin wählst du?

Ich war mein Leben lang „nicht so wie andere Frauen“. Selbst in meiner Zeit als Punk, als ich geschminkt und schmuckbehangen in den kürzest vorstellbaren Röcken unterwegs war, bekam ich es zu hören. Es war durchaus ein Kompliment, jedenfalls habe ich es so verstanden.

Heute verstehe ich, dass es ein vergiftetes Kompliment ist.

Eine Frau, die „nicht so ist, wie andere Frauen“, wird mit Respekt behandelt. Sie bekommt Zutritt in Männerkreise und darf sich sogar der Illusion hingeben, gleichberechtigt zu sein. So lange sie keine zu hohen Ansprüche stellt, wird es auch immer den Anschein haben, als sei sie es tatsächlich. Ihre Stimme wird gehört und hat Gewicht. Man respektiert ihre Leistungen. Sie wird in Führungspositionen gewählt. Sogar ohne den Druck einer Quote, das gibt man ihr auch ganz offen zu verstehen: „DU bist schließlich keine Quotenfrau.“

Noch so ein vergiftetes Kompliment.

Die bittere Wahrheit dahinter ist, dass du dafür belohnt wirst, diese Männerspiele mitzuspielen. Du wirst dafür belohnt, ihre Rituale einzuhalten, keine Schwäche zu zeigen, laut zu sein, hart und zuweilen grausam. Vor allem aber wirst du dafür belohnt, andere Frauen abzuwerten, was leicht ist, denn du bist ja nicht wie sie und stolz darauf. Außerdem bist du in deinen eigenen Augen ein Vorbild, denn dein Beispiel zeigt schließlich, wie weit eine Frau es bringen kann. Ganz ohne Quote. Man muss dafür auch nicht die Feministin raushängen zu lassen. Es reicht, sich anzustrengen. Taff zu sein. Dann läuft es quasi von allein.

Boxerin mit erhobenen Fäusten

Tatsächlich läuft es sogar gut. Bis zu dem Zeitpunkt, wo du mit einem Mann konkurrierst. Dann ist sie plötzlich da, diese gläserne Glocke, von der du immer gehört hast, die aber immer nur die anderen betraf. Die Frauen, die sich nicht genug angestrengt haben. Die Feministinnen, die allen mit ihren Sprüchen auf die Nerven gegangen sind.

Doch plötzlich steckst du selber darunter und mit einem Mal gibt es tausend Gründe, warum du leider zurückstecken musst. Vielleicht siehst du sie sogar ein. Wenn nicht, gibst du dich einsichtig, schon um nicht zickig zu wirken oder wie so eine frustrierte Emanze. Schließlich bist du nicht wie andere Frauen. Deine Zeit wird kommen, da bist du dir sicher.*

Warum ich das jetzt auf einem Blog schreibe, in dem es um Lesen, Schreiben und Selfpublishing geht?

Weil in der Literatur genau das gleiche Muster gilt. Die typische Protagonistin ist die „starke Frau“, die sich vor allem dadurch auszeichnet, nicht zu sein wie andere Frauen.
Das klingt erst mal harmlos. Schließlich sollen Protas außergewöhnlich sein. Das bedeutet nicht, dass sie über Superkräfte verfügen – aber sie müssen Eigenarten besitzen, die sie von anderen unterscheiden. Gewöhnliche Menschen führen gewöhnliche Leben. Sie werden geboren, von liebenden Eltern großgezogen, durchlaufen die Schule, absolvieren Lehre oder Studium, arbeiten danach, heiraten, bekommen Kinder, denen sie liebevolle Eltern sind, werden alt und Großeltern und sterben schließlich, ohne dass sich in ihrem Leben etwas Berichtenswertes zugetragen hätte. So ein Leben mag erstrebenswert sein, um einen Roman darüber zu schreiben, taugt es nicht. Für literarische Stoffe sind die Figuren und Situationen am besten geeignet, die wir in der Realität vermeiden.

