Lasst uns über den Tod reden

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle etwas darüber schreiben, warum es in so vielen meiner Bücher Tote gibt. Wegen der Corona-Epidemie habe ich das Konzept aber geändert und bin ein bisschen grundsätzlicher geworden.
Das Virus, die exponentiell wachsenden Infektionsraten und die steigende Zahl der Toten bringt uns nämlich etwas ins Bewusstsein, das wir oft ziemlich erfolgreich verdrängen: Wir alle sind sterblich. Wir alle werden irgendwann sterben und vermutlich kennen wir auch mindestens eine andere Person im Umfeld, die … Wie sagt man jetzt?

Damit beginnen die Probleme. Wir reden nicht über den Tod. Wir konsumieren ihn nur und das nicht zu knapp. Der Tod begegnet uns auf unzähligen Kanälen. Wir erleben ihn im Film, in Büchern, in Computerspielen. Der Krimi lebt davon, erst recht der Thriller. Im Splatter kann er gar nicht blutig genug sein. In der Fantasy ist er oft heroisch, ein Opfer für die höhere Sache (gebracht von einem entbehrlichen Sidekick) – es sei denn, es geht gegen die „Monster“, bei dem es selbstverständlich und alternativlos erscheint, sie abzuschlachten. Noch extremer wird es beim Endkampf gegen den Antagonisten. Sein Tod wird zum Symbol des endgültigen Siegs des Guten.
Aber unabhängig von Genre und Medium sind es immer die Tode anderer. In Kunst verwandelt und ästhetisiert, berühren sie uns allenfalls für einen Moment, aber sie betreffen uns nicht. Das Leben geht ja weiter.

In der Realität klammern wir den Tod weitgehend aus. Viele Menschen gehen sogar so weit, nicht einmal den Gedanken zuzulassen. Erst recht nicht, wenn es um die eigene Sterblichkeit geht.
Vielleicht sind das die gleichen Leute, die sich jetzt noch in den Cafés drängen oder sich im Park treffen, weil sie „sich das Leben nicht nehmen lassen“ wollen. Vielleicht sind es die gleichen Menschen, die von Achtsamkeit reden und damit meinen, dass sie keine Nachrichten verfolgen, weil das Leid sie zu sehr aufwühlt.

Das ist natürlich eine Strategie. Man kann den Kopf in den Sand stecken. Man kann alles Schlimme und alle Schrecken ausblenden, die das Leben bietet – seien sie nun real oder fiktional. Man kann darauf achten, sich nur mit Dingen abzugeben, die einem guttun. Wir leben in einem reichen Land, in dem das weitgehend möglich ist.
Aber es ist eben auch nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Irgendwann kommen die Schrecken und das Schlimme doch. Irgendwann werden wir krank und irgendwann müssen wir sterben. Oder es trifft unsere Freunde. Unsere Eltern. Unsere Kinder. Es ist eine schlimme Wahrheit, aber: Krankheit und Tod gehören zum Leben. Es hilft nichts, die Augen zuzukneifen, sich die Ohren zuzuhalten und laut zu singen. Man kann sich vor beidem nicht verstecken, man kann vor ihnen höchstens weglaufen. Aber nur eine kleine Weile. Am Ende holen sie einen doch ein.

Und dann?

Dann stehst du da, vollkommen unvorbereitet. Allein mit deiner Angst, deinem Schmerz, der Verzweiflung und all‘ den anderen negativen Gefühlen, die du bisher so erfolgreich verdrängt hast. Ohne jeden Plan, wie du damit umgehen kannst. Ohne Idee, wie es weitergehen soll.
Genau dafür bräuchtest du nun die Informationen, die du bisher so achtsam vermieden hast. Du bräuchtest Vorbilder, zum Umgang mit Schmerz und Angst, aber du hast keine weil du alles Schmerzhafte, Angstbesetzte von dir gewiesen hast.

Deshalb: Lasst uns über den Tod reden. Lasst uns über Ängste reden. Lasst uns den Schmerz zulassen. Mit allem anderen belügen wir uns nur selber. Ein Leben ohne Verlust, Schmerz und Angst mag erstrebenswert scheinen. Tatsächlich ist es eine Illusion. Es ist nicht gut und alles andere als „wholesome“, weil es nur ein halbes Leben ist. Eines, das uns von einem Teil der Gefühle abtrennt und uns kleiner macht als wir sein könnten.
Tatsächlich wachsen wir daran, uns unseren Ängsten zu stellen. Wir wachsen daran, Schmerz und Verzweiflung zuzulassen. Und bis zu einem gewissen Grad wachsen wir sogar daran, dem Tod ins Auge zu sehen, denn alles das ermöglicht es uns, Verantwortung zu übernehmen. Für andere, aber auch für das eigene Leben.

Welche Heldin wählst du?

Ich war mein Leben lang „nicht so wie andere Frauen“. Selbst in meiner Zeit als Punk, als ich geschminkt und schmuckbehangen in den kürzest vorstellbaren Röcken unterwegs war, bekam ich es zu hören. Es war durchaus ein Kompliment, jedenfalls habe ich es so verstanden.

Heute verstehe ich, dass es ein vergiftetes Kompliment ist.

Eine Frau, die „nicht so ist, wie andere Frauen“, wird mit Respekt behandelt. Sie bekommt Zutritt in Männerkreise und darf sich sogar der Illusion hingeben, gleichberechtigt zu sein. So lange sie keine zu hohen Ansprüche stellt, wird es auch immer den Anschein haben, als sei sie es tatsächlich. Ihre Stimme wird gehört und hat Gewicht. Man respektiert ihre Leistungen. Sie wird in Führungspositionen gewählt. Sogar ohne den Druck einer Quote, das gibt man ihr auch ganz offen zu verstehen: „DU bist schließlich keine Quotenfrau.“

Noch so ein vergiftetes Kompliment.

Die bittere Wahrheit dahinter ist, dass du dafür belohnt wirst, diese Männerspiele mitzuspielen. Du wirst dafür belohnt, ihre Rituale einzuhalten, keine Schwäche zu zeigen, laut zu sein, hart und zuweilen grausam. Vor allem aber wirst du dafür belohnt, andere Frauen abzuwerten, was leicht ist, denn du bist ja nicht wie sie und stolz darauf. Außerdem bist du in deinen eigenen Augen ein Vorbild, denn dein Beispiel zeigt schließlich, wie weit eine Frau es bringen kann. Ganz ohne Quote. Man muss dafür auch nicht die Feministin raushängen zu lassen. Es reicht, sich anzustrengen. Taff zu sein. Dann läuft es quasi von allein.