Nun zeichnet sich die literarische Heldin aber vor allem dadurch aus, dass sie sich von anderen Frauen unterscheidet. Ihre Besonderheit beruht in erster Linie darin, Dinge tun zu wollen, die Männern vorbehalten sind. Auch das ist für sich genommen, kein Zeichen von Misogynie, denn viele der traditionellen Frauenaufgaben stehen im Ruf, alles andere als aufregend zu sein und deshalb ist es nur natürlich, dass es Frauen gibt, die keinen Bock darauf haben.
Misogyn wird es dadurch, dass die anderen Frauen, also die, die sich innerhalb der gesetzten Frauenrolle bewegen, entsetzlich schlecht wegkommen. Sie sind die typischen Gegenspielerinnen der Heldin und nur dafür da, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Gleichzeitig sind sie borniert, dumm, schwatzhaft, eitel, ängstlich, verschwenderisch … Kurzum: Das genaue Gegenteil der Heldin. Sie bilden den düsteren Hintergrund, vor dem die Heldin, die eben nicht so ist, wie andere Frauen, um so heller strahlt.
Da ist es nur logisch, dass diese strahlende Heldin keine Freundinnen hat**, sondern nur bei Männern Verständnis und Unterstützung findet. Nicht bei allen natürlich, denn auch Männer können gemein sein, aber man muss zugestehen, dass das Ausnahmen sind. #notallmen gilt auch und besonders in der Literatur. Vor allem gibt es natürlich den EINEN, der die Heldin irgendwann aus einer misslichen Lage retten wird. Spätestens dann wird sich herausstellen, dass schon lange ein gegenseitiges Interesse aneinander bestand. Sollte die Heldin dennoch Vorbehalte gegen ihn gehabt haben, wird seine mutige Tat diese hinwegfegen, so dass sie am Ende getrost in seine Arme sinken kann.

Am Ende sind alle Gefahren überstanden und die Heldin darf in die Arme ihres Geliebten sinken.
Bild von Stefan Keller auf Pixabay

Die Botschaft dahinter ist immer die gleiche: Selbst Frauen, die nicht sind wie andere Frauen, brauchen doch den starken Beschützer – und bekommen ihn auch, wenn sie genug durchlitten haben. Auf andere Frauen ist dagegen gar kein Verlass.

Misogyner geht es kaum.

Tja und genau deshalb wächst in mir, die damit aufgewachsen ist, nicht so zu sein, wie andere Frauen, der Wunsch eine Heldin zu schaffen, die so ist, wie andere Frauen dem Klischee nach wohl sein sollten. Eine Heldin, die sich gerne schminkt, die vielleicht eitel ist, die schöne Dinge liebt. Eine, die gerne tanzt und singt, die nicht besonders „woke“ ist und schon gar nicht „chosen“. Eine Heldin, die sich vor Blut (auch vor dem eigenen Menstruationsblut) ekelt und schon deshalb nicht jagen gehen, weil ihre schönen Kleider darunter leiden.
Sanft sollte sie sein, diese Heldin, und nachgiebig. Vielleicht ein bisschen zu nachgiebig, gerade ihren Freundinnen gegenüber. Die würde sie nämlich haben. Freundinnen, die zueinander halten, auch wenn es hart auf hart kommt. Vielleicht wäre das sogar der Plot: Eine Frauenfreundschaft, die Hindernisse überwinden muss und in der alle Beteiligten aneinander wachsen. Eine Mischung aus „Natürlich blond“ und dem „Club der Teufelinnen“ nur ohne einen Mann als Auslöser und natürlich als Fantasy.

Etwas in der Art würde ich gerne schreiben. Was meint ihr: Ob das wohl geht?


*Spoiler: Sie kommt nicht. Sie kommt deshalb nicht, weil dein Netzwerk aus den good ol‘ boys besteht, die sich im Zweifel gegenseitig unterstützen. Du bist ihre Waffe gegen weibliche Konkurrenz und du machst deine Sache gut!

**Abgesehen vielleicht von einem Mädchen aus ärmlichen oder sonst wie benachteiligten Verhältnissen, der die Heldin auch sonst himmelhoch überlegen ist, und an der sie ihre Unvoreingenommenheit und ihre soziale Ader demonstrieren kann.

Nicht nur die Hälfte des Himmels

Heute ist Weltfrauentag* und ich bin müde. Müde deshalb, weil ich das Gefühl habe, seit 30 Jahren die gleichen Diskussionen zu führen. Mit alten Männern, mit jungen Männern, mit meinen Söhnen und mit anderen Frauen. „Ihr könnt wählen, ihr könnt studieren, arbeiten … Was willst du denn noch?“

Ja, was will ich noch? War es nicht mein eigener Entschluss, Kinder in die Welt zu setzen und Erziehungszeit zu nehmen, statt einer Erwerbsarbeit nachzugehen? Bin ich da nicht auch selber Schuld, dass ich, anders als meine männlichen Kolleginnen keine Karriere gemacht und weniger in die Rentenkasse gezahlt habe? Sie (also meine männlichen Kolleginnen) haben das doch auch wunderbar geschafft: Sie sind Papa und trotzdem erfolgreich.
Wir Frauen sollen uns mal nicht so haben!

Wir sollen uns auch nicht so haben, wenn es um die Kunst geht. Kunst ist männlich, das weiß doch jeder. Das Genie braucht einen Penis. Genauso weiß jeder, dass dieser Penis auch benutzt werden muss, sonst fault er ab oder das Genie welkt und boys can’t be boys, also Himmel noch eins sollen Frauen sich erst recht nicht so haben, sonst wissen Männer bald nicht mehr, wie sie Komplimente machen sollen.
Aber ich schweife ab oder werde ungerecht, denn schließlich können Frauen heute doch wirklich alles werden, sogar Literaturnobelpreisträgerin. Dass sie so selten ausgezeichnet werden, liegt einfach nur daran, dass sie sich nicht genug anstrengen.
Wir Frauen sollen uns mal nicht so anstellen. Wenn wir gute Literatur schreiben würden, bekämen wir auch die entsprechenden Preise.

Wer wirklich diskriminiert wird, ist der (mittel)alte weiße Mann, über den sollten wir sprechen! Ganze Literaturgenres, wie Liebesroman und Kinder- und Jugendbuch sind fest in Frauenhand! Frauen übernehmen sogar den Krimi! Und trotzdem geben Frauen keine Ruhe, sondern nörgeln selbst noch bei Sparten wie Sachbuch oder Hochliteratur, dass da zu 70% Männer verlegt werden.
Dabei wusste schon Marcel Reich-Ranicki, dass Frauen keine Literatur, sondern allenfalls Lyrik schreiben können. Ihnen fehlt die Objektivität, der Blick auf das Große, das Ganze, die Welthaltigkeit – und wenn sie es doch haben, dann übertreiben sie in die andere Richtung, dann sind sie zu kalt, zu analytisch und so gar nicht feminin.
Um also ihre Weiblichkeit nicht zu gefährden, sollten Frauen sich an Lyrik und Liebesromane halten. Gedöns eben, das echte Männer nicht interessiert, weil da auch kaum noch Männer auftauchen.