Boxerin mit erhobenen Fäusten

Tatsächlich läuft es sogar gut. Bis zu dem Zeitpunkt, wo du mit einem Mann konkurrierst. Dann ist sie plötzlich da, diese gläserne Glocke, von der du immer gehört hast, die aber immer nur die anderen betraf. Die Frauen, die sich nicht genug angestrengt haben. Die Feministinnen, die allen mit ihren Sprüchen auf die Nerven gegangen sind.

Doch plötzlich steckst du selber darunter und mit einem Mal gibt es tausend Gründe, warum du leider zurückstecken musst. Vielleicht siehst du sie sogar ein. Wenn nicht, gibst du dich einsichtig, schon um nicht zickig zu wirken oder wie so eine frustrierte Emanze. Schließlich bist du nicht wie andere Frauen. Deine Zeit wird kommen, da bist du dir sicher.*

Warum ich das jetzt auf einem Blog schreibe, in dem es um Lesen, Schreiben und Selfpublishing geht?

Weil in der Literatur genau das gleiche Muster gilt. Die typische Protagonistin ist die „starke Frau“, die sich vor allem dadurch auszeichnet, nicht zu sein wie andere Frauen.
Das klingt erst mal harmlos. Schließlich sollen Protas außergewöhnlich sein. Das bedeutet nicht, dass sie über Superkräfte verfügen – aber sie müssen Eigenarten besitzen, die sie von anderen unterscheiden. Gewöhnliche Menschen führen gewöhnliche Leben. Sie werden geboren, von liebenden Eltern großgezogen, durchlaufen die Schule, absolvieren Lehre oder Studium, arbeiten danach, heiraten, bekommen Kinder, denen sie liebevolle Eltern sind, werden alt und Großeltern und sterben schließlich, ohne dass sich in ihrem Leben etwas Berichtenswertes zugetragen hätte. So ein Leben mag erstrebenswert sein, um einen Roman darüber zu schreiben, taugt es nicht. Für literarische Stoffe sind die Figuren und Situationen am besten geeignet, die wir in der Realität vermeiden.

Nun zeichnet sich die literarische Heldin aber vor allem dadurch aus, dass sie sich von anderen Frauen unterscheidet. Ihre Besonderheit beruht in erster Linie darin, Dinge tun zu wollen, die Männern vorbehalten sind. Auch das ist für sich genommen, kein Zeichen von Misogynie, denn viele der traditionellen Frauenaufgaben stehen im Ruf, alles andere als aufregend zu sein und deshalb ist es nur natürlich, dass es Frauen gibt, die keinen Bock darauf haben.
Misogyn wird es dadurch, dass die anderen Frauen, also die, die sich innerhalb der gesetzten Frauenrolle bewegen, entsetzlich schlecht wegkommen. Sie sind die typischen Gegenspielerinnen der Heldin und nur dafür da, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Gleichzeitig sind sie borniert, dumm, schwatzhaft, eitel, ängstlich, verschwenderisch … Kurzum: Das genaue Gegenteil der Heldin. Sie bilden den düsteren Hintergrund, vor dem die Heldin, die eben nicht so ist, wie andere Frauen, um so heller strahlt.
Da ist es nur logisch, dass diese strahlende Heldin keine Freundinnen hat**, sondern nur bei Männern Verständnis und Unterstützung findet. Nicht bei allen natürlich, denn auch Männer können gemein sein, aber man muss zugestehen, dass das Ausnahmen sind. #notallmen gilt auch und besonders in der Literatur. Vor allem gibt es natürlich den EINEN, der die Heldin irgendwann aus einer misslichen Lage retten wird. Spätestens dann wird sich herausstellen, dass schon lange ein gegenseitiges Interesse aneinander bestand. Sollte die Heldin dennoch Vorbehalte gegen ihn gehabt haben, wird seine mutige Tat diese hinwegfegen, so dass sie am Ende getrost in seine Arme sinken kann.

Am Ende sind alle Gefahren überstanden und die Heldin darf in die Arme ihres Geliebten sinken.
Bild von Stefan Keller auf Pixabay

Die Botschaft dahinter ist immer die gleiche: Selbst Frauen, die nicht sind wie andere Frauen, brauchen doch den starken Beschützer – und bekommen ihn auch, wenn sie genug durchlitten haben. Auf andere Frauen ist dagegen gar kein Verlass.

Misogyner geht es kaum.

Tja und genau deshalb wächst in mir, die damit aufgewachsen ist, nicht so zu sein, wie andere Frauen, der Wunsch eine Heldin zu schaffen, die so ist, wie andere Frauen dem Klischee nach wohl sein sollten. Eine Heldin, die sich gerne schminkt, die vielleicht eitel ist, die schöne Dinge liebt. Eine, die gerne tanzt und singt, die nicht besonders „woke“ ist und schon gar nicht „chosen“. Eine Heldin, die sich vor Blut (auch vor dem eigenen Menstruationsblut) ekelt und schon deshalb nicht jagen gehen, weil ihre schönen Kleider darunter leiden.
Sanft sollte sie sein, diese Heldin, und nachgiebig. Vielleicht ein bisschen zu nachgiebig, gerade ihren Freundinnen gegenüber. Die würde sie nämlich haben. Freundinnen, die zueinander halten, auch wenn es hart auf hart kommt. Vielleicht wäre das sogar der Plot: Eine Frauenfreundschaft, die Hindernisse überwinden muss und in der alle Beteiligten aneinander wachsen. Eine Mischung aus „Natürlich blond“ und dem „Club der Teufelinnen“ nur ohne einen Mann als Auslöser und natürlich als Fantasy.

Etwas in der Art würde ich gerne schreiben. Was meint ihr: Ob das wohl geht?


*Spoiler: Sie kommt nicht. Sie kommt deshalb nicht, weil dein Netzwerk aus den good ol‘ boys besteht, die sich im Zweifel gegenseitig unterstützen. Du bist ihre Waffe gegen weibliche Konkurrenz und du machst deine Sache gut!

**Abgesehen vielleicht von einem Mädchen aus ärmlichen oder sonst wie benachteiligten Verhältnissen, der die Heldin auch sonst himmelhoch überlegen ist, und an der sie ihre Unvoreingenommenheit und ihre soziale Ader demonstrieren kann.