Ja genau. Auch das ist ein Grund, warum wir Frauen uns bitte nicht so anstellen sollen. In der Unterhaltungsliteratur wimmelt es doch nur so von Heldinnen, während man Männer mit der Lupe suchen muss! Gut, J. R. R. Martin ist jetzt vielleicht nicht das beste Beispiel für diese These, aber immerhin gibt es in Game of Thrones mehr Frauenrollen als im Herrn der Ringe. Das muss man auch mal anerkennen!
Auch dass die vielen Heldinnen sich vor allem dadurch auszeichnen, nicht zu sein, wie andere Frauen, dass sie sich ungern schminken (aber selbstverständlich trotzdem hinreißend aussehen), schlecht kochen, Haushalt und Handarbeiten hassen und statt dessen lieber reiten, jagen oder Schwerter schwingen wollen – das hat selbstverständlich nichts mit Misogynie zu tun. Wirklich nicht! Dass es viel aufregender, heldenhafter und erzählenswerter ist, durch Matsch zu robben und anderen den Kopf abzuschlagen oder wegzupusten als sich um Kochen, Kinder, Handarbeiten oder Haushalt zu kümmern, ist für jeden klar denkenden Menschen unmittelbar einsichtig.
Deshalb gibt es eben auch keine Erzählungen von männlichen Heldinnen, die die kampflustige Liebste in den Krieg schicken, während sie selber zuhause bleiben, um sich um die Kinder kümmern. Wenn Frauen freiwillig solche Aufgaben übernehmen, sollen sie sich anschließend auch nicht beschweren!

Trotzdem sind es nun mal Frauen, die Kinder kriegen und deshalb sollen sie sich erst recht nicht beschweren, dass die damit verbundenen Aufgaben nun mal an ihnen klebenbleiben. Das ist Biologie. Damit müssen sie zurechtkommen.
Wenn es ihnen nicht passt, dann sollen sie eben keine Kinder kriegen (obwohl es natürlich ihre biologisch und gottgewollte Aufgabe ist, welche zu bekommen!), statt von Equal Care, Equal Pay oder Quoten zu fantasieren! Eine Frau, die sich benimmt, wie ein Mann kann heute alles erreichen. Also – was wollen die Weiber denn noch?

Ich bin so müde.


*Aus diesem

Aus Anlass des Weltfrauentags ist der Artikel im generischen Femininum verfasst. Männer sind selbstverständlich mitgemeint.


Es wird persönlich (ein bisschen)

Zugegeben: Es fällt schwer, nach so langer Zeit wieder den Einstieg ins Blog zu finden. Wie soll ich anfangen? Womit? Soll ich die Lücke überspielen; einfach den nächsten Blogpost über Bücher, die LBM, die nun nicht stattfindet oder irgendein anderes Thema schreiben, als sei ich nie weggewesen? Oder doch etwas zu den Gründen sagen, warum ich so lange weg war und warum es noch immer kein neues Buch von mir gibt (ja, ist leider so)? Offensichtlich drängt es mich dazu, denn sonst hätte ich mir die ganze Vorrede auch sparen können.

Andererseits … Andererseits fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, denn es geht ins Persönliche und es widerstrebt mir, persönlich zu werden. Dieser Teil meines Lebens betrifft eine Seite, die ich von meinem öffentlichen Leben als Autorin trenne. Er betrifft Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass sie allein mich etwas angehen und ich sie mit mir allein ausmachen muss. Dinge, die natürlich mein Denken und Handeln beeinflussen, die aber nichts mit dem zu tun haben, wofür ich als Autorin beurteilt werden möchte.
Vor allem aber betrifft dieser Part auch andere Menschen, die ebenfalls einen Anspruch auf Privatheit haben und ein Anrecht darauf, dass ihre Angelegenheiten nicht öffentlich breitgetreten werden.

Mein Leben als Telenovela

Klingt das kryptisch? Gut, dann werde ich ein Stück konkreter.
Ich hoffe, es klingt nicht zu dramatisch, aber mein Leben hat inzwischen die Züge einer brasilianischen Telenovela. Es fehlen nur der Reichtum und die eifersüchtige Konkurrentin, die mir sowohl Mann als auch Erfolg wegnehmen wollen. Ok, der Erfolg ist auch noch so eine Sache. Aber alles andere ist da. Wirklich alles. Intrigen, Krankheit, Tod, Liebe, Ehezwist, Familienstreit – alles ist in verschiedensten Varianten vorhanden. Nicht alles betrifft mich direkt (zum Glück!). Oft erreichen mich nur die Ausläufer. Aber es reicht.

Seit gut zwei Jahren habe ich wiederkehrende Depressionen. In den depressiven Phasen habe ich es gerade noch geschafft, zu existieren und die notwendigsten Dinge zu erledigen. Für mehr fehlte die Kraft.
Vor etwa vier Wochen stellte sich dann heraus, dass die Depressionen vermutlich nicht nur psychische, sondern auch körperliche Ursachen hatte. Mein Herz funktionierte nicht mehr richtig. Der Puls wäre für einen sehr tiefenentspannten Spitzensportler vielleicht noch normal gewesen; für normale Menschen war er das nicht. Als Folge lief mein Körper selbst bei Belastung nur auf Sparflamme und manchmal habe ich das Gefühl, dass er nur noch lief, weil ich im Dauerstress war. Jedenfalls traten ein paar sehr interessante Effekte auf, von denen ich vielleicht ein anderes Mal und an einer anderen Stelle erzählen werde.

Und nun?

Seit vier Wochen trage ich einen Herzschrittmacher. Die Änderungen sind – interessant. Nicht nur, dass die Depressionen verschwunden sind und sich das ganze Leben mit einem Mal erstaunlich leicht anfühlt. Auch mein Kopf ist wie frisch gekärchert. Die Sorgen sind raus, der ständige Druck weg, alles strahlt und blitzt nur so vor Helligkeit.
Aber, und das habe ich erst nach einiger Zeit bemerkt, es fehlt auch etwas. Nicht so, wie nach einer Amnesie; ich weiß durchaus noch, wer ich bin, wo ich wohne und wo ich die Süßigkeiten vor mir selbst verstecke, um sie nicht auf einen Schlag aufzufuttern. Es ist das Bedürfnis, bestimmte Dinge zu tun; die Routinen, die mich am Laufen gehalten haben; der Wunsch, mich auszudrücken – das alles fehlt.

So, wie ich vor der Operation oft verzweifelt bin, weil ich nur einen Bruchteil dessen geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte, verzweifle ich jetzt daran, dass ich abends feststelle, nichts mit dem Tag angefangen zu haben, weil ich nicht wusste, was.
Wo es kein Bedürfnis gibt, gibt es auch kein Ziel und keine Richtung. Ich kann nicht einmal behaupten, ich ließe mich treiben, denn das wäre eine bewusste Entscheidung. Ich dümple, und das ist unbefriedigend.

Immerhin: Vor ein paar Tagen hat sich die Idee zu einer Hexengeschichte in meinem Hirn eingenistet und beginnt, erste, zarte Sprossen zu treiben. Ich habe diesen Artikel geschrieben. Und am Mississippi wartet ein Werwolf darauf, abgeholt zu werden. Es gibt Hoffnung. Ich werde berichten.

Kein Bericht zur Frankfurter Buchmesse?

Ursprünglich sollte hier ein Beitrag zur Frankfurter Buchmesse erscheinen. Beim Schreiben habe ich mich aber gefragt, ob das überhaupt jemanden interessiert – genauer gesagt: Was von dem, was ich darüber erzählen könnte, interessant wäre.

Darüber zu schreiben, wen ich alles getroffen habe, kam mir vor wie Namedropping und überhaupt … Klar ist das hier ein persönliches Blog, aber irgendeinen Mehrwehrt sollte das Lesen schon bringen. Sonst bräuchte ich es nicht öffentlich zu machen.

Deshalb möchte ich zur Abwechslung den umgekehrten Weg gehen und dich bitten, über die Kommentarfunktion Fragen zu stellen. Das kann alles mögliche sein. Angefangen damit, wie man sich am besten auf eine Buchmesse vorbereitet, was man als Besucher*in zu erwarten hat, wie es mit der Barrierefreiheit aussieht, wo es den besten Kaffee gibt u. s. w. Ich werde mich bemühen, die Fragen so umfassend wie möglich zu beantworten. Und dann erzähle ich auch gerne persönliche Erlebnisse.