Nicht nur die Hälfte des Himmels

Heute ist Weltfrauentag* und ich bin müde. Müde deshalb, weil ich das Gefühl habe, seit 30 Jahren die gleichen Diskussionen zu führen. Mit alten Männern, mit jungen Männern, mit meinen Söhnen und mit anderen Frauen. „Ihr könnt wählen, ihr könnt studieren, arbeiten … Was willst du denn noch?“

Ja, was will ich noch? War es nicht mein eigener Entschluss, Kinder in die Welt zu setzen und Erziehungszeit zu nehmen, statt einer Erwerbsarbeit nachzugehen? Bin ich da nicht auch selber Schuld, dass ich, anders als meine männlichen Kolleginnen keine Karriere gemacht und weniger in die Rentenkasse gezahlt habe? Sie (also meine männlichen Kolleginnen) haben das doch auch wunderbar geschafft: Sie sind Papa und trotzdem erfolgreich.
Wir Frauen sollen uns mal nicht so haben!

Wir sollen uns auch nicht so haben, wenn es um die Kunst geht. Kunst ist männlich, das weiß doch jeder. Das Genie braucht einen Penis. Genauso weiß jeder, dass dieser Penis auch benutzt werden muss, sonst fault er ab oder das Genie welkt und boys can’t be boys, also Himmel noch eins sollen Frauen sich erst recht nicht so haben, sonst wissen Männer bald nicht mehr, wie sie Komplimente machen sollen.
Aber ich schweife ab oder werde ungerecht, denn schließlich können Frauen heute doch wirklich alles werden, sogar Literaturnobelpreisträgerin. Dass sie so selten ausgezeichnet werden, liegt einfach nur daran, dass sie sich nicht genug anstrengen.
Wir Frauen sollen uns mal nicht so anstellen. Wenn wir gute Literatur schreiben würden, bekämen wir auch die entsprechenden Preise.

Wer wirklich diskriminiert wird, ist der (mittel)alte weiße Mann, über den sollten wir sprechen! Ganze Literaturgenres, wie Liebesroman und Kinder- und Jugendbuch sind fest in Frauenhand! Frauen übernehmen sogar den Krimi! Und trotzdem geben Frauen keine Ruhe, sondern nörgeln selbst noch bei Sparten wie Sachbuch oder Hochliteratur, dass da zu 70% Männer verlegt werden.
Dabei wusste schon Marcel Reich-Ranicki, dass Frauen keine Literatur, sondern allenfalls Lyrik schreiben können. Ihnen fehlt die Objektivität, der Blick auf das Große, das Ganze, die Welthaltigkeit – und wenn sie es doch haben, dann übertreiben sie in die andere Richtung, dann sind sie zu kalt, zu analytisch und so gar nicht feminin.
Um also ihre Weiblichkeit nicht zu gefährden, sollten Frauen sich an Lyrik und Liebesromane halten. Gedöns eben, das echte Männer nicht interessiert, weil da auch kaum noch Männer auftauchen.

Ja genau. Auch das ist ein Grund, warum wir Frauen uns bitte nicht so anstellen sollen. In der Unterhaltungsliteratur wimmelt es doch nur so von Heldinnen, während man Männer mit der Lupe suchen muss! Gut, J. R. R. Martin ist jetzt vielleicht nicht das beste Beispiel für diese These, aber immerhin gibt es in Game of Thrones mehr Frauenrollen als im Herrn der Ringe. Das muss man auch mal anerkennen!
Auch dass die vielen Heldinnen sich vor allem dadurch auszeichnen, nicht zu sein, wie andere Frauen, dass sie sich ungern schminken (aber selbstverständlich trotzdem hinreißend aussehen), schlecht kochen, Haushalt und Handarbeiten hassen und statt dessen lieber reiten, jagen oder Schwerter schwingen wollen – das hat selbstverständlich nichts mit Misogynie zu tun. Wirklich nicht! Dass es viel aufregender, heldenhafter und erzählenswerter ist, durch Matsch zu robben und anderen den Kopf abzuschlagen oder wegzupusten als sich um Kochen, Kinder, Handarbeiten oder Haushalt zu kümmern, ist für jeden klar denkenden Menschen unmittelbar einsichtig.
Deshalb gibt es eben auch keine Erzählungen von männlichen Heldinnen, die die kampflustige Liebste in den Krieg schicken, während sie selber zuhause bleiben, um sich um die Kinder kümmern. Wenn Frauen freiwillig solche Aufgaben übernehmen, sollen sie sich anschließend auch nicht beschweren!

Trotzdem sind es nun mal Frauen, die Kinder kriegen und deshalb sollen sie sich erst recht nicht beschweren, dass die damit verbundenen Aufgaben nun mal an ihnen klebenbleiben. Das ist Biologie. Damit müssen sie zurechtkommen.
Wenn es ihnen nicht passt, dann sollen sie eben keine Kinder kriegen (obwohl es natürlich ihre biologisch und gottgewollte Aufgabe ist, welche zu bekommen!), statt von Equal Care, Equal Pay oder Quoten zu fantasieren! Eine Frau, die sich benimmt, wie ein Mann kann heute alles erreichen. Also – was wollen die Weiber denn noch?

Ich bin so müde.


*Aus diesem

Aus Anlass des Weltfrauentags ist der Artikel im generischen Femininum verfasst. Männer sind selbstverständlich mitgemeint.


Es wird persönlich (ein bisschen)

Zugegeben: Es fällt schwer, nach so langer Zeit wieder den Einstieg ins Blog zu finden. Wie soll ich anfangen? Womit? Soll ich die Lücke überspielen; einfach den nächsten Blogpost über Bücher, die LBM, die nun nicht stattfindet oder irgendein anderes Thema schreiben, als sei ich nie weggewesen? Oder doch etwas zu den Gründen sagen, warum ich so lange weg war und warum es noch immer kein neues Buch von mir gibt (ja, ist leider so)? Offensichtlich drängt es mich dazu, denn sonst hätte ich mir die ganze Vorrede auch sparen können.

Andererseits … Andererseits fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, denn es geht ins Persönliche und es widerstrebt mir, persönlich zu werden. Dieser Teil meines Lebens betrifft eine Seite, die ich von meinem öffentlichen Leben als Autorin trenne. Er betrifft Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass sie allein mich etwas angehen und ich sie mit mir allein ausmachen muss. Dinge, die natürlich mein Denken und Handeln beeinflussen, die aber nichts mit dem zu tun haben, wofür ich als Autorin beurteilt werden möchte.
Vor allem aber betrifft dieser Part auch andere Menschen, die ebenfalls einen Anspruch auf Privatheit haben und ein Anrecht darauf, dass ihre Angelegenheiten nicht öffentlich breitgetreten werden.

Mein Leben als Telenovela

Klingt das kryptisch? Gut, dann werde ich ein Stück konkreter.
Ich hoffe, es klingt nicht zu dramatisch, aber mein Leben hat inzwischen die Züge einer brasilianischen Telenovela. Es fehlen nur der Reichtum und die eifersüchtige Konkurrentin, die mir sowohl Mann als auch Erfolg wegnehmen wollen. Ok, der Erfolg ist auch noch so eine Sache. Aber alles andere ist da. Wirklich alles. Intrigen, Krankheit, Tod, Liebe, Ehezwist, Familienstreit – alles ist in verschiedensten Varianten vorhanden. Nicht alles betrifft mich direkt (zum Glück!). Oft erreichen mich nur die Ausläufer. Aber es reicht.

Seit gut zwei Jahren habe ich wiederkehrende Depressionen. In den depressiven Phasen habe ich es gerade noch geschafft, zu existieren und die notwendigsten Dinge zu erledigen. Für mehr fehlte die Kraft.
Vor etwa vier Wochen stellte sich dann heraus, dass die Depressionen vermutlich nicht nur psychische, sondern auch körperliche Ursachen hatte. Mein Herz funktionierte nicht mehr richtig. Der Puls wäre für einen sehr tiefenentspannten Spitzensportler vielleicht noch normal gewesen; für normale Menschen war er das nicht. Als Folge lief mein Körper selbst bei Belastung nur auf Sparflamme und manchmal habe ich das Gefühl, dass er nur noch lief, weil ich im Dauerstress war. Jedenfalls traten ein paar sehr interessante Effekte auf, von denen ich vielleicht ein anderes Mal und an einer anderen Stelle erzählen werde.

Und nun?

Seit vier Wochen trage ich einen Herzschrittmacher. Die Änderungen sind – interessant. Nicht nur, dass die Depressionen verschwunden sind und sich das ganze Leben mit einem Mal erstaunlich leicht anfühlt. Auch mein Kopf ist wie frisch gekärchert. Die Sorgen sind raus, der ständige Druck weg, alles strahlt und blitzt nur so vor Helligkeit.
Aber, und das habe ich erst nach einiger Zeit bemerkt, es fehlt auch etwas. Nicht so, wie nach einer Amnesie; ich weiß durchaus noch, wer ich bin, wo ich wohne und wo ich die Süßigkeiten vor mir selbst verstecke, um sie nicht auf einen Schlag aufzufuttern. Es ist das Bedürfnis, bestimmte Dinge zu tun; die Routinen, die mich am Laufen gehalten haben; der Wunsch, mich auszudrücken – das alles fehlt.

So, wie ich vor der Operation oft verzweifelt bin, weil ich nur einen Bruchteil dessen geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte, verzweifle ich jetzt daran, dass ich abends feststelle, nichts mit dem Tag angefangen zu haben, weil ich nicht wusste, was.
Wo es kein Bedürfnis gibt, gibt es auch kein Ziel und keine Richtung. Ich kann nicht einmal behaupten, ich ließe mich treiben, denn das wäre eine bewusste Entscheidung. Ich dümple, und das ist unbefriedigend.

Immerhin: Vor ein paar Tagen hat sich die Idee zu einer Hexengeschichte in meinem Hirn eingenistet und beginnt, erste, zarte Sprossen zu treiben. Ich habe diesen Artikel geschrieben. Und am Mississippi wartet ein Werwolf darauf, abgeholt zu werden. Es gibt Hoffnung. Ich werde berichten.

Kein Bericht zur Frankfurter Buchmesse?

Ursprünglich sollte hier ein Beitrag zur Frankfurter Buchmesse erscheinen. Beim Schreiben habe ich mich aber gefragt, ob das überhaupt jemanden interessiert – genauer gesagt: Was von dem, was ich darüber erzählen könnte, interessant wäre.

Darüber zu schreiben, wen ich alles getroffen habe, kam mir vor wie Namedropping und überhaupt … Klar ist das hier ein persönliches Blog, aber irgendeinen Mehrwehrt sollte das Lesen schon bringen. Sonst bräuchte ich es nicht öffentlich zu machen.

Deshalb möchte ich zur Abwechslung den umgekehrten Weg gehen und dich bitten, über die Kommentarfunktion Fragen zu stellen. Das kann alles mögliche sein. Angefangen damit, wie man sich am besten auf eine Buchmesse vorbereitet, was man als Besucher*in zu erwarten hat, wie es mit der Barrierefreiheit aussieht, wo es den besten Kaffee gibt u. s. w. Ich werde mich bemühen, die Fragen so umfassend wie möglich zu beantworten. Und dann erzähle ich auch gerne persönliche Erlebnisse.

Was mich heute gefreut hat

Mein heutiges, ganz persönliches Tageshighligt war ein Tweet von Ivy Lang.

Ich war selbst nicht vor Ort und weiß nicht, wer das gesagt hat. Aber es hat mich sehr glücklich gemacht. Danke! Und danke auch für das Weiterverbreiten.


Akualisierung: Es war Lena Falkenhagen, selbst Schriftstellerin, vormalige Vorsitzende des PAN (Phantastik Autoren Netzwerk) und aktuelle Vorsitzende des VS (Verband der deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller), die das gesagt hat. Haltet mich! Ich bin kurz vor dem Abheben.

[Werkstattgeplauder] Wie heldenhaft müssen Hauptfiguren sein?

Gerade im Bereich der Fantastik gehen viele Schreibtipps implizit oder explizit davon aus, dass die Protagonist*innen einer Geschichte das Gute verkörpern und die Antagonist*innen irgendwo auf der dunklen Seite agieren. Dementsprechend wird man mit Ratschlägen überhäuft, wie man den perfekten Schurken schreibt oder wie man seine Held*innen sympathisch macht.

Aber muss das so sein?

Vor ein paar Tagen gab es dazu ein interessantes Gespräch auf Twitter. Ausgangspunkt war dieser Tweet von @MichaelLeuchtenberger, in dem er zugab, wenig Lust zu haben, über Held*innen im klassischen Sinn zu schreiben:

Die Kommentare waren durch die Bank zustimmend. Als Grund wurde genannt, dass man sich mit solchen Figuren besser identifizieren könne. Außerdem lieferten sie reichlich Stoff für innere und äußere Konflikte, was gut für die Spannung sei. Als drittes Argument wurde genannt, dass Figuren ohne Schwächen auch nichts hätten, das sie überwinden und daran wachsen könnten.

Das ist alles vollkommen richtig und wird so auch in verschiedenen Schreibratgebern so bestätigt. Ich glaube aber, dass da ein generelles Missverständnis vorliegt. Deshalb möchte ich diese Begründungen, so wie ein paar der gängigen Schreibtipps zu Protagonist*innen einmal hinterfragen und auf ihre Stichhaltigkeit abklopfen.
Fangen wir ausnahmsweise von hinten an.

Müssen Protas Schwächen haben, die sie überwinden?

Es gibt unendlich viele Geschichten, die davon handeln, dass die Zentralfigur Schwächen oder Charaktermängel überwinden muss, um zum gewünschten Erfolg zu kommen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Fast jeder Martial Arts Film basiert darauf, aber auch Und täglich grüßt das Murmeltier ist so ein Beispiel. Phil Connors ist anfänglich genau so ein Kotzbrocken wie Ebenizer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, und beide müssen eine ähnlich fundamentale Wandlung durchmachen, um zum Ziel zu gelangen. Auch Marianne Dashwood aus Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) von Jane Austen muss erst von ihrer romantischen Weltsicht „geheilt“ werden, bevor sie ihr Glück findet.
Kurzum: Dieser Topos der Läuterung ist so verbreitet, dass man von einem eigenen Plot sprechen kann.

Aber verleiht das der Aussage generelle Gültigkeit, dass Protas Schwächen haben und überwinden müssten, um daran zu wachsen? Ich meine nein.
Alle Beispiele haben nämlich gemeinsam, dass die Schwäche im Mittelpunkt der Handlung steht.
Aber nicht alle Schwächen sind derart zentral. Ein Charakter kann launisch sein, kaffeesüchtig oder snobistisch. Er oder sie kann Hunde hassen, kleine Kinder verabscheuen oder Angst vor großen Höhen haben. Alles das wird das Verhalten dieser Figur und damit auch die Handlung beeinflussen. Zum Beispiel kann die Höhenangst dazu führen, dass die Figur einen bestimmten Weg meidet und gerade dadurch in Schwierigkeiten gerät. Aber selbst, wenn sie das Schlamassel überstanden hat, kann sie immer noch Angst vor Höhen haben.
Oft sind die Schwächen in diesem Fall der Charaktere nur ein erzählerischer Kniff, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Außerdem erzeugt es natürlich Spannung, wenn der unter Höhenangst leidende Prinz auf der Flucht vor seinen Verfolgern plötzlich an der Kante einer tiefen Schlucht steht, über die nur eine schmale, fragil wirkende Brücke ohne Geländer führt. Auf der anderen Seite wäre er sicher. Wird er seine Angst überwinden? Oder wird er zaudern? Werden die Schergen der roten Königin ihn einholen?
Stay tuned!
Damit sind wir bei der nächsten Frage:

Bild: Alexas_Fotos via Pixabay

Brauchen Protas Schwächen, um Stoff für Konflikte zu liefern?

Im Beispiel oben trägt der Prinz einen inneren Konflikt aus, indem er mit seiner Höhenangst kämpft. Und weil viel auf dem Spiel steht, ist das natürlich auch spannend. Genauso kann es spannend sein, zu beobachten, was passiert, wenn zwei Menschen mit konträren Ansichten und gegenseitigen Vorurteilen durch äußere Umstände gezwungen sind, zusammenzuarbeiten. Auch hier sind Konflikte vorprogrammiert und Konflikte sind nun mal ein Garant für Spannung.

Allerdings ist damit nicht gesagt, dass die Konflikte unbedingt durch Schwächen der Hauptfigur initiiert werden müssen. Gegenbeispiele liefern nicht nur die zahlreichen Superheld*innen, die dank ihrer Superkräfte vollkommen konfliktfrei durchs Leben kämen, wenn es keine superschurkischen Kontrahenten auf der anderen Seite gäbe. Außer ihnen gibt es noch eine andere Kategorie von Protas, die auch ohne offensichtliche Schwächen und Charaktermängel auskommt, die aber selten besprochen wird und für die es meines Wissens auch keine spezielle Bezeichnung gibt. Ich nenne sie mal positive Katalysatoren, weil ihr zweites Merkmal darin besteht, dass sie im Laufe der Geschichte zwar andere aber nicht sich selber verändern. Zu diesen positiven Katalysatoren gehört u. a. Paddington, der kleine Bär, der einfach nur lieb und freundlich zu jedem ist, bis jede/r andere auch lieb und freundlich ist. Ein weiteres Beispiel ist Vianne Rocher, die Hauptfigur aus Chocolat – Ein kleiner Biss genügt. Auch sie kommt ohne Schwächen und Charaktermängel aus. Die Konflikte entstehen allein aufgrund der Vorurteile ihrer Mitmenschen.

Mit anderen Worten: Schwächen und Charaktermängel liefern zwar wunderbaren Zündstoff für Konflikte und können damit für Spannung sorgen. Das heißt aber nicht, dass die Protagonisten unbedingt Schwächen und Charaktermängel haben müssen.

Müssen die Protas Identifikationsfiguren sein?

Zugegeben: Diese Frage empfinde ich kniffelig.
Einerseits scheint das Bedürfnis, sich mit den Protas zu identifizieren, bei vielen Leser*innen hoch zu sein. Jedenfalls lese ich in Rezensionen immer wieder den Satz „Ich habe mich mit XY gut identifizieren können.“ Auch im Rahmen der Diversitätsdebatte wird immer wieder angemerkt, dass man auf ein breites Figurenspektrum achten solle, damit sich alle Gruppen in Geschichten wiederfinden. Und noch eins ist klar, nämlich dass jede/r von uns Schwächen hat, und dass wir uns deshalb eher in solchen Figuren wiederfinden, die ähnliche Schwächen haben, wie wir.
Andererseits finde ich mich in beiden Positionen nicht ganz wieder. Ja, ich finde es durchaus angenehm, wenn die Figuren meine eigenen Vorstellungen wiederspiegeln, ähnliche Schwächen aufweisen und mit vergleichbaren Problemen kämpfen. Auf der anderen Seite finde ich es faszinierend, in eine ganz andere Vorstellungswelt einzutauchen. Die Welt aus neuen Perspektiven zu betrachten, ist um so viel auf- und anregender als sich im altbekannten auszuruhen. Das heißt aber auch, dass ich mich mit den Protas gar nicht unbedingt identifizieren muss. Ich komme auch prima mit solchen klar, die ganz anders sind, die andere Entscheidungen treffen oder einen anderen Blick auf die Welt haben. Wichtig ist mir nur, dass diese Entscheidungen b. z. w. ihr Blick auf die Welt für mich nachvollziehbar sind.

Aus meiner eigenen Perspektive kann ich daher nur sagen, dass Protas keine Identifikationsfiguren sein müssen. Allerdings sind die Ansprüche verschieden und deshalb würde ich in dem Punkt einen Rat abwandeln, der Schreibratgebern oft vorangestellt wird: „Schreib die Protas, die du gerne lesen möchtest.“

Müssen Protas sympathisch sein?

Wenn man sich mit den Protas schon nicht identifizieren können muss, sollten sie dann wenigstens sympathisch sein? Auch dazu, wie man das hinbekommt, gibt es ja diverse Tipps von Schreibratgebern, so z. B. „Rette die Katze“ von Blake Snyder, das den ersten Vorschlag bereits im Namen trägt.
Andererseits gibt es auch Bücher die hervorragend funktionieren, obwohl die Protagonisten alles andere als Sympathieträger sind. Heinrich Manns Der Untertan wäre so ein Beispiel. Sein Protagonist Diederich Heßling besitzt nicht einmal Charisma. Ganz offenbar geht es also auch anders.

Allerdings kann ich mir bestimmte Genres auch nicht mit unsympathischen Charakteren vorstellen. Liebesromane zum Beispiel. Wieso sollte sich jemand in einen grundsätzlich unsympathischen Menschen verlieben?
Gut, Young Adult setzt da neue Maßstäbe. Offenbar reicht es vielen „Heldinnen“ des Genres schon ein irgendwie geartetes „heißes“ Aussehen, um sämtliche Charaktermängel zu ignorieren, sich unsterblich in den Creep zu verlieben und das Ganze auch noch für romantisch zu halten. Zugegeben viele Vampirromane sind nicht besser, auch wenn sie für älteres Publikum geschrieben sind. Insofern ist die Zuspitzung auf Young Adult nicht ganz fair. Aber ganz allgemein würde ich doch meinen, dass man sympathischen Charakteren eher zutraut zueinander zu finden, ihnen die gegenseitige Zuneigung auch eher abnimmt und das Happy End gönnt.

Auch sonst sorgen sympathische Charaktere eher dafür, dass die Leser*innen Anteil an ihrem Schicksal nehmen und deshalb weiterlesen. Bei einer unsympathischen Hauptfigur ist es ungleich schwerer, die Leser*innen bei der Stange zu halten, wenn sie sich nicht ohnehin gleich angewidert abwenden.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sympathische Charaktere zwar kein Muss sind, aber lieber gelesen werden. Um das zu erreichen, ist es durchaus sinnvoll, ihnen auch ein paar, wenn auch nicht allzu gravierende Schwächen mitzugeben. Schließlich mögen wir auch in der Realität Menschen mit kleinen Schwächen lieber als solche, die keine Fehler zu haben scheinen. In Büchern wirken ganz fehlerlose Charaktere schnell steril und langweilig.

Sollten Protas Vorbilder sein?

Wenn du mir bis hierher gefolgt bist, beschäftigt dich vielleicht auch diese Frage. Sollten Protas nicht doch irgendwie heldenhaft sein, um als Vorbild dienen zu können? Stören Fehler da nicht irgendwie? Darf der Prinz aus dem ersten Beispiel, ein solcher Feigling sein, dass er es selbst unter Lebensgefahr nicht schafft, die Schlucht zu überwinden, obwohl er doch der Auserkorene ist, um die Welt zu retten? Darf er sich den Schergen der roten Königin heulend vor die Füße werfen und um sein Leben betteln?
Das wäre absolut nicht heldenhaft und als Vorbild untauglich, sagst du und dabei stimme ich dir vollkommen zu. Aber wenn du mich nach meiner Sicht der Dinge fragst, darf er das trotzdem. So, wie ich das sehe, müssen Protagonist*innen keine Vorbilder sein. Sie sind zwar die Hauptfiguren, aber ihre erste und wichtigste Eigenschaft ist es, die Handlung voranzubringen. So lange sie diese Aufgabe erfüllen, ist es unwichtig, ob sie widerliche Schleimbeutel auf zwei Beinen sind oder heldenhaft, großmütig und klug. Als Autorin oder Autor bist du frei, wie du sie gestalten willst.
Aber, fragst du jetzt vielleicht, was ist, wenn meine Hauptfigur nicht nur eine Schwäche hat, sondern einen richtigen Charaktermangel? Bleibt nicht die Moral auf der Strecke, wenn ich eine rassistische Kinderhasserin zur Protagonistin machen oder einen versoffenen Incel zum Protagonisten?

Quelle: Hans via Pixabay

Ganz ehrlich? Natürlich darfst du. Dann ist dein Protagonist/deine Protagonistin ein schlechter Mensch, aber so what? Niemand verbietet dir, über schlechte Menschen zu schreiben. Ob dabei die Moral auf der Strecke bleibt, hängt davon ab, ob du sein Verhalten als richtig darstellst. Hier sind wir wieder bei dem Problem, das ich schon oben bei Young Adult und bei den Vampirromanen angesprochen habe: Es gibt inzwischen unzählige Romane, in denen Stalking, Gaslighting und verschiedene Formen psychischen und physischen Missbrauchs als romantisch verklärt oder Zeichen von Überlegenheit gedeutet werden. Aber so lange du das nicht tust, ist zumindest aus meiner Sicht alles o. k.
Das gilt besonders, wenn du Korrektive einbaust, d. h. wenn deine Figur für ihre Haltung auch kritisiert wird und moralische Niederlagen einstecken muss. Ganz generell gilt aber, dass wir gar nicht moralfrei schreiben können. Jede Geschichte, jeder Charakter trägt irgendwo eine Moral in sich. Es beginnt schon mit der Auswahl dessen, welche Geschichten wir für erzählenswert halten. Es geht weiter damit, wie wir unsere Figurenliste besetzen, welche Konflikte wir einbauen und auf welchen Wegen wir unsere Charaktere zum Ziel gelangen oder scheitern lassen. Das Meiste davon passiert ganz unbewusst. Deshalb ist vor allem wichtig, diese Prozesse immer mal wieder zu reflektieren und nachzudenken, ob wir so verstanden werden, wie beabsichtigt. Also nicht einfach draufloszuschreiben, die eigenen Kinks zu verallgemeinern und darauf zu vertrauen, schon richtig verstanden zu werden. So oder so: Deine Leser*innen werden sich selber ein Bild vom Charakter deiner Protas machen und ihr eigenes Urteil fällen.
Unterschätze sie nicht. Sie sind nicht blöd.

Zusammenfassung

Protagonist*innen dienen dazu, die Handlung voranzutreiben. Wie sie das tun, wie perfekt sie sind und wie moralisch sie dabei handeln, liegt an dir. Wenn du ihnen kleine Schwächen verleihst, kann das hilfreich sein, aber es ist kein Muss. Genauso wenig, wie es ein Muss ist, sie als gute Menschen darzustellen. Als Autor oder Autorin bist du frei, sie nach deinen Ansprüchen an deine Geschichten zu gestalten.
Das Einzige, was du beachten solltest ist, die Geschichte so zu schreiben, dass sie nicht deinen eigenen Moralvorstellungen widerspricht. Damit bist du zwar immer noch nicht vor Kritik und Missverständnissen gefeit. Aber du kannst sie besser vor dir selber vertreten und das macht auch den Umgang mit Kritik leichter.

Wie siehst du das? Wie heldenhaft (und moralisch) müssen Hauptfiguren sein?

[Fundstück] Libri schmeißt Kleinverlagsbücher aus dem Katalog

Libri verkleinere sein Sortiment, war vor kurzem in der Fachpresse zu lesen. Klingt unspektakulär? Ist es aber nicht. Warum diese Entscheidung das Sterben der kleinen Buchhandlungen fördert und Amazon hilft, hat Stephan Holzhauer von PhantaNews in diesem Artikel auf den Punkt gebracht.

Ich schätze, das Problem wird nicht nur Kleinverlage treffen, sondern auch alle Autor*innen im Selfpublishing, die nicht über BoD laufen.

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Quelle: DasWortgewand via pixabay

[ausgelesen] Magie hinter den sieben Bergen: Winter (Sammelausgabe 1) von Diandra Linnemann

Don’t judge a book by its cover

Zum Glück bin ich über die Leseprobe zu dem Buch gekommen, sonst wäre mir etwas entgangen.

 

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Bildquelle: Autorenseite von Diandra Linnemann auf amazon

Magie hinter den sieben Bergen gehört zu den Büchern, die ich allein aufgrund der Cover-Titel-Kombination ins Regal zurückgestellt hätte. Der Titel klingt nach Märchen und das Titelbild weckt in mir den Eindruck, dass auch hier mal wieder eine irgendwie begabte, halbwüchsige Heldin ihrer großen Liebe begegnen wird – vorzugsweise in Form eines verkannten Bad Boys.
Der Klappentext hat diesen ersten Eindruck noch verstärkt.

 

MAGIC CONSULTANT AND SOLUTIONS.
Das steht auf der Visitenkarte von Helena Weide, ihres Zeichens staatlich geprüfte Hexe. Eigentlich will sie nur in Ruhe das Ahnenfest feiern, aber der Bonner Bürgermeister hat einen gefährlichen Auftrag für sie – und auch direkt die passende Unterstützung.
So tritt der ehemalige Straßenkämpfer Falk in ihr Leben, der seine Zeit als Zombiepfleger im Wandelnden Friedhof abgesessen hat. Ein nützlicher Geselle – groß, gutaussehend, schweigsam. Tut fast immer, was man ihm sagt.
Im Gegensatz zu Helenas katholischer Sekretärin Maria. Die sitzt zwar im Rollstuhl, lässt sich aber weder von verschlossenen Türen noch von Konventionen davon abhalten, zu tun, was sie will.
Diese drei setzen sich in den ersten Geschichten dieser Reihe gegen Zombies und Hexen zur Wehr, begegnen alten Göttern und vermitteln in einem Liebesdrama, welches eine tragische Wende nimmt. Gemeinsam überstehen sie den Winter – nicht ahnend, was dieses magische Jahr noch alles für sie bereithält.

Hard boiled urban Fantasy statt Young Adult

Nur lag ich mit diesem ersten Eindruck vollkommen falsch. Magie hinter den sieben Bergen ist nämlich alles andere als eine mit Magie aufgepeppte Teenie-Romanze, sondern eher hard boiled Krimi. Nur eben Fantasy. Urban Fantasy, um genau zu sein.

Allerdings begnügt sich die Autorin nicht damit, einfach ein bisschen Magie in unsere Welt zu streuen und gelegentlich einen Dämon, Vampir oder ein sonstiges magisches Wesen auf die ansonsten völlig magiefreie Menschheit loszulassen. Bei Eleonore Laubenstein existiert Magie als Fakt. Genauer gesagt als eine Technik, die sich vermitteln lässt und wie Biologie oder Mathematik an der Universität gelehrt wird. Zaubermeister und Hexen sind daher nichts völlig ungewöhnliches. Es gibt sie in allen möglichen Spielarten – sogar die Satanisten haben eine eigene, anerkannte Kirche.
Genauso selbstverständlich sind die anderen mehr oder weniger magischen Geschöpfe, wie Zwerge, Gnome, Faeries und Reptiloide. Die meisten von ihnen leben mehr oder weniger gut in die Gesellschaft integriert. Aber manchmal gibt es eben doch Probleme. Und manche davon werden zum Fall für Helena Weide, eine lizensierte und als Freelancerin arbeitende Hexe.

Der Sammelband ist Auftakt einer vierteiligen Reihe und enthält drei von Helenas Fällen: Allerseelenkinder, Spiegelsee und Hexenhaut, die alle auch als Einzelbände veröffentlicht sind. Auf den Inhalt der einzelnen Bücher will ich hier nicht weiter eingehen, weil die Rezension dann zu lang werden würde. Nur so viel sei gesagt: Keiner davon entspricht auch nur im leisesten den Genrekonventionen von Young Adult und wenn man Parallelen zu Märchen ziehen will, dann gehen die zu den blutigen der Brüder Grimm und nicht zu deren Adaptionen durch Disney. Für schwache Nerven sind die Geschichten nichts, denn unter der netten, manchmal betulich wirkenden Oberfläche spielen sich grausame Dinge ab.
Helena Weides Ermittlungen führen zu gruselige Begegnungen und enden oft blutig. Auch für sie selber, denn die Protagonistin ist keine Superhexe, die immer den richtigen Zauberspruch parat hat. Sie muss, genau wie die hard boiled private eyes Prügel einstecken, um zum Ziel zu kommen.
Sprachlich kommen die Bücher allerdings deutlich weniger zynisch daher, als die Gegenstücke im Krimi. Das an der größeren Distanz kann es nicht liegen, denn Diandra Linnemann lässt ihre Protagonistin aus der Ich-Perspektive erzählen, statt in der Fantasy sonst üblichen 3. Person. Dennoch wirken ihre Geschichten trotz der geschilderten Gräuel und obwohl ihre Protagonistin nicht mit spitzen Bemerkungen spart, leichter und gefälliger als beispielsweise die von Hammett oder Paretsky.

Was die Geschichten für mich lesenswert machte, war aber noch ein dritter Aspekt, der in Romanen viel zu selten auftaucht: Ein glaubhafter Mutter-Tochter-Konflikt. Anders als in der „Standartfantasy“ ist die Mutter charakterlich gut gezeichnet und sie verfolgt nicht das Ziel, ihre Tochter an irgendwen zu verheiraten. Ganz im Gegenteil: Aradia Weide ist selbst eine erfolgreiche Hexe, Leiterin eines Zirkels und überaus ehrgeizig. Das Problem besteht darin, dass ihre Pläne auch Helena einbeziehen, die sich jedoch nicht vereinnahmen lassen will.

Schmankerl am Schluss

Ein Bonus sind die Nachworte, in denen Diandra Linnemann, die selber auch Hexe ist, mehr über den Hexenkalender, Feste, Rituale und anderes verrät, was im jeweiligen Band eine Rolle spielt.

Fazit

Tolles Wordbuilding, glaubhafter Mutter-Tochter-Konflikt, taffe Protagonistin. Alles in allem gute Unterhaltung für Menschen, die gerne Urban Fantasy auch der dunkleren Art lesen.


Diandra Linnemann, Magie hinter den sieben Bergen: Winter (Sammelausgabe 1)
Books on Demand, E-Book und Print
ISBN: 3748107919
EAN: 9783748107910
ASIN: B07JNJDZF4

[Selfpublishing] Was zur Hölle ist authentisches Marketing?

Wer selber Bücher veröffentlichen will, kommt um’s Thema Marketing nicht herum. So schön die Idee ist, nur für das Schreiben zu leben, so weltfremd ist die Vorstellung, dann auch vom Schreiben leben zu können. Laut Statistika sind 2018 allein in den Warengruppen „erzählende Literatur“, „Spannung“ und „Science Fiction, Fantasy“ rund 18.000 neue Bücher auf den Markt gekommen. Achtzehntausend. Neu. Also zusätzlich zu denen, die schon da sind. Dass ausgerechnet das eigene Buch sozusagen von allein entdeckt wird und zum Bestseller aufsteigt, ist schon wegen der schieren Masse unwahrscheinlich. Deshalb ist es unumgänglich, Werbung zu machen, damit das Buch überhaupt eine Chance hat, wahrgenommen zu werden.

Und selbstverständlich muss man das selber machen. Auch insofern ist Selfpublishing nur ein Synonym für „niemand nimmt es dir ab“.

Also bist du gezwungen, dich auch mit Marketingmethoden zu beschäftigen. Mit das Erste, was du dann zu hören bekommst, ist, dass das Marketing authentisch sein müsse. Marketing sei mehr als „Kauf mich!“ Marketing setze auf Persönlichkeit.

Aha!

Das klingt jetzt erst mal gut. Oder tat es für mich zumindest, bis ich angefangen habe, mir Gedanken zu machen, was zur Hölle meine Persönlichkeit eigentlich ist und was das mit meinen Büchern zu tun hat. Schließlich will ich meine Bücher verkaufen, nicht mich als Escort andienen oder so.
Klar, als Autor*in steht dein Name für irgendwas. Sei es für bluttriefenden Horror oder zuckersüße Liebesgeschichten – irgendwann verbindet sich der Name mit einer Leseerwartung. Der Name wird zur Marke, wie es immer so schön heißt. Das ist nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil: Es steigert die Chance gefunden und gelesen zu werden.

Nur ist mir immer noch nicht klar, was das mit meiner Persönlichkeit zu tun haben soll und wo da die Authentizität reinspielt. Klar ist: Ich bin Autorin. Ich schreibe Fantasy. Aber wenn ich mich für Fotos als Kräuterhexe oder Elfenkriegerin zurechtmachen oder in Interviews erzählen würde, dass ich von Drachen träume und an Luftgeister glaube, wäre das hochgradig unauthentisch. Das bin nicht ich. Ich trage weder Rüstung noch wallende Gewänder, sondern Jeans und T-Shirt. Wenn ich mich mit Dämonen, Vampiren und Werwölfen unterhalte, dann nur in meinem Kopf. Ich sehe keine Geister (und glaube auch nicht daran). Ich erzähle phantastische Geschichten, aber wer, wenn nicht ich wüsste am Besten, dass sie allein meinem Hirn entsprungen sind?
Und natürlich ist die Fantasy-Autorin nur eine der Facetten, die mich als Person ausmachen. Es gibt noch ganz viele andere, aber haben die etwas mit meinen Büchern zu tun? Höchstens insoweit, als sie eine bestimmte innere Haltung formen, die dann auch in meinen Geschichten zum Tragen kommt. Nur lässt sich auch diese Haltung nicht benennen, ohne auf unsäglich platte Schlagworte zurückzugreifen. Schlagworte sind nun aber wieder das Letzte, was ich meinen Büchern zumuten möchte. Meine Geschichten sind schließlich alles andere als platt und plakativ (das ist jedenfalls mein eigener Anspruch).

Tja, und da stehe ich nun und wahrscheinlich ist das authentischste, was ich sagen kann, dass ich bin, was ich bin und meine Geschichten für sich allein sprechen müssen.

Aber wie zur Hölle lässt sich das im Marketing nutzen